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Jüdische Korrespondenz · 1916-05-18 · 19 (18.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
19 (18.5.1916)
Date
1916-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. I .«r < * 4 n c» i j. I Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20 | WOCheilblatt fXXX JlldlSChe IntereSSen. j Wien, VUI. Alserstraße 55. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet | Redakteur: Jonas Kreppet. j Erscheint jeden Donnerstag Mr. 19. Großer Erfolg der Kriegsanleihe. Die vierte österreichische Kriegsanleilie hat einen überaus glänzenden Erfolg gebracht. Montag, den 16. U. M., ist die ursprüngliche olfizieüc Zeichnungsirist abgelauien. Ueoer das Resultat wurde folgende Mitteilung veröttentlicht: „Nach einer provisorischen Zusammenstellung haben die bisher gemeldeten Zeichnungen aui die vierte Kriegsanleihe ungefähr den gleichen Betrag w ie bei der ersten Zahlung der dritten Kriegsanleihe erreicht. Die bisherigen Zeichnungen verteilen sich fast zu gleichen 1 eilen auf die 4Ujährige amortisable Staatsanleihe und die siebenjährigen Schatzscheine. Nach den Erfahrungen bei der seinerzeitigen provisorischen Zusammenstellung der Zeichnungen der dritten Kriegsanleihe ist bei definitiver Zahlung noch eine beträchtliche Erhöhung des bisherigen üesamtresultates der vierten Kriegsanleihe sicher zu gewärtigen. Zahlreiche Meldungen, besonders aus der Provinz, sind noch ausständig. Da noch ununterbrochen Anmeldungen bei allen Zeichenstellen einlaufen, viele Zeichnungen am ürund von Hypothekardarlehen noch schweben, die Anmeldungen von Fonds und öffentlichen Körperschaften wegen der damit verbundenen Förmlichkeiten noch nicht durchgeführt werden konnten, endlich auch die Zeichnungen der Zeichnungsvereine und andere Sammelzeiehuungen erst in Abwicklung begriffen sind, haben die Zeichenstellen das dringende Ersuchen um Erstreckung der Zetchenfrist gestellt. Der Finanzminister hat sich in Berücksichtigung dieser Umstände bestimmt gefunden, diesem Wunsche zu willfahren, und hat gestattet, daß Zeichnungen auf die vierte Kriegsanleihe noch bis einschließlich Dienstag, den 23. d. angenommen werden dürfen." Wie aus dieser Veröffentlichung zu ersehen ist, belaufen sich die bisherigen Zeichnungen aut etwa 3300 Millionen — diese Ziffer ergab nämlich die erste provisorische Zusammenstellung bei der dritten Kriegsanleihe. - Infolge der vorgenommenen Eristerstreckung dürfte wahrscheinlich auch diesmal die vierte Milliarde voll erreicht werden. Ein derartiges Resultat am Schlüsse des 22 Kriegsmoriats ist wahrlich ein überaus glänzendes und die Monarchie kann auf diese finanzielle Leistung ebenso stolz sein, wie auf die bisherigen glorreichen Leistungen der tapferen Armeen auf allen Kriegsschauplätzen. Der Sieg auf finanziellem Gebiete reiht sich würdig den Siegen auf den Schlachtfeldern an und das Anleiheresultat ruft den Feinden mit Stolz zu: Oesterreich ist finanziell ebensowenig besiegbar, wie militärisch. Die Fristerstreckung für die Zeichnungen gibt all denjenigen, die noch nicht gezeichnet haben, die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen. Sicherlich wird dies im großen Ausmaße geschehen und alle Bevölkerungskreise werden daran wetteifern, das ihrige zur Vollendung des Sieges beizutragen. Mit besonderer Genugtuung konstatieren wir den Großen Anteil der vaterländischen Judenschaft an diesem glänzenden Erfolge. Die österreichische .ludenschaft hat wie auf allen Gebieten auch hier ihre Pflicht voll und ganz erfüllt und sie kann mit wirklichem Stolze auf die vielstelligen Ziffern zurückblicken, die sich aus ihren Zeichnungen zusammenstellen. Eines speziellen Appells, die letzten Zeichnungstage noch auszunützen, bedarf es sicherlich nicht. Jeder österreichische Jude wird seine Pflicht tun. Kriegsbriefe Uber Juden und Judenium. I. Lieber Freund! Aus deinem letzten Briefe konnte ich warnehmen, daß dein Herz mit schwerer Sorge über