Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 14 (6.4.1916)
- Date
- 1916-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lOdische Roppespondenz Preis per Nummer 10 Heiler. %%r t t t «.. «. < * , Redaktion und Administrationviete^hriich k 120 Wochenblatt für judische Interessen, Wien, vi.. kx^^ L Machdruck mit «olter Qu.Hesangabe gestattet, i Redakteur: Jonas Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 14. Israel Zangwill gegen die Enienle. In den Köpfen der Ententevölker beginnt es langsam zu dämmern. Wohl bemühen sich noch die Staatsmänner und die leitenden militärischen Kreise, die Völker mittelst inhaltsloser Vertröstungen weiterhin am Gängelbande zu führen. Jedoch stoßen diese Bemühungen immer mehr auf Widerstand und vielleicht dürfte bald der Moment kommen, an dem die betörten und betrogenen Völker ihre Verführer und Betrüger ernstlich zur Rechenschaft ziehen werden. Dann wird das gewaltige, blutige Ringen sein Ende erreichen und dann wird der so vielfach herbeigesehnte Frieden in Europa wieder einziehen. Ist es auch heute noch schwer zu beurteilen, inwieweit diese Erkenntnis unter den Ententevölkern sich Bahn gebrochen hat, so ist andererseits zu konstatieren, daß die Juden in den Ententeländern bereits zu einer richtigen Beurteilung der Verhältnisse gelangt sind. Die Naiven, die ursprünglich geglaubt hatten, daß ein Sieg der Entente auch den Juden im Zarenreiche Freiheit und Erlösung bringen könnte, sind durch die Erfahrungen gewitzigt und eines besseren belehrt worden. Die Behandlung, welche der Zar „seinen lieben Juden" auch während des Krieges zuteil werden ließ unter der stillschweigenden Duldung seiner Verbündeten, beweist zur Genüge, wie wenig diesbezüglich von der Entente zu erwarten und daß nur ein, Siffi der Zentralmächte und ihrer Verbündeten im Imeresse der Juden gelegen "Ts!.* Einer der eifrigsten Rufer im Streite für die Entente war Israel Zangwill, der sich und den Juden goldene Berge von einem Siege Englands und Frankreichs versprochen hatte. Zangwill ist aber auch einer der ersten Bekehrten, der den Mut hat, seinen Irrtum einzubekennen und dieser Wandlung öffentlich Ausdruck zu geben. In einem Artikel, den Zangwill letztens in dem „New York American" veröffentlicht hat, liest er den Verbündeten Rußlands gehörig die Leviten und nimmt es besonders den Engländern übel, daß sie mit der Petersburger Kosakendiplomatie an einer Schnur ziehen. Zangwill gesteht offen, daß die Juden Amerikas wohl nicht anti-englisch, sicher aber auch nicht pro-Entente seien. Jacob H. Schiff, der einflußreichste Jude Amerikas, entsagte sich, an der Entente-Anleihe teilzunehmen, außer unter der Garantie, daß Rußland an derselben nicht partizipieren werde. Er wäre bereit, England zu helfen, aber nicht Rußland. Jahrhundertelang war England die politische Hoffnung der Juden; schmerzlich muß es daher jeden englischen Juden berühren, daß ein großer Teil der jüdischen öffentlichen Meinung in den neutralen Ländern die Niederlage von Englands mächtigstem Verbündeten. Rußland, und damit auch die Niederlage Englands herbeisehnt. Der Maß gegen Rußland erweist sich stärker als die Liebe zu England. Um diesen Wandel zu begreifen, muß man sich nicht nur die Judenpogrome Rußlands, sondern auch die „gesetzlich" statutierten Judenleiden im Zarenreiche vor Augen halten. Auch während des Krieges hat es der Zar nicht für notwendig gefunden, die schreckliche Lage der Juden irgendwie günstiger zu gestalten. England aber schweigt und Sir Eduard Grey hat auf alle Interpellationen die stereotype Antwort: „Wir können uns in die internen russischen Angelegenheiten nicht hineinmengen." An diesem Dogma hält er derart fest, daß er selbst die Nicht-Anerkennung der Reisepässe englischer Juden durch Rußland ruhig hingenommen hat. Amerika hat deswegen den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt; England schwieg und ließ sich alles gefallen. Seitdem England mit Rußland so