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Jüdische Korrespondenz · 1916-05-18 · 19 (18.5.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
19 (18.5.1916)
Date
1916-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr. 19. sich eine Lösung dieser Probleme noch während des Krieges versprochen hatte. Derartige Dinge können unmöglich „inter arma" gelost werden. Man spricht beispielsweise bei uns in Oesterreich sehr viel von einer Neuordnung üer innerpolitischen Verhältnisse, aber kein Mensch weili genau, wie sicn eigentlich diese Neuordnung gestalten werde. Warum sollen gerade wir Juden vorgreifen wollen und uns schon heute einer Depression hingeben? Man spricht auch von einer Lösung der polnischen frage, ohne daß bisher darüber etwas konkretes bekannt wäre — warum sollen wir schon jetzt um das Schicksal unserer dortigen Brüder so ängstlich besorgt sein? Vielleicht wird doch ein Modus geiunden werden, um deren Zukunft sicherzustellen? Wir wissen auch heute noch nicht, wie sich die Verhältnisse in der l iirkei entwickeln werden und können nicht im voraus um unsere dortigen Aspirationen besorgt sein. Die Lösung derartiger Probleme ist eine Sache der langsamen, schrittweisen Lntwickelung. Da darf man sich weder von einem frühzeitigen Optimismus, noch von einem frühzeitigen und übertriebenen Pessimismus leiten lassen. Auch Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden und derartige Lösungen müssen langsam reifen. Wer sich dies anders vorgestellt hat, der mag heute vielleicht deprimiert oder enttäuscht sein. Aber es ist dies seine eigene Schuld. Aus all diesen Ausführungen kannst du, lieber Freund, ersehen, wie ich die Situation beurteile. Du kannst wohl anderer Meinung sein, aber laß es dir gesagt sein: Die Niederringung des Zarenreiches ist für uns Juden ein derartig reiches Resultat, daß wir darin mindestens eine teilweise Kompensation für die speziell als Juden erlittenen Kriegsleiden sehen müssen. Diesen Leiden abzuhelfen ist meiner Ansicht nach die wichtigste und dringendste Aufgabe aller ülaubensbrüder, die dazu die Möglichkeit haben. Auf die anderen, in deinem Briefe berührten Fragen werde ich in meinen nächsten Briefen noch näher zurückkommen. V e r i t a s. Russische Drohungen gegenüber englischen Juden. Der auswärtige Berichterstatter der „Nowoje Wremja", M. E. A. Egaroff. hat kürzlich einen sehr scharfen Aufsatz gegen die englischen Bevormundungsgelüste in der „Times" veröffentlicht. Es heißt darin u. a.: „Man hört häufig die Behauptung, daß ein politisches Bündnis mit Großbritannien auf Rußlands innere Politik einwirken muß. Ich sage ganz offen, daß irgendwelche Versuche einer Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten seitens meiner englischen Freunde auf den stärksten Widerstand stoßen würden." Professor Strack Uber die Jüdische ^Sprache. In der „Vossischen Zeitung" veröffentlicht der bekannte Orientalist Professor Dr. Hermann Strack einen Artikel unter dem Titel „Die jüdische Sprache", der zwar nichts neues sagt, der aber ein gewisses Interesse mit Rücksicht auf den Veriasser verdient. Zu bemerken sei, daß der gelehrte Autor wie fast alle westlichen Gelehrten, nicht immer die richtige Deutung der Worte angibt. Wir entnehmen diesen Artikel folgende Stellen: „Jüdische Sprache?" so höre ich viele fragen. „Meinst Du das verderbte Deutsch, das man oft Jiddisch nennen hört, und welches auch in der sogenannten Gaunersprache wuchert? Das ist doch gar keine Sprache." Nun, der Ausdruck Jiddisch stammt aus