Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 20 (25.5.1916)
- Date
- 1916-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seift- 4 JtUfisdhe Korrespondenz Ni m ClironiR. Aufreizende Kundmachungen gegen die Juden. Die Moskauer Jüdische Oeseilschaft hat von ihrem Bevollmächtigten in Briansk folgendes Telegramm erhaitea: „Der Briansker Polizeimeister Roschdestwenski hat Kundmachungen plakatieren lassen, in welchen ausschließlich jüdisch* Firmen genannt werden, die angeWich über große Vorräte an Nahrungsmitteln verfügen. Infolge der gegenwärtig unruhigen Stimmung der Bevölkern««, kann die Kundmachung sehr leicht zu Gewalttaten und Pogromen, gegen die Juden Anlaß geben. Wir haben uns daher an den Polizeimeister gewendet. Er erklärte uns aber öffentlich, daß diese Kundmachung, in der bloß uuüscbe Firmen genannt sind, mit Erlaubnis des Gouverneurs Arapow erlassen worden sei. Wir wandten uns an den Vorsitzenden der hiesigen Semstwo- Verwaltung und an den Bürgermeister. Sie haben ihre Hilfe zugesagt." Der Inhalt dieses Telegramms wurde dem Dumadeputierten Friedmann mitgeteilt, ebenso dem Advokaten H. Slivsbcrg in Petersburg. Man wurde in dieser Angelegenheit beim Ministerium des Innern vostellig, dem der Fall vorgelegt wurde. Die Jüdische Oesellschaft in Moskau erhielt aus Briansk noch weitere Mitteilungen: Der Gouverneur befahl dem l'olizeimeister eine neue Kundmachung zu erlassen, in der auch einige russische Firmen genannt seien und in der im Allgemeinen auf den Mangel an Nahrungsmitteln in Briansk hingewiesen werden soll. Russischer Boykott jüdischer Dramatiker. Die Verwaltung des Suworintheaters in Petersburg hatte ein Theaterstück des jüdischen Dramaturgen Jokob Gordin zur Aufführung empfohlen. Gegen diesen Beschluß erhol) die Tochter des bekannten verstorbenen Antisemiten Suworin, die eine maßgebende Persönlichkeit in der Theaterwaltung bildet, Einspruch, mit der Begründung, daß im Suworintheater jüdische Stücke nicht aufgeführ! werden dürften. Ein Pogrom. In Kißlwodsk, wo General Rußki zur Kur weilt, veranstaltete man einen Judenpogrom. Den jüdischen Kurgästen wurden nachts die Fensterscheiben eingeschlagen und sämtliche üarderobegegenstände verbrannt. Die Stadtverwaltung wies die Juden aus, weil sie Störungen der öffentlichen Ordnung hervorgerufen hätten. Jüdische Rrlegsfragen. Das jüdisch-italienische Wochenbfatt „Israel" stellt an seine Leser und Freunde folgende vier Fragen: 1. Glauben Sie, daß das Judentum und seine Kultur eine Krise durchmachen, die ihr Fortbestehen gefährdet? 2. Werm ja, glauben Sic, daß diese Krise zur Entscheidung gelangt sei oder gelangen könnte, und zwar so, daß sich das Judentum und seine Kultur retten? 3. Wenn ja, welches soll nach bestandener Krise das Ziel des Judentums und seiner Kultur sein? 4. Welches sind nach Ihrer Meinung die geeignetsten Mittel, um dieses Ziel zu erreichen? Zu jeder Frage soll eine Nebenfrage hinzugedacht werden, welche die besonderen Verhältnisse der .ludenheit Italiens berücksichtigt. Das Blatt vom 4. Mai veröffentlicht einige Antworten. Darunter befinden sich einige von Christen, diejenige von Max Nordau und die der Rabbiner Margulies (Florenz), Camerini (Parma) und Colombo (Livorno). Alle sind der Ansicht, daß für Israel eine schwere Zeit gekommen sei, daß es sich aber retten wird. Dann soll aber sein Ziel sein, Einheiltichkeit und Unabhängigkeit zu erreichen; am Friedenskonferenztische soll es seine Stimme hören lassen und dann soll seine Kultur von der alten Heimat aus die Welt bestrahlen. Ein englischer Bischof Uber die JudenmiBhandlung Rußlands. Der Bischof von Shelmsford beantwortete in einer Predigt in St. Paul die Frage, weshalb nicht der Sieg die Waffen Englands und seiner AUierten bisher gekrönt hat. Ohne im geringsten den Sieg in Zweifel ziehen zu wollen, müsse er doch sagen, daß alle Nationen in irgend einer Weise Gott vergessen haben. Rußland besonders durch seine schmachvolle Behandlung der Juden. Roosewclt avf dem jüdischen HlKsfeazar In New York. Der Jüdische Hilfsbazar war