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Jüdische Korrespondenz · 1916-04-15 · 15 (15.4.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
15 (15.4.1916)
Date
1916-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 15 Jlidlsche Korrespondenz Seite 3 len", das in engster Fühlung mit dem Hilfsverein arbeite* und das in der Hauptsache die amerikanischen Gelder verwalte. Bis heute wären bereits zehn Informationsreisen unternommen worden, um die Qröße der Not festzustellen und das Hilfswerk zu organisieren. Die Hilfstätigkeit bestände im besonderen darin, daß Darlehenskassen begründet, Volksküchen, Teehallen, Konsumläden, Wärmehallen und sonstige öffentliche Wohltätigkeitsanstalten ins Leben gerufen wurden. In Polen befänden sich, wie Dr. Nathan weiter mitteilte, in Friedenszeiten etwa 1.70Ü.0U0 Juden; ein Fünftel dieser Bevölkerung sei freiwillig oder gezwungen nach Rußland gegangen. Zurückgeblieben seien noch etwa 1360.000 Juden, in den besetzten Teilen Litauens wohnten jetzt etwa 400.000 Juden, von denen sich weit über die Hälfte in bitterster Not befänden. In Kurland ^äbe es 50.000 Juden, von ihnen wären 40.000 in rohester Weise von den Russen vertrieben worden, und nur 10.000 seien zurückgeblieben, davon allein in Libau 8000. Insgesamt befänden sich in den besetzten russischen Gebieten gegen 700.000 unterstützungsbedürftige Juden, deren Zahl sich von Tag zu Tag vergrößere. In den kommenden Monaten werde ein Betrag von monatlich einer halben Million Mark notwendig sein, um nur dem größten Elend entgegenzutreten. Zurzeit würden 225 Städte und Ortschaften unterstützt. Neben den Geldmitteln wären umfangreiche Mengen Wäsche, Schuhzeug, Kleider und Bettzeug nach Rußland gesandt worden, bis jetzt etwa loOÜ Zentner. Es verdiene hervorgehoben zu werden, daß der Verein bei allen militärischen und Privatverwaltungen in den besetzten Ländern das weitestgehende Entgegenkommen gefunden habe. Ferner sei eine Brief- und Nachrichtenvermittlung großen Stils eingerichtet worden. Seit Anfang Oktober bis Ende März d. J. seien mehr als 120.000 Briefe nach Russisch-Polen. Litauen und Kurland vermittelt worden und mehr als 100.000 aus diesen Gebieten nach Amerika und anderen Ländern. Die amerikanische Botschaft, die übrigen Botschaften und alle Konsulate bedienen sich der Vermittelung des Vereins. Die Vermittlung von Geldsendungen hätte einen großen MsÜMg angenommen. Monatlich gehen etwa 400.000 Mark — oft in ganz kleinen Beträgen — durch den Verein nach Rußland. Besonders hoch zu schätzen sei die grandiose Hilfe der amerikanischen Glaubensgenossen, infolge deren Spenden es dem Hilfsverein möglich gewesen, seit Beginn des Krieges fast acht Millionen Mark fttr^äT Hills- und Schulwerk verteilen lassen. Zum Schluß gab Dr. Paul Nathan noch einen Blick in die Zukunft, der jetzt gestattet sei, nachdem der Reichskanzler in seiner letzten Rede erklärt habe, daß das besetzte Rußland nicht wieder an das alte Rußland zurückfalle. In diesen besetzten Gebieten würden außer anderen Völkern allein zwei Millionen Juden aus der russischen Tyrannei befreit, hiedurch würde den deutschen Juden eine große Aufgabe zugewiesen. Inszenierung eines Bluimärchens. Mit dem Näherrücken des Pessachfestes erstehen in Rußland auch die Schatten