Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 13 (30.3.1916)
- Date
- 1916-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 13. Rußlands und die Triebkraft der Politik der grausamsten Evakuierungen. Die bedeutendsten russischen Feldherren haben sich an diesem Krieg gegen die wehrlose Bevölkerung beteiligt. Zu ihnen gehört auch der jüngst zurückgetretene Oberkommandierende der Nordiront {Riga—Dwinsk), General Russky. Am (27. Januar) 9. Februar j>915 telegraphierte der General an den Gouverneur von Ploz'k: „Entfernet alle Juden aus dem Plozker Gouvernement." Hierauf folgte ein zweites erläuterndes Telegramm: „Es unterliegen der unverzüglichen Ausweisung alle Juden und verdächtigen Personen aus den Orten in der Nähe der Linie der Front (der Schlachtlinie) und im Rayon der Konzentration der Truppen. Zweck der Anordnung ist — die Verhinderung von Feststellungen zwecks Spionage." So wurde das neue Blutmärchen von dem kollektiven Landesverrat der Juden genährt. Die Lage in Palästina. Aus New-York wird geschrieben: Vor kurzem ist hier der bekannte Poale- Zionist Zerubabel eingetroffen, welcher in Palästina während der ersten Kriegsmonate geweilt hatte und seitens der türkischen Regierung wegen der Herausgabe eines hebräischen Sammelbuches ohne Zensurbewilligung unter Anklage gestellt wurde, nachdem es ihm gelungen war, zuerst nach Griechenland zu flüchten und von dort nach Amerika zu reisen. In einem Gespräche mit dem Redakteur einet hiesigen jüdischen Zeitung erklärte Zerubabel, daß die Nachrichten über eine Hungersnot in Palästina übertrieben sind. Das wichtigste Lebensmittel, Brot, ist genügend vorhanden; nicht nur für die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung, sondern auch für Exportzwecke. Araber aus den weitesten Gegenden kommen nach Palästina und kaufen in den jüdischen Kolonien Getreide. Was den Kolonisten fehlt, ist Kapital, um die Rohprodukte ausarbeiten zu können. Auch die Schäden der Heuschrecken- Epidemie sind viel kleiner, als zuerst befürchtet wurde. Viele Fruchtbäume, die man als gänzlich tot betrachtete*, geben neuerdings Lebenszeichen von sich. Wiederum fehlt es bloß an Kapital, uni dje Garßen, .bearbeiten zu können. Die jüdischen Arbeiter finden letzt leichter Arbeit, da das Gros der Araber der Armee eingereiht wurde. Auch bei den öffentlichen Bauten, welche seitens der Regierung und der Heeresleitung unternommen werden, finden jüdische Arbeiter Beschäftigung. Diese Mitteilungen stehen allerdings im Widerspruche mit anderen Berichten aus dem Heiligen Lande, welche die Lage der dortigen Juden in überaus düsteren Farben schildern. Da es unmöglich ist, von der Ferne den eigentlichen Sachverhalt festzustellen, reproduzieren wir diese Mitteilungen auf die Verantwortlichkeit Zerubabels. Aufforderung zur JudenmelzeleL Ein üelieimzirkuiar der zarischen Regierung. Die letzte Dumarede des Sozialisten Tscheidse, die verstümmelt und entstellt in den Petersburger Blättern vom 14. bis 27. Februar wiedergegeben wurde, enthielt eine scharfe Anklage wegen eines von der zarischen Regierung an die Behörden erlassenen Zirkulars. Dieses Zirkular, das unter russischen Verhältnissen nicht mehr und nicht weniger als eine verhüllte Aufforderung zu Judenmetzeleien enthielt, wurde von 'Ische.dse vollinhaltlich in der Duma verlesen. Es hat nach der „Humanite" vom 15. d. folgenden Inhalt: Ministerium des Innern. Polizeidepartement. Sechste Sektion. Den 9. Jänner 