Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1916-03-23 · 12 (23.3.1916) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
12 (23.3.1916)
Date
1916-03-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3495278-3495300-3495312--0161-3520772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Jlidische Korrespondenz Nr. 12. ungeprüften Nachrichten zufolge, die Deutschen die Absicht hegen, den Wohlstand der russischen Bauern dadurch zu ruinieren, daß sie im nächsten Sommer an verschiedenen Stellen des Reiches die Ernte durch spezielle Maschinen von (jrund aus vernichten. Zu diesem Zwecke sollen in versciiiedenen Unen geheime deutsche Vorschriften bereits erlassen werden. Denselben Nachrichten zufolge, sollen an der Ausführung dieses Planes die Deutschen russischer Staatsangehörigkeit und Juden, die zu diesem Zweck von den Deutschen bestochen wurden, beteiligt sein. Obgleich diese Nachrichten, wie gesagt, nicht geprüft waren und es möglich war, uali sie nicht ganz zuverlässig seien, bittet das l'olizeidepartement trotzdem, angesichts des Ernstes der frage, den Innen zuständigen Beamten davon Kenntnis zu geben usw. Meine Herren! Eine ungeprüfte, niemandem bekannte Nachricht, eine absichtlich erfundene Lüge und üemeinheit, ein Muster der Pogromliteratur, wird diesmal durch das Finanzministerium verbreitet! Meine Herren, solche Mittel .können nur die aufrichtige Entrüstung aller derer hervorrufen, die vor einer unverschämten Verwertung von Lugen Ekel empfinden. Durch unreine Mittel, meine Herren, können keine gute Dinge entstehen. Solche Mittel weruen nur dann gebraucht, wenn wir sonst nichts besitzen und wenn uns nichts anderes als zu lü gen und zu verleumden übrig bleibt." Dem Abgeordneten Schingarew erwiderte in seiner Rede vom 19./1L (J./ill.) der Fuhrer der äußersten Rechten und Antisemit N. J. Markow II. Er bedauerte, daß die „progressive russische Fresse dem jüdischen Kahal verknechtet" sei und datier die Rolle der jüdischen Kauileute bei der Neuerung der Nahrungsmittel unaufgeklärt blieb. Sogar die berühmte antisemitische Zeitung „Nowoje Wremja" und der erzreaküonäre „Kolokol" sind seines Wissens jüdisches Eigentum. Er halte es jetzt nicht an der Zeit, eine so ernste Frage wie die jüdische aufzurollen, er halte es aber für hinreichend, Auszüge aus einer Meldung eines österreichischen Kamrherobersten Hümmel vorzulesen, in der gesagt wird, daß „die russischen Kriegsgefangenen auf den Straßen von der Bevölkerung, besonders von den Juden, mit Stöcken geschlagen wurden". (Stimmen links: Das ist eine Pr ,- vokation von der Tribüne der Reichsduma herab!) Die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Galiziens. (Schaffung einer Landeszentrale bei der galizischeu Statthalterei.) , In einer in der „Wiener Zeitung" veröffentlichtet] Mitteilung gibt die Regierung die Schaffung einer Bchördeuorganisation zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtüng- Galiziens bekannt. Die besondere Organisation, die deshalb eingerichtet wird, weil die tritt der Heilung der Kriegsschäden des Landes verbundenen neuartigen Aufgaben im Rahmen der normalen Tätigkeit der Behörden nicht mitgelöst werden können, beruht auf zwei Gedanken: Zentralisation der Gesamtleitung und Heranziehung von Vertretern der Bevölkerung. Zentralbehörde wird eine bei der galizischeu Statthaltern eingerichtete Behörde sein, die in drei Abteilungen, Bau-, laud- und forstwirtschaftliche und gewerbliche Abteilung, die Durchführung aller Agenden des Wiederaufbaues leiten wird. Die Landeszentrale wird eine staatliche Behörde sein, jedoch wird — unbeschadet der aui den gesetzlichen Vorschriften beruhenden Zuständigkeiten der autonomen Behörden — eine Zersplitterung der Arbeit dadurch vermieden werden. daB in das Personal der Zentrale auch Beamte der autonomen Landesverwaltung, besonders technisch gebildete, autgenommen werden sollen. Zur Vertretung der Bevölkerung wird ein Beirat ingesetzt, in den der LandesausschuU sechs, der Statthalter achtzehn Mitglieder aus den beteiligten Berufsuud