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Jüdische Korrespondenz · 1916-04-27 · 16 (27.4.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
16 (27.4.1916)
Date
1916-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 16. JUdlachclKorrespondenz Seite 3 Nischnij Nowgorod. Die Stadtverwaltung weigerte sich aber, alle 840 Flüchtlinge aufzunehmen. Etwa 300 Handwerker durften dableiben, der größere Rest mußte weiter wandern. Die Bauern der Dörfer waren von dem Anblick sehr gerührt, zeigten sich äußerst hiüsbereit und brachten Speise und Trank an die Durchgangsstationen. Sogar Aerzte waren anwesend, um den Erkrankten Hilfe zu leisten. An Plätzen, wo sich jüdische Gemeinden befanden, wurde alles aufgeboten, um die müden Durchwanderer zu verpflegen. Während so das Verhalten der russischen Bewölkerung zu den Unglücklichen ganz dem Mitleidsgefühl des einfachen, kleinen Mannes entspricht, so läßt das Entgegenkommen der Regierung in jeder Beziehung zu wünschen übrig. Trotz aller Mühe des Petersburger Komitees ist es nicht gelungen, die Flüchtlinge in jüdischen Gemeinden unterzubringen, sondern sie wurden auf Dörfer verteilt und so versprengt, daß ihnen zu all den Leiden auch noch der Trost der jüdischen Umgebung genommen wird. In einer öffentlichen Sitzung des Allgemeinen Hilfskomitees in Petersburg, auf der der bekannte Rechtsanwalt Schloßberg die jüdischen Interessen zu vertreten hatte, mußte sich dieser vom Ministerialdirektor Plewe sagen lassen, es habe keinen Zweck, den jüdischen Flüchtlingen Geld zu bewilligen, da sie mit diesem ja nur unlauteren Handel treiben würden. Die für die jüdischen Heimatlosen vorgesehene Summe wurde dann auch auf Betreiben des Ministers wesentlich gekürzt. Die Juden in Cngla.nct. Dem „Israelitischen Wochenblatte für die Schweiz" wird aus London geschrieben: Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Liverpool hat sich veranlaßt gefühlt, ihren Rabbiner, Rev. John Harris, der mehr als 20 Jahre als ihr Seelsorger zu ihrer vollsten Zufriedenheit fungierte, seiner Stellung zu entheben, weil er erklärt hat, daß „die jüdische Lehre dem Grundsatz, Waffen zur Verteidigung Englands wegen der Allianz mit Rußland in der gegenwärtigen Krise zu erheben, wiedrstrebe". Dieser Beschluß hat in weitesten Kreisen Englands in der gegenwärtigen Krise zu erheben wegen der Allianz mit Rußland wiederstrebe", trachten, Widerspruch gefunden, obwohl bei allen Verteidigungen des Rabbiners die Ansicht zum Ausdruck kommt, daß man mit dem Standpunkt des Rev. J. Harris nicht einverstanden sei. Besondere Beachtung verdienen die Briefe des Pfarrers an der Hope Street Free Church in Liverpool, Rev. Dr. Stanley, A. Mellor, B. A. Ph. D. und des Pfarrers Dr. Walter Walsh D. 1 >. Beide erklären, daß es schimpflich für die Nachkommen von Micha und J esaiah sei, einem kirchlichen Beamten dadurch den Mund zu schließen, daß man ihn, der sonst ohne Fehler sei, wegen von ihm geäußerter Gewissensbedenken brotlos zu machen. Trotz des Versuches des Vorsitzenden der Liverpooler jüd. Gemeinde, ihre Handlungsweise als berechtigt zu verteidigen, ist doch die Folge der allgemeinen Bewegung, daß Rev. Harris wieder in sein Amt eingesetzt worden ist. — Die Rekrutierungstrage macht den Engländern große Sorge, ganz besonders hinsichtlich der Gewissensfrage, die den vom Militärdienst