Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 17 (4.5.1916)
- Date
- 1916-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. U7^„t.A-.kUU?r;,4« ^1.^ 1^4.^_____I Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 Wochenblatt tut judtsche Interessen. Wicn, «„. m.«**. u. Nachdruck mit «oller Qutlleoangabe gestattet. R e d a k t e ÜT. J OT1 a S Kr e p p e 1. I Erscheint je den Do n n« r s t ag S£ , Mai 1916. 2. Jahrgang. ¥ forte Kriegsanleihe. Zum vierten Mal fordert das Vaterland seine Bürger auf, die Mittel herzugeben, welche erforderlich sind, um aller Feinde Herr zu werden. Jeder Einzige hat die Verpflichtung, durch Zeichnung so grofier Summen, als ihm seine Verhältnisse irgend gestatten, seinen Teil zum siegreichen Ausgange des dem Vaferlande aufgezwungenen Kiieges Gul und Blut für Kaiser und Vaterland! Gorlice-Gedenklag. Der Jahrestag des Durchbruches am Dunajec, der 2. Mai, bildet einen wichtigen Markstein in der Geschichte des blutigen Weltkrieges, der sich bereits im 21. Monate befindet, ohne daß dessen Ende irgendwie abzusehen wäre. An dem Tage, an dem die russische Front am Dunajec durchbrochen wurde, an diesem Tage ist auch das Schicksal des Feldzuges gegen Rußland überhaupt entschieden worden. Von den wuchtigen Schlägen, die das bis vor die Toren Krakaus gedrungene Zarenheer im Mai 1915 erlitten hatte, konnte es sich nicht mehr erholen. Die Hoffnungen auf einen Niederbruch der russischen Tyrannei sind an diesem Tage ihrer Verwirklichung nahe gebracht worden. Alle Bemühungen des Zaren und seiner Ratgeber, das geschlagene Heer zu retablieren, sind erfolglos geblieben. Wie einst an Haman, tönte ihm nach der Schlacht bei Gorlice der furchtbare Ruf entgegen: „wie du zu fallen angefangen hast, so wirst du immer tiefer fallen!" Die Erinnerung an diesen glorreichen Tag dürfte bei allen, die ihn miterlebt haben, fürs ganze leben im Gedächtnisse bleiben. Die Situation des Weltkrieges war damals ziemlich ernst. Wohl wurde der russische Vorstoß gegen die Karpaten blutig abgeschlagen, doch befand sich noch immer mehr als die Hälfte von Galizien und ein Teil der Bukowina unter der russischen Okkupation. Von der anderen Seite drohte der Monarchie ein neuer Feind in den Rücken zu fallen: das verräterische Italien stand bereit, den Anschluß an die Feinde seiner langjährigen Verbündeten zu finden. Niemand zweifelte wohl an den endgültigen Sieg der vaterländischen Waffen, doch war die Stimmung ziemlich gedrückt. Besonders schwer war die Depression im Lager der Juden. Hunderttausende haben vor den Kosaken Haus und Herd verlassen, weilten seit Monaten als „Flüchtlinge" in der Fremde und sahen einer unsicheren Zukunft entgegen. Hunderttausende waren im Lande geblieben, den Brutalitäten der Kosakenhorden ausgesetzt. Bei der Unmöglichkeit einer direkten Verbindung mit der alten Heimat war man bloß auf unkontrollierbare Gerüchte über die dortigen Verhältnisse angewiesen und dies verstärkte noch die allgemeine Beunruhigung. In dieser so gedrückten Stimmung durcheilte am 2. Mai nachmittags plötzlich wie ein Lauffeuer die Nachricht, ein großer Sieg ist errungen, die russische Front am Dunajec ist in einer Breite von 20 Kilometer durchbrochen worden! Im ersten Momente konnte man sich in Laienkreisem keine genaue Rechenschaft über dieTragweite des Ereignisses abgeben.Aber schon der nächste Tag, als nähere Einzelheiten bekannt wurden, brachte die richtige Erkenntnis von der Größe des Sieges. Der gelungene Durchbrach bei Gorlice bedeutete nichts weniger, als die Niederringung des Zarenheeres, als die Befreiung Galiziens von der russischen Invasion. Instinktiv fühlte man, daß der Sieg ein endgültiger ist. Damals begann in Wien jene tägliche Völkerwanderung vor die Toren des Kriegsministeriums, wo die Generalstabsberichte ausgehängt werden. Man konnte nicht mehr den Moment erwarten, bis die Extra- Ausgaben die frohe Kunde neuer Siege verbreiten werden. Und jeder Tag brachte neue frohe