Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 19 (18.5.1916)
- Date
- 1916-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korre spondeoz Nr. 19. loser Weise unsere Gebiete verwüstet, geplündert und gebrandschatzt, die russische Regierung hat einen grolien Teil unseres Volkes in die Fremde verjagt und im Innern des Reiches leiden anderthalb Millionen Polen entsetzliche Not. Wir Juden Rutslands sind geknechtet wie kein anderes Volk der Erde. Wir werden geistig und körperlich dem Siechtum überlassen. Wir werden am Besuch der schulen und Universitäten gehindert. Zusammen- «rpiereht in Ansiediungsrayons. gab man uns steigender Verarmung und Verelendung preis, in barbarischen Pogroms ließ man den Röbel seine bestialischen Instinkte blutig an uns austoben. Durch den Krieg sind Hunderttausende von uns m die fremde getrieben worden, und viele Tausende sind dabei elend umgekommen. Unsere Wohnstatten sind ausgeplündert, und täglich verkommen unsere Volksgenossen im entsetzlichen Elend. Wir Ukrainer sind unserer leierlich zugesprochenen Autonomie beraubt worden. Die Selbständigkeit unserer Kirche wurde vernichtet, unsere Sprache, die Sprache eines 3(i Millionen zahlenden Volkes, aus dem öffentlichen Leben und aus den Volksschulen verbannt. Kulturelle Vereine wurden mit Kriegsausbruch aufgehoben, die Presse verboten. In Gahzien und der Bukowina kamen die Ausrottungsabsichten Rußlands unserem Volke gegenüber often zum Ausbruch. Alles Ukrainische wurde verfolgt. Massenverhaftungen vorgenommen und die gewaltsame Russifizierung eingeleitet. Dabo hatte die russische Regierung die Stirn, sich als Befreierin (lahziens aufzuspielen. Wir Muselmanen Rußlands, 25 Millionen, fuhren Klage über die an uns verübte Knechtung. Die Ausübung unserer Religion wird in ungesetzlicher Weise behindert. Politisch werden wir verfolgt. Unser Landbesitz ist uns geraubt worden, um russischen Günstlingen und Gewalthabern geschenkt zu werden. Die hntwicklung unserer Kultur wird behindert, uberall unterliegen wir ungerechten Beschränkungen. Wir werden verfolgt und mißhandelt. Wir Georgier, das grollte Volk Kaukasiens, schlössen einst freie Vertrage mit Rulsland. die alle gebrochen worden sind. Unsere Dynastie, die Selbständigkeit unserer Kirche, unsere nationalen fcinnchtungen wurden vernichtet. Unsere freien Bauern wurden enteignet, um russischen Bauern Platz zu machen. Mit Kriegsausbruch wurden unsere Besten verschickt, unsere Provinz Adschara vollständig verheert. Hungernd, nackt und elend wurden über 50.000 Menschen vertrieben und dem Untergang geweiht. So frevelt Rußlands an uns, seinen eigenen Untertanen. Es hat jegliches nationale Leben unterdrückt, es hat unsere lebendigen Kulturen vergiftet. Sittenlosigkeit und Bestechlichkeit hat Rußland an die Stelle von Zucht und Ehrlichkeit gesetzt, andersgläubige Religion verfolgt. Aufschwung und Bildungsdrang unterdrückt und die Verdumtnung seiner eigenen Untertanen angestrebt. Wir beklagen uns über das Hinsiechen und Sterben Tausender von Unschuldigen, von Greisen, Frauen und Kindern. Nie werden unsere Nachkommen das Martyrium vergessen, das Rußland über uns gebracht hat. Rußland hat Völker, die ihm zur Pflege anvertraut waren, geknechtet und verwahrlost und seine Macht dazu mißbraucht, um seine eigenen Untertanen zu martern und unseren Wohlstand auf Generationen hinaus zu So hat Rußland selbst uns von sich gestoßen! Und es wird auch spater die Verfolgung unserer Stammesgenossen fortsetzen und nicht ruhen, bis das Ziel: Ausrottung der Fremdvölker als Nationen erreicht