England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika und sollte von uns nicht übernommen werden. Und die „Gaunersprache" enthält zwar aus dem Hebräischen stammende Wörter, aber das kommt nicht nur davon, daß es unter dem lichtscheunen Gesindel auch Juden gibt, sondern in weit höherem Grade davon, daß das Hebräische, weil nur wenigen verständlich, Geheimsprache zu sein geeignet erschien. Doch davon vielleicht ein anderes Mal. Das Jüdische kann, obwohl Polen und einige assimilatorische Juden, übereifrige Hebraisten und die Unkundigen das bestreiten, mindestens ebensogut als eine Sprache bezeichnet werden wie das Englische. Das Hebräische ist für die Juden die „heilige Sprache" wie das Lateinische für die Angehörigen der römischen Kirche; es ist zugleich eine in der Gegenwart in einer etwas wunderlichen Weiterbaidung wieder auflebende Sprache, namentlich für Palästina. Das Jüdische aber ist die „Muttersprache" (mame loschen), die Volkssprache von 6 Millionen Menschen und wird von einer noch größeren Anzahl verstanden. Die „Literatur" im engeren Sinne (von den älteren wesentlich hochdeutschen Erzeugnissen sehe ich Mit den „inneren Angelegenheiten" war in diesem Aufsatz in erster Linie die russische Judenfrage gemeint. Auf diesen Artikel hin hat sich ein Mitarbeiter des „Jewish Chronicle" der Aufgabe unterzogen, mit Herrn Egaroff über die Stellung Rußlands gegenüber den Juden zu verhandeln. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der russische Politiker folgendermaßen: „Die jüdische Frage hat mit auswärtiger Politik überhaupt nichts zu tun. Der Kernpunkt ist das Erziehungsproblem. Rußland kann nicht für jedermanns Bildung sorgen. Von 16(1 Millionen Einwohnern leben nur 20 Millionen in Städten, während 140 Millionen dem Bauernstände angehören. Die Kinder dieser ungeheuren Bauernklasse in höhere Schulen zu schikken, ist unmöglich. Da wir aber Millionen unserer eigenen Kinder keine ausreichende Erziehung geben können, ist es unmöglich, jüdischen Kindern gleiche Rechte zu geben oder sie zu bevorzugen. Würden gleiche Rechte verliehen, so könnten die Juden Stellungen einnehmen, in denen sie über Erziehungsfragen zu bestimmen hätten, und infolgedessen würde eine ungleiche Verteilung der Berufe zwischen Landeskindern und Juden eintreten. Es geht nicht, daß der geistig schwerfällige russische Bauernsolln dem gescheiteren deutschen oder jüdischen Kinde Platz macht." Damit ist also die Beschränkung der Bildungsmöglichkeiten für die Juden als Prinzip offen ausgesprochen! Der englische Journalist machte dann Herrn Egaroff auf das energische Eintreten der englischen Juden zugunsten der russischen Juden aufmerksam und meinte, daß eine Einigung über diese Frage zu einem innigeren Verständnis zwischen den beiden Völkern verhelfen würde. Hierauf gab Egaroff die bedeutsame Antwort, daß das Agitieren englischer Juden gegen Rußland den russischen Juden sicher nicht zum Nutzen gereichen werde. Er fuhr fort: „Ich gebe zu, daß durch eine Aenderung in der Lage der russischen Juden das Bündnis gestärkt werden würde. Aber durch eine Agitation gegen Rußland werden sie das nicht erreichen. Ich möchte Ihnen folgendes sagen: Die Haltung der englischen Juden kann für die Zukunft ihrer Glaubensgenossen in Rußland sehr ernste Folgen haben!" I >iese Worte des fussischen Politikers sind offenbar als eine zum Zweck der Einschüchterung unternommene Bedrohung aufzufassen. Man weiß in Rußland, daß die Judenheit der ganzen Welt gegen die Vergewaltigung und