der schrecklichen Pessachlegende aufs neue und irgend eine geheime Kraft webt im Stillen ungestört Teufelspläne, um unter Benutzung der hinlänglich bekannten raffinierten Mittel den unvergeßlichen Alp jener bangen Tage des Beilis-Prozesses wieder aufleben zu lassen. Die „Rjetsch" vom 13. (26.) März erzählt von einer von langer Hand vorbereiteten Inszenierung eines entsetzlichen Verleumdungsmärchens. Ein christliches Dienstmädchen in Petersburg namens Stepanida Tkatschewa gab ihr 9 Monate altes Kind Kostja an eine Bauernfrau Semjonowa in Luga zur Erziehung. Nach einem Monat erhielt Tkatschewa von der Bauernfrau einen Brief, daß das Kind gefährlich krank sei. Am 8. Februar kam Tkatschewa nach Luga und fand bei der Semjonowa ihr Kind nicht wieder. Semjonowa erklärte zuerst, das Kind sei im Krankenhause gestorben. Da aber Tkatschewa im Krankenhaus nichts über'das Kind erfuhr, erzählte später die Semjonowa, das Kind sei bei ihr zuhause gestorben und auf dem Stadtfriedhof begraben. Tkatschewa fand aber ihr Kind auch in den Friedhofsbüehern nicht verzeichnet. Semjonowa „gestand" dann „offenherzig", sie habe das Kind dem jüdischen Kaufmann Kopilow in dem benachbarten Dorf Nowoselje verkauft. Kopilow habe ihr dafür 100 Rubel angeboten, habe aber nur 5 Rubel mit dem Versprechen gegeben, das übrige Geld später zu zahlen. Als sie aber später das Geld habe holen wollen, sei das Kind schon tot gewesen. Die Frau des Juden Kopilow habe dann das tote Kind in einen Teppich gehütit,*es in Begleitung der Semjonowa drei Werst jenseits des Dorfes getragen und es im Walde begraben. Am 9. Februar kam ein Pnstaw mit einem I Polizeitrupp, begleitet von den beiden trauen! Tkatschewa und Semjonowa nach Nowosehe. i Als sie dort auf dem Bahnhoi uen K luti i in Kopilow trafen, stürzte sich die Sennonowa am i ihn mit dem Ruf: Hier ist er. ich erkenne ihn. i Die Beteuerungen dts trs lunttn Kopuow dm er die Frau zum ersten Maie im Leben sehe und I daß er niemals von irgend jemand Kinder zur [ Erziehung genommen habe, hallen nichts. Lr wurde sofort von der Polizei verhaftet und in den Wald, nach dein von der Semjonowa bezeichneten Ort geführt. Dort gab ihm der Pnstaw eine Schaufel und befahl ihm die Leiche des Kindes auszugraben. — Vielleicht haben Sie hier etwas versteckt, antwortete Kopilow. dann srraben Sie. | Ich habe nichts verborgen und habe nichts zu suchen. Trotzdem die Untersuchung im Hause Kopilows keinen Anhaltspunkt ergab, wurden Herr und Frau Kopilow verhattet und das Haus von der Polizei bewacht. Nach zwei lagen kam der Untersuchungsrichter und der Staatsanwaltsgehilfe nach Nowoselje; sie untersuchten gründlich den angegebenen Ort im Walde und fanden dort im Scnnee die Leiche des toten Kindes mit einem Strick um den Hals. Zur Untersuchung der Leiche wurde aus Petersburg der vom Beilis-Prozeß her berüchtigte Sachverständige, Proiessor Kossorotow berufen. Aber auch er mußte feststellen, daß die Leiche des Kindes keine Wunden hatte und das Kind den Erstickungstod gestorben war. Semjonowa wurde bald daraut" verhaftet. Im Gefängnis gestand sie, daß sie selbst den Mord begangen habe, damit sie ein reicheres Kind an Stelle dieses Kostja nehmen könne. Um sich der Strafe zu entziehen, schob sie die Schuld auf die Juden. So gelang es, auch