das Schicksal deiner hierländischen Brüder erfüllt ist. Du, der du so glücklich bist, in einem neutralen Lande zu leben und dem Krie- Wien, 18. Mai 1916. ge entrückt zu sein, fühlst dich verpflichtet, deinen Brüdern zu helfen. Aber du weißt nicht recht, was ihnen am meisten nottut. Ist es materielle Hilfe, die sie am dringendsten benötigen, oder brauchen sie vielleicht viel eher moralische Hilfe, Schutz und Verteidigung gegen Verleumdungen und Belästigungen, von welchen sie mehr leiden, als unter den Mängeln materieller Natur? Ist die Gegenwartshilfe am dringendsten, oder ist es vielleicht vielmehr nötig, für die Zukunft zu sorgen? Kommt die Sicherstellung ihrer staatsbürgerlichen Rechte in erster Reihe in Betracht, oder soll den Forderungen kulturell-nationaler Natur der Vorrang eingeräumt werden? Du bist überhaupt neugierig zu wissen, von welchen Stimmungen wir da beherrscht werden, empfinden wir eine gewisse Satisfaktion über den bisherigen Kriegsverlauf — insoferne die jüdischen Interessen dabei in Betracht kommen — oder fühlen wir uns vielleicht enttäuscht und in unseren Erwartungen betrogen? Aufrichtig gestanden, es fällt überaus schwer, all diese Fragen objektiv zu beantworten, wie du es wünschst. Würdest du dich mit deinen Fragen an 100 Juden, die den verschiedensten Richtungen angehören werden, du würdest sicherlich so viel widersprechende Antworten erhalten, daß du erst recht im Unklaren sein würdest. Ich will mich auch der Aufgabe nicht unterziehen, alle deine Fragen detailliert zu beantworten. Bloß in großen Zügen will ich es versuchen, dir zu sagen, wie ich subjektiv über all,, diese Probleme denke. Deine Sache wird es dann'sein, darüber klar zu werden, inwiefern mein Standpunkt dein deinigen entspricht und ob du Ursache hast, die Situation ebenso zu beurteilen, wie ich. Vor allem laß dir gesagt sein, daß ich beiweitem nicht so pessimistisch gestimmt bin. wie du angehaucht zu sein scheinst. Ich bin ja sonst kein Optimist und während Andere bei jeder neuen Erscheinung im jüdischen Lager, sei es in politischer, kultureller, materieller oder religiöser Beziehung, aufzujauchzen pflegten und von einer Wendung im Schicksal des jüdischen Volkes zu faseln gewohnt waren, war ich stets derjenige, der zu sa^en pflegte: warten wir lieber die realen Resultate ab und loben wir nicht den Tag vor dem Abend! Diesmal aber beurteile ich die Situation ganz anders und glaube, daß wir Juden im allgemeinen Ursache haben, mit dem bisherigen Kriegsresultat zufrieden zu sein. Du brauchst mich natürlich nicht mißzuverstehen. Keineswegs verhehle ich meinem Blicke die gewaltigen Opfer an Gut und Blut, die der Krieg gerade von den Juden gefordert hatte und noch fordert. Keineswegs täusche ich mich auch über all das hinweg, was Anderen in Bezug auf die Zukunft der Juden im Osten — denn um diese handelt es sich ja hauptsächlich — so schwere Sorgen bereitet. Aber die Sache muß auch von einem anderen Gesichtspunkte betrachtet und bewertet werden und dann kommt man oft zu ganz anderen Schlußfolgerungen. Der Krieg ist keine Spielerei und wer am Krieg teilnimmt, muß sich auf gewaltige Opfer gefaßt machen. Diejenigen Bevölkerungskreise, die sich im eigentlichen Kriegsgebiete befinden, leiden natürlich am stärksten. Passiert einer Volksklasse das Malheur, den Haß des Feindes, aus religiösen oder nationalen Motiven, ganz besonders zu erregen, dann leidet gerade diese Volksgruppe durch den Krieg am meisten, wenn der Feind die Gelegenheit bekommt, dieselbe seine harte Faust fühlen zu lassen. Unsere Glaubensbrüder im Osten waren es, die sich in einer solchen Lage befunden haben und sie mußten den Giftbecher bis zur Neige kosten. Darüber kann es keine zwei Aleinungen geben, daß sie mehr als die anderen Volksgruppen zu leiden hatten und deswegen auch am dringendsten Hilfe benötigen. Die Frage ist nur. ob das Resultat des Krieges an und für sich ihnen wenigstens eine gewisse Kompensation für ihre speziellen