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Jüdische Korrespondenz · 1916-05-18 · 19 (18.5.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
19 (18.5.1916)
Date
1916-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19. jüdische Korrespondenz Seite 3 doch das Land mit Kußland nichts mehr gemein haben werde. Hingegen wurde die Forderung des Bürgerkomitees, daß das aktive Wahlrecht an die Bedingung der Kenntnis der polnischen Sprache gebunden sein soll, seitens der deutschen Behörden nicht berücksichtigt. Das passive Wahlrecht ist schon ja an die Kenntnis der polnischen Sprache in Wort und Schrift gebunden, und ebenso ist die Amtssprache der Stadtverwaltung wie die Verhandlungssprache des Gemeinderates ausschließlich die polnische. Die Zahl der Qemeinderats-Mitglieder ist mit 90 bestimmt, welche in 6 Kurien zu je 15 Mitglieder auf Qrund des Proportionalsystems gewählt werden. Die 1. Kurie umfaßt sämtliche Realitätenbesitzer, die II. den Großhandel und die Großindustrie, die 111. die gelehrten Berufe, die IV. die Kleinindustrie, das Handwerk und den Kleinhandel, die V. Kurie umfaßt alle diejenigen, die Wohnungssteuer zahlen, in der VI. Kurie wählen schließlich alle diejenigen, die in den anderen Kurien kein Wahlrecht besitzen. Das Wahlsystem in allen Kurien ist geheim und proportionel!, eine Ausnahme in letzterer Richtung ist bloß in der III. Kurie gemacht worden, welche in einige Subkurien geteilt wird. In derselben wählt die katolische Geistlichkeit einen Gemeinderat, die Juristen 3, die Lehrerschaft 3, darunter wird besonders ein Vertreter der Universität und ein Vertreter der Technik gewählt, die Aerzte wählen 3 Vertreter, die Techniker mit Hochschulbildung 2 und die sonstige Intelligenz 3. Nach dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, daß die Juden in allen Kurien ihre Vertreter wählen werden, mit Ausnahme der III., wo das Proportionallsystem wegfällt und die Wahl auf Grund der absoluten Majorität geschieht. In manchen der Kurien würden die Juden übrigens die Majorität bilden, wäre nicht die Vereinigung Warschaus mit den Vorstädten geplant, wodurch der Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung von 45 auf 37 sinkt. Infolge des Proportionalsystems dürfte aber der Nachteil dieser Maßregel nicht allzusehr fühlbar werden. An der Feier des 3. Mai, welche diesmal nach einer mehr als 50jährigen Unterbrechung wieder einmal in Polen öffentlich begangen werden konnte, haben sich die Juden im ganzen Lande überaus zahlreich und begeistert beteiligt. In den Synagogen wurden zu Ehren dieses Tages Festgottesdienste abgehalten, die Rabbiner hielten Festreden und an den feierlichen Umzügen nahmen überall die Vertreter der jüdischen Organisationen und Korporationen teil. Die jüdische Presse widmete dem Gedenktage warme Begrüßungsartikel und bei den Umzügen sah man auch weiß-blaue Fahnen und Tafeln mit hebräischen und jüdischen Aufschriften. So hat sich denn gezeigt, daß es trotz des unleugbaren jüdisch-polnischen Gegensatzes Vereinigungspunkte gibt. Freilich handelte es sich hiebei um ein historisches Moment, welches Juden wie Polen gemeinsam feiern konnten. Die Konstitution des 3. Mai gewährte den Juden bedingungslos die vollste Gleichberechtigung. Würde auch heute in allen polnischen Kreisen derselbe Geist herrschen, sollte es gelingen, die bösen Gespenster der Dtnowski und Grabski aus dem polnischen Lager zu verscheuchen, dann dürfte es auch jetzt möglich sein, zwischen beiden Volksgruppen einen modus vivendi