dieses Rituaimordmärchen, das neue Opfer zu verschlingen drohte, aufzudecken und es unschädlich zu machen. Kulturarbeit in Palästina. Der „F. Z." wird aus Palästina geschrieben: Durch den Krieg ist die Türkei auch kulturell den europäischen Anforderungen nähergerückt. Diese günstigen Begleiterscheinungen sind besonders auf dem Gebiete des Schulwesens, der Hygiene und des Verkehrs recht nachdrücklich bemerkbar. Die türkische Regierung hatte schon früher seit der Venassurigspenoue verschiedene Reformen geplant, doch konnte sie diese nicht verwirklichen. Die Ausführung scheiterte immer an dem Widerstande der christlichen Kulturnationen, weil angeblich deren nationale Sonderrechte dadurch bedroht wurden. Während des Krieges hat jedoch diese Ueberwachung der Türkei aui einigen Seiten nachgelassen, und es konnten verschiedene Reformen durchgeführt werden. In Jerusalem erstattete kürzlich der Gouverneur Midhat Bey über eine ganze Reihe kultureller Errungenschaften den Stadtbehorden Bericht. In der Stadt wurden ein Lehrerseminar und zwei neue Volksschulen erorinet, in Hebron eine und in Jaffa zwei neue Volksschulen. Von Staatswegen wurden neue Lehrer auch für die nichtmoslemische Schule in Betlehem bestellt. In diesen Schulen lernen Mohammedaner und Christen gemeinsam, „was an sich schon ein erfreuliches Moment ist", wie der Gouverneur hinzufügte. In Jaffa, Hebron und Gaza wurden ferner öffentliche Hospitäler errichtet. Chinin und sonstige notwendige Arzneien wurden in ausreichenden Mengen vorbereitet, ebenso für Impfung und andere Zweige der öffentlichen Gesundheitspflege die erforderlichen Maßnahmen getroffen. Das es zur Zeit unmöglich ist, Zöglinge in die europäischen Ackerbauschulen zu schicken, wurden 10 mohammedanische Zöglinge in der jüdischen landwirtschaftlichen Anstalt in Mikwah Israel unentgeltlich aufgenommen. Es wurden auch verschiedene öffentliche Stationen für die Saatenverteilung errichtet. Das Verkehrswesen hat im Kriegsjahre ganz besondere Fortschritte gemacht. Der Oberbefehlshaber und Kommandant der 4. türkischen Armee hat sich um diese Angelegenheiten hoch verdient gemacht. In verschiedenen Landesteilen wurden große Strecken fahrbar gemacht; zur Zeit werden die Straßenarbeiten zwischen Jerusalem-Hebron, Jerusalem-Nablus und Gaza- Atron vollendet. Es wurde ferner die Versorgung Jerusalems mit den vorrätigen Nahrungsmitteln zweckentsprechend organisiert. Für teuere Lebensmittel wurden Höchstpreise festgestellt und auch der komplizierte Geldwechsel wurde einheitlich geregelt Dt B tttle wurde >i Jerasil m \ rbo ti h L s > s h . lk> r t i s i ,j, , i augeiioiieu. »jciihu^i,^ \uru auch ein madcliengen no Ii ms daucn die Ktsicrung dl uas gut gemacht hauen wiru. was mtoige der ÄMUn.iuiim cu fciuui Kulmnutionui un leruiemen imune, ein guter Aniang ist nnmerhin gemacht, uer w eitel schiitiernue Krieg hat die vuite nationale Unabhängigkeit des türkischen Staates zui Keite geuraciu; das türkische voik uiru von nun au in Wirklichkeit der eigene Leiter seiner Geschicke sein. Die Uussengreuel in Galixien. nerr 1. Labiner, Lehrer an der Baron tiirsciischen schuie in Zborow, Gahzien, veroiientacht ein schreiben, in welchem die mehr ats einjährige Schreekeusiien schalt der Russen in dieser Stadt in ergreiienuer