Leiden bieten könne und werde. Haben sie nun einmal gerade als Juden so viel zu leiden ge- 2. Jahrgang. habt, so ist die Frage berechtigt: was haben sie speziell als Juden vom Kriegsresultaie zu erwarten und zu erhoffen? Um diese Frage richtig zu beantw onen. muß ihr — nach echt ostjudischer Art --■ zunächst mit einer Gegenfrage begegnet werden: was haben wir uns, als Juden, überhaupt vom Knegsresultat versprochen? Welchen Erwartungen, welchen sagen wir: Illusionen - haben wir uns hingegeben, um heute beurteilen zu können, ob wir befriedigt oder enttäuscht sein dürfen? Ich weiß natürlich nicht, wie du und deine Freunde, sagen wir, w ie deine Gesinnungsgenossen, sich die Sache vorgestellt haben. Ich bin mir nur darüber klar, daß bis hart vor Kriegsausbruch die schreckliche Lage der b Millionen Juden in Rußland am dem ganzen Judentum wie ein schwerer Alpdruck gelastet hat, daß fast sämtliche judischen Organisationen und Aktionen die Lage dieser unserer Brüder zum Ausgangspunkte oder zum Gegenstände hatten, daß der größte Teil all der Millionen, welche seit 'lag und Jahr seitens der diversen jüdischen Organisationen, Hilfskomitees etz. aufgebracht und ausgegeben werden mußten, zugunsten dieser unserer Brüder verwendet wurde, angefangen von der Alliance, der Baron Hirsch-Stiftungen, der lea etz. bis zum Zionismus und Territorialismus. Rußland galt als der Erbfeind der .ludenschaft und gegen Petersburg waren alle unsere Verwünschungen gerichtet. Die Erlösung unserer Millionen Brüder vom Zarenjoche galt uns allen als Ideal, für welches kein Opfer zu teuer und zu groß sein kann. Nun haben wir dies teilweise bereits erreicht. Das Zarenreich ist militärisch niedergerungen. Mag das endgültige Kriegsresultat w ie immer ausfallen, die russische Reaktion hat einen Todesstoß erlitten und dürfte das Kriegsende nicht lange uberleben. Abgesehen davon, daß Millionen unserer Brüder schon heute den Klauen des Zaren entrissen sind, dürfte sich auch das Los derjenigen, die unter russischer Herrschaft verbleiben werden, sicherlich bedeutend bessern. Das auf den Schlachtfeldern niedergerungene Rußland wird seinen Völkern mehr Freiheit geben müssen und auch die Juden werden daran partizipieren. Ist dieses Resultat nicht wichtig genug, um uns als teilw eises Entgelt für die unsererseits speziell als Juden gebrachten Kriegsopfer zu gelten? Abgesehen davon, daß bei Kriegsbeginn auch fast eine Million Juden in Galizien und der Bukowina Gefahr lief, das Schicksal ihrer russischen Brüder teilen zu müssen. Wie groß war unsere Freude, als (iahzien und die Bukowina von der zeitweiligen russischen Invasion befreit wurden! Damals, in jenem großen Momente, haben wir alle empfunden, welch großes Glück uns zuteil geworden ist. Heute scheint ein Teil unsrer Brüder diesen Umstand vergessen zu haben. Der Mensch ist nur zu leicht geneigt, drohende Gefahren zu vergessen, sobald sie abgewendet wurden. Freilich, es gibt viele unter uns, die h e ut e - ich betone absichtlich dieses Wort vorgeben, sie hätten vom Krieg ganz andere Resultate erwatet: das gänzliche Verschwinden des Judenhasses in allen Ländern, die Anerkennung der Juden als besondere Nation, die Erreichung der zionistischen Ideale in Palästina. ........ mit einem Worte: die Lösung der Judenfrage in derjenigen radikalsten Form, wie sie gerade diesen Kreisen zusagt. Da dies bisher nicht erreicht worden ist. da sich die Erreichung dieses Zieles bei der heutigen Sachlage als schwer-möglich zeigt, so spielen diese Kreise den Verzweifelten und sind einer schweren Depression verfallen. Lieber diese Probleme an und für sich, deren Lösungsmöglichkeiten im Zusammenhänge mit dem Kriege etz., werde ich mir erlauben, in meinen nächsten Briefen ausführlicher zu sprechen. Heute will ich mir nur die Bemerkimg erlauben, daß es eigentlich nur Selbsttäuschung ist, sich einreden zu wollen, daß irgendjemand bei Kriegsausbruch

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