an der Front befreit, der das Tragen von Waffen und das Töten von Menschen als nicht vereinbar mit seinen religiösen Anschauungen empfindet. Auch manche Juden suchen davon Gebrauch zu machen, und es dürften einzelne Fälle des Versuches, sich dem Heeresdienste zu entziehen, allgemeines Interesse erregen. Bekannt ist die Erklärung des Chief Rabbi's auf eine Anfrage hin, daß die „Kohanim" kein Recht hätten, den Kriegsdienst zu verweigern. Doch hat er in den „Kohanim" selbst den stärksten Widerstand gefunden. In Leeds waren 50 Kohanim unter dem Vorsitz des Rabbiners K. Cohen versammelt, die eine sehr energische Protestresolution gegen die Auffassung des Chief Rabbi's annahmen. In Bristol erschien ein jüdischer Mann vor dem Rekrutierungstribunal und beantragte die Befreiung vom Heeresdienste für seine drei Söhne Lazarus, ein Glaser Charles, ein Maler Philipp, und ein Tapezierer Isaak. Er stützte sich auf Deuteromium 20, 8: „Und es sollen weiter die Beamten zum Volke reden und sagen, wer ist der Mann, der furchtsam und verzagten Herzens ist, er kehre in sein Haus zurück, damit er das Herz seiner Brüder nicht feig mache."' Meine Söhne, so erklärte der alte Lazarus, sind furchtsam und verzagten Herzens, deshalb bitte ich um ihre Befreiung vom Heeresdienste. Doch die Richter, die nach englischem und nicht nach mosaischem Gesetze urteilten, willfahrten diesem Vaterwunsche nicht, und die jungen Juden wurden dem Heere eingereiht. — Frech erhebt der Antisemitismus sein Haupt in England, und man sieht täglich mehr ein, daß das Bündnis mit Rußland nicht den bisherigen englischen Freiheitsgeist nach Rußland verpflanzte, sondern umgekehrt der russische Geist der Bedrückung und Verleumdung gegen die Juden sich in Lvngland oreit zu machen beginnt. Hiervon einige beispiele: „The Investors Review , eine engtische Handelszeitung bemerkt, wir müssen Italien von der Vasallenschaft des deutschen Kapitalismus befreien, und ergänzt es dahin, daß unter „Deutschein Kapitalismus" Judischer Kapitalismus gemeint ist. — 2. Der jetzt vielgepriesene Herr Hughes, üer australische Premierminister, hielt eine Rede in dem „City Bariton uiud", in der der Satz vorkommt: „Dieser Krieg hat die Totenglocke einer Politik der „LMiugkeit" geläutet, die keinen Gedanken für soziales und industrielles Wohlergehen der Aroeiter in sich trug, die Reichtum als Größe auitaßte, kein Unterschied, ob sich der Reichtum in unseren Händen oder in denen von deutschen Juden befand." 3. Ein Jude, namens Nienberg, erklärt, daß ihm seine Religion zu töten verbiete. Darauf die Fragen des Richters, „wer tötete Christus?" „Waren es nicht deine Glaubensgenossen? 4. Im kanadischen Parlament machte ein Mitglied „die schurkischen Juden " iur jede Spekulation verantwortlich. Der Premierminister hat ihn allerdings widerlegt und üie Juden in Schutz genommen. 