Bedrückung der russischen Juden aufstellt. Man hat Anzeichen dafür, daß diese jüdische Aktion auch von nichtjüdischer Seite eine starke Unterstützung erfahren wird. Und man greift nun zu dem elenden Mittel, den auswärtigen Verfechtern der Rechte jüdischer Stammesgenossen in Rußland damit zu drohen, daß man sich für ihre Agitation an den russischen Juden hier ab) ist zwar noch jung, etwa drei Vierteljahrhunderte alt: aber sie hat schon jetzt recht beachtenswerte Erzeugnisse aufzuweisen. Hier seien nur drei Hauptautoren genannt: Abramowitsch, Perez (1915 gestorben), Salomo Rabbinowitsch; im übrigen vergleiche man die zweibändige (bis 1890 reichende) „Geschichte der jüdischen Literatur" von M. Pines. Warschau 1911. Eine erhebliche Anzahl jüdischer Zeitungen erscheint, nachdem mit dem Ausbruch des Krieges die russische Regierung ihnen ein vorläufiges Ende bereitet hatte, in den von den deutschen Heeren besetzten Teilen Polens und Litauens und vermittelt den Juden daselbst einen großen Teil ihres Wissens. Aehnliches gilt für die Juden in New York. Die jüdische Sprache macht aut" den, dem zuerst, noch dazu meist in mangelhafter Umschreibung, eine Probe zu Gesicht kommt, den Eindruck des Wunderlichen, namentlich durch das Zusammengefügt sein von hebräischen oder polnischen Wörtern mit deutschen Bildungssilben. Dann vergleiche er das Englische! In der jüdischen Sprache ist die deutsche Grundlage viel deutlicher als die germanische im Englischen. Es fehlt aber nicht an festen sprachlichen Gesetzen, und die Fähigkeit zu neuen Bildungen ist sehr groß. Kraftvolle Kürze wird ermöglicht durch die verbale Adverbien bildende Endung „dig", z. B. „gehendig", indem er ging; „unfihlendig", ohne zu fühlen; vgl. auch „umgericht" (für: „ung."), ohne daß man sich darauf gerichtet hatte; „ungefregterheit", ohne daß man gefragt hatte. Altes deutsches Sprachgut erkennen wir in „Leilach" Leintuch, „Lefzen" Lippen, „Trehr" Träne. Anmutende Ausdrücke sind: „Brüderlech" Stiefmütterchen (? — Red.); „Summerfogel" Schmetterling; „Moscheh Rabbenu's behemale" (unsers Lehrers Mose Viehchen) Marienkäferchen. Zwei große Schwierigkeiten stehen unserem Verständnis entgegen: Erstens die Tatsaceh, daß viele Wörter (die Gründe sind mangels alter Ueberlieferung oft nur unsicher oder gar nicht mehr zu erkennen) andere Bedeutung als in rächen wird. Man erwartet wohl, daß das Gefühl der daraus entspringenden übergroßen Verantwortung die Arbeits- und Entschlußkraft der ausländischen Juden lähmen wird. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Rußland tatsächlich die Infamie besitzen würde, seine Drohung wahrzumachen. Es kann aber auch nicht daran gezweifelt werden, daß sich die Juden der übrigen Länder von dieser Drohung nicht abschrecken lassen, sondern 'im Gegenteil sie als Ansporn betrachten, sich in ihrem Kampfe gegen die Bedrückung der russischen Juden die baldige und starke Unterstützung einflußreicher Regierungen zu sichern und damit den russischen Racheplänen oder deren Ausführung in den Weg zu treten. Rußland hat ohnehin an seinen Juden soviel Unrecht getan, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig bleibt . . . „J. Echo." Brief aus Warschau. Warschau erhält eine autonome Verwaltung. Was die russische Regierung so oft versprochen, aber in echt russischer Weise nicht gehalten hat, das hat die deutsche ükkupationsverwaltung mit einem raschen Griff der Verwirklichung zugeführt. Warschau erhält eine autonome Stadtverwaltung, das Statut ist bereits veröffentlicht und