Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 18 (11.5.1916)
- Date
- 1916-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. jüdische Korrespondenz Seitt 3 sen, deren Männer und Väter den Tod für das Vaterland erlitten, am Schlüsse des Krieges vom Staate eingehoben und getrennt von den übrigen Etatsposten des Reichshauslialtes ver waltet und verwendet werden. Die Absonderung eines derartigen „Zehnten" von den materiellen Qlüeksgiitern unserer wohlhabenden Klassen bedeutet vorn sittlichen wie vom sozial-politischen Standpunkt aus die ethischste Steuerleistung, die je ein Staat von seinen Pflichtigen eingefordert, um sein Budget ins Gleichgewicht zu bringen; denn sie bedeutet nur die Abtragung einer Ehrenpflicht und einer Dankesschuld an diejenigen, die der Krieg ernährerlos oder arbeitsunfähig gemacht hat und die der Staat mit Recht all jenen auferlegt, die ihren Besitz ganz oder zum größeren Teile aus den Stürmen und Erschütterungen des Völkerringens in die Friedenszeit gerettet haben." Die neue Zeil in Palästina. Die bekanntlich früher streng antisemitische Berliner „Kreuzzeitung" veröffentlicht folgenden überaus charakteristischen Artikel, den wir hiemit reproduzieren: „Palästina ist das Heilige Land für Christen, Juden und Mohammedaner. Politisch spielt es gleichfalls eine große Rolle; die Großmächte England, Frankreich und Rußland betrachten es als ein Stück der Türkei, welches über kurz oder lang den Osmanen entrissen werden muß. In England ist es oft genug verkündet worden, daß dieses Nachbarland des Suezkanal niemals in andere als englische Hände kommen darf. Die Franzosen, welche Syrien als „ihre Provinz" ansehen, möchten ihren Einfluß auch auf Jerusalem und die heiligen Stätten ausdehnen. Man weiß, wie schmerzlich es für sie war, als der Deutsche Kaiser ihnen das Jahrhunderte alte Vorrecht nahm, sich als Beschützer des Heiligen Landes aufzuwerfen. Die Russen halten es für ihre Aufgabe, das Land zu gewinnen, um den Zaren vor dem frommen russischen Volke als den großmächtigsten Beschützer der heiligsten Stätten der Erde zu feiern. Gerade die Russen haben es seit Jahr und Tag am eifrigsten versucht, durch Errichtung zahlreicher Kirchen und Anstalten ihren Einfluß dort geltend zu macheu. Aber trotz dieses Liebeswerbens haben sie in Palästina nie Sympathien errungen. Man hat aus dem Kaukasus und aus Persien oft genug Erzählungen gehört über die Gewalttaten der russischen Knute, über die Bestechlichkeit der russischen Beamten und ihre erbarmungslose Unterdrückung aller Andersgläubigen. Unverjährbare Ansprüche auf Palästina machen mit dem größten Recht Juden geltend. Sie können die Heimat, das Land Abrahams, Isaaks und Jakobs, das Land, da Milch und Honig fließt, nicht vergessen. Der Zionismus hat dort, das muß man anerkennen. Großes geleistet. Politische Phantastereien aber sind es, wenn von England der Plan ausgeht, daß nach dem Siege des Vierverbaudes Palästina wiederum ein Reich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem werden solle, das einen neutralen Pufferstaat bilde, der seine Befehle natürlich ausschließlich von der Themse erhält. Auf diesen Vorschlag hin haben die Zionisten ausdrücklich betont, daß sie in erster Linie ein gutes Einvernehmen mit der Türkei, mit der Macht, der Palästina gehöre, aufrecht zu erhalten wünschen. Nicht eine Schwächung, sondern eine Stärkung des Osmanenreiches wünschten sie, und eine nationale Einigung der Juden könne dazu nur förderlich sein. Es ist wahrscheinlich, daß nach dem Krieg eine stärkere jüdische Einwanderung nach Palästina stattfinden wird, nicht aus dem Westen Europas, wo es den Israeliten gut geht, sondern aus Rußland. Was haben diese armen russischen und polnischen Juden in den letzten Jahrzehnten, ganz besonders aber während dieses Krieges, Entsetzliches gelitten! Zahlreiche Pogrome haben stattgefunden; viele Zehntausende wurden von ihren Geburtsstätten vertrieben und ihrer Habe beraubt. Tolerant, wie die Türken von jeher waren, haben sie neuerdings allen Widerstand