Botschaften. Wie mit matematischer Genauigkeit wurde eine galizische Stadt nach der anderen vom Feinde befreit Der Siegeszug wurde nur selten durch kleine Pausen unterbrochen. Bis zur Monatsfrist war Przemysl wieder österreichisch und drei Wochen später erlebten wir den Kulminationspunkt des Triumphes mit der Wiedereroberung von Lemberg. Wer die Freude der gaüzischen Flüchtlinge an jenen Tagen nicht gesehen hatte, der hat in seinem Leben keine wahre Freude gesehen. So groß konnte nur die Freude der Juden in Schusci;an sein, als sie über Haman triumphiert hagroß konnte nur die Freude der Juden '" iHH(sbäertagen sein, als sie die ver- *eVi 'Syrer'-aus der heiligen Stadt verjagt und den heiligen Tempel wieder geweiht hatten. Ein volles Jahr ist seit diesem denkwürdigen Tag vorüber. Groß sind die Opfer, welche der noch immer tobende Krieg von den Juden gerordert hatte, unermeßlich sind die materiellen Schäden, die die mehrmonatliche Russenherrschaft in Galizien verursacht hatte. Aber die Stimmung der galizischeii Juden ist seitdem eine andere geworden. Mit ganz anderen Gefühlen ertragen sie seitdem alle Lasten und Beschwerlichkeiten des Krieges. Das, was sie zunächst erwartet haben, die Niederrhigung iiires bösesten Feindes, ist bereits in Erfüllung gegangen. Auch die anderen Erwartungen, die an den Ausgang des Krieges geknüpft werden, werden sicherlich in Erfüllung gehen. Ein neues Oesterreich wird entstehen, in dem kein Platz für Rassen- und Glaubenshaß sein wird, in dem alle Völker und Stämme der Monarchie brüderlich in gemeinsamer Vaterlandsliebe vereint zum Wohle der Gesamtheit und der Einzelnen Glieder daran wetteifern werden, das Habsburger-Reich zum Eldorado seiner Völker zu machen. Es wird vielleicht noch einige Zeit vergehen, bis dieses hohe Ziel der Verwirklichung enigegenreifen werde. Auch Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden und auch das neue Oesterreich, wie wir es sich vorstellen und wie es seitens aller gutgesinnten Patrioten gewünscht werde, dürfte vielleicht noch manche Evolutionen durchmachen ,bis es ideal dastehen wird. Bis dahin müssen wir uns in Geduld wappnen und unseren Teil zur beschleunigten Erreichung des angestrebten Zieles beitragen. 'I rotz der schweren Zeit, die wir durchleben, ist gar kein Grund zu irgendwelchem Pessimismus. Der Gorlice-Gedenktag ist dazu geeignet, unsere Herzen mit neuen Hoffnungen zu erfüllen. Wie wir vor Jahresfrist den bösesten Feind besiegt haben, so werden wir noch über alle unsere Feinde triumphieren. Jener starke Geist, der die glorreichen Siegt am Dunajec zu erringen ermöglichte, wird auch die Schaffung des neuen großen Oesterreich verwirklichen, in welchem auch die Judenschaft die ihr gebührende Stellung, par inter pures, einnehmen werde. Damals wird der Gorlice-Gedenktag in der ganzen Monarchie ein Fest- und Freuduntag sein und damals wird ihn speziell die Judenschaft als einen Befreiungs- und Erlösungstag feiern, der ihr und Millionen ihrer Brüder die Befreiung vom Zarenjoche gebracht hat. Die Oberrabbinerfrage in Wien. Die Oberrabbinerfrage in Wien, resp. die geplante Berufung des Rabbiners Dr. Nobel aus Frankfurt a/M. zum Oberrabbiner von Wien, welche in letzter Zeit so Staub aufgewirbelt hatte, ist nunmehr vorläufig von der Tagesordnung abgesetzt worden. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 1.3. April brachte nämlich Kultuspräsident Dr. Stern folgendes, an ihn gelangtes Schreiben des Rabbiner I >r. Nobel zur Verlesung: Frankfurt a/M., 30. März 1916. Ew. Hochwohlgeboren werden im Besitze meines Telegrammes sein, das ich von Berlin aus an Sie zu richten mir erlaubt habe. Sogleich nach meiner Rückkunft aus Wien wurde mir hier eine Adresse überreicht, die von den liberalen und conservativen Führern der Gemeinde, vom gesamten Vorstand und Pepräsentantencollegism, von der gesamten Bne Brithloge unterzeichnet und außerdem von 1300 Unterschriften bedeckt war. Die Gemeinde hietet mir Garantien