1916. An die Gouverneure, Statthalter, Bezirksvorsteher, Gendarmeriebüros, (politische Polizei) der Provinzen! Nach unseren Erkundigungen beschäitigen sich die Juden gegenwärtig unter Zuhilfenahme geheimer Verbindungen eifrig mit revolutionärer Propaganda. Dabei haben sie, um die allgemeine Unzufriedenheit in Rußland zu schüren, aülier den verbrecherischen Zentren des Kaiserreiches und der Aufreizung zu Streiks noch die folgenden zwei wichtigsten Kampfsarten gewählt: die künstl.che Verteuerung der wichtigsten Lebensmittel und das Zurückbehalten des gemünzten Oeldes. Hier schaltete Tscheidse die folgenden Vermerkungen ein: Meine Herren, das sagen Leute, die seit Kriegsbeginn — von ihren anderweitigen Taten nicht zu reden — sich damii befassen, die öffentliche Meinung mit dem Gift des Antisemitismus zu durchsetzen. Das sagen Leute, die selber unaufhörlich Streiks provozieren. (Zwischenruf Rodischews: . . . und Pogrome!) Das sagen Leute, die in der Eisenbahnverwd.tung das System der Plünderung, der Erpressung und der Bestechung aufkommen lielieu. (Zuruf links: Das ist wahr!) Das Zirkular fährt fort: In Anbetracht, daß weder die militärischen Rückschläge noch uie revolutionäre Propaganda irgend einen ernstlichen Einfluß auf die breiten Volksmassen auszuüben vermögen, so versuchten die heimlichen j Parteigänger Deutschlands die allgemeine Unzufrie- | denheit mit Protesten gegen den Krieg durch das i Mittel der Hungersnot und der äußersten Verteuerung der Nahrungsmittel zu erregen. Das sagen, bemerkte Tscheidse, die aufrichtigsten Freunde der deutschen Junker, die Verehrer der teutonischen gepanzerten Faust! Das Zirkular geht weiter: j, , Vermöge mangelnder^Zirkulation von jjernunztern Geld suchen die Juden Mißtrauen gegen das russische und die Depositen zu veranlassen, ihre Guthaben von den Kreditinstituten des Staates zurückzuziehen. (Zwischenruf von links: Staatsmännerweisheit!) Gelegentlich der Ausgabe kleiner Banknoten verbreiten die Juden hartnäckig das Gerücht unter der Bevölkerung, die russische Regierung hätte Bankerott gemacht, da sie nicht einmal mehr genug Metall besitze, um Scheidemünzen prägen zu lassen. Die starke Beteiligung der Juden an den oben beschriebenen verbrecherischen Unternehmen scheint s.ch aus ihrem Wunsche zu erklaren, die Beseitigung uer jüdischen Autenthaltszone zu erhalten. Sie betrachten den jetzigen Augenblick als den gunstigsten. Rechte unterdrückter Volker zu handeln und ihre guten Verbindungen zu benützen, um dem jüdischen Volke zu den ihm gebührenden und vollen Rechten zu verhelfen; und Beschlossen, daß zu dem Zwecke, um den gerechten Forderungen des jüdischen Volkes das größtmögliche repräsentative Ansehen zu verleihen und um das jüdische Volk selbst zur Förderung seiner eigenen Interessen zu organisieren, ein Kongreß der amerikanischen Juden auf demokratischer Grundlage zusammengerufen werde, der die Wünsche der amerikanischen Judenheit in Worte kleiden und ihnen Ausdruck verleihen soll." Russische Dokumente. (JAK.) Das nachstehende Dokument wird dem Bericht des Zentralkomitees der „Kadetten"-Partei über die Judenfrage an den Delegiertentag der Partei vom 19.