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Jüdische Korrespondenz · 1916-05-25 · 20 (25.5.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
20 (25.5.1916)
Date
1916-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 20. Jlidlsche Korrespondenz Seitt 3 sehe Literatur, sondern auch für das jüdische Volk. Neben Mendele Mocher-Sforim und Perez war Scholem-Aiejchem der hervorragendste Repräsentant der modernen jüdischen Literatur. Als Humorist stand er einzig in seiner Art da und seine Schriften haben für die jüdische Literatur einen klassischen Wert. Scholem-Aiejchem war kein bloßer Skizzenschreiber — seine größeren Arbeiten haben weniger Bedeutung — er war auch eine Art jüdischer Historienmaler. Aus seinen Skizzen und Bildern, Humoresken und Monologen wird sich der künftige jüdische Historiker ein klares Bild des ostjüdischen Lebens, der im Ostjudentum herrschenden Strömungen, Lebensarten, Gewohnheiten und Sitten machen können. Ohne publizistische Absichten zu haben, hat Scholem- Alejchern mit seinen Darstellungen oft wirkungsvoller ins jüdische Leben eingegriffen, als gar mancher Berufspublizist. Merkwürdigerweise wurde dieses Moment seiner literarischen 1 Tätigkeit bisher von keiner Seite näher berührt. Der gegenwärtige Weltkrieg mit seinen so tiefgehenden Wechselwirkungen auf das ostjüdische Leben hätte in Scholem-Aiejchem einen seiner besten Schilderer finden können. Leider war es ihm, der sich den „Frieden" (Scholem- Aiejchem bedeutet: Friede mit Euch!) zu seinem Pseudonym gewühlt hatte, nicht vergönnt, die Wiederkehr des Weltfriedens zu erleben. Sein Andenken sei gesegnet! * Scholem Alejchem (Schalom Rabinowitz), geboren 1859 in Perejaslaw (Qouv. Poitawa, Rußland), genoU bis zu seinem 15. Lebensjahre eine ausschlieUlich bibiisc,;- talmudische Bildung. Unter der W.rkung der neuen hebräischen Aufklarungsliteratur (Haskaia) begann er später die europaischen Sprachen und Literaturen zu studieren. 1880/82 war er Krunrabbiner in Lubny und bald darauf Kaufmann in Kiew. Nach den OKtoberiiogromen 1905 ging er vorübergehend nach Amerika, und seit 1909 mußte er infolge seiner Krankheit irn Ausland weilen. 1911 besuchte er nochmals Rußland, wo er als der berühmteste jüdische Schriusteiler geie.eri wurde. Bei Ausbruch des Krieges ging er von seinem Kurort (Nervi) nach New York, wo ihn jetzt der lod ereiite. Seine literarische Tätigkeit begann mde der siebziger Jahre als Mitarbeiter der hebräischen Tageszeitungen „Hazefirah" (Warschau) und „tiameiitz" (i-erersburg). 1883 begann er im „Jüdischen Volksbiatt" eine Reihe von Erzählungen zu vercitientlichen und in diese Vorperiode gehören auch seine besten Kinderei zählui;- gen „Das Messerl" und „Lag beonier". Im Kampf gegen die sensationelle Boulevardliteratur, die damals den jüdischen Markt beherrschte, grünuete er seine „Jüdische Volksbibliothek", ein Jahrbuch in jiddischer Sprache, u o er seine ersten, damals so großes Aufsehen erregenden Milieuromane „Stempenju" und „josscle die Nachtigall (aus dem Leben der wandernden jüdischen Volkssänger) veröffentlichte. Durch das Prisma seines gesunden, gmi mutigen Humors bekam die freudlose jüdische Weh eine besondere Tiefe und einen besonderen Sinn. Seine „kleinen Menschlein mit kleinen Begriffen'* bewaffnet er mit den unschätzbaren, mächtigen Waffen des Lachens. Naiv sind sie wie Kinder. Ein grenzenloser Optimismus und eine unzerstörbare Gutmütigkeit