zu finden, der ein friedliches Zusammenleben und Zusammenwirken ermöglichen werde. Daß eine derartige gemeinsame Feier nach der Befreiung des Landes vom russischen Joche möglich war, bestätigt die Ansehaung derjenigen, die die russische Verhetzungsarbeit als die Hauptschuldige in dem polnisch-jüdischen Gegensatze betrachten und die der Meinung sind, daß es nunmehr möglich ist, ein freundschaftlicheres Verhältniß anzubahnen. Daß die von sogenannten „Litwaken" geleitete Jargonpreße solch warme Töne für die polnische Nationalfeier gefunden hatte, daß selbst Jatzkan, den man allgemein als Polenfeind verschrieen hatte, der Feier eine sehr begeisterte Begrüßung widmete, ist die beste Widerlegung aller Ammenmärchen über einen unüberbrückbaren polnisch-jüdischen Gegensatz. Es bleibt freilich abzuwarten, ob dieses Ereigniß einen tieferen Eindruck zurücklassen werde. Im Interesse beider Volksgruppen wäre dies natürlich nur zu wünschen. Das innere jüdische Leben in Warschau entwickelt sich, so weit dies möglich ist, ziemlich normal. Die alten Gegensätze zwischen den Nationalisten und den Assimilanten, zwischen den Hebräisten und den Jidischisten, haben nicht aufgehört und es macht oft einen tragi-komischen Eindruck, zu konstatieren, daß selbst die gegenwärtige so ernste Zeit es nicht vermocht hatte, diese Gegensätze wenigstens zeitweilig in den Hintergrund zu drängen. Daß j die Fortsetzung des Kampfes nach keiner Richtung hin Nutzen bringen kann, braucht nicht erst besonders betont zu werden. Warschai. Die Juden und der Krieg. Wie die „Alliance" mitteilt, hat die Leitung der holländischen Abteilung dieses Allgemeinen jüdischen Verbandes eine Kommission, bestehend aus den Herren B. F. Ascher, D. E. Lioni, V..K. L. van Os und Louis Israels ernannt, welche mit Delegierten der folgenden in Holland seßhaften Körperschaften zu einer Konferenz zusammentrat: der zionistischen Organisation, der jüdischen territorialen Organisation (Ito) und des jüdischen internationalen Emigrationskomitees. Diese Versammlung faßte folgenden Beschluß: „Erwägend, daß zur Aufhebung der Rechtsungleichheit, worunter die Juden in vielen Ländern leiden, und zur Förderung ihrer übrigen Lebensinteressen ein gemeinschaftliches Auftreten der oben genannten, in Holland seßhaften Organisationen als erwünscht erachtet wird, um — wenn möglich unter Vereinigung mit gleichartigen in anderen Ländern bestehenden Korporationen — bei Beendigung des Weltkrieges eine kräftige Aktion im oben umschriebenen Sinne vorzubereiten, beschließt sie, an der Errichtung eines Komitees mitzuarbeiten, das aus Delegierten der genannten in Holland seßhaften jüdischen Organisationen bestehen und die gemeinschaftliche Vorbereitung und Förderung der erwähnten Aktion zum Ziel haben soll." Die holländische Leitung der „Alliance" hat zum Zeichen ihrer Mitwirkung an der Errichtung des in dem Beschluß geforderten Komitees die Mitglieder der vorläufigen Kommission und Herrn B. Block in Haag zu Delegierten bestimmt. Eindrücke in Monaslir an den Pe ssachiag en. Auf nicht ganz einfachem Wege, bestaubt und beschmutzt, war ich nach Monastir gekommen, um die für unsere Soldaten schon vor Wochen festgesetzten Gottesdienste wahrzunehmen. An den ehrwurdigen Großrabbiner Dr. Beuzion, einen vollständig europäisch gebildeten Kollegen, hatte ich mich rechtzeitig gewandt, um mit seiner Hilfe den deutschen Kameraden am Peßachfest neben der rituellen Verpflegung auch Aufnahme bei den zahlreichen jüdischen Familien gewähren zu können. Alle