5. In Birmingham wurde ein bewährter Ptadfinderführer abgesetzt, „weil sie die Mitarbeit eines Juden nicht ferner wünschen". Das ist nur eine kleine Blutenlese, die allwöchentlich um viele Beispiele vermehrt werden kann. — Fatal ist die Position der englischen Juden in Bezug auf Rußland überhaupt. Es ist ihnen unmöglich, langer ihre Augen vor den ihnen täglich bekannt werdenden russischen Greueln gegen die Juden zu verschließen, aber die Bundesgenossenschaft verbietet ihnen, sich „in die inneren Angelegenheiten" ües Freundes zu mischen. Da leisten sie nun an equilibristischen Kunststücken das Ungeheuerlichste und bemühen sich das, was Kußland angeht, auf Deutschland abzuwälzen. Und doch leuchtet überall die jüdische Seele, das jüdische Gewissen, die jüdische Barmherzigkeit hervor, so daß begründete Hoffnungen vorhanden sind, daß die Verständigung nicht lange wird auf sich warten lassen. D. W. Die Woche. Die Kriegsanleihe. Die Zeichnungen auf die Kriegsanleihe nehmen einen überaus günstigen Verlauf und man kann schon jetzt ein glänzendes Resultat der Anleihe voraussagen, Wir konstatieren mit großer Befriedigung, daß es besonders die Juden schaft der Monarchie ist, die sich zahlreich an den Zeichnungen beteiligt. Während der Feiertage wurde von vielen Kanzeln herab die Aufforderung zur regen Beteiligung an den Kriegsanleihezeichnungen verkündet. Die Hilfsaktion für die gaüzischen Kriegswaisen. Die Aktion für die gaüzischen Kriegswaisen nimmt einen überaus breiten Maßstab au. Außer der in voriger Nummer gemeldeten Aktien der k. k. Regierung hat sich in Wien ein Komitee, bestehend aus den hervorragendsten Persönlichkeiten aller Konfessionen und Nationalitäten gebildet, welches einen warmen Aufruf zugunsten dieser verlassenen Kinder erließ, den wir in unserer heutigen Nummer zum Abdruck bringen. Gleichzeitig richtete Abg. Dr. v. Loewenstein an die Wiener Presse einen heißen Appell, die diesbezügliche Aktion würmstens zu unterstützen. Die Aufrufe verfehlten nicht ihren Zweck und bereits in den ersten Tagen sind Spenden im Betrage von ca. 100.000 Kronen zugunsten der galizische Kriegswaisen, vornehmlich der jüdischen, eingelaufen. Statthalter Generalmajor Frh. v. Diller. An Stelle des verstorbenen Generals von Colard ist der bisherige General-Gouverneur des k. u. k. Okkupationsgebietes in Polen, Generalmajor v. Diller, zum Statthalter von Galizien ernannt werden. Der neue Statthalter hat sich in seinem bisherigen Wirkungskreise überaus bewährt und es ist zu erwarten, daß er auch als Statthalter von Galizien das Möglichste zur Konsolidierung der Verhältnisse in diesem vom Kriege so "arg in Mitleidenschaft gezogenen Landes leisten wird. Den Juden im Okkupationsgebiete gegenüber war Generalmajor v. Diller in jüngster Zeit wiederholt Wohlwollen und Entgegenkommen gezeigt. Wir sind sicher, daß der neue Statthalter allen berechtigten W ünschen und Forderungen der gaüzischen Juden vollauf gerecht werden wird. Oironik:. Rechnungsabschluß der Wiener Kultusgemeinde für das Jahr «915. In der am 13. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes wurde der Rechnungsabschluß für das Verwalungsjahr 1915 vorgelegt, wobei l Ausgaben neu \ d,o6J.33S.bb. L knie cuassiuisciie Vereinigung. in Warschau wurde eine neue Uesellschait ..uuuan ucn uie eiiassiüisclien Kabbiner aus Oer, Urodzisu. .auzymn, Nowidwor und anüern Unen teilnahmen. Das iei der Uesellschait. die nur solche Mitglieder auiiimnt, uie „lliora und lalmud anerkennen und reliios sind , ist der W lederaulbau zerstörter bei- und _uiu luiusci, Wohituligkeilsanstalten. Kabbiner wohn unen usw., sowie die Unterstützung notleidender UeicmdebeamLen. Line ähnliche schon bestehende Verinigung heißt „Verein der Orthodoxen . uer Oberrabblner von Metz in der trsten kaminer. ud A.olmar wählten den Oberrabbmer Ur. Netter