Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 14 (6.4.1916)
- Date
- 1916-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 14 gierung seine Hille geleistet hat! Wenn Bru- .jlit.it und l miiuisüihchkeit jemals Inuinphe geleiert haben, so ist es zweifellos die russische Regierung, der man diesen Vorwurf machen muß. hie ist m dieser Beziehung eine Meisterin der h rannei. Daß eine derartige Regierung v'O'i amerikanischen Bankiers Hilfe bekommen soll, ist wahrlich ein (irund für die Amerikaner, ihre Kopie in Scham und Aerger zu beugen. Ich hin vollständig uberzeugt, daß die Zeit kommen wird, wo die tur eine derartige Finanzierung Verantwortlichen allen (irund zur Reue haben v, erden." Nun sind die Anleiheverhandhingen gescheitert, weil man m Amerika an die Zivilisation Rußlands, die in London und Paris so hoch gehalten wird, noch immer nicht glauben will. Georg Brandes Uber die füdischpolnische Frage. Der Korrespondent des „Lemberger Tagblattes" in Kopenhagen hatte eine Unterredung mit (leorg Brandes und berührte im Laufe derselben auch, die jüdisch-polnische Frage. Brandes äußerte sich hiebet folgendermaßen: Der Kaiupi zwischen Polen und Juden darf nicht in einer solchen Form geführt werden, welche jede \ erstandigung ausschließen könnte. Eine Verständigung muß angestrebt werden. Dies ist aber nur möglich, wenn beide Volksgruppen gewisse Prinzipien anerkennen sollten. Die Juden müßten anerkennen, daß ein in irgendwelcher Form selbständiges Polen es nicht dulden könnte, daß seine Staatsidee nicht ausschließlich polnisch sein soll. Die Juden mußten also alle jene Forderungen zurückstellen, welche geeignet wären, die Ausschließlichkeit des polnischen Staatsgedankens zu verdunkeln. Ferner müßten die Juden die Vorherrschaft der polnischen Staatssprache anerkennen und den Unterricht dieser Sprache in den eigenen Schulen intensiv pflegen. Andererseits müßten die Polen begreifen, daß abgesehen davon, ob man für oder gegen den jüdischen Nationalismus ist. ob man an die Zukunft der Assimilation glaubt oder diese gänzlich verwirft - es doch jedenfalls unmöglich ist, gegenwärtig die Eigenart einer Drei- Millionen-Bevölkerung nicht anzuerkennen. Mit dieser Eigenart in Sprache, Kultur und Religion muH gerechnet werden. Jedes gewaltsame Zurückdrängen dieser Eigenart führt zur Brutalität und schwächt die eigene Position. Eine beiderseitige Anerkennung dieser Prinzipien könnte eine jüdisch-polnische Verständigung ermöglichen, welche so stark im Interesse beider unterdrückter Völker liegt. Zur Lage derJJuden in Rumänien. Eingabe des Verbandes einheimischer rumänischer Juden. „Herr Minister! Wir erlauben uns, Ihnen einen Fall von Feuilleton. Der erste Jude in der österreichischen Armee. Von dem ersten Juden, der in der österreichischen Armee gedient, wird folgendes nicht uninteressantes Histörchen erzählt. Es «ab eine Zeit in Oesterreich, in der eine große [•"rage alle Gemiiter bewegte, es war dies die Frage der Gleichstellung der Juden. Kaiser Josei II. hatte für die Protestanten Ungarns ein Toleranzpatent erlassen. Oer Monarch, der eine so schwerwiegende Tatsache vollbracht, konnte, das iühlte man allgemein, die Judentragc nicht vertragen, mit jedem Tage erwartete man eine allerhöchste Entscheidung. Jeder glaubte den Gelierte mau allenthalben über die Angelegenheit. Am hitzigsten wurden die Frage in Wien im „Hügelmannsehen Kaileehause" nächst der Schlagbrücke in der Leopoldstadt erörtert, woselbst viele Juden zusammenzukommen pflegen. Das „Wienerische Diarium", ein Zeitungsblatt, das