hier bestimmt, die Sammtungen für die infolge des Krieges notleidenden Juden in Osteuropa zu unterstützen. Auf demselben erschien auch Roosewelt und hielt eine Rede, in der er dem Zweck des Basars seine Anerkennung zollte. Er belobte dann die Juden, daß sie ihren europäischen Glaubensgenossen Teilnahme zeigten. Keine Nation dürfte mit Recht erwarten, dafl sie sich großen Glückes und eines immer anschwellenden Reichtumes auf unbeschränkte Zeit erfreuen könne, ohne dafür Rechnung ablegen zu müssen. Nach dieser Rede machte Roosevelt einen Rundgang durch die Säle und stieß dabei auf einen fünfzehnjährigen Jungen, der seine Wut dadurch erregte, daß er ein kleines deutsches Fähnchen an der Brust geheftet trug. RooseveJi vergaß, sich, soweit, ihn darob zur Rede, zu stellen, obgleich ihn das doch nicht das mindeste anging. Herrisch fuhr er ihn an; „leb denke, daß dieser Platz ein neutraler Boden ist," worauf des Junge die treffende Antwort gab: „Der Platz schon, aber nicht ich." Erzürnt drehte Roosevelt siehum und ging weiter. — In diesem Falle war nicht der Knabe, sondern Roosevelt kindisch. Neue Bücher. „Der Jude". Eine Monatschrift. Heft I, April 1916. Herausgeber: Dr. Martin Buber, Heppenheim a. d. Bergstraße (Hessen). Inhalt: Martin Buber: Die Losung; Hermann Glenn: Das Volk und der Einzelne; Hugo Bergmann: Der jüdische Nationalismus nach dem Kriege; Fritz Mordechai Kaufmann: Grenzsperre; Affons Paquet: Gedanken zum jetzigen Problem; Moses Calvary: Jiddisch; Max Brod: Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk; A. D. Gordon: Arbeit; R. Salmann: Emanzipation und Entiudung; R. Bernstein: Russische und jüdische Feldpost. Bemerkungen: Ernst Rappeport: Das neue Wort zwischen den Völkern; Arnold Zweig: Das Mittel des Geistes; Siegfried Bernfeld: Jüdische Wissenschaft; M. A.: Helden und Drückeberger; M. C: Die Probe; Berl Locker: Eine Denkschrift; S.: Palästinische Literatur im Krige; Ludwig Strauß: „Wir Deutschjuden"; S. R.: Antisemitismus; M. M.: „Ostjuden"; B.: Argumente. Vom Verlag R. Löwit, AbL: „Der Jude". Berlin N. 37, Weißenburgerstraße 6, oder Wien, 1. Bez., WoUzeile 6, zu beziehen. Der Abonnementspreis beträgt für den Jahrgang 10 Mark (K 14.—), für das Halbjahr 5 Mark (K 7.—), für das Vierteljahr Mark 2.50 (K 3.50). Das Einzelheft kostet 1 Mark (K 1.40). „Der Verruf des Fremde«. Gott strafe England! Die Wacht an Dwau" von Dr. Georg Landauer. Mauz Verlag. Wien 1916. — Der Autor tritt mit großer Energie dem Unfuge entgegen, der bisher bei uns mit fremden Ausdrücken, fremden Sitten, fremder Mode etc. getrieben wird, warnt aber gleichzeitig vor unberufenen Aktionen in dieser Richtung. „Israelitisches Heldentum und Kriegsfrömmigkeit im Alten Testament" von Hermann Gunhel. Göttingen 1916. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Preis M 1.50. — Trotz mancher Subjektivität in der Darstellung enthält diese Schrift des berühmten Forschers eine höchst interessante Schilderung des israelitischen Heldentums und der Kriegsfrömmigkeit im Alten Testamente, die auch manchen Beitrag zur jüdischen Geschichte bringt. „Das Los der Polen in Rußland und Oesterreich" von ***. Wien 1916. Verlag Adolf Holzhausen. „Die Wahrheit über Bulgarien". Eine Darlegung der bulgarisch-serbischen Beziehungen und der Grund Bulgariens, am europäischen Kriege teilzunehmen. Von Alexander Kiproff in Sophia. Bern 1916. Druck von Pochon-Jent & Bühler. m m PROSPEKT »Der Wiederaufbau G Monalssctirifl. Redakteur: Jonas Kreppel. Unser Blatt will sich in den Dienst jener großen Aktion stellen, die.allgemein unter dem Namen „Der Wiederaufbau Galiziens" ihren Ausdruck findet. Alles, was teoretisch und praktisch diesem Werke nützlich sein kann, soll da Raum finden. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung dieser großzügigen Aktion soll hier von berufener und fachmännischer Seite beleuchtet und erörtert werden. Es sollen auch alle Berichte und Informationen über die einschlägigen Aktionen in dieser Hinsicht registriert und besprochen werden. Auch 'die K r i e gss c h ä d e n a ngclegenheit, die Invaliden- und Kriegswaisen-Fürsorge sollen in unserem Blatte einen Anwalt finden. Staats- und Volksiuteressen erfordern es, daß der Wiederaufbau Galiziens auf einer breiten Grundlage, frei von jeder Engherzigkeit und Einseitigkeit, in Angriff genommen und geleitet werde. Es ist dies keine spezielle Angelegenheit Galiziens, sondern eine Sache der G e s a m t m o n a r c Ii i e, die auf den Schlachtfeldern Galiziens um ihre Großmachtstelluug gekämpft und gesiegt hat. Die Kriegsereignisse haben die Bedeutung Galiziens für die Gesamtmonarchie ins richtige Licht gerückt. Vor den Toren Krakaus, am Üunajec und in den Karpaten wurde Oesterreich verteidigt. Die Gesamtmonarchie hat deswegen die Pflicht, für die Gutmachung der Kriegsschäden ebenso solidarisch einzustehen, wie sie solidarisch für den Sieg im Kriege eingestanden ist. Die gesamte Volkswirtschaft ist an der Konsolidierung der Verhältnisse in Galizien lebhaft interessiert und sie soll das ihrige dazu beitragen, ebenso wie die gesamte vaterländische Industrie ihren Teil an dieser Wiederherstellungsarbeit haben will und haben wird. Der Wiederaufbau des Landes und die Wiederaufrichtung seiner Volkswirtschaft sollen in der modernsten Weise geschehen. Alle Fortschritte der Technik, alle Erfahrungen und Errungenschaften der jüngsten Zeit sollen zur praktischen Verwertung gelangen. Ebenso glorreich wie der Sieg auf den Schlachtfeldern Galiziens, ebenso großzügig soll dessen Wiederaufbau vor sich gehen. Der Wiederaufbau Galiziens soll das herrlichste Denkmal des Sieges sein. Der Schaden, den die Kriegsereignisse in Galizien verursacht haben, geht in die Milliarden. Milliarden sind auch erforderlich, um alles wieder gut zu machen. Oeffentliche und private Güter sind der Zerstörung awheimgefalien. Das öffentliche und das private Kapital sollen dazu behilflich sein, das Zerstörte wieder herzustellen. Jedes Sonderinteresse, jede Einseitigkeit, iede Parteirücksicht, muß da ausgeschaltet werden. Soll das große Werk gelingen, so muß es sich auf allen Gebieten gleichmäßig erstrecken. Der Wiederaufbau von Dorf und Stadt, die Wiederaufrichtung von Landwirtschaft, von Handel und G ewe r b e sollen gleichmäßig und gleichzeit i g gefördert werden. Jedes nationale und konfessionelle Moment, jeder Klassenunterschied muß in den H i n t e r g r u n d treten. Ebenso wie die Gesamtbevölkerung unter den Kriegsereignissen gelitten hatte, ebenso soll sie bei der Wiederaufbauarbeit berücksichtigt werden. Hand in Hand mit dem Wiederaufbau des Landes soll auch dessen Modernisierung vor sich gehen. Die Neugestaltung der gesamten Volkswirtschaft, die Industrialisierung des Landes, die Nutzbarmachung seiner reichen Naturschätze, die Regulierung seiner Flüsse, die Vervollkommnung der Verkehrswege, der Ausbau der Wasserstraßen, die Gesundung des Credit wesens, die Hebung der Landwirtschaft und des Gewerbes — all das, was seit Jahren angestrebt und im kleinen Maßstab unternommen wurde, soH jetzt gelegentlich des Wiederaufbaus viel gründlicher und rationeller durchgeführt werden. Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß seitens der maßgebenden Kreise alles Notwendige und Ersprießliche unternommen werden wird, was zur Erreichung dieses Zielesführen könne. Dafür bürgen uns die wiederholten feierlichen Zusicherungen Sr. Majestät, unseres Allergnädfgster Monarchen, dafür bürgen uns die diversen Aktionen, die bisher seitens der k. k. Regierung in dieser Hinsicht in Angriff genommen und ins Leben gerufen wurden, dafür bürgt uns schließlich das lebhafte Interesse, welches die weitesten Kreise der Monarchie dieser Angelegenheit zuwenden. Unsererseits wollen wir nach Kräften die Erreichung dieses Zieles fördern und dieser Aufgabe ist unser Blatt gewidmet. Redaktion und Administration: Wien, VHL Aiser Straße 55. - - Bezugspreis: K S-— jährlich. Einzelheit SO Heller. - - Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Joaas Kreppel. — Buchdruckerei „Mebmtrich", Wien IX, Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Gräbst.)