beherrscht seinen Haupthelden „Tovje der Milchiger", .diesen künstlerisch vollendeten und psychologisch am besten durchgebildeten Typus seiner Schöpfung. Die Ereignisse der achtziger Jahre erschütterten die wirtschaftlichen Grundlagen der russischen Judenheit, und wie von einem zerstörten Ameisenhaufen zerstieben die betäubten Menschen nach allen Seiten. Diese eigenartige Epopöe schilderte Scholem Alejchem in seinen „Papieren", „London", „Millionen", „Es fiedelt nicht" mit ihrem klassischen Haupthelden Menachem Mendel. Das neue, aus der russisch-jüdischen Emigration emporblühende Leben versuchte er in seinem „Mabbul" und „Irrende Sterne" wiederzugeben. Scholem Alejchem war der beliebteste und am meisten gelesene Schriftsteller der jüdischen Massen. Zu seiner Popularität hat auch viel seine reiche, vielfarbige und rein volkstümliche Sprache beigetragen. Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Schriftstellerjubiläum (1908) begann man eine vollständige Sammlung seiner Schriften zu veranstalten, die bis jetzt 15 dicke Bände umfaßt. Auch ins Deutsche wurden viele seiner Werke übertragen. Gesammelt erschien in deutscher Sprache bis jetzt nur ein Bändchen Erzählungen „Die verloren? Schlacht", übersetzt von Dr. Nathan Birnbaum. Eindrücke in Monaslir an den Pessachlag en. (Schluß.) Es folgen in diesem Briefe noch einige Lobgesänge auf Rabbiner und Gemeinde, die alle in dem Wunsche ausklingen, man möge der nicht sehr begüterten Gemeinde ihre Wohltaten in reichem Maße vergelten. — Unter den in der Kriegsgefangenschaft in Monastir gestorbenen österreichischen Juden befindet sich auch der wohl vielen Deutschen bekannt gewesene Oberkantor Jacob Weiß aus Karlsbad in Böhmen. Er erzählte oft dem Rabbiner von der unmenschlichen Behandlung, die die Gefangenen zu erdulden hatten. Er klagte über das faulende und übelriechende, von Lausen und sonstigem ungezieier wimmernden Stroh, üas ihnen als Lagerstatte üi einer groiien, kalten und unireunüiicheii Kaserne üienen mußte. Aul ttire bitte an Uta serbischen Kommandanten, lieber aui dem kalten Boden schlafen zu dürlen als aui solchem Stroh, wurde ihnen die Benutzung des Strones zur militärischen Pflicht gemacht, beinahe gewinnt man den Lindruck, als oü man mit Absicht und üeberiegung die menschen dem üngezieler, insbesondere den so geiaiinichen t-ausen zum Upler bringen wollte. Die Juden in Monastir sind mit Ausnahme eines einzigen sämtlich Spaniolen. Sie haben sechs z. T. sehr schöne Synagogen, die ganz m türkischer Art eingerichtet sind, vier verschiedene Juden viertel dienen den Juden zum Auienthalt. Lines davon, uas lou Häuser zanit, birgt aber so viel Armut und elend, Krankheit | und Siechtum, wie ich das selbst in den armseligsten Judenviertein üauziens, Polens und Kußlands glücklicherweise mein gesehen habe, f.in großer Brand vor vielen Jatiren, der die arme jüdische bevölkerung am meisten betroilen hatte, veranlaßte die türkische Regierung, diese Juden außerhalb der Stadt in eigens errichteten kleinen Holzhäuschen unterzubringen. 