ist. Darum rufen wir: Helft uns! Schützt uns vor Vernichtung! Die galizisch-JUdischen »Geiseln« in Rußland. in. In Sumy Gouv. Charkov weilen: Ed. Hauser aus Lemberg; in Kiew weilt: Josef Lehrmann aus Sambor. In Kanawina Gouv. Nischnij Nowgorod weilen: F. A. Aptelgrün aus Stryj. Izaak Knoll aus Jaroslau, Sina Korn aus Gorlice, Lazar Keller aus Dabrowa, Mohl aus Jaroslau, Aron Maier Rothenberg aus Skole, Leiser Rockach aus Uhnow, Steinbruch aus Jaroslau. Sim. Schwineg aus Holechow, Heinrich Weingarten aus Krechowice, Jakob Winitz aus Uhnow. In Moskau weilen: Roman Gottfried aus Lemberg, Moses Schaisohn aus Lemberg, Georg Treter aus In Nischnij Nowgorod weilen: Anna Grünspan aus Wolka Tan., Chiel Dawid Gleicher aus Gorrice, Sch. Haber aus?, Chiel Kornhauser aus Tarnow, A. Luft aus Stryj. Emil Pordes aus Lemberg. In Birsk Gouv. Ufimsk weilen: Pinkas Gelbtych aus Skalat, Liblein aus Rozdol, Morgenstern aus Zborow. Abraham Stratimann aus Boleshow, J. Safran In Ust Pitskoje Gouv. Jenissejsk weilen: A. Altschüler aus Tarnopol, Egermann aus Tarnopol. In Kasan Gouv. Kasan weilt: Dr. Witold Aulich aus Stanislau. In Jenissejsk Gouv. Jenissejsk weilt: Joles aus Lemberg. In Menzielinskoje Gouv. Ufimsk: Leib Fenster aus Radomvsl; in Parabela Gouv. Tomsk: Sal. frommer aus Ghmanv: in Kosaczvnskoje Gouv. Jenissejsk: Gottesmann aus Iarnopol: in Kosmoden i a ii s k Gouv. Kasan: Israel Hochberg aus Gliniany; m Kolpaszew Gouv. Tomsk: Israel Hermeie aus Mielec: in Astrachan: Adolf Immerglück aus Podgorze: in Poruczykow Gouv. Ufimsk: Sara Kreisberg aus Rudniki: in Wolkow Gouv. Tomsk: N. Koenig aus Skorodno: m Tohura Gouv. Tomsk: Josef Krug aus Lutowszvzna: in Poltawa Gouv. Poltawa: Herrn. Leschmann aus?; in Kosmodem iansk (jouv. Kasan: Jakob Tenzer aus Strzyzow, L. Leinsieder aus Stojanow. Simson Schapira aus Podhorce: in Ufa Gouv. Ufimsk: Em. Loewy aus?; in Pawlowsk Gouv. Woronez: Melier aus Komarno; in Ust-Uda Gouv. Irkutsk: Sam. Uscher aus Busk, Leib Planer aus Busk. Menasche Roth aus Busk; in llina Gouv. Tomsk: Hersch Wolf Rauch aus Mosciska: in Bazanow Gouv. Jenissejsk: Aron Spannberg aus in Raiewka Gouv. Ufimsk: Mos. Schneider aus Siedliska. Malka lta Scherr aus Nisko; in Troichosawsk 1 rans-Baikahen: j. Sommerschein aus Zapalow: in Irhita (jouv. Perm: Natan Walter Die Woche. Der Wiederaufbau Qaliziens. Amtlich wird mitgeteilt: Auf Einladung des Ministerpräsidenten Grutui StuiiJsi und Dienstag eine Konferenz in Angelegenheit der Wiederaufbau-Aktion in (iahzien statt. An dieser nahmen seitens der Regierung außer dein Vorsitzenden der Minister des Innern mit Sektionschef Dr. Schreyer und Ministerialrat Dr. Kretschmer, der Minister für Landesverteidigung mit Ministerialrat Freiherrn v. Streit, der Minister für öffentliche Arbeiten, der Ackerbauminister mit Hofrat Ritter v. Miktili. der Minister Dr. v. Morawski mit Ministerialrat v. 1 wardowski. der Finanzminister mit den Sektionschefs Ritter v. Wimmer und Marek, Ministerialrat Zwierzina und Oberfinanzrat v. Baernklau. der Handelsminister, der Statthalter in (iahzien (jM. Freiherr v. Diller mit dein Statthaltereivizeprasidenten Ritter v. (irodzieki und Bezirkshauptmann Qasparv teil. Als Vertreter des Landes waren Landmarschall Ritter v. Niezabitowski und Landesausschuübeisitzer Ritter v. Dambski erschienen. Der Polenklub war durch seinen Obmann Dr. Ritter v. Bilinski und durch die Vorsitzenden der wirtschaftlichen Kommissionen des Klubs, die Abgeordneten v. Dlugosz und Dr. Leo, weiter durch die Mitglieder Ritter v. Abrahamowiez, Daszynski, Dr. Groß, Grafen