meine Erwartungen waren ubertroffen worden. Im Gegensatz zu einer anderen spaniolischen Gemeinde, die mir und meinen damals sehr zahlreichen jüdischen Soldaten durchaus nicht mit brüderlichen Gefühlen entgegengekommen war, wetteiferten am Abend des Festes die reichsten und angesehensten jüdischen Familien, sich „ihre" deutschen Soldaten für alle Mahlzeiten zu sichern. Ich hätte die dreifache Zahl der Soldaten haben dürfen, keiner wäre von hier weggegangen, ohne sich während der Festtage als Glied einer Familie fühlen zu dürfen. Dabei sind die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde seit Jahren schon wenig beneidenswert. In Friedenszeit zählt Monastir bei einer Einwohnerzahl von 80.000 ungefähr 7000 jüdische Seelen. Der Krieg war für 2000 Juden, naturgemäß für die am meisten mit Glücksgiuern Gesegneten, Veranlassung. Stadt und Gemeinde zu verlassen. Die meisten wandten sich nach Saloniki, der jüdischen Stadt, ganz wenige nach der Schweiz und dem übrigen neutralen Ausland. Die meisten aber harrten im festen Gottvertrauen hier aus, an ihrer Spitze der sehr beliebte Großrabbiner Dr. A. Benzion. ein noch junger Mann im Anfang der dreißiger Jahre. Schwere Zeiten hatte die Gemeinde durchzukosten. Insbesondere in den letzten 'lagen serbischer Herrlichkeit bekamen die Juden den unglückseligen russischen Einfluß aui die armselige serbische Regierung zu spüren. Je größer der Druck der vor den Toren der Stadt stehenden Deutschen und Bulgaren wurden, desto zahlreicher wurden die Plagen der Juden. Von der Straße weg wurden sie zum Militärdienst genommen, und sie, die unter der segensreichen türkischen Regierung an liberalste und freundschaftlichste Behandlung gewöhnt waren, wurden nun nach Albanien oder sonstwohin geschleppt, ohne daß die nächsten Angehörigen benachrichtigt werden konnten. „Ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Eltern werden noch früh genug erfahren, daß sie nicht mehr da sind", so lautete die serbische allem Menschen- und Völkerrecht hohnsprechende Antwort dieser Russenschergen. Selbst ein ftSjähriger Mann mußte auf diese Weise Heim und Hof verlassen und sie mit albanischem Boden zwangsweise vertauschen. Dennoch hielten die Juden aus. Die Geschäfte lagen brach, Verdienst gab es nicht, aber das jüdische Herz arbeitete weiter, wovon die österreichischen Gefangenen soweit sie bei uem Cinzug der verbündeten Heere befreit woruen sind, gar viel zu berichten wissen. Aber auch i urkeu unu Griechen, denen es schlecht erging, sueuten und fanden viel mehr bei den juaen ais oei ihren eigenen Glaubensgenossen Hüte, irost und Stütze. Mir liegt der Brief eines österreichischen jüdischen Kriegsgefangenen vor, der im 'Namen seiner jüdischen Mitgeiangenen — es gab in Monastir ungefähr 70 - etwa folgendes schreibt: „War am Aniang die serbische Kriegsgetangenschaic, noch einigermaßen ertraglich, so wurde sie turchterlich kurz vor den hohen Feiertagen 1915, wo wir nach Novybazar, dem serbischen Sibirien, verschickt wurden. Wir standen dort unter der allerstrengsien Bewachung. Haben wohl auch andere serbische Gemeinden unser Los zu erleichtern gesucht, so üDerragt doch alle die judische Gemeinde Monastir. Sowohl unter der serbischen Regierung ais auch zur Zeit der Okkupation durch die ver- Dundeten Heere war sie uns ein von Gott gesandter Schutzengel. Während des ganzen Jahres unserer Ueiangenschaft ließ sie uns jede mögliche mite zuteil werden. Wir erhielten sämtlich durch viele Monate hindurch regelmäßige Geldbeträge ausbezahlt, womit