Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 17 (4.5.1916)
- Date
- 1916-05-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUdlsche Korrespondenz Nr. 17. wenn ihre Berufung zum Gegenstand derartiger Kämpfe gemacht werden sollte, wie wir sie letztens in Wien gesehen haben.) Das Versagen des russischen Utoeraiismus in der Juoemrage. UAiW Der sogenannte progressive Block üer russischen Reiehsduma hat in der Judenirage vuliig versagt und uainit seine Pnnzipienunu Charakterlosigkeit auts Neue oitenban v\ je ueKannt Hatte üer jüuiscfie Abgeordnete i nedmann eine Dringliehkeitsinterpellaüon wegen der Zirkulare des Polizeidepartements und ues bteueramtes des Finanzministeriums eingebracht. Diese Interpellation wurde uann aus einem gewissen technischen ürund durch eine Kurze Anfrage des Deputierten Bomasch ersetzt. Den Interpellanten wurde ursprünglich uie Unterstützung der Kadetten uiiü des gesamten progressiven Blocks m Aussicht gestellt. Balu Dekanien aber die Kadetten mit Mujukow an üer Spitze, der die rnedmannsche Interpellation unterzeichnet hatte, f urcht vor der eigenen Courage und sie drangen in die jüdischen Abgeordneten üie Interpellation zurückzuziehen. Aiiiänglich ohne Erfolg. Als uie Antrage zur Verhandlung kam, gauen Vertreter des Finanzministeriums unü ües Polizeidepartements frapierende Erklärungen ab. Sie konnten die Richtigkeit der in der Interpellation aufgestellten Behauptungen nicht leugnen, sie bestätigten die Existenz beider Zirkulare, die üie gesamte russische Judenheit des Hochverrats und der Spionage bezichtigten und ihr die allgemeine Teuerung und den Mangel an Seheidemnünze zur Last legten. Dabei berichtete der Vertreter des Finanzministeriums, daß das Zirkular des Steuerdepartements (wegen der Teuerung und des Scheideinnünzenmangels; zurückgezogen worden sei. Der Vertreter des Polizeidepartements wiederum behauptete, die Beschuldigungen wegen des jüdischen Verrates stammen von „höchst autoritativer Quelle" und im übrigen habe das Zirkular keine Pogromagitation bezweckt, da es nicht an den Pöbel, sondern bloß (!) an die untergeordneten Behörden gerichtet worden sei! Angesichts des offenen Eingeständnisses ihrer Schurkenstreiche seitens der Regierung und insbesondere des herausfordernden Zynismus des Polizeidepartements hätte man wohl erwarten dürfen, daß die demokratischen Elemente der Duma die Gelegenheit zum entschiedenen Protest ergreifen würden. Aber weit gefehlt! Der rechte Flügel des progressiven Blockes war von den Regierungserklärungen vollständig, „zufrieden gestellt" und die Kadetten fügten sich willig seinem Diktat. Sie waren es, die die jüdischen Abgeordneten zur Zurücknahme der Anfrage zwangen, mit der Drohung, daß man sie sonst durchfallen lassen werde. Der „progressive Block" hat die Kadetten noch rück- Ein schweizerischer Offizier Uber die Russengreuel in Galizien. Im Verlage der Buchhandlung August Scherl in Berlin erschien vor kurzem ein Buch des schweizerischen Majors Tanner, unter dem Titel „Frontberichte eines Neutralen", in welchem der Autor seine Wahrnehmungen in Ualizien und der Bukowina schildert. Wir entnehmen diesem Buche die nachstehende Schilderung über die russischen Greueltaten gegen die Juden in Galizien, Uie umso glaubwürdiger sind, als sie von einem neutralen Christ geschrieben sind. „Ks hat die Not das Herz des Kommandanten d* . . . österreichischen Armeekorps ergriffen, so daß er beim Ai meekommando beantragte, einem Neutralen Gelegenheit zu geben, sich von dem Geschehenen an Ort zu überzeugen. Mir wurde diese Ehre