Lasocki, Dr. v. Loewenstein, Grafen Rey, Ritter v. Starowieyski und Dr. Steslowicz vertreten. Als Delegierte der galizischen Landwirtschaftsgesellschaften nahmen die Herren von Dolanski und Prof. Nowak an der Konferenz teil. Anknüpfend an die am 10. Oktober v. J. abgehaltene Konferenz analoger Art wurden nunmehr die von der Regierung seither eingeleiteten und weiter ausgestalteten Maßnahmen zum definitiven Wiederaufbau der Volkswirtschaft in Galizien nach allen Richtungen hin eingehendst besprochen und die Grundsätze für das weitere Vorgehen festgelegt. Diese Aktion wird in die Hände einer der Regierung unterstehenden Landeszentrale gelegt, deren Konstituierung unmittelbar bevorsteht. In der sehr eingehenden Diskussion, an der sich unter Führung des Obmannes Dr. Ritter v. Bilinski die Vertreter des Landes und die Mitglieder der Regierung in großer Zahl beteiligten, wurden hinsichtlich des Vorgehens in allen Punkten bestimmte und ein gedeihliches Zusammenwirken aller Kräfte verbürgende Richtlinie festgelegt. Die Konferenz, die um 10 Uhr vormittags begonnen hatte, dauerte den ganzen Tag über an und gelangte erst in vorgerückter Abendstunde zum Abschluß. Chronik. Ein Geschenk des Kaisers. Der Bürger Jakob Kollman in Szered, 76 Jahre alt, hat seit Kriegsbeginn sieben Söhne im Felde, von denen zwei verwundet waren, jedoch bereits geheilt sind. Derzeit weilen alle sieben wieder an der Front. Am 2. d. M. erschien der Bezirks-Oberstuhlrichter im Stadthause und überreichte dem alten Vater eine silberne Uhr mit der ungarischen Krone und dem Monogramm Sr. Majestät, sowie in Barem 500 Kronen als Geschenk des Kaisers. Mit Tränen in den Augen dankte der Greis für die Gnade Seiner Majestät. Jiddisch vor dem Kaufmannsgericht Eine Verhandlung in „Jiddisch" gab es in der letzten Sitzung der 2. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts. In dem dort verhandelten Prozeß einer Lageristin Glatt gegen den Eierhändler Glaß, waren nicht nur die Parteien nebst den erschienenen Anverwandten, sondern auch die zahlreichen Zeugen nur in beschränktem Maße der deutschen Sprache mächtig. Die Beteiligten sind seit längerer Zeit in Berlin ansässige Juden russischer Staatsangehörigkeit, die sich fast nur in jiddisch verständigen können. Die Jargonaussagen ins reine Deutsch zu übertragen und so dem Protokollführer zu diktieren, bereitete dem Vorsitzenden keine geringen Schwierigkeiten. Besonders bei der Vernehmung der halbtauben, fast 70 Jahre alten Cypra Woli steigerte sich die Schwierigkeil derart, daß der Verhandlungsleiter erwog, einen Dolmetscher hinzuzuziehen. Man kam aber doch noch ohne diesen aus, und nach langem Hin und Her gelang es dem Gericht sogar, die lebhaft streitenden Parteien zu einigen. Noch im letzten Moment drohte der Vergleich daran zu scheitern, daß sich sowohl die Lageristin wie der Eierliändler weigerten, das Vergleichsprotokoll aus rituellen Gründen, wegen des Feiertages, zu unterschreiben. Der Gerichtshof sah aus diesem Grunde von der Unterzeichnung durch die Parteien ab. Der Beklagte zahlte die Vergleichssumme. M. 10.