die Stadtbehörden sind nun dabei, die Vorbereitungen zu treffen, um die ersten Wahlen so rasch als möglich durchführen zu können. Vom Standpunkte der jüdischen Interessen betrachtet, läßt sich wohl noch schwer sagen, inwiefern die Wahlordnung allen Wünschen entsprechen werde. Aber schon heute kann konstatiert werden, das dieselbe der jüdischen Bevölkerung Warschaus eine entsprechende Repräsentanz sichert, wenn auch die Forderungen der jüdisch-nationalen Kreise nach einer offiziellen Anerkennung des spezifisch-jüdischen Elementes in der Stadtverwaltung, nicht berücksichtigt wurden. Die Wahlordnung stellt ein gemischtes System der österreichischen und deutschen Städtewahlordnung dar. Die Wahlen werden auf Grund des Kuriensystems vorgenommen werden, wobei aber in den meisten Kurien das proportioneile Verhältnis eingeführt ist. Derart werden die Juden aus jeder Kurie ihre Repräsentanten entsenden können, selbst dort, wo sie in der Minderheit sind. Das aktive Wahlrecht erhält jeder Bürger des Königreiches Polen, der mindenstens seit 2 Jahren in Warschau wohnt. Die Unterbrechung infolge der Kriegsereignisse kommt nicht in Betracht. Infolge der Bestimmung, daß nur die Bürger des Königreiches Polen das aktive Wahlrecht besitzen, wird wohl ein Teil der in den letzten Jahren eingewanderten russischen Juden kein Wahlrecht haben, aber da diese Juden in Polen bleiben, werden sie im Laufe der Zeit schon das Bürgerrecht im Lande erhalten müssen, da unsrem Deutsch haben (vergl. englisch „many" „viele", nicht „manche"). Hier eine Anzahl von Beispielen: Substantiva: „Jauch" Suppe: „Maul" Mund; „Gesind, Gesindel" Familie und Hausgenossen; „Gaß" Straße; „Bruk" (polnisch! — Red.) Pflaster; „Schtub" nicht nur Stube, sondern auch Haus. (?) Eigenschaftswörter: „dreist" mutig; „gering" leicht; „modne" sonderbar; „schlaff" schwach. Verba: „Antrinken" zu trinken geben; „behalten" verbergen, „derlangen" verabreichen, jemandem etwas vorsetzen; „darten" müssen; „versagen" befehlen (verbieten! — Red.); „schmecken" riechen; „schmeichlen" lächeln; „flihen" fliegen. Umstandswörter: „allenfalls" jedenfalls; „in ganzen" gänzlich; „überhaupt" besonders; „nachten" gestern; „fun deswegen" trotzdem. Die zweite Schwierigkeit liegt in der Durchsetzung mit fremden Bestandteilen. Aus dem Hebräischen, bzw. dem Talmudischen, stammen nicht nur viele dem religiösen Gebiete angehörige Ausdrücke, sondern auch viele Partikeln, manche Redewendungen und eine Reihe einzelner Wörter. Der Dieb z. B. heißt stets „gannab", stehlen „ganbenen", töten „der-hargen" (althebr. häräg totschlagen), der Rat „ecah". — Dem Polnischen gehören viele Ausdrücke des täglichen Lebens an; einiges dem Litauischen oder dem Ruthenischen. Das dem Russischen Entnommene (Kriegswesen, Polizei, Gericht usw.) wird in den jetzt vom russischen Joch befreiten Gebieten zum größten Teil bald verschwinden. Dafür wird der Einfluß des Deutschen einerseits, des Polnischen andererseits wachsen. Mit Nachdruck muß noch darauf hingewiesen werden, daß zum Verstehen jüdisch geschriebener Zeitungen und Bücher genaue Bekanntschaft auch mit der Religion, dem Leben und dem Denken der Juden, besonders der „östlichen", erforderlich ist. Das Jüdische wird meist mit hebräischen Buchstaben gedruckt; zum Schreiben bedient man sich einer besonderen Kursivschrift. — Ein von mir bearbeitetes „Jüdisches Wörterbuch" ist gegenwärtig im Druck und wird in Kürze bei J. C. Hinrichs in Leipzig erscheinen.

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