zuteil. In höchstem Malle empört, unterziehe ich mich der schweren Aufgabe, die ich mir gestellt habe, durch ein schweizerisches Blatt auf Grund meines Augenscheines, meiner Unterredungen mit Augenzeugen und anderen Betroffenen, auf ürund schließlich des amtlichen Protokolls über die Aussagen Vereidigter, der Presse zuhanden der ganzen gesitteten Weh bekannt zu geben, welche Schandtaten Angehörige der russischen Armee in Komarno und anderswo verübt haben. Ich will, nachdem ich zur Einleitung den Israeliten, Herrn Salonion B., sein Erlebnis schildern ließ, wie er es vor Zeugen mir erzählte, versuchen, die Tatsachen w iederzugeben, ohne meinen persönlichen Empfindungen Lauf zu lassen, und ich bin in der Lage, meinen Bericht durch einige selbstgemachte Lichtbilder zu erhärten. Ich erachte es als meine Pflicht an der Menschheit, diesen Bericht zu schreiben und ihm möglichst weite Verbreitung zu wünschen, besonders in Rußland, nachdem die gemeinen Verbrechen von Komarno und die Untaten, der Vandalismus in dieser Stadt, in Szczerzec, Bobrka und Swirz zu meiner Kenntnis gelangt sind. Ich beginne beim Schlosse des Grafen Lamesan in Swirz zwischen Bobrka und Przemyslany (südöstlich gratloser und unzuverlässiger gemacht, als sie es je gewesen sind. Wiewohl die jüdischen Abgeordneten sich plötzlich isoliert sahen und von einer Ablehnung der Interpellation einen schlechten Eindruck auf das Land befürchten mußten, so muß doch ihr Zurückweichen alseineunverzeihlicheSchwäche bezeichnet werden. Die Reaktionäre werden sicherlich diesen unmännlichen Schritt weidlich ausnützen und ihn als Schuldbekenntnis der Juden hinzustellen suchen. Die jüdische Presse Rußlands verurteilt denn auch einmütig die Haltung der jüdischen Abgeordneten. Sie ist der Ansicht, die jüdischen Abgeordneten hätten, gestützt auf die Sozialdemokraten und die Arbeitsgruppe, durch Aufrechterhaltung und Begründung der Interpellation der Entrüstung der jü-: dischen Bevölkerung Ausdruck verleihen sollen. Die jüdische Oeftentlichkeit, verlangt immer dringender den Austritt der jüdischen Deputierten aus der Kadetten-Fraktion und damit aus dem „progressiven Block"! Göll straff England. Nun müssen auch die übermnMgeB Engender die Folgen des von ihnen so mutwiHig#a%- gezettelten Weltkrieges am eigenen Leibe verspüren. Hochmütig, wie John-Bull nun einmal ist, glaubte er, sich alles erlauben zu dürfen. Mögen sich die Völker Europas zerfleischen, möge eine halbe Welt zugrunde gehen, wenn nur England das Ziel seines egoistischen Strebens erreichen und sich den lästigen Konkurrenten vorn Halse schaffen werde. Gestützt auf seine insulare Lage, glaubte Großbritannien vor jeder Strafe geschützt zu sein, und auf seinen „silbernen Kugeln" bauend rechnete es. daß es schließlich mit seinem Golde aus der ärgsten Patsche hinauskommen könne. Die verdiente Strafe ist nicht ausgeblieben. Gottes Mühlen malen langsam, aber sicher. England verspürt nun die schwere Hand der strafenden ewigen Gerechtigkeit. Wiederholte Luftbombardements haben vorige Woche der ganzen Welt die Ohnmacht dieses übermütigen Reiches vor Augen geführt, dem das Meer keinen Schutz mehr bietet. Zur See mußte es sich erfolgreiche Angriffe der deutschen Flotte gefallen lassen, während seine eigene stolze Annada irgendwo in einem Loch ängstlich versteckt liegt. Daß bei dieser Gelegenheit das Schiff „King Stephen", dessen Mannschaft auf sich vor I kurzem die Blutschuld geladen hatte, den mit den Wellen kämpfenden schiffbrüchigen Deutschen jede Hilfe verweigert zu haben, zerstört wurde und dessen Mannschaft