dazumal zweimal in der Woche erschien, wurde daselbst vorgelesen und der Freimut, mit welchem es die Toleranzirage erörterte, machte dort einen angenehmen Kindruck. Es war kein Geheimnis, daß Herr von Sonnenfels, ein erlauchter Staatsmann, der von jüdischen Eltern abstammt, m's „Diarium" schrieb, und man glaubte allgemein. daß dieser ausgezeichnete Rechtslehrer an der Wiener Fakultät, der mit der Abfassung des Juden-Toleranzgesetzes betraut war. dem Publikum in diesem Blatte Andeutungen über den Geist des zu erwartenden Patentes machen wolle. Eines Tages befand sich in der Gesellschaft beim Hügelmann ein Herr, der sich dem Wortstreit sehr lebhaft anschloß und als wahrer Verteidiger der Rechte der Juden sich zu erkennen gab. Dieser Herr war allen Anwesenden fremd, doch hatten diese ihn bald liebgewonnen, denn derselbe sprach mit Ueberzeugung, mit Wärme und Einfachheit und hatte ein sehr gutmütiges, edles Aeußeres. „Sie sollte der Kaiser reden hören," sagte ein Gast zu den Fremden, „er würde eine Freude großer Ungerechtigkeit zur Kenntnis zu bringen, und bitten Sie, Verfügungen zu treffen, damit derselbe nicht zur Durchführung gelange. Es handelt sich um die Frau und das Kind eines seit Monaten eingerückten Soldaten, welche bedroht sind Hungers zu sterben, weil sie, aller Existenzmittel beraubt, bei ihrer Mutter in der Gemeinde Baltatesti wohnen. Hermann Grünstein, Reservist im Regiment . . ., ist seit einigen Monaten konzentriert, und, da er arm ist, hat er Frau und Kind zu seiner Mutter geschickt. Nun ist seine Frau aufgefordert worden, bei sonstiger Brachialgewalt die Gemeinde binnen 30 Tagen zu verlassen. Damit Sie sehen, in welcher Verzweiflung sich der konzentrierte Soldat und seine Frau befinden, legen wir Ihnen eine Abschrift des Brietes der unglücklichen Frau an ihren Mann und einen Auszug aus einem Schreiben bei, das der Soldat an einen Beschützer geschickt. Wir bitten Sie, Herr Minister, das zu tun, worum wir Sie nun schon wiederholt ersucht haben, nämlich: in diesen schweren Zeitläuften alle Austreibungsbefehle gegen die in den Landgemeinden wohnhaften einheimischen Juden zu suspendieren. Ihr guter Glaube ist oft von den unteren Behörden getäuscht worden. Der Fall von Mendel Pilpel aus der Gemeinde Cotusca, Distrikt Dorohoi, dem die Erlaubnis, in der Gemeinde zu wohnen, während er konzentriert war, entzogen wird, ist himmelschreiend. Dieser Unglückliche, für den wir wiederholt bei Ihnen einschritten, ist mit Gewalt aus seinem Dorf vertrieben worden. i Wenn Sie nicht einschreiten, wird auch Hermann Grünstein ein unschuldiges Opfer sein und auf die Straße geworfen werden, während er im Dienste des Vaterlandes steht. Solche Maßregeln machen einen tiefen Eindruck auf die einheimischen Juden. Sie fragen sich mit Recht, wie Menschen so behandelt werden können, welche in dem Volksheer des Landes ihre Pflicht erfüllen. Seit Monaten — vielleicht seit fast einem Jahr — haben sie ihren Herd und ihre Geschäfte verlassen, und ihre Familien befinden sich im Elend. Dies demoralisiert sie völlig, und wir, Herr Minister, möchten sie gerade seelisch aufrichten, damit sie, wenn es gilt ihre Blutpflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen, mit -Begeisterung ms Feld ziehen. . Wir ersuchen Sie deshalb, zu verfügen, daß die unglückliche Fraü in Ruhe gelassen werde und, damit derlei Fälle sich nicht wiederholen, durch eine allgemeine Verfügung zu veranlassen, daß diese Männer, wenigstens die. welche schon lange im Dienste sind, nicht aus ihrer Heimat vertrieben werden." Der „abgeschaffte" Ansiedlungs- Rayon. Die „Frankfurter Zeitung" behandelt die mehrfach erörterte Tatsache, daß die russische an Ihnen haben, Sie sind so gescheit, daß Sie Minister sein könnten". Der iremde Herr lächelte und ließ sich nicht stören. Da trat ein alter Jude, mit langem, schneeweißem Bart auf den Redner zu und fragte ihn, ob er ihm nicht behilflich sein könne, beim Kaiser eine Audienz zu erlangen. „Das ist sehr leicht," erwiederte der Fremde, „Sie brauchen nur in den Kontrollorgang zu gehen, woselbst der Kaiser täglich Audienzen erteilt. Sie werden bei ihm sicherlich ein geneigtes ühr finden." „Möchten Sie mich nicht dahin begleiten?" fragte der Jude, „ich zahle Ihnen fünf Gulden. Ich kann nicht gut die Worte stellen, komme leicht in Verlegenheit, wo hingegen Sie der Rede sehr mächtig sind." Der fremde Herr zeigte sich bereit, dem Juden diesen Liebesdienst zu erweisen, unter der Voraussetzung, daß dieser ihm zuvor von der Sache die geeignete Mitteilung mache. Der Jude war natürlich sofort bereit und erzählte seine Geschichte: „Ich heiße Schimon und lebe in Brandeis bei Prag. Gott hat mich gesegnet mit Allem, ich bin reich und im Gesetze bewandert, nur einen Wunsch versagte mir Gott, meine Frau, die ich liebe, gab mir keinen Erben. Da tat ich das Gelübde zu Gott, daß, wenn er mir männliche Erben schenken würde, ich meinen ältesten Sohn, wie einst der Patriarch Abraham, ihm weihen wollte. Gott erhörte mein Gebet, schenkte mir vier Söhne. Als mein ältester Sohn, den ich Isak nannte. 18 Jahre alt war, da.dachte ich daran, mein Versprechen einzulösen. Ich begab mich nach Prag zum Rabbi Ezechiel Landau und brachte ihm mein Anliegen vor. Dieser Sprach: Wenn Du ein Gelübde getan, so mußt Du es auch halten, gehe daher zur Behörde, übergib ihr Deinen Sohn, daß sie mit ihm anfangen solle, was ihr gefällt. Dein Sohn soll Soldat werden." „Hierauf begab ich mich," fuhr der Greis zu erzählen fort, „zum Stadthaupttnann und wollte ihm meinen Sohn übergeben, daß er dem Kaiser dienen möge als Soldat, der wies mich aber von sich, da es dem Juden nicht gestattet ist, unter den kaiserlichen Soldaten zu dienen. Dies betrübte mich sehr, ich weinte, betete und flehte Gott an, er möge mir das Herz erleichtern. Da erschien mir ein höheres Wesen im Traume und sprach zu mir: Schimon, mach' Dich aut und Regierung, um die Stimmung in den Vereinigten Staaten einer Anleihe günstig zu gestalten, jetzt versucht, den Amerikanern einzureden, daß der Ansiedlungsrayon abgeschafft sei und die Bedrückungen der Juden aufgehört hätten. Wie wenig diese Behauptung den Tatsachen entspricht, beweist die folgende Schilderung der jetzigen Zustände in Rußland: Die russischen Polizeibehörden wissen absolut nichts von einem Recht der Juden, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu leben. Genau wie vor Jahr und Tag werden die Juden aus den „verbotenen" inneren Gouvernements brutal ausgewiesen — Kriegskrüppel mit eingeschlossen . . . Nach ihren ständigen Wohnsitzen werden aus dem Reichsinnern die Tscherta-Juden zwangsweise bloß aus dem sehr einfachen Grunde nicht befördert, weil diese Wohnsitze, vielmehr deren verkohlte Ruinen und Schutthaufen, jetzt von den deutschen Truppen besetzt sind. Aber wie in alten „guten" Zeiten werden heute überall, wo man unangemeldete Juden vermutet, nächtliche Massendurchsuchungen ganzer Straßen und Stadtteile vorgenommen. Hunderte von Juden mit ihren Säuglingen, Greisen und Siechen, die sich erdreisten, in Kiew und Kursk, in Woronesch und Tula „gesetzwidrig" sich