intim alliiert ist und gemeinsam Krieg führt, sind wohl Rußlands interne Angelegenheiten die Angelegenheiten Englands geworden, da einerseits der Zusammenhang zwischen innerer Politik und militärischer Machtentfaltung unleugbar ist, andererseits leidet auch England infolge der Gegnerschaft der jüdischen öffentlichen Meinung im Auslande. Alle meine Bemühungen, Wien, 6. April 1916. die englische Regierung zu überzeugen, daß die Emanzipation der russischen Juden im Interesse der Entente gelegen ist, da diese die Hilfe der Juden aller neutralen Länder, die moralische Stütze eines Journalisten-Volkes für sich gewonnen hätte, blieben erfolglos, obwohl die Entente angeblich einen Krieg für Gerechtigkeit und Freiheit führt und obwohl selbst ein russischer Senator, Baron Rosen, gewesener Botschafter in Washington, öffentlich erklärt hatte: Es ist unmöglich, gleichzeitig zweien Göttern zu dienen, es ist unmöglich, in internationalen Fragen das Dogma von Freiheit und Gerechtigkeit zu proklamieren und dieses Dogma in Bezug auf die internen Angelegenheiten zu ignorieren, da dies eine politische Hypokrysie wäre, die ihresgleichen in der Weltgeschichte suchen müßte. Es blieb trotzdem alles beim Alten. Die Juden Rußlands entbehren auch während des Krieges jeder Erleichterung. Rußland hatte Gelegenheit, sich vom jüdischen Patriotismus zu überzeugen. Sie haben alles getan, um ihre Vaterlandsliebe zu dokumentieren — aber die Antwort, welche das Zarenreich auf diese Opferwilligkeit seiner jüdischen Bürger erteilt hatte, ist allgemein bekannt. Zangwills Artikel ist wahrlich geeignet, die jüdische öffentliche Meinung aller neutralen Lander davon zu überzeugen, wie unbegründet alle Hoffnungen auf eine Hilfe für die russischen Juden seitens der Entente waren und sind. Die Juden iflri k. u. k. OkkupaiiiÖiaSgeBieie. (Brief aus Lublin.) Die Konsolidierung der Verhältnisse im k. u. k. Okkupationsgebiete macht immer günstigere Fortschritte und auch die Verhältnisse im jüdischen Lager gestalten sich immer erfreulicher. Die Gründung eines eigenen Organes unter dem Titel „Mysl zydowska" (Der jüdische Gedanke), welches seit vorigem Monate hier erscheint, hat der .Judenschaft ein Sprachrohr verschafft, mittelst dessen die jüdischen Interessen offen und energisch vertreten werden. Die Redaktion hat sich auf den allgemein-jüdischen Standpunkt gestellt, ohne in das Extrem des Nationalismus oder der Assimilation zu verfallen, von dem Gedanken ausgehend, daß diese Fragen keineswegs im gegenwärtigen Momente einer Lösung zugeführt werden können. Das Erstreben allgemeiner Rechte für die Juden sowie deren wirtschaftliche und kulturelle Hebung tut vor allem allgemein not und dieser Aufgabe ist auch das neue Organ gewidmet. Daß weder die jüdischen Nationalisten noch gewisse , polnischen Kreise mit dem Programme dieses Blattes zufrieden sind, beweist vielleicht am besten, wie richtig die Redaktion den goldenen Mittelweg gewählt hat. Der Oberrabbiner von Lublin, E. Klatzkin, hat einen Aufruf an die jüdische Bevölkerung erlassen, in welchem er dieselbe auffordert, sämtliche Anordnungen der Behörden in Bezug auf die sanitären Vorschriften zu befolgen, eingedenk dessen, daß auch unsere religiösen Vorschriften ein solches Verhalten gebieten. Gleichzeitig fordert der Rabbiner seine Gemeinde auf, alles zu unterlassen, was dem guten Rufe der Juden Abbruch tun könnte. Schließlich werden die wohlhabenderen Kreise aufgefordert, sich ihrer ärmeren Brüder eifrig anzunehmen und ihnen die weitgehendste Stütze angedeihen zu lassen. Der Aufruf des Rabbiners hat in allen jüdischen Kreisen einen tiefen Eindruck gemacht. Seit einiger Zeit weilt hier Herr Dr. Hirshfield, der Delegierte des Jüdischen Hilfskomitees in New York. Seinen Bemühungen ist es gelungen, den Briefverkehr zwischen dem Okkupationsgebiete und Amerika zu ermöglichen, so, daß die Juden dortselbst die Möglichkeit haben, mit ihren Anverwandten in Amerika in brieflichen