weise geschildert wird, in dem behreibcn heißt es: „Vor uem Umiaiie der Russen hatten last alle Liuuohiiei , auch uer Leiter und die anderen Leurer uer mron liirsciisciien schule, die Stadt verlassen, ich oheb zurück, um das Schulhaus wie auch mein eigenes, der schule gegermüberiiegeuues Haus soweit als möglich vor Verheerung zu schützen. Uas gelang mir auch bis zum kackzug ues r'einues. Da auer wurde auch ich arg hingenommen. Am 1. Juli lylo drang UbencuiiiUiu soiowi, üelnlte des damaligen i^iappeiiKommanuamen Kapitäns Wolski. an der op>i/.c seiner mit Spitzhacken und anderen Lmt>rechcrwcn\zeugen ausgerüsteten Kosaken in mein Haus ein, uas sie nun vom Dachboden bis zum iveiier ausraubten. Mein Schwiegersohn, Samuel Koth, Manmakturwarenhandler, der in meinem natise wohnt und seine Waren in einem Kcilerinagazni verwahrt und dieses zugemauert hatte, kam uabei am schlimmsten weg. Seine sämtlichen Waren im Werte von 5000 bis öOOO K wurden teils geplündert, teils vernichtet. Kapitäne und anuere Olliziere nahmen an diesen i'lüiiderungen teil und heiien die besten und teuersten luche und Seidenwaren für sich und tur ihre Frauen oder Maitressen wegtragen. Uer Gendarmeriewaclnineister Hroszko und einige anuere machten sich aus gestohlener feinster Leinwand suetelietzen. ich selbst wurde verminet und sollte gemeinsam mit unserem, am läge \orher icsi^cioiiimcncn Ortsrabbiner als üc-usei nach Mhirien geschleppt werden. Die [ Küssen, uie es jedoch nur am cm Losegeld abl gesehen hauch, i,iv»»,i.e.i u,s..aiU uiii uns per-! v.iiiiüi /-ti vei iiaiiuu:., u..u s:e verlangten von | ui.s je tausch.- m.ia-i. .eh «mco ai,er standhält, | und diesem versahen .lauen wir es zu danken, | e.aß vvir nach nmiu.giger natt um ein bedeutend genngeres Losegeiu uieder ireigelassen wurden." Die Behandlung der Juden seitens der russischen Armee. 1 >as russische Armeekommando hat schon mehrmals die Meldungen über die Greueltaten, weiche seitens der russischen Soldaten der jüdischen Bevölkerung gegenüber verübt wurden, in Abrede gestellt, und die diesbezüglichen Berichte der österreichisch-ungarischen Blätter ais eine Verleumdung bezeichnet. Nun aber finden wir in der Dumarede des konservativen Dumamitgliedes Georg Samyslowskij eine ungenierte Bestätigung des wilden Vorgehens der russischen Soldaten den Juden gegenüber. Der Führer der Rechten, die doch die Regierungspartei in der Duma bildet, erklärte in der Debatte über die Interpellation über die offizielle Anstiftung der Judenpogroms — nach dem Berichte der „Nowoje Wremja" v. 22./3. — Folgendes: Wenn die (russische) Armee in irgend eine Ortschaft kommt, so ist für sie das erste, die Juden zu entfernen; die Soldaten stürzen sich sogar auf die Juden, die vielleicht ganz unschuldig sind, um sie aufzuhängen. Bis dahin kommt die Sache. Natürlich hat Samyslowskij für dieses Aufhängen der unschuldigen Juden kein Wort des Tadels gefunden. Im Gegenteil, er beschimpfte die Abgeordneten der Linken, welche die Interpellation eingebracht haben. Nicht uninteressant ist vielleicht die Feststellung, daß der Führer der russischen Schwarzen Hundert-Blätter Samyslowskij bei seiner Wahl im .luhre 1913 zum Abgeordneten ein Gehilfe des Staatsanwaltes in Wilna war.

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