wir die sehr mangelhafte Kost ein wenig aufbessern konnten; außerdem aber erhielten wir fast i4~ tagheh neue Wäsche, Kleider, Strumpfe usw., eine Wohltat, die angesichts der entsetzlichen j-ause, die uns bald autfraßen, mit Worten nicht genügend gewürdigt werden kann. Die Initiative zu diesem edlen Werk ergrifl Herr Großrabbmer Dr. Beuzion. Dr. B. besuchte sehr oft trotz des strengen Verbotes die Kriegsgefangenen. Er scheute nicht die Krankheiten, die uns bedrohten, und als das Leben in der üelangenschatt infolge russischer Einwirkungen immer unerträglicher wurde und viele jüdische Gefangene halbnackt und verhungert aus Verzweiflung die Flucht ergriffen, da war es dieser edle Mann und die jüdische Gemeinde, die uns mit Wohltaten überhäuften und uns moralisch und materiell wieder aufrichteten." Feldrabbiner Dr. J. Sänger. (Schluß folgt.) Der Hilferuf der russischen JFremdvölKer an Wilson. Die Liga der rremdvolker Rußlands hat einen liilterui an den Präsidenten Wilson gesandt. Ks heim „In dringender Not wenden wir uns an Sie, Herr um Sic wissen zu lassen, welch schweres Schicksal unsere Volks- und Glaubensgenossen durch Rußlands Verschulden ertragen müssen. Wir wenden uns durch Sie, Herr Präsident, auch an Rußlands Verbündete, denn wir wissen, daß auch sie m ihrer rreiheitsliebe und ihrem Reehtsgetuhl unsere Leiden unerträglich linden werden. Wir Angehörige der iremdstuninugen Nationen und Religionsgemeinschaften Rußlands klagen die russische ruien um Hilfe, um ^Schutz vor' Vernich tun«! ' Wir Finlander klagen die russischen Regierung au, unsere leierlich bestätigte Verfassung mit rußen getieten zu haben, hnlands Recht ist durch russische besetze die in f-'iuland keine Gültigkeit haben, verletzt worden. Die einheimischen Sprachen werden verdrängt, die Verwaltung desorganisiert. Verfassungstreue Kiersper rt «der nach Sibirien verschickt. Uns Balten wurden unsere Verfassung, unsere verbrieften Rechte geraubt. Während des Krieges hat das russische Heer unsere Wohnsitze verwüstet, geplündert und niedergebrannt. Viele von uns sind grundlos verdachtigt, wie l-einde ohne Rechtsspruch eingekerkert und ins tlend verschleppt worden. Wir Letten haben von jeher dem russischen Staate viele bewahrte Beamte gestellt. Obgleich wir freiwillig Legionen zur Verteidigung Rußlands stellten, ist ein großer 1 eil der lettischen Bevölkerung jetzt von Haus und Hof vertrieben, um im Innern der Reiches im fclend zu verkommen. W ir Litauer haben unsere nationale Selbstständigkeit verloren. Unser Glaube wurde verfolgt, Bildung und Auiklarung wurden gewaltsam verhindert und die litauische Muttersprache sollte ausgerottet werden; wer ein litauisches Gebetbuch besaß, wurde mit Kerker oder sibirischer Verbannung bestraft. Ein großer Teil des Landes wurde eingezogen und an russische Günstlinge verteilt oder zu Kronländern gemacht. Jetzt hat die russische Armee große Teile unserer Bevölkerung gewaltsam ms fclend verschleppt und das früher wohlhabende Land verwüstet. Wir Polen haben, seitdem wir unter russischer Herrschaft stehen, jahrhundertelang physische und moralische Oualen «rillten. Verfassungsbrüche und Zerstörung unseres staatlichen und nationalen Lebens kennzeichnen das Verhalten der „Schwesternation-' Ruftland! Um das von dem russischen Oberbefehlshaber in diesem Kriege gegebene Autonomieversprechen einzulösen, sind auch nicht die geringsten Schritte unternommen worden. Russische I'ruppeH haben jetzt in sinn-

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