Interessentenkreisen entsendet. In den Bezirken w ird die Arbeil des Wiederaufbaues von den politischen Behörden geleitet. Die gesamte Oeffentlichkeit Oesterreichs wird den Beginn des Wiederaufbaues der vom feinde zerstörten Gebiete üaiiziens mit aufrichtiger Sympathie begrüßen. Die Mitteilung in der „Wiener Zeitung" lautet: Durch den Gang der Kriegsereignisse ist Ualizien. das der Schauplatz der heldenmütigen Kämpfe unserer Truppen gegen feindliche Ueberrnacht im Herbst und Winter 1914 und des beispiellosen Siegeszuges der verbündeten Armeen im Frühjahr und Sommer 1915 gewesen ist, schwer geschädigt und seine wirtschaftliche Entwicklung, die gerade in der letzten Zeit vor dem Krieg erfreuliche Ansätze zu einem gedeihlichen Aufschwünge gezeigt hatte, unterbunden worden. Nachdem also der größte Teil des Landes vom Feinde befreit worden war, ergab sich alsbald auch die Notwendigkeit, der militärische]! Rückeroberung seine wirtschaftliche Wiederaufrichtüng folgen zu lassen, damit die Wunden, welche durch die langen, blutigen Kämpfe und durch die feindliche lnvesion dem Lande geschlafen worden sind, wieder geheilt, die Grundlagen der wirtschaftlichen Existenz 3er Bevölkerung wieder hergestellt und ihr die Bahnen zu erneuertem Wohlstand« treigemacht werden. Die Regierung hat es^daher auch als ihre Pflicht ansehen müssen, alles vorzukehren, um die Regenerierung des Landes zu ermöglichen und nach Kräften zu ü.rdern. Iis sind gewiB gewaltige Aufgaben, die hieraus insbesondere auch den staatlichen Behörden im Lande erwachsen -- Arbeiten, diesen normalen Rahmen ihrer laügkeit weit überschreiten. Wenn es sonst im wesentlichen nur Pflicht des Staates und seiner Organe ist, das Bestehende zu verwalten und zu erhalten, das ^piel der sozialen und wirtschaftliehen Kräfte zu regein und Hemmungen und Störungen der natürlichen Entwicklung hintanzuhalten, so gilt es hier, initiativ einzugreifen und der Bevölkerung mit Rat und Tat au die Hand zu gehen. Zerstörtes wieder aufzubauen, aus dem Schutt und Staube der vernichteten Kulturen neues Leben zu erwecken, Gewerbe, Industrie und Handel in die verlassenen Geleise produktiven Schaffens und Verkehres zurückzuleiten. Um die Behörden in die Lage zu versetzen, diesen außerordentlichen Anforderungen besser zu genügen, hat die Regierung eine eigene Organisation zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtjung Galiziens ins Leben gerufen, welche eine einheitliche Leitung und zweckmäßige Durchführung sämtlicher mit der Wiederauirichtuiig üaiiziens zusammenhängender Agenden gewährleisten soll. Aile diese Agenden werden nämlich in einer eigenen Abteilung der galizischeu Statthaltern zusammengefaßt, welche die Bezeichnung „K. k. Statliialterei. Landeszentrale für die wirtschaftliche WiederuuirichtunH Galiziens" führi,. Sie gliedert sieh nach den drei wichtigsten Zweigen ^ler Wiederauinciitungsaktion dem Wiederaufbau zerstörter Städte, Gemeinden und Ortschaften. Kommunikationen, Wasserleitungen usw., der land- und forstwirtschaftlichen Rekultivierung und j der Retablierung von Gewerbe, Industrie und Handel im Lande - in eine Bau-, eine land- und forstwirtschaftliche und eine gewerbliche, industrielle und kommerzielle Abteilung. Neben der Durchführung der die Aktion regelnden allgemeinen und organisatorischen Maßnahmen obliegt dieser Landeszentrale auch die Oberleitung und Aufsicht über alle einschlägigen Einzelmaßnahincn, selbstverständlich aber unbeschadet der durch gesetzliche Vorschriften geregelten Zuständigkeit der staatlichen und autonomen Behörden. Auch in den Bezirken, sind zweckmäßige Einrichtungen zur Durchführung (der wirtschaftlichen Wiederaufrichtüng, Galiziens. getroffen. Zur Besorgung der ,deu Wiederaufbau der" zerstörten Städte, Gemeinden und Ortschaften, Kommunikationen, Wasserleitungen usw. betreffenden Angelegenheiten werden eigene Bauexposiluren geschaffen, deren Sprengel nach Bedarf einen oder mehrere politische Bezirke umfassen. Die Agenden der land- und forstwirtschaftlichen Rekultivierung und der Wiederