Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 18 (11.5.1916)
- Date
- 1916-05-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jiidtedie Korresp<MMlenz Nr. 18. Die Woche. Statthalter Baron Diller in Lemberg. Aus Lemberg wird uns berichtet: Vorige Woche ist der neuernannte galizische Statthalter, Generalmajor Baron IHlrcr, hier eingetroffen. Unter den Deputationen, werche vom Landeschef empfangen wurden, befand sich auch die Repräsentanz der hiesigen Kultusgemeinde, Kaiserlicher Rat Jakob Stroh, sowie die Vorstandsmitglieder Dr. Bund und I >r. Oruder. Im Namen der Deputation schilderte Herr Stroh dem Statthalter die schwierige Lage der Kultusgemeinde, welche infolge der Kriegsereignisse große Aufgaben zu erfüllen hat, jedoch über viel kleinere Mittel als sonst verfügt. Eine materielle Unterstützung seitens der Landesregierung wäre daher dringend geboten. Se. Exzellenz zeigte großes Interesse für die vorgebrachten Ausführungen, erkundigte sich eingehend über verschiedene Einzelheiten und versprach, die Wünsche der Kultusgemeinde nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Ferner empfing der Statthalter eine Deputation des jüdischen Rettungskomitees, bestehend von den Herren: Vizepräsident Professor Bromberg, Univ. Professor Dr. Schorr, Dr. Ringel und Sekretär Rubenzahl. Prof. Bromberg schilderte dem Landeschef die traurige Lage der durch den Krieg so hart mitgenommenen jüdischen Bevölkerung, verwies auf die bisherige Tätigkeit des Rettungskomitees, dessen Mittel fast ganz erschöpft sind und erbat Hilfe seitens des Staates. Der Statthalter verfolgte die vorgebrachten Schilderungen mit lebhaftem Interesse und versprach, die geäußerten Wünsche eingehend zu prüfen und im Rahmen der Möglichkeit entsprechend zu berücksichtigen. General-Gouverneur Feldzeugmeister Kuk. An Stelle des zum Statthalter von Oalizien ernannten General-Gouverneurs des polnischen Okkupationsgebietes, Generalmajor Baron Diller, ist der bisherige Festungskommandant von Krakau, Feldzeugmeister K. Kuk. zum General- Gotiverneur ernannt worden. In seiner bisherigen Wirksamkeit hat sich der neue General- Gouverneur durch ein besonderes Gerechtigkeitsgefühl und Wohlwollen für .ledermann ausgezeichnet. Auch die Juden Krakaus wissen nur gutes von seiner Freundlichkeit und Zuvorkommenheit zu erzählen. Alt dies läßt erwarten, daß der neue General-Gouverneur auch in seinem neuen Wirkungskreise von denselben Grundsätzen sich leiten lassen wird. In diesem Sinne können die Juden des Okkupationsgebietes den neuen Verwaltungschef mit dem weitgehendsten Vertrauen begrüßen. Der Wiederaufbau Gaiiziens. „Gazeta Lwowska" veröffentlicht eine Verordnung des Statthalters von Oalizien. die die Statuten der galizischen Landeszentrale zum ökonomischen Wiederaufbau Galiziens enthält. Die Landeszentrale teilt sich in drei Abteilungen, in eine Bau-, eine Landwirtschafts- und Forstabteifung und schließlich eine Industrie-, Kleingewerbe- und Handelsabteilung. In den einzelnen Bezirken werden Bauexposituren errichtet. Die Bauabteilung erledigt die Angelegenheiten der durch die Kriegsereignisse zerstörten Städte, Dörfer, Komunikationen etc., die landwirtschaftliche Abteilung befaßt sich mit der Hebung der Land- und Forstwirtschaft, die dritte Abteilung mit der Hebung von Industrie, Handel und Gewerbe. Der Landeszentrale wird als beratende Körperschaft ein Beirat beigegeben, der aus 24 Mitgliedern besteht, von denen 6 vom galizischen Landesausschuß delegiert und 18 vom Statthalter ernannt werden. Rituelle Verköstigung jüdischer Soldaten. Auf verschiedene Anfragen wird mitgeteilt, daß das k. u. k. Kriegsministerium, Abt. X1I„ bezüglich der rituellen Kost für die israelitischen Mannschaftspersonen mit den Erlässen N. 113.483/15 vom 5. Januar 1916 und Nr. 31.340 vom I. April 1916 folgendes verfügt hat: „Den Soldaten israelitischen Glaubens ist nach Möglichkeit die rituelle Kost durch Köche ihrer Konfession, namentlich bei jenen Unterabteilungen zubereiten zu lassen, bei welchen ein größerer Prozentsatz dieser Mannschaft vorhanden ist. Das Zutragen rituell zubereiteter Kost wird nicht gestattet, hingegen wird über vorgebrachte Bitte die Auszahlung des Menagegeldes auf die Hand, jedoch nur an den höchsten Feiertagen bewilligt. Mehrkosten dürfen keine erwachsen." Nach Berichten, welche der k. u. k. Militärseelsorge zugegangen sind, ist bereits in mehreren Stationen die rituelle Küche eingerichtet. hin Preßprozeß wegen der jüdischen Flüchtlinge. Am letzten Samstag, den 6. d. M„ fand beim Landesals Berufungsgericht in Wien die Beruiungsverhandlung über die Berufung des Dr. S. R. Landau als Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der „Neuen Natiorrai- Zeitung" gegen das Urteil das Bezirksgerichtes Josetstadt in Strafsachen statt, womit Dr. Landau wegen Außerachtlassung der pflichtgemäßen Obsorge bei der Veröffentlichung eines gegen Ingenieur Robert Stricker gerichteten Artikels schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von K 30.— verurteilt wurde. Es handelt sich da um eine Affaire, die bereits auf September 1914 zurückreicht. Damals hat die „Neue National-Zeitung" eine Notiz verofierrtlicht, wonach Ingenieur-Robert Strikk e r, der bekanntlieh ein Führer der Wiener Zionisten ist, in einer Vorstandssitzung des „Jüdischen Asylvereines" nachstehende Aeußerungen über die galizischen Flüchtlinge gemacht haben sollte: „Mir sind die aufgeputzten Weiber aus Galizien ein Dorn im Auge. Man muß alles anwenden, um uns die galizischen Flüchtlinge vom Hals zu schaffe n." Wegen dieser Notiz überreichte Ingenieur Stricker gegen Dr. Landau, als Herausgeber und verantwortlichen Redakteur der „Neuen National-Zeitung*', die Ehrenbeleidigungsklage. Das Strafverfahren in dieser Sache dauerte l'/s Jahre, da Dr. Landau den Wahrheitsbeweis führte. Es wurden in demselben zahlreiche Zeugen einvernommen, darunter mehrere Kultusvorsteher, Dr. Schwarz-Hiller und zionistische Parteimänner, durch welche wieder Herr Stricker seine den galizischen Flüchtlingen wohlwollende Gesinnung beweisen wollte. Das Verfahren endete mit dem Urteile vom 21. Februar 1916, wonach Dr. Landau schuldig erkannt wurde, da der von ihm geführte Wahrheitsbeweis nur teilweise gelungen sei. Die dagegen von Dr. Landau überreichte Berufung war nun am letzten Samstag Gegenstand einer dreistündigen Berufungsverhandlung. Sie endete mit der Aufhebung des 1. Urteils und Freisprechung des Dr. Landau, der sich selbst verteidigte. Die gesammten Kosten des Strafverfahrens wurden dem Herrn Stricker zur Zahlung auferlegt. Auf dieses Urteil, welches ungemein interessant ist, werden wir, sobald es in schriftlicher Form vorliegt, noch zurückkommen. Chronik. Roheit eines antisemitischen Vorgesetzten im französchen Heere. In dem Pariser Blatt „Victoire" berichtet Gustave Herve. der offen Unzuträglichkeiten in der französischen Republik geißelt: „Nachdem der Überleutnant Blum verwundet worden war, lieli sich dessen Vorgesetzter, als die Krankenträger den Schwerverwundeten auf eine Bahre betteten, zu der Aeußerung herbei: „Laßt ihn doch, höchstens gibt es einen Juden weniger." Eine Sederieier für Soldaten. Ein buntbewegtes Bild bot der Seder, den die deutsch-israelitische Kultusgemeinde in Sofia für die als Gäste in Bulgarien weilenden jüdischen Soldaten der verbündeten Armeen veranstaltete. Etwa dreißig Deutsche, Oesterreicher und Ungarn, darunter eine Anzahl Sanitätsoffiziere, vereinigten sich nach einem weihevollen Gottesdienst in der Synagoge im festlich geschmückten Sitzungssaale des Konsistoriums. Der Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Zemach, leitete die Feier. Vor Beginn des Festmahls hielt der Präsident der Gemeinde, Herr Josef Ferber, eine patriotische Ansprache. Er gab seiner Freude Ausdruck, Glaubensgenossen aus den verbündeten Ländern begrüßen zu können, die, fern von der Heimat, hier ihre Pflicht erfüllen, bis der erhoffte siegreiche Frieden erkämpft ist, und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die vier verbündeten Monarchen, die Schirmherren ihrer Völker ohne Unterschied von Glauben und Nationalität. Noch andere Ansprachen würzten das Mahl, im Namen der geladenen Soldaten dankte Telegraphist Hirschfeld- Harhurg für den freundlichen Empfang und die so schöne, stimmungsvolle Feier. Der Seder verlief in schönster Harmonie, und man trennte sich mich dem Bewußtsein, eine herrliche Stunde verlebt zu haben. Das probate Mittel für die russischen Nöte. Wie der „Schweizerischen Telegrapheninformation" aus Petersburg gemeldet wird, hat Abgeordneter Roditschew in der Duma schwere Anklagen gegen die Regierung wegen der Verfolgung der Nationalisten und insonderheit der Deutschen und Juden erhoben. Seine Rede schloß er mit der Erklärung, daß die Regierung aus allen ihren Verlegenheiten immer noch nur mit dem einen alten Auskunftsmittel der Judenhetze herauszukommen hoffe. Wie die Entente die Saioalker Juden gewinnen wilL Wie aus Athen depeschiert wird, hat eine französische Buchhandlung in Saloniki einen „Führer" veröffentlichen lassen, in dem Saloniki als ausschließlich jüdische Stadt bezeichnet wird. Die griechischen Behörden haben diese Schrift beschlagnahmt und gegen die Verfasser und den Verleger das Strafverfahren eingeleitet. Siegwart Frledmann. Der namentlich in seinen tragischen Rollen sehf berühmte Schauspieler Professor Siegwart Friedmann ist, 74 Jahre alt, am 22. April in Dresden gestorben. Sonnentlial erkannte sein großes, schauspielerisches Talent, und Dawison, der Friedmanns Ausbildung selbst übernahm, bestimmte den jungen Künstler, ihm nach Dresden zu folgen. Im Jahre 1863 trat Friedmann zuerst im Stadttheater zu Breslau auf, für das er sofort verplichtet wurde. Im nächsten Jahre gastierte er mit Dawison in Wien und nahm dann ein Engagement am Hoftheater zu Berlin an. Dann wurde er Mitbegründer und von 1882 bis 1892 Soziäter des Deutschen Theaters in Berlin. Im Jahre 1893 zog er sich von der Bühne zurück und lebte seitdem in Blasewitz bei Dresden. J. L. Perez-Gedenkieier. Gelegentlich des Todestages des berühmten jüdischen Volksdichters J. L. Perez wurden in vielen Städten Polens und Rußlands Gedenkfeiern veranstaltet, in denen der beliebte Dichter in rührender Weise gefeiert wurde. Bad Kudowa, Schlesien. In Berlin und auch anderweitig ist allgemein das Gerücht verbreitet, daß Bad Kudowa infolge des Krieges geschlossen sei und daher die Ermöglichung einer Kur nicht gesichert ist. Das Gegenteil ist der Fall. Bad Kudowa war den ganzen Winter für Kurgäste mit seinen Kurmitteln in Bereitschaft und ist auch jetzt in jeder Beziehung für den Empfang von Kurgästen gerüstet. Nicht nur. daß die Kurmittel vollzählig zur Verfügung stellen, sondern muß auch noch betont werden, daß die Lebensmittelversorgung im Kreise Glatz unter möglichster Berücksichtigung der dort liegenden Kurorte wie im ganzen Deutschen Reiche aufs Beste geregelt ist. Nur ist zu beachten, daß zu einem Kuraufenthalt Abmeldebescheinigungen des jeweiligen Einwohneramtes und der Lebensmittelversorgungsstellen mitzubringen sind. Ausländer müssen im Besitze eines avisierten Passes sein, welcher nur gegen ärztliches Zeugnis ausgestellt wird. Neue Bücher. Eduard Fuchs, „Der Weltkrieg in der Karikatur". Mit etwa 700 Textbildern und rund 100, vielfach doppelseitigen, zum Teil farbigen Beilagen. In 30 Lieferungen zu 1 Mark. Lieferung 2—10. Verlag von Albert Langen in München. — Von dem bei Albert Langen erscheinenden Lieferuugswerk von Eduard Fuchs „Der Weltkrieg in der Karikatur" (30 Lieferungen zu je 1 Mark), dessen erste Lieferung bereits empfehlend besprochen wurde, liegen nunmehr 10 Lieferungen vor, die etwa zwei Drittel des ersten Bandes umfassen. Textlich eine großzügige Entwicklungs- und Kriegsgeschichte der ganzen Welt seit dem 15. Jahrhundert, bildlich eine chronologisch* Sammlung der besten Kriegskarikaturen, die es überhaupt gibt; das ganze ein kulturgeschichtlich und künstlerisch höchst bedeutsames Werk, das es ermöglicht, gewissermaßen zwischen den Zeilen der Weltgeschichte zu lesen und die inneren Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kriegen zu erkennen. — Nach dem schauerlich-erhabenen Auftakt der ersten Lieferungen „Der Tod in der Karikatur" behandelt der Verfasser in den zehn vorliegenden Lieferungen die Zeit bis etwa zum 70er Krieg. Die folgenden Lieferungen des ersten Bandes sollen die Geschichte bis zum Ausbruch des Weltkrieges darstellen, dem dann der zweite Band ausschließlich gewidmet sein wird. Unser heutiger Krieg ist nicht als Ereignis für sich zu betrachten, er ist der letzte Akt eines unheimlichen Dramas, die notwendige Folge einer jahrhundertelangen Entwicklung, und es ist ein erfreuliches Zeichen seines wissenschaftlichen Ernstes, daß der Verfasser auf Kosten einer vielleicht größeren Aktualität der Behandlung des Krieges selbst die Darstellung seiner geschichtlichen Ursachen vorangestellt hat. — Die Anschaffung des Werkes sei allen Gebildeten empfohlen, für Bibliotheken ist sie geradezu eine Notwendigkeit. „Die Grenzen der bulgarischen Verwaltung In Serbien" sind auf der eben neu erschienenen Freytagschen Karte der Balkanhalbinsel. Ausgabe 1916, 1:1,250.000, 80:100 cm groß, Preis bei Voreinsendung des Betrages mit Porto K 1.30 — M 1.10, Verlag G. Freytag & Berndt, Wien VII. (Robert Friese, Leipzig, Seeburgstr. 96) bereits eingetragen. Auch sonst weist die Karte in der neuen Ausgabe verschiedene Vorzüge den früheren gegenüber auf. So ist vor allem die Karte durch Anzeichnung bedeutend erweitert und läßt nicht nur die ganze Balkanhalbinsel, sondern auch die zahlreichen Inseln des Archipels bis einschließlich Kreta und Rhodos, dann das vordere Kleinasien bis einschließlich Kasteloryzo ersehen. Zahlreiche Namen und eine gut verständliche Geländedarstellung sowie eine hübsche Ausführung in fünf Farben sind weitere Vorzüge der sehr preiswerten Karte. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jons Kreppai. — Buchdruckern „MeUntrich", Wien IX, Pramergaate 6. (Verantwortlich S. Qrüohut.)