den Deutschen in die Hände gefallen ist, beweist nur noch einmal deutlich, das die alte Strafmaxime, „Maß für Maß", noch immer in Geltung ist. Damit ist aber das göttliche Strafgericht noch nicht zu Ende. In Irland tobt die ganze Woche ein blutiger Aufstand gegen die englische Gewaltherrschaft, der Englands „Kampf für die Lemberg), das die Russen im September 1914 geplündert, in Brand gesteckt und an dem sie gewaltsame Zerstörungen einzelner Verzierungen, der Balustrade, der Kachelöfen und Stukkaturen vorgenommen haben, die deutlich beweisen, daß wir es hier mit dem auch von mir u. a. in Skole gerügten Vandalismus zu tun haben. Ich habe von Stryj aus geschrieben, daß ich diese Nebenerscheinungen der Kriegführung nicht mehr berühren werde, weil sie genügend gebrandmarkt sind. Nun muß ich es noch tun. Die Annahme liegt nahe, daß die Russen das Schloß Swirz niederbrennen ließen, weil der Besitzer ein hoher österreichischer Offizier ist, v. e. Z. üeneralstabschef eines Karpathenkorps. Wenn der Zar beioliieu hat, den Feind auch im Privatgut der Armeeangehörigen zu treffen, war dann gemeint: ausrauben, brandschatzen und noch zusammenhauen, was aus den Ruinen lediglich als schöne Linie, als Plastik noch eines Menschen Auge hätte erfreuen können? Wenn das noch nicht Vandalismus ist, also noch innerhalb des Kriegszwecks nach russischem Begriffe stellt, was ist es, wenn Bilder durchschnitten und durchschossen werden, wie der Bürgermeister von Bobrka angibt? Das Städtchen Bobrka ist im Zentrum eine einzige Brandruine, aus der wie Inseln etwelche unversehrte Häuser hervorstechen. Die Brandlegung begann Montag, 7. September 1914. Der Grund ist unerklärlich. Es war nach dem Erfolge der Russen bei Przemyslany. Der Jude E. L. und seine Tochter D. L. sagen uns, am Montag sei der letzte Mann einer österreichischen Nachtpatrouille in Bobrka von den Russen aufgegriffen und getötet worden. Die Stadt war also von den Oesterreichern geräumt gewesen. Die meisten Juden waren geflohen. Am Dienstag rückte das russische Militär in größerer Anzahl ein. Montag und Dienstag wurde geraubt. D. L. erkannte in den Räubern Tscherkessen. Bürgermeister Bocsön brachte Sonntag, 30. August, seine Kinder nach dem Kloster Rosdol an der Stryjer Straße in Sicherheit. Am nächsten Tage wollte er zurückkehren, geriet aber in die Feuerlinie und wurde angehalten. Erst nach acht Tagen gelangte er nach Bobrka. Inzwischen hatten die Russen seinen Stellver- Rechte der kleinen Völker" ins richtige Licht rückte. In Mesopotamien hat Englands Wehrmacht ein furchtbares Debacle erlitten, indem eine ganze Armee in Kut-el-Amara vor den Türken kapitulieren mußte. Wie einst der König von Sodoma hat der englische General den Türken das Angebot gemacht: „Gieb mir die Seelen.u. dasVermögen behalte für dich! Aberder Enkel Ismaels hat wie einst sein Urgroßvater Abraham jedes Geldangebot abgelehnt und -die stolzen Engländer mußten in die Gefangenschaft ziehen. Die silbernen Kugeln haben in den Tagen der Not nicht geholfen. Für uns Juden, die wir wie kein anderes Volk an die Macht der göttlichen Gerechtigkeit glauben und auf sie vertrauen, sind diese Ereignisse ein Trost in diesen schweren Tagen. Die Gerechtigkeit wird auch in diesem Kriege siegen und der Menschheit, über die die Urheber des Krieges so viel Unheil gebracht haben, wird volle Sühne zuteil werden. Die Zeichnung auf die Kriegsanleihe ist jedes Juden heilige Pflicht 1 Das weslgalizische Komitee für Kriegswaisen-FUrsorge. Aus Krakau wird uns geschrieben: Das west-galizische Komitee für die