150 Familien hausen in dieser armseligen Juden-Kolonie, aber wer niciit einen Blick in die Wohnräume getan, wer diese degenerierten, halbverhungerten und liaibvertierten Geschöpfe nicht gesehen, wer ihre Kufe nach brot und Nahrung nicht vernommen, wer nicht unter ihnen war, der kann sich selbst bei stärkster Phantasie keine Vorstellung von diesen Zuständen machen. Hier schreit alles nach Hilfe, nach beseitigung der drückendsten Not. Vielleicht ist es möglich, ui Deutschland und Oesterreich-Ungarn in dankbarer Erinnerung an alle die Wohltaten, die die jüdische Gemeinde Monastir deutschen unu österreichisch-ungarischen Soldaten hat zuteil werden lassen, dieser eine ausreichende Unterstützung für ihre eigenen Gemeindeangehörigen ze gewähren. Verdient haben sie sie und einer solchen würdig sind diese armen, armen Geschöpfe mehr als so mancher andere. Der rührige Rabbiner der Gemeinde bedarf infolge der ausgestandenen Not und Arbeit einer Erholung. Er will sie in Deutschland und Oesterreich-Ungarn suchen. Ich hege den herzlichen Wunsch, daß sich bei seinen Besuchen Gelegenheit böte, ihm den reichlichen Dank abzustatten, den er und seine Gemeinde sich so aufrichtig verdient. Feldrabbiner Dr. J. Sänger. Freitagabend in Ostrolenka. Ich wandle einsam durch die öden Straßen, Nichts als Zerstörung trifft der Blick, Manch trautes Heim ward hier zurückgelassen, Vernichtung brachte ihm das Kriegsgeschick. Es greift ans Herz dies Bild, nicht läßt sich fassen. Daß Mensch dem Menschen solches angetan, Das ist kein Krieg mehr, das ist mehr als Hassen, Ist mehr als Roheit, es ist Wahn! Es schaudert mich, mich faßt ein Grauen, Schon will ich wenden meinen Schritt, Da, — soll ich meinen Augen trauen, War es ein Irrlicht, das vorüberglitt? Ich schreite schneller und ein zart Geflimmer Grüßt zwischen all dem Elend keusch und rein. Ist es denn möglich? Sabbatkerzenschinimer Lädt mich zur Andacht freundlich ein. Was für ein unvergeßlich Bild. Ein elend Stübchen, vorn ein kleiner Herd, Einst eine Küche, heut als Vorraum zum Heiligtum dem Heimatlosen wert. Mit Betenden gefüllt das enge Zimmer, Das „Sch'ma jisroel" tönet rings im Kreis, Und über Allem sanfter Kerzenschimmcr, So bet ich mit den Frommen leis. „Du Sabbatlicht, Du birgst den Frieden, Dort, wo Du leuchtest still und hell. Bist sein Symbol für uns hienieden. So sei auch unser Hoffnung Quell. Du aber, Herr, erhör das Flehen Der armen Juden hier, die schmerzgebeugt In Dir all ihre Hoffnung sehen. Wie dieser Sabbat Dir bezeugt!" Hans Oppenheimer, z. Zt. im Felde. Die Woche. Das Resultat der Kriegsanleihe. Die Erwartungen, die auf die letzte Subskriptionswoche gesetzt wurden, sind in Erfüllung gegangen. Wohl steht das genaue ziffernmäßige Ergebnis der vierten Kriegsauleihe noch nicht fest. Aber die beiläufigen Zusammenstellungen ergeben eine Summe von 4326 Millionen. Damit ist der vierte finanzielle Sieg der Monarchie gekrönt. Das glänzende Resultat der Kriegsanleihe beweist, daß die finanzielle Kraft der Monarchie trotz der langen Kriegsdauer nicht im geringsten geschwächt ist. Hoffentlich werden die Feinde endlich zur Überzeugung gelangen, daß alle ihre Spekulationen auf einen finanziellen Niederbruch Oesterreich- Ungarns ebenso fehlschlagen müssen, wie ihre Rechnungen aui eine militärische Bezwingung des Habsburger-Reiches. Diese Erkenntnis dürfte uns dem Frieden nähern. Auch in der ungarischen Reichshaltte ist das bisherige Ergebnis der Kriegsanleihe ein überaus günstiges und auch dort Uürltc das Endresultat demjenigen der dritten Anleihe gleichkommen. Insgesamt wird Oesterreich-Ungarn um allen bisherigen Anleihen den Betrag von etwa 19 Milliarden aufgebracht haben. Daß unsere Glaubensgenossen einen großen Anteil an diesen finanziellen Siegen haben, dies eriüllt uns mit wirklicher Genugtuung. Bei dem „Agudas-Jisroel-Kriegsanleihe- Zeicliuungsvereine' in Wien haben 9500 Mitglieder in Anteilen a K 25.