Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 15 (15.4.1916)
- Date
- 1916-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr_J5 LandeszenfralkomUee llir Rriegswaisen in Galizien. Die bereits angekündigte Aktion der k. k. Regierung für die jüdischen Kriegswaisen in Qalizien ist bereits ins Leben gerufen worden, indem die gaiizische Statthalterei ein spezielles jüdisches Laudes-Zentralkomitee zu dem Zwekke eingesetzt hatt. Als Mitglieder dieses Komitees sind berufen worden: Abg. Hofrat Sare, Präsident, Dr. Emil Farnes, Vizepräsident, derzeitiger Leiter der Lemberger Israelitischen Kultusgemeinde kais. Rat Jakob Stroh, Krakauer Kultuspräsident Dr. Tilles, Rabb. Dr. üutmann, Rabb. Lewin (Sambor), Sanitätsrat Ür. Pisek, Dr. med. Hermann Hirsch, Prof. Dr. Josef Rosenblatt, Prof. Dr. M. Schorr, ferner Frau Dr. Warschauer, Frau von Loewenstein, Frau Dr. Lilien, Frau i >r. Klaften, Frl. Dr. Perlmutter und Frau Dr. Reichenstein. Die konstituierende Sitzung des Komitees fand am 3. d. M. in Lemberg statt. In Vertretung des Statthalters begrüßte Hofrat Prof. Brückner die Komitee-Mitglieder und erläuterte den Plan der Regierung, den jüdischen Kriegswaisen in üalizien zu Mille zu kommen. Nachdem Hof rat Sare üen Vorsitz übernommen hatte, erstattete Abg. Dr. v. Loewenstein den Rechenschaftsbericht über die bisherigen Vorbereitungsarbeiten. Die Regierung ist bereit, für die Kriegswaisen einen Lrhaltunsbeitrag von K l.öl) pro Kopf und Tag zu gewahren u. z. sowohl während der Kriegsdauer als auch eine gewisse Zeil nach dem Kriege, deren Dauer erst später bestimmt werden soll. Das Komitee soll in zwei Sektionen, für West- und Ostgalizien, mit dem Sitze in Krakau und Lemberg, geteilt werden. Jede Sektion hätte das Recht, sich durch Kooptierung entsprechend zu verstärken. Die Statthalterei wird im Komitee durch einen Regierungskommissär vertreten sein. Nach einer ausführlichen Diskussion, an welcher sich mehrere Mitglieder des Komitees beteiligten, wurde eine ganze Reihe von Beschlüssen gelabt, welche sich auf die ersten Phasen der Aktion beziehen. Im Prinzipe ist die Schaffung mehrerer Zentralanstalten in den größeren Provinzstädten in Aussicht genommen, in welchen sämtliche Kriegswaisen des bezüglichen Bezirkes untergebracht werden sollen. Es wurde auch auf die bereits existierenden Kriegs-Waisenhäuser in üalizien verwiesen und der Regierungsvertreter erklärte die Bereitwilligkeit, die Zentralaktion mit den anderen jüdischen Kriegs-Hilfsorganisatioiien im Lande zusammenarbeiten zu lassen. Laut den bisher gesammelten statistischen Daten dürfte sich die Zahl der hilfsbedürftigen jüdischen Kriegswaisen in Qalizien auf etwa 1Ü.000 belaufen. Französische Informationen Uber cüe Judenfrage in Rußland. Neben der polnischen Frage beschäftigt die der Juden in Rußland die französische und namentlich die sozialistische Presse» der es angesichts der furchtbaren Lage der Juden in Rußland sehr schwer wird, ihren Lesern gegenüber an der Fiktion festzuhalten, daß die Lntente, der auch Rußland angehört, für die Freiheit der bedrückten Nationen kämpft. Nur mit der größten Mühe war es ihr übrigens gelungen, den russischen Flüchtlingen, zumeist Juden, die sich für die Fremdenlegion hatten anwerben lassen, in Frankreich eine etwas menschlichere Behandlung zu verschaffen, allerdings erst dann, als bereits viele Tausende dieser Unglücklichen unnützerweise bei Sturmangriffen geopfert worden waren. Wie sehr auch die Regierung des Herrn Poincare bemüht sein mag, sich den Weisungen des russischen Botschafters in Paris, Herrn Izwolsky, zu fügen und die Informationen über die Polen und Juden so weit