aufzuhalten, d. h. die auf Grund des amtlich bekanntgegebenen Regierungserlasses nach diesen Städten sich in wahnsinniger Angst aus der Cholera- und Flecktyphushölle der Flüchtlingsnester hergerettet haben, werden verhaftet, ausgeplündert, ihrer regulären Legitimationspapiere beraubt und zurück nach den verpesteten Orten abgeschoben; in grausamer Willkür werden dabei die Fami- I lien auseinandergerissen, und kleine Kinder gehen verloren und verschwinden — eine auffallend häufige und wohl die tragischste Erscheinung des Flüchtlingsmartyriums. Alles blieb beim alten, manches ist noch viel schlimmer geworden. Und dieser Jammer wurde außerdem zu einer reichlichen Einnahmequelle der russischen Behörden (ganz abgesehen von der althergebrachten „Handsalbe"). Ein Jude, der sich außerhalb der Juden-Tscherta begeben will, muß vorher drei oder vier Bittgesuche einreichen: an die Ortspolizei, an die Verwaltung des Gouvernements, in dessen Gebiet er sich zu begeben beabsichtigt, an die Militärverwaltung und in gewissen Fällen auch an eine vierte Stelle. Die Stempelgebühr für jedes Gesuch beträgt 2 Rubel. Von den Postämtern werden diesen Eingaben ohne Beifügung der 6 bis 8 Rubel Stempeigebühren überhaupt nicht zur Bestellung angenommen. Und das Ergebnis der Eingaben ist Schweigen. Auch Telegramme mit bezahlter Drahtantwort bleiben unberücksichtigt. Unterdessen dauern auch die Verschleppungen aus dem Operationsgebiet fort, und ebenso wie im Mai und Juni gleiten schauervoll durch das Land die Flüchtlingszüge, vollgehe nach Wien, ich werde Dich geleiten und werde Dir zeigen den Weg, den Du wandeln sollst. Da bin ich nun in Wien und ich bin gesonnen, zum Kaiser zu gehen, damit er meinen Sohn von mir annehme, damit ich ruhig sterben kann und der Fluch Gottes nicht aut meinen Kindern laste." Der fremde Herr hatte der Rede des Juden aufmerksam zugehört und es gelang ihm nur schwer, sein Erstaunen zu unterdrücken. „Wo ist Dein Sohn?" fragte der Herr. Der Greis rief einen schlanken Burschen mit freundlichen Zügen herbei, der sich vor dem Fremden verneigte. „Ist es Dein Wille, dem Kaiser zu dienen, in die Schlacht zu ziehen und Dein Leben zu opfern?" Der Jüngling sprach: „Gott hat mich zum Krieger bestimmt, ich will seinem Rufe folgen, damit der Segen wohne im Hause meiner Eltern," „Kommt dann morgen um 10 Uhr in die kaiserliche Burg," sprach der fremde Herr, „ich werde daselbst Anstalten treffen, daß ihr den Kaiser sprechen könnt, wendet Euch nur an den Schloßhauptmann und nennt Eueren Namen, ich selbst will für Euch beim Kaiser das Wort führen." Der fremde Herr entfernte sich rasch. Die Gäste blickten ihm lange nach und waren nicht wenig verwundert zu sehen, daß er auf der Schlagbrücke von allen Leuten gegrüßt wurde. Wie groß war aber das Erstaunen der Gäste im Hügelmann'sehen Kaffeehause, als sie erfuhren, daß der fremde Herr der Kaiser Joseph II. selbst gewesen sei; ein Bierwirt, der über die Schlagbrücke kam, hatte das Rätsel gelöst. „Es wird dem Volke Israel Wohlergehen," sprach Einer zum Anderen, „denn wir haben es aus des Kaisers Mund selbst gehört, daß er die Erlösung Israels will. Gott segne sein Tun!" Am nächstfolgenden Tage erschienen Schimon und sein Sohn in der Burg, sie wurden daselbst freundlich empfangen und dem Kaiser vorgestellt. Der Greis, als er den Kaiser erblickte, sprach das Gebet, welches das Gesetz dem Juden zu sprechen befiehlt, wenn er vor den Regenten tritt: „Gelobt seist Du, Gott unser Herr, der mitgeteilt hat von seiner Ehre und Herrlichkeit dem Menschen von Fleisch und Blut."