— insgesamt K 237.050 gezeichnet. Koscherfleisch-f ürsürge in Berlin. Wie aus Berlin gemeldet wird, hat die dortige israeiitisciie kullusgeiiieinue einen Beschluß gefaßt, den wir aiien jüdischen Gemeinden zur Nachahmung empielilen möchten. in der Sitzung ucr Repruseinuiitciiversaiiiiiiiung vom 14. Mai wurde lidiuiich folgender Beschluß gefaßt: „Mit Rücksicht aui die Schwierigkeiten, uie mit der Beschallung des Fleisches und besonders des ivosclier-Liuisciies bestehen und die zu einer enormen Preissteigerung gelahrt haben, w ird den unter Auisichl der Gemeinde stellenden Fleiscliwarcuhandlcrn me Zahlung der lieiträge lür die Dauer des Krieges erlassen, ebenso wird vorbehaltlich der z-iisuniinung ucr zuständigen städtischen belioruen und umerVorbelialtung jederzeitigen Widenuis um Rückwirkung vom 15. April d. .1. ab beschlossen, den Großschlächtern, weiche lür die unter Auisichl der Gemeinde stehenden Händler Schächten lassen, für jedes geschlichtete Rind pro Pfund 10 Pig. zu zahlen." Hilfsaktion für die gaiizisehen Juden. Der Galizische Hüls verein in Wien, der, um die wirtschaftliche Lage der Juden in Gaiizien zu heben, seit seinem Bestände U9(ü; verschiedene Hausindustrien, wie I iaarnetzei ei, Klöppelei, Hückelei, Filelarbeileii, Wciusiickerei u. s. w. einführt, hat eine Aktion in Angrni genommen, die geeignet erscheint, einer großen Anzahl jüdischer Familien in Galizieu ein Nebeiieinkoiuuien zu verschalten, ohne daß dabei die Betätigung im Hauptberuie irgendwie Abbruch erleidet. Es handelt sich darum, die Juden Galiziens, insoweit ihre Wohnverhältnisse gestatten, zur Haltung von Geflügel anzuleiten, um in erster Reihe Eier zu produzieren. Vor Ausbruch des Krieges hatte üalizien eine so große Produktion an Geflügel und Eiern, daß es m der Lage war, beträchtliche Mengen zu exponieren und, wiewohl die Qualität manches zu wünschen übrig ließ, daraus ein großes Einkommen zu erzielen. Der Krieg hat aber den Geflügelbestand Galiziens stark herabgemindert und damit breiten Raum für eine intensive Betätigung auf diesem Gebiete geschaffen. Dadurch bietet sich eine erwünschte Gelegenheit, den Juden Galiziens eine neue Erwerbsquelle zu eröffnen, die sie als Zweig der Landwirtschaft der Natur näher bringen und umso reichlicher fliessen wird, wenn durch Züchtung reichlich Eier legende Hühner zugleich die Qualität und Quantität verbessert wird. Auf Ansuchen des Hilfsvereins hat das k. k. A c k e r b a u-M i n i s t e r i u m mit Erlaß vom 27. April d. J. bewilligt, daß sein Konsulent für Geflügelzucht Herr Georg Wieninger in einem vom Hilfsvereine für die in Wien weilenden gaiizisehen Flüchtlinge errichteten Kurse Vorträge über Geflügelhaltung abhalte. I >ie Vorträge finden im großen Saale des Josefine- Mendl-Wohlfahrtshauses (Toynbeehalle) XX., Denisgasse 33 am 13., 15., 20. und 27. Juni, sowie am 4. und 6. Juli d. J., jedesmal von 4 bis 6 Uhr, bei freiem Eintritt gegen vorherige Anmeldung im Büro des Hilfsvereins IX., B e r g g a s s e 4, statt. Selbstverständlich bedeutet die Abhaltung des Kurses bloß den Anfang der vom Hilfsverein geplanten Aktion, ihre Fortführung in Galizien wird, nach Maßgabe der Verhältnisse erfolgen und dürfte mit der Errichtung einer eigenen Geflügelzuchtanstalt ihren Höhepunkt erreichen.

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