als nur möglich zu beschränken, wenn nicht ganz zu unterdrücken, so muß sie doch ab und zu einige j lhiormationen durchschlüpfen lassen, sorgt aber | dafür, daß dabei nicht zuviel aus der Schule i geschwatzt werde. Die großartigste Leistung! auf diesem Gebiete ist aber eine durch die Agen-! tur „fiavas", natürlich „ad usum delphini" heri gestellte Depesche über die jüngsten Interpel- : iationen in der Duma, die ahnungslos von den; sozialistischen Blättern, der „Humanite" wie i der „victoire", nachgedruckt wird. Die Depesche, ein Meisterwerk der Schönfärberei, lautet: „Petersburg, 24. März. Nach zwei bewegten Sitzungen hat die Du-; ma die Erörterung der von der Opposition ein- | gebrachten Interpellation über die Rundschrei-; bei! beendet, die der Finanzminister und das Polizeideparternent an die Provinzbehörden gericittu. hattci), um sie aufzufordern, die jüdische Ltevl-ikerung genau zu überwachen, die nach den Auskünften des Ministers und der Polizei gefährliche nandelspekulationen treibt und so üie Verteuerung der Lebensmittel verursacht. Nach zahlreichen Reden, in denen die Regierung hinsichtlich ihrer Unterdrückungspolitik gegenüber den Juden lebhaft angegriffen wurde, ergriffen die Vertreter des Finanzministeriums und der Polizei das Wort und lieferten lange Aufklärungen über den Charakter und die wahren Ursachen des Rundschreiben. Der Direktor des Polizeidepartements verliest ein Rundschreiben, in dem die Provinzialbehörden formell aufgefordert werden, energische Maßregeln gegen jede judenieindiiehe Propaganda zu ergreifen. Da die Versammlung gleich den Urhebern der Interpellation erkannte, daß die Erklärungen der Regierungsvertreter durchaus befriedigend waren, wurde die Interpellation zurückgezogen." Wer darf es nach dieser so beruhigenden Meldung noch wagen, iu behaupten, daß Rußland nicht ein würdiges Mitglied der Entente ist, die sich für die erhabensten Ideen und Ziele opfert. Der Zarismus hat seinen Weg in die Herzender französischen Sozialisten gefunden, allerdings durch die Vermittelung der drei Genossen, die im Rate der Regierung Poincaris sitzen. Jetzt soll nur einer kommen und die alte Fabel von den Pogromen aufwärmen, die Herren von der „Humanite" und der „Victoire'' w erden ihm schon entsprechend heimleuchten Was kann man übrigens von einer sogenannten revolutionären Partei erwarten, die aus lauter Begeisterung für die „heilige Union" mit allen Kräften daran arbeitet, die Tragödie vom 31. Juli 1914, in der ihr allen anderen Genossen weit überlegener Führer Jaures feige ermordert wurde, zu vertuschen? Acht Millionen lilr notleidende Juden. (Aus der Generalversammlung des Hilfsvereins deutscher Juden.) Dieser Tage fand in Berlin die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Der Vorsitzende des Vereins, Dr. James Simon, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und führte aus, daß infolge des langandauernden Krieges die Not unter den russischen Glaubensgenossen eine immer größere und die Tätigkeit des Vereins dementsprechend eine ständig umfangreichere geworden sei. Auf Anregung des Vereins sei bei der englischen Regierung in London veranlaßt worden, daß diese bei der russischen Regierung wegen der Mißhandlungen der russischen Juden vorstellig werde. Das Kapitel der Mißhandlungen der Juden durch die russische Regierung wäre eines der düstersten Kapitel der Menschengeschichte und bleibe ein ewiger Schandfleck für die russische Regierung. Dr. Paul Nathan, der stellvertretende Vorshzonue, gab dann in einer längeren Rede einen Loricht über die Tätigkeit des Vereins im zweiten Kriegsjahr. Der Redner begann mit der Schilderung der