—, und die Klägerin gab mündlich die Erklärung ab, daß sie auf alle weiteren Ansprüche verzichte. Unter tiefen Verbeugungen entfernten sich alle Prozeßbeteiligten. Jüdisch-wissenschaftliche Volkskurse in Warschau. Die Verwaltung des jüdischen Vereins für Literatur und Kunst „Hasomir" erhielt die Erlaubnis, jüdische wissenschaftliche Volkskurse zu veranstalten. Die Kurse werden m zwei Sektionen geteilt, eine mathematisch-naturwissenschaftliche und eine humanistisch-literarische. Als Dozenten der ersten Sektion wirken die Herren Ing. Efron (Arithmetik und Physik), Dr. Perlmann (Algebra), Ing. Issers (Geometrie), Ing. Friedmann (Botanik und Zoologie) und Dr. Wileikowsky (Anatomie und Physiologie). Für die zweite Sektion sind als Dozenten angekündigt die Herren: S. J. Stupnitzky (Allgemeine und jüdische Geschichte), M. J. Freid (Hebräische Literatur), Rechtsanwalt N. Pirlutzky (jidische Literatur). Dr. J. Welikowsky (Nationalökonomie und Geschichte der Philosophie), S. Sußmann (Psychologie) und Rechtsanwalt M. Suriz (Rechts- und Staatswissenschaft). Botschafter Mergenthau auf der Rückreise. Im Anschluß an unsere in der vorigen Woche geblachte Nachricht von der Rückkehr des amerikanischen Botschafters auf seinen Posten in Konstantinopel können wir mitteilen, daß Herr Morgenthau am 5. ds. Mts. seine Rückfahrt nach der Türkei angetreten hat. Die Juden in Rumänien. Wir erhalten vom „Verein der in der Schweiz niedergelassenen rumänischen Israeliten" eine Resolution, der wir folgendes entnehmen. Die Resolution stellt fest, daß seit dem Jahre 1879, in dem sich Rumänien formell verpflichtete, die Juden in Rumänien nicht als Fremde zu betrachten, und ihnen gegenüber die Handhabung einer freundlichen Politik versprach, so daß man langsam zur vollständigen Gleichberechtigung der Juden gelangen sollte, gemäß dem Art. 44 des Berliner Vertrages, mehr als zweihundert Gesetze angenommen worden sind, die, angewendet auf die Juden unter dem Vorwande, daß sie Fremde wären, sie immer stärker in ihren Lebensmöglichkeiten bedrücken, sie in materielles und moralisches Elend versetzen und sie zur Auswanderung zwingen — und das trotz allen Beweisen des Patriotismus und trotz der Aufopferung, die die Juden im rumänischen Befreiungskriege und im Feldzug gegen Bulgarien im Jahre 1913 an den Tag gelegt haben. Es werden erwähnt die „unwürdige Behandlung der Juden im Heere, wo sie verdächtigt und als ein inferiores Element betrachtet werden, das Gesetz betreffend die Fremdenkontrolle, welches darauf hinaus will, die Juden offiziell einfür allemal zu Landesfremden zu stempeln, die Schwierigkeiten, welche den Juden vorsätzlich bei der Ausstellung von Reisepässen gemacht werden, die Austreibungen der Angehörigen der einberufenen jüdischen Soldaten." Die in der Schweiz niedergelassenen rumänischen Israeliten, die sich am 3. April in Genf versammelten, haben nun beschlossen, einen Verein, ähnlich dem vor einiger Zeit in Paris gebildeten, zu gründen, und ein aus in den verschiedenen Städten der Schweiz ansässigen Mitgliedern zusammengesetztes Aktionskomitee zu wählen, welches in Genf seinen Sitz haben soll. Dieses Aktionskomitee will durch alle möglichen Mittel zugunsten seiner in Rumänien leidenden Glaubensgenossen wirken. Neue Bücher. „Mitteleuropa". Eine Stellungnahme zu Naumanns Buch, von K. Eichhorn. Verlag August Lux, Hildesheim und Leipzig 1916. — Eine sachgemäße, überaus wirksame Propagandaschrift für den Mitteleuropa-Gedanken. „Eine Geschichte des israelitischen Volkes für Schule und Haus" von Joachim Kurd Niedlich. Leipzig 1914. Verlag der Dürrschen Buchhandlung. Preis M 1.60. — In seinem Vorworte schreibt der Verfasser: „Nicht Ergebnisse selbständiger Forschung soll das Büchlein bringen, sondern eine flüssige, geschlossene Darstellung dessen, was in der Geschichte jenes Volkes für Jeden von uns auch heute noch vom bleibenden Werte ist." Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppet. — Buchdruckerei „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. GrünhuL)