gegen die jüdische Einwanderung in Palästina fallen lassen; eine besondere Erlaubnis zum Einwandern braucht nicht mehr erteilt zu werden, jeder Israelit kann nach Belieben seine Wohnung im Heiligen Lande aufschlagen. Palästina und Syrien scheinen jedenfalls berufen, nach dem Kriege eine große Rolle zu spielen. Der Präsident der osmanischen Kammer und viele andere haben es ausgesprochen, daß es das wichtigste Ergebnis des großen Weltkrieges sein werde, daß von der Scheide bis zum Indischen Ozean eine machtvolle Völkergruppe geschaffen wird, die sich gegen den englischen Eigennutz, den russischen Ehrgeiz, die französische Revanche und gegen die italienischen Verräter wendet. Syrien und Palästina sind aber ein wichtiges Bindeglied nach Mesopotamien und nach Aegypten, "verbinden erst Eisenbahnen üiese Länder mit Europa durch Palästina hindurch, so wird dort eine neue Zeit tiereinbrechen, und es eröifnen sich weite hoffnungsvolle Ausblicke für die Zukunft. Die französischen Bahnen in Syrien und Palästina sind bekanntlich enteignet und zwangsweise von den Türken zurückgekauft worden. Es sind die Linien Jaffa—jerusalem, uie Libanonbalm zwischen Beirut und Damaskus, rioms und Tripoli, sowie die Verbindungsstücke des Anschlusses der Linie Beirut—-Damaskus zwischen Rajak und Aleppo. Lieber den Vveiterbau der Linie Nablus- Jerusalem, welche bis nach Li Kantarah getrieben werden solite, wird verschieden berichtet. Jedenfalls ist diese Eisenbahn, deren strategischer Zweck auf der Hand liegt, in letzter Zeil außerordentlich weit vorgeschoben. Durch ingenieuse Einrichtungen hat man es verstanden, ähnlich wie bei der Mekkabahn, die schwierige Vvasserirage zu lösen. Aegypten mit dem Suezkanal ist für Großbritannien, wie Bismarck sich einmal ausdrückte, das Genick. Möge es den Türken gelingen, England das Genick abzudrehen!" Dr. Artur Manier s. A. Der ehemalige zionistische Reichsrutsabgeordnctc inU Privatdozent iiir klassische Archäologie an der deut- ,cheu Universität m Prag, Dr. Artur Maliter, ist am 2. J. in Wien gestorben. Doktor Mahler wurde am 1. August 1S71 in Prag gc- >oreii, studierte an den deutschen Universitäten Prag md Wien Archäologie und promovierte zum Doktor der Jlnlosophic. Im Jahre 19U2 erschien seine Schritt „Poj Schuh ii Jahre über die Gemäldesammlung des Louvre. Er war Mitarbeiter der „Revue Archäologie" und des „Jahrbuches des deutschen archäologischen Instituts". Damals habilitierte er sich als Dozent ihr klassische Archäologie ai der deutschen Universität in Prag. Er wurde dann Pro Rom. Das k. k. Oesterreichische archäologische Institu und die Aeademie Scientifique in Paris ernannten ihi zum korrespondierenden Mitglied. Dr. Mahler machu große Studienreisen in Europa und kam auch ais Forscher nach Kleinasien und Nordafrika. Dr. Mahier ubersetzte auch S. Reinachs Werk „Orpheus, allgemeine Üe- Zur Zeit der ersten allgemeinen Wahlen iür da Abgeordnetenhaus trat Dr. Mahler ais zionistischer Kan didat im Wahlbezirk Trembowla in üalizien aui. Ii zwei Abgeordnete zu wählen waren, kam er im erste) Wahlgange mit sieben Maiidatswerbern in Konkurrenz Von den 31.258 abgegebenen Stimmen erhielt ei im 2504. Um die Wahl eines zweiten polnischen Mandat Mäh bezirke der Bukowina, doch gelang es ihm nicht, dieses Mandat zu erlangen. Die deutschnatioiialen Studenten an der Präger Universität überreichten dem Rektor unter Hinweis auf die Zugehörigkeit Dr. Mahlers zur ziodesselben an einer deutschen Hochschule. Dr. Mailler sah sich infolge dieser Bewegung veranlaßt, seine Vor- Als Abgeordneter erfreute sich Dr. Mahler im Parlamente großer Achtung. Seine Reden zeichneten sich stets durch Formvollendung und gediegenen Inhalt aus und machten auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck. Nur in den Augen seiner engeren Klubkollegeri fand Dr. Mahler keine Gnade, da ihnen dessen überragende Fähigkeiten ungelegen waren und er geriet öfter in Konflikt mit Dr. Straucher und Stand. Diese Reibungen führten dazu, daß Dr. Mahler bei seiner zweiten Kandidatur in der Bukowina seitens der zionistischen Partei nicht mehr unterstützt wurde. Dieser förderte vielmehr die Kandidatur Lucian Brunners, und das Resultat dieser Taktik war, daß das Mandat bei der Stichwahl dem christlich-sozialen Hruschka zufiel. Seither hat sich Dr. Mahlcr offiziell von jeder Tätigkeit in der zionistischen Partei zurückgezogen. In den letzten Jahren war Dr. Mahler als politischer Publizist in Wien tätig. So wirkte er durch einige Zeil ais politischer Redakteur beim „Illustrierten Wiener Extrablatt". In letzter Zeit war er Wiener Korrespondent des „Pester Lloyd". Dr. Mahler gehörte auch während einer Wahlperiode der Verwaltung der „Concordia" an. Dr. Mahler erkrankte vor sechs Monaten an dem Leiden, das ihn nun dahingerafft hat. In seinem letzten Willen hatte Dr. Mahler gebeten, daß über seinen Tod erst nach der Beisetzung berichtet werden möge. Jüdische Kriegsbilder. Der bekannte jüdische Maler Isidor Kaufmann, der Schilderer des jüdischen Volkslebens und seiner Typen, in lJstsalizn.il, ais der Krieg ausbrach und mich daran hinderte, meine Studienplätze, auf denen ich alljährlich v leie Monate lang malte, zu besuchen die Arbeitsstätten, aus denen ich ate Motive, Handlungen und Gestalten zu löptle einem Male zu ieu, aui dem die ies ausgefochteu Beginn des Krie- : das l luchiluigseleiid. / stand ich als Künstler l besonderen als Maler, irstelluiig des jüdischen . Bis t : Heu atlos, 1 und Hoi und ihren daran wurzelnden Sitten und brauchen standen diese Flüchtlinge inmitten einer n Erscheinungswelt mit grell kontrastierender Leben: tassung. Verwirrt suchten sie nach einem Halt und j Arbeit vollende neuerbauten Heimen, beeinflußt durch das Lei« reu Städten, wird gewiß manches von der äul; iieniuiigslorni des Menschen, die ich male, teilt. Zahlreiche meiner galizisehen Modelle, i irgendwo genaue Aus dem zionistischen Lager. Am 25. April hat in Wien eine Sitzung des Lxckutivkomites der österreichischen Zionisten stattgefunden, bei welcher der folgende Beschluß gefaßt wurde: „Das Lxekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs als die derzeitige Repräsentanz der österreichischen zionistischen Gesamtorganisation erklärt es für eine bindende Verpflichtung aller organisierten Zionisten Oesterreichs und deren V ereinigungen, während der Kriegsdauer keine wie immer geartete Unternehmung politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder auch nur charitativen Charakters ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Exekutivkomitee in Wien zu inaugurieren, mit Vertretern anderer politischer Parteien, staatlichen, Landes- oder Gemeindebehörden zu vereinbaren oder in der Fresse oder in öffentlichen Versammlungen zu propagieren. Ausgenommen von dieser Bestimmung sind usgesprochen lokale Unternehmungen, derei unpolitischer Charakte steht." Wie man von zi richtet sich dieser et\ ziell gegen ein bisher „ österreichischen Zionis Zeit aus Gründen pers außer jedem Zweifei istischer Seite berichtet, s seltsame Beschluß sperrendes Mitglied" der en, welches in letzter inlicher Natur allzu sehr mit gewissen sogenannten „assimilatorischen Kreisen" koketiert und auch Mitglied eines assimilatorischen Komitees geworden ist. dessen Tendenzen denjenigen der Zionisten widersprechen. In der Partei hat es deswegen große Aufregungen und heftige Auseinandersetzungen gegeben, und man glaubte schließlich, mittelst eines speziellen Beschlusses derartigen Vorkommnissen einen Riegel vorschieben zu müssen. Ob der betreffende „Parteiführer", der sonst sehr strenge Disziplin — predigt, sich durch diesen Beschluß zu einer Aenderung seiner Taktik bestimmt sehen wird, bleibt abzuwarten. Vorläufig zeigt er wenig Lust, auf die Gesellschaft der ihm merkwürdigerweise plötzlich so lieb gewordenen Assimilanten zu verzichten. Die Angelegenheit könnte in diesem Falle zu neuen Weiterungen Anlaß geben, umso eher, als es gerade die Zionisten des Ostens sind, die ihrem Kollegen sein Vorgehen, in dem sie einen Affront gegen sich erblicken, überaus arg verübeln.