Fortschritte des Schulwesens in der europäischen Türkei und in Palästina. Das Schulbudget, das auf 200.000 Mark bemessen war, mußte eine wesentliche Erhöhung erfahren. Die Kurse für deutsche Sprache, die der Hilfsverein in Konstaptinopel begründet hat, fänden starken Zuspruch aus türkischen Kreisen; auch in Jerusalem würden die Schulen des Vereins von mohammedanischen Kindern viel Lesucht. Einen breiten Raum in den Ausführungen Dr. Nathans nahm die Schilderung der Tätigkeit des Hilfsvereins in den besetzten russischen Gebieten ein. Für das Hilfswerk in Polen und Litauen wurde ein besonderes Komitee gegründet: das „Jüdische Hilfskomitee für Po- Moritz Steinschneider. (Zum 100. Geburtstage des bekannten Hebraisten.) In der „Wiener Abendpost" schreibt m. b.: Am 30. März waren es 100 Jahre, seit der bedeutende Bibliograph Professor Dr. Moritz Steinschneider geboren wurde, dem es nachmals gegönnt war, auf ein ungeheures Lebenswerk zurückzublicken. Unerschütterliche Liebe zur Wahrheit und unermüdlicher I'leiß, Verzicht auf äußere Erfolge und Zurückgezoy- „.niieit von aiien Kämpfen des Tages und der Straße, vornehme Bescheidenheit Fremden und stete opferwillige Hilfsbereitschaft seinen Freunden und Schülern gegenüber waren die Hauptmerkmale seines langen Le- :ns, das von der Zeit ab, in der ein kleines, aber ..:chcres Einkommen die Bedürfnisse des äußerst besehe.denen Haushaltes deckte, in fast mittelalterlichklösterlicher Ruhe und Beschaulichkeit — verschönt v'.arch ein herzliches Familienleben und die Wertschätzung einer kleinen, aber gewählten Freundossehar — dahinfloß. Er ward zu Proßnitz in Mähren am iO. März 1816 geboren. Das Haus seines Vaters Jakob, der in Prag mehrere Jahre als Erzieher gelebt und neben talmudischem Wissen sich auch die Kenntnis moderner Sprachen an geeignet hatte, war der Mittelpunkt c nes kleinen Kreises von Gelehrten. Im Alter von 17 JahrerJ begab sich Moritz Steinschneider nach Prag, wo er bis 1836 dem Studium der Philosophie, der Pädagogik und der neueren Sprachest <ä)lag. 1836 ging er nach Wien, nm hier Orientalia zu studieren. An der orientalischen Akademie fand er keine Aufnahme, er mußte sich als Hörer des Polytechnikums ausweisen, um in Wien bleiben zu können, hörte aber bei Professor Kaerle Arabisch, Hebräisch und Syrisch. Während eines Leipziger Aufenthaltes fand er als Schüler Fleischers und Mitarbeiter von Franz Delitzsch alle Anregung zum Studium des Verhältnisses zwischen Arabern und Juden. 1839 begab er sich nach Berlin, um an der dortigen Universität vergleichende Spfächkunde, Geschichte der rrientalischen Literatur und andere Kollegien zu hören. Hier trat er auch zu dem ihm in Charakter, Methode und Schicksal verwandten Leopold Zunz, der sein väterlicher Freund wurde, in nähere Beziehung. Nach zeitweiligem Aufenthalte in Prag, wo er als Lehrer an einer Töchterschule wirkte, schlug er sein Zelt wieder in Beilin auf, wo -T nunmehr seinen bleibenden Aufenthalt nahm. Dort scarb der Gelehrte am 24. Jänner 1907. — Steinschneider war der bedeutendste Bibliograph den Gegenwart. Als Lebensziel schwebte ihm der quellenmäßige Nachweis der mannigfachen Beziehungen vor, üic zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Literaturen des ost- und westländischen Mittelalters bestehen. Bei dieser Arbeit war er fast ganz auf eigene Forschungen auf Grund meist handschriftlicher Quellen angewiesen. Aber er hat nicht nur Rohmaterial für den Bau der Wissenschaft herbeigeschafft, sondern er hat es auch genau geprüft und gesichtet und über der Kleinarbe.t niemals den Zusammenhang mit dem großen Ganzen aus dem Auge verloren. Die richtige Wertung