dafür, daß ich, wie bisher schon de facto, so fortan auch de jure ein Oberrabbinat bekleiden werde, ohne den litel eines Oberrabbiners zu führen. Die einmütige Erklärung meiner Gemeinde giptelt darin, daß sie in meinem Weggange einen unersetzlichen Verlust sehen würde nicht nur im Frankturt a,M., sondern für die Sache deT-fciaheit des Judentums gegenüber den Separationv Bestrebungen von rechts und links. Dies ha*rJe ich mit göttlicher Hilfe durch eine friedliche," im Sinne der Milde und Versöhnlichkeit geübte fuutjährige Tätigkeit erreicht. Dem gegenüber stehen die schweren Kämpfe, die für mich in Wien zweifellos in Aussicht sein würden. Und nicht nur mir, sondern auch Ihnen. Herr Präsident, und der ganzen Verwaltung der Gemeinde. Ich bin keine Kämpiernatur. sondern bin empfindlicher als es einem zukommt, der bereits seit 20 Jahren in öffentlicher Stellung steht. Aus all diesen Gründen bitte ich ergebenst, von meiner Berufung nach Wien abzusehen und mich auf dem brieflichen und bedeutenden Posten zu belassen, den mir die Vorsehung angewiesen hat. Ich muß es ausdrücklich aussprechen, daß mir die Absage sehr schwer fällt. Man spricht vergebens viel, um zu versagen der Andere hört von allem nur das Nein. —- bo sagt der Dichter der Deutschen. Aber dies trifft doch bei so hervorragenden Persönlichkeiten, wie bei Ihnen, Herr Präsident, nicht zu. Ihnen ist Weisheit und Menschenkenntnis verliehen. Sie werden einen Blick in meine Seele gelan haben, in ihr Kämpfen und Ringen die Monate hindurch, während derer die bedeutsame Angelegenheit schwebte. Ich hoffe, Sie haben erkannt, daß Sie keinem Unwürdigen llu so großes, ehrenvolles Vertrauen geschenkt haben. Hochgeehrter Herr Präsident, Sie sind für mich geadelt durch Ihr begnadetes Alter, durch Ihre begnadete Stellung. Ich muß Sie bitten, vergessen Sie mich. Aber vergessen Sie mich nicht ganz. Sondern gedenken Sie meiner, als eines Mannes, der in tiefer Verehrung und Dankbarkeit mit Ihnen verbunden ist. Gott erleuchte Ihre Augen, daß Sie den richtigen Mann finden. Nobel, m. p. Der Präsident knüpft daran den Ausdruck lebhaftesten Bedauerns, daß Rabbiner Dr. Nobel sich zu dieser Absage veranlaßt fand, da nach seiner vollsten Ueberzeugung die Gemeinde an Herrn Rabbiner Dr. N. eine hervorragende Kraft gewonnen hatte. 1 >ie gleiche Uehcrzeugung wurde auch in jenen Herren des Vorstandes hervorgerufen, welche Gelegenheit hatten, Herrn Dr. N. in längerer Aussprache kennenzulernen, ein Eindruck, der im übrigen schon aus Zuschriften kompetentester Persönlichkeiten, wie z. B. Geh. Rat Hermann Cohen. Prof. Dr. Braun. Dr. Adler, Direktor des Philanthropiums in Frankfurt a/M. gewonnen werden mußte. Auf die Vorgänge in Wien, welche Herrn Rabbiner Dr. N. nicht in letzter Linie zu seinem Entschlüsse bewogen, wolle der Präsident derzeit nicht weiter eingehen. Nur einer von mancher Seite geäußerten Meinung wolle er entschieden entgegentreten: daß die Berufung einer hervorragenden auswärtigen Kraft nach Wien als eine Zurücksetzung der in Wien wirkenden und sich voller Anerkennung erfreuenden Rabbiner gedeutet werden könne. (Ohne irgendwie für oder gegen die Person des Rabbiner Dr. Nobel Stellung nehmen zu wollen, erlauben wir uns die Bemerkung, daß die Art und Weise, wie diese Angelegenheit zur Austragung gelangte, der ersten Judcngcineinde der Monarchie wenig Ehre macht. Die Gegner der Kandidatur Nobel können v.o!ii triumphieren, denn sie haben ihr Ziel erreicht. Aber sie haben mit ihrer 'Taktik cm schlechtes Beispiel gegeben, das vielleicht einmal von anderer Seite nachgeahmt werden konnte. Wohin kamen wir, wenn die Besetzung eines Rabbinerpostens zur persönlichen Streitfrage heraligeu ürdigt uerde. Die österreichische Judenschaft leidet wahrlich nicht unter einem Ueberfkiß au geeigneten Repräsentanten. Die Rabbiner sind dazu bestimmt, diesbezüglich eine erste Rolle zu spielen. Es wird aber höchst ungünstig um ihre Repräsentationsfähigkeit bestellt sein.