-21. Juni 1915 beigelegt. Es stammt anscheinend aus der Zeit des Wechsels des Höchstkommandierendeu (August 1915). Tel e g r a in m des Stabs des 30. Armeekorps. Der kommandierende General hat befohlen, die betreffenden Anordnungen des Telegramms des Obersten Leiters der Verpflegung der Feldarmee zur Ausführung zu bringen. Auf Befehl des Höchstkommandierenden wird die zwangsweise Evakuierung beim Rückzug gänzlich aufgehoben; Flüchtlinge, die freiwillig nach unseren Gouvernements folgen, sowie die Einwohner an den Grenzen werden nach den östlichen Teilen der Gouvernements Wolhynien und Podolien gerichtet; die nach üalizien zurückkehren wollen, sollen nicht aufgehalten werden, wenn es nach militärischen Erwängungen zulässig ist. Die Verteilung der Flüchtlinge soll in einigen Kolonien erfolgen, an Stelle der evakuierten Kolonisten. Galizische Juden sollen in unsere Grenzen nicht zugelassen werden, die inzwischen in unsere Gebiete mit den Flüchtlingen eingedrungen sind, nach Möglichkeit nach üalizien zurückzusenden. Gegenwärtig befinden sich längs der österreichischen Grenze Lager von Juden, die vorher aus den Militärrayons ausgewiesen und nach Rußland nicht hereingelassen wurden; beim Rückzug unserer Armee und beim Passieren der Grenze sollen diese Lager sorgfältig durchsucht, bzw. umgangen werden, um Verseuchungen zu vermeiden, ebenso sollen energische Maßnahmen, bis zur Anordnung der Gewalt, ergriffen werden, u m d i e Juden in der Richtung des Feindes durchzustoßen. (gez.) Oberstleutnant Stawrogin. General Russky im Kriege gegen die Juden. Bekanntlich sind der russische Oeneralstab und die hohe Generalität der Mittelpunkt des Verleumdungsteldzugs gegen die Juden Juden in englischen Zivilgefangenenlagern. Von einem deutschen Juden, der als Zivüknegsgetangener m dem englischen Gefangenenlager zu Knockalve auf der lnsei Man interniert war und von dort Anlang Februar dieses Jahres als ..Ausgetauschter zurückkehren konnte, erhalt das „H. Isr. Familienblatt loigende Schilderung: Von den englischen Juden wird herzlich wenig oder besser gesagt gar nichts für ihre internierten Glaubensgenossen xctan. Gerade in den verschiedenen Lagern zu Knockalve (Insel Man) sind sehr viele Juden emgespem, getrennt von ihren Angehörigen, ohne vorherige Warnung aus ihren Geschäften heraus verhaftet, nachdem ihnen vorher oft die Schaufenster eingeworfen oder gar der Laden geplündert worden war. Ihr Los ist m der Gelangenschatt fürwahr nicht beneidenswert. Die Beköstigung ist dieselbe wie für Nichtiuden. und die vielen irommen Juden, die stets rituell gelebt haben, müssen darunter gewaltig leiden, denn viele ziehen vor, lieber von iee und Brot zu leben, als die religiösen Speisegesetze zu übertreten. Ich selbst kenne Falle, in denen die Gesundheit der Betreffenden unter diesen Entbehrungen vollständig zusammenbrach. sodaB eine Ueberfuhrung ms Hospital notwendig wurde Für die judische Gemeinde von London oder einer anderen Stadt Englands, oder für irgend eine dortige indische religiöse Vereinigung mußte es ein leichtes sein, diese strenggläubigen Leute mit koscherer Nahrung zu versehen. Es existiert zwar ein sogenanntes ..Koscher Camp" m Douglas (Insel Man), wo Juden gegen Zahlung eines geringen Betrages mit koscherer Nahrung beköstigt werden. Ich habe jedoch verschiedentlich sagen hören, daß die Nahrung dort ebensowenig rituell zubereitet sei. als sonstwo, und außerdem smd es gewohnlich die Aermsten der Armen, die mit solch bewundernswerter Zähigkeit an ihrem Olauben hangen. und für diese ist auch der kleinste Betrag unerschwinglich, nachdem sie ein Jahr oder noch langer ihrem Be¬ Ware es tur die Juden Englands nicht ein leichtes und dazu noch eine Pthcht gewesen, uns am Rauschhaschonoh und jomkippur wenigstens einen würdigen Gottesdienst zu ermöglichen? Am guten Willen der gerangenen Juden hat es wahrlich nicht gefehlt! Wie schon wäre es gewesen, wenn alle im Camp internierten Juden ihre Andachten an diesen hohen Festen zusammen verrichten kormen.