Verkehr zu treten. Herr Dr. Hirshfield organisiert auch die Hilfsaktion für die Juden im Okkupationsgebiete. Um eine unberechtigte Steigerung der Fischpreise hintanzuhalten, hat Oberrabbiner 2. Jahrgang. Klatzkiu ein religiöses Verbot Uszuti erlassen, für Fische mehr als K 1.60 zu zahlen. Sollten die Fischhändler über diesen Preis hinausgehen wollen, dann ist es den Juden im Sinne der religiösen Vorschriften verboten, Fische zu kaufen. Der Verkauf von Pessachmehl findet im Lokal des jüdischen Rettungskomitees statt. Im Sinne der seitens der Behörden erlassenen Vorschriften werden per Person acht Pfund Mehl abgegeben. Die Nachrichten aus der Umgebung lauten ebenfalls ziemlich günstig. Die Konsolidierung der Verhältnisse macht überall erfreuliche Fortschritte. Wenn wir uns daran erinnern, in welchem Hangen und Bangen wir im Vorjahre das Pessachfest verleben mußten, so wissen w ir erst recht die Wandlung zu würdigen, die im Laufe des letzten Jahres eingetreten ist. Mit vollstem Herzen werden wir diesmal, die Hagada variierend, am Pessach rufen können: „im Vorjahre waren wir Sklaven, heuer sind wir freie Bürger!" M. 0. Russische Anleihe und Juden. Nach einer Meldung der „Neuen Züricher Zeitung" haben die in Petersburg weilenden Vertreter der amerikanischen Banken mit aller Entschiedenheit erklärt, die Unterbringung einer russischen Anleihe in Amerika sei nur dann möglich, wenn die Regierung verspräche, die Judengesetzgebung zu ändern. Das ist vielleicht die härteste Bedingung, die der russischen Regierung-gestellt werderrkentttc. Zu KricxsfecKtHn war das amerikanische Kapital eine der großen Hoffnungen Rußlands. Es war Rußland gelungen, in Nevvyork mit der Morgangruppe eine Anleihe von fünfundzwanzig Millionen Dollar abzuschließen und damit schien der amerikanische Markt für den russischen Bedarf geöffnet. Nach der Schlacht bei Tannenberg aber sank in Amerika das Vertrauen zu Rußland mit einem Male wieder auf den Nullpunkt, die Anleihe wurde tief unter ihrem Emissionskurs auf den Markt geworfen, und seither vermochte Rußland keinen Dollar mehr von Amerika zu bekommen. Allein, die russische Finauznot ist groß und wird immer größer. Frankreich kämpft jetzt mit Geidsehwierigkeiten, England ist nur unter demütigenden Bedingungen für eine finanzielle Unterstützung des russischen Ententegenossen zu haben. So wendet sich denn der Blick Rußlands immer und immer wieder zu dem Geldmarkt der Vereinigten Staaten. Die jüngsten Verhandlungen, die zwischen der russischen Regierung und den Newyorker Bankiers gepflogen wurden, sind plötzlich in einein bereits vorgeschrittenen Stadium gescheitert. Niemand wußte sich die wahren Ursachen zu deuten. Und nun erfährt die „Neue Züricher Zeitung" aus guter Quelle, daß die oben erwähnte Bedingung den Abschluß der russisch-amerikanischen Anleihe zum Scheitern gebracht habe. Aus dem Verlauf der jüngsten Dumadebatte über die Judenfrage werden sich die Vertreter der amerikanischen Batiken einen Begriff darüber gemacht haben, wie es um das Schicksal der russischen Juden bestellt ist. Die Interpellationen der Dumaabgeordneten Friedmann und Miljukow zugunsten der Juden gaben zu einer Debatte Anlaß, bei der das russische Judentum in der ärgsten Weise geschmäht wurde, so daß es fast zu einer Sprengung des progressive Dumablocks kam. Sehr interessant äußerte sich der amerikanische Großbankier Jakob H. Schilf über die russische Judenfrage und ihren Einfluß auf die russisch-amerikanischen Anleihe Verhandlungen. Er sagt: „Wenn die Meldungen von einem bevorstehenden Darlehen an Rußland richtig sind, so handelt es sich bei dieser Kreditgewährung um eines der verräterischsten Kapitel in der Finanzgeschichte unsres Landes. Es ist noch nicht bekannt geworden, unter wessen Auspizien die erwähnte Transaktion gemacht werden soll, aber wer auch immer dafür verantwortlich ist und wer sich daran beteiligt, wird keinen Grund haben, stolz zu sein, daß er der russischen Re-