i Metz zum Mitglied der trsteu Kammer des elsahithrnigischeu Landtages anstelle des verstorbenen uaiiburgcr Uberrabbniers Ury. Jüdisches Reichswaisenbaus. in Deutschland soll em jüdisches Keiehswarseiiliaus ir die Kinder getanener judischer Krieger errichtet wereii. Heu kabbiner Ür. uanibergei -Scilonlanke icitei enden t l hiez Politik der Selbst wurde. Der sogenannte „progressive Block , der gegeuwaiug die Mehrheit der russischen Duma umtaßt, schlug den indischen Abgeordneten vor, der Duma em Uesetzurojekt uber die trweiterung der Prozentnorm tür die Aumahme der Juden an den russischen Bildungsanstaiten zu überreichen. Die jüdischen Abgeordneten hielten zu verteidigen und lehnten den Vorschlag ab. Von demselben Gesichtspunkte aus wiesen sie auch einen zweiten Vorschlag des Blockes Uber die Aufhebung einiger Bcsenrankungen für die judiscnen leihiehmer des Krieges zunick, indem sie erklarten, dali sie gegen jede Bc- Zur Wabrune ludischer Interessen. litel 1-ro causa judaica ein Komitee gebildet, das, ahnlicii wie in Amerika, eine latigkeit zum benutze der Juden entwickeln will. Das Komitee hat vorerst einen Auirut an die hervoragendsten politischen und intellektuellen Persönlichkeiten der Schweiz gerichtet, der beleits wen über Hundert Unterschritten getunden hal. Oer Jude ist au allen Schuld. An der Entwertung des französischen Ueldes m Saloniki sollen nun auch die Juden schuld sein. Unter den vieien Unfreundlichkeiten, die hrankreich von Griechenland erfahre, hebt der Antisemit hduard Drumont m der „Libre Parole" vom 28. 3. die Unterwertigkeit des t ranken in Saloniki hervor, fcs sei erstaunlich, dali in einer Ucgend, deren wirtschatthches Gedeihen durch die Ausgaben des französischen Heeres verbürgt werde, der t-ranken mit einem Verlust von 1(1 bis 15 v. H. umlaute. Dabei werde Griechenlands Credit nur durch England und Frankreich gehalten und trotzdem erziele seine Wahrung ein Autgeld gegenüber der franzosischen. Erklärlich sei die bedauerliche 1 atsaehe nur dadurch, daß die Juden den Geldmarkt beherrschten und dab Saloniki eine judische Stadt sei. Die freirnauerischen Juden hatten sich aber völlig unter die Vormundschau des deutschen Kaisers begeben und sie seien es, die die Germanisation der 1 urkei m erster Linie betreiben. Jüdischer tiazar in New York. Im ürand Central Palace wurde Anfang April ein großer jüdischer liazar eröffnet, dessen Ertrag den vorn Kriege betroffenen Juden in Europa und Palästina zufließen soll. Der Botschafter Herr Henry Morgcntliau. der Präsident des Kreises Manhattan, Herr Marks, der Dichter Schalom Asch und andre hielten Ansprachen. Der vom Volks-Unterstiitzungs-Komitee geschaffene Bazar ist ein Unternehmen großen Stils. Gegenstände im Werte von 150.000 Dollar sind ausgestellt. Eine besondere Anziehungskraft übt eine Sonderausstellung „Straße in Palästina" auf die Besucher aus. Hier sind landwirtschaftliche Instrumente, Schmuckstücke, Musikinstrumente, rituelle Geräte und Kostüme aus biblischen Zeiten ausgestellt. In typischen Straßenszenen zeigen sich jüdische Damen in biblischen Gewändern. Die Sammlung ist in Palästina zusammengestellt worden und war ursprünglich für die Weltausstellung in San Francisco bestimmt. Eine „Bazarzeitung" erscheint in jüdischer und englischer Sprache.

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