-' Der Kommandant des Laders halte sicher nichts in den Weg gelegt. Statt dessen mußten wir uns mit einem gar sehr improvisierten Gottesdienst begnügen, und selbst dazu wäre es nicht ge- Koimnen. hatte sich nicht ein judischer Geiangener, Herr Gabel unserer Sache tatkräftig angenommen. Er tut auch letzt noch sein Möglichstes jur die internierten Glaubensgenossen, aber ohne Hille von außen ist da natürlich nicht viel zu machen. Unsere bedürftigen Glaubensgenossen in enffhscher Gefangenschaft können nicht einmal ein Gebetbuch bekommen, ohne datur zu bezahlen. Bibeln und Gebetbucher wurden an die andersgläubigen Gefangenen mit einer geradezu verschwenderischen Freigebigkeit verteilt, wer als jude ledoch eine Tefiloh haben wollte, konnte sie nur gegen Bezahlung — und selbst dann noch mit Schwierigkeiten — er- Ein jüdisches Freikorps gegen Rußland. Zum ersten Male haben die Juden als Soldaten zur Zeit des Autstandes der Polen gegen Rußland im Jahre 1 (94 am Kampfe teilgenommen, als der General Koscmszko den Autstand gegen Rußland organisierte. Der österreichische Staatsbeamte Anton Baum, der von seiner Regierung zu allerlei geheimen Missionen verwendet wurde, berichtet an das Staatsministerium in Wien, ..daß er mit Staunen und Bewunderung den neuen Geist wahrnehme, welcher die Juden unter der allgemeinen nationalen Erhebung erfaßt hat. seit dem Ausbruch des Autstandes bilden die Juden ein Grenzkorps, in Uniform nach indischem Schnitt, mit Schwertern und Pistolen bewaffnet. Unter dem heftigsten Kartätschenieuwi\ zu Hunderten verwundet und getötet, verloren sie gleichwohl die Geistesgegenwart nicht, stürzten sich dem Feind entgegen und eroberten mehrere Geschütze. In dne Graben arbeiteten sie zusammen mit Mönchen und Edelleuten m bester Eintracht. Sobald das Signal gegeben wurde, daß es galt, einer Attacke die Stirn zu bieten, versammelten sie sich bewaffnet an dem hiezu bestimmten Punkte. — Karl Wojda in seinem „Versuch einer Geschichte der letzten polnischen Revolution lobt wiederholt die Tapferkeit der Juden, „welche sich vorzuglich hervorgetan haben". Sobald die Erhebung gegen Ruisland losbrach, besenloß der bis dahin ganz unbekannte Berko Joselewicz aus der Warschauer \orstadt-Praga. ein reguläres judisches Korps zu bilden. Beim Oberbefehlshaber Kosciuszko fand er bereitwilliges Entgegenkommen. Berko joselewicz erließ einen Aufruf an seine Glaubensgenossen, m welchem er sie auttorderte. sich um ihn zu scharen. Unter anderem h eh es dort: „Warum sollten wir Juden, die wir am meisten von allen Menschen in der Welt unterdrückt sind, nicht zur Wafie grellen, um uns zu befreien? Der ewige (jott hat die Heimatlosen aus viel schwereren Noten befreit, so wird er auch jetzt uns seine Hilfe nicht versagen. Die Freiheit, das Recht frei zu atmen, und den Kopt hochzutragen, muß man sich verdienen". Oberst Berko. wie joselewicz spater hieß, tiel im Jahre 1809. von dem Säbelhieb eines Husaren schwer getroffen. In den polnischen Kreisen und von allen militärischen Würdenträgern wurde Berkos Andenken hochgehalten und be nähe verklart. Man nannte ihn den „beruhraten Juden , „ruhmgekront durch Tapferkeit und Aufopferung.