Kriegswaisen-Fürsorge hat sich bereits konstituiert und seine Tätigkeit aufgenommen. Mitglieder des Komitees sind: Hofrath Josef Sare (Präsident), Kultuspräsident Dr. Tilles, Kultusvizepräsident Dr. Landau, Professor Dr. Rosenblatt, Dr. med. Hermann Hirsch, Tempel-Rabbiner Dr. I hon und Frau Dr. Warschauer. Indem wir die Konstituierung dieses Komitees lebhaft begrüßen, können wir nicht umhin, bezüglich der Zusammensetzung desselben einige Bemerkungen zu machen. Zunächst finden wir, daß die Frauenwelt im Komitee zu wenig vertreten ist, und doch ist gerade die Mitwirkung des weiblichen Geschlechtes bei einer derartigen Aktion von der größten Tragweite. Frauen verstehen sich besser auf dem Erziehungsproblem und haben auch mehr Zeit und Müsse für eine derartige Aktion. Im ost-galizischen Komitee ist auch die Zahl der weiblichen Mitglieder eine bedeutend größere. In zweiter Linie macht die Kooptierung des Predigers Dr. Thon unbedingt die Berufung eines orthodoxen Rabbiners ins Komitee nötig. Da es sich um Kindererziehung handelt, noch dazu um Kinder, die zumeist aus streng-gläubigen Familien stammen, ist es notwendig, das religiöse Moment nicht aus dem Auge zu lassen. Ist nun einmal ein Fortschritts-Rabbiner dem Komitee kooptiert worden, so darf auch der orthodoxe Rabbiner nicht fehlen. Dies ist übrigens auch im ost-galizischen Komitee geschehen, wo Rabbitreter, Anton Kosakiewicz als Bürgermeister eingesetzt, der dieses Amt beibehielt bis jetzt, bzw. Sonntag, 11. Juni 1915, an welchem Tage die Oesterreicher bei ihrem Durchmarsch gegen Przemyslany wieder in Bobrka einzogen. Ihn, den rechtmäßigen Bürgermeister verhaftete man, setzte ihn bald auf freien Fuß, aber nicht mehr in sein Amt ein. Auch der Bürgermeister erklärt, daß Zivilisten die Waren genommen haben, welche die Russen auf die Straße geschafft. Ein einziges christliches Haus ist abgebrannt. Der russische Kommandant Baron von Rohde, der bei Grodek gefallen und in Lemberg begraben sein soll, habe gesprochen: pochulaitje rabiata! (Spielt, Kinder.) Der natschelnik powiato von Zydaezow (russischer Bezirkshauptmann) kommt beim Rückzug mit dreißig Wagen geplünderter Gegenstände an. Er wohnt mit zwei Beamten beim Bürgermeister und serviert Champagner aus Gläsern des Graten Szeptizki, des Großgrundbesitzer der Gegend von Stryj. Auf Klage des Grafen beim Etappenkommando Revision. Einige Wagen werden dem Bezirkshauptmann abgenommen, sechzehn hat er im Garten versteckt, die ihm, wie das meiste Uebrige, bleiben. Nach kurzer Zeit des russischen Einzuges wird der Bürgermeister vor das Kommando geladen. „Wer hat die Stadt angezündet?" ist die erste Frage. „Ich weiß es nicht, ich war nicht da." „Was ist die Meinung der Leute?" die zweite. „Ich bin nicht gesund und gehe nicht aus, verkehre mit niemand und weiß es nicht." „Unterschreiben Sie hier, daß die österreichischen Soldaten den Ort in Brand gesetzt!" befiehlt der Beamte. „Das kann ich nicht unterschreiben, da ich es nicht weiß." „Sie sind ein Esel, packen Sie sich," schreit der Beamte und greift nach der Peitsche. Drei Leute der Gegend sollen die Erklärung unterschreiben haben. Als der Bürgermeister aus Rosdol zurückkam, war alles Unglück geschehen. Die Stadt war beim Einzug der Russen fast leer. Sie sollen einen Zündstoff (Pyrolin) gebraucht haben. Andere sagen, sie bespritzten die Häuser mit einer Flüssigkeit, gaben darauf einen Schuß ab und sogleich brannte es lichterloh. Beim Brande herrschte Windstille. Der Bürgermeister glaubt, die Plünderung der Judenhäuser in Bobrka und deren Brandlegung sei