jedes Teiles in Bezug auf das Ganze verlieh dem Bibliographen Steinschneider die Eigenschaft des Literatur- und Kulturhistorikers. Sein ältestes, wenn auch erst 1902 erschienenes Werk behandelt die in arabischer Sprachen von Juden verfaßten Schriften und will nichtssein als ein Repertorium, ein Führer für diejenigen, die sich mit der eigentümlichen jüdisch-arabischen Literatur bekannt zu machen oder die Kenntnis derselben zu fördern beabsichtigen". Kann man sich eine größere Selbstverleugnung denken? Seinen Ruf begründete der Katalog der hebräischen Druckwerke in der Bodleiana, zu dessen Ausarbeitung er vier Sommer in Oxford weilte. Die beiden starken (Juartbände, die Frucht einer dreizehnjährigen anstregenden Arbeit, sind das grundlegende Werk der hebräischen Bibliographie. Der Verfasser hat seine Aufgabe dahin charakterisiert, daß sie nicht die eines Geographen gewesen, der bekannte Gegenden beschreiben soll, sondern die eines Reisenden, der unbekannte Gegenden entdecken muß. Treffend äußerte sich ein hiesiger Bibliograph: „Er hätte noch mehr sagen können. Es war in vielen Fällen seine Aufgabe, weiße Flecken auf der Landkarte der hebräischen Bücherkunde und Literaturgeschichte einfach durch Kombination auszufüllen. Aber wie übt Steinschneider dieser Kombinaten! Ohne Lärm, nüchtern, trocken, nur aus der Fülle des Materials, das schon damals Zehntausende von Zetteln umfaßt haben mag." Diesem Katalog reihen sich die Kataloge der hebräischen Handschriften in Leyden, der königl.chen Hof- und Staatsbibliothek in München, der Stadtbibliothek in Hamburg und der königlichen Bibliothek in Berlin an. Beinahe ein halbes Jahrhundert hat er das Material zu dem 1893 erschienenen, von der Academie des Inscriptions preisgetrönten Werk „Die iiebräischen Uebersetzungen des Mittelalters" gesammelt. Hier sind auf mehr als 1100 sehr eng gedruckten Seiten die hebräischen Uebersetzungen auf den .Gebieten der Philosophie, Geographie und Geschichte, Mathematik, Astronomie, Medizin und Naturwissenschaften behandelt sowie in einem vierten Abschnitt unter dem Gjiieraituei „Verschiedenes" hebräische Sprachkunde, Poesie (Volksliteratur) und Aberglaube, der sich in wissenschaftliche Formen kleidet. Jeder dieser vier Abschnitte ist wieder in vier Kapitel gegliedert nach der Einteilung der übersetzten Autoren in Griechen, Araber, Juden und Christen. Ein fünfter Abschnitt behandelt in summarischer Weise die jüdischen Dolmetscher, die an Uebersetzungen mittelalterlicher Werke Anteil haben. Die Einteilung der „Uebersetzungen" schließt mit den Worten: „Der Abschied von diesem Buche, das die größere Hälfte eines langen Lebens in Anspruch genommen, ist gewissermaßen ein Abschied vom Leben selbst, und jedes Ende mahnt uns daran, wie winzig der einzelne der Gesamtheit gegenüber ist; aber gerade dieser Gedanke treibt uns zur Erforschung des Zusammenhanges zwischen dem Einen und dem All, welcher;.ns lehrt, daß das Endliche im Unendlichen auf-, nicht untergeht." Mit Ausnahme der juristischen gibt es wohl kaum eine Wissenschaft, zu deren Oeschichte Steinschneider nicht Material herbeigeschafft hätte. So reiht er sich mit seinen monumentalen Werken, seinen zahlreichen Abhandlungen und den 21 Jahrgängen seiner „Hebräischen Bibliographie" unmittelbar an den Altmeister Zunz an. Hat dieser das unbestrittene Verdienst, den Grundstein für die Wissenschaft des Judentums gelegt zu haben, so muß die unparteiische Kritik anerkennen, d.iB Steinschneider das große wissenschaftliche Gebäude sozusagen unter Dach und Fach gebracht und einzelne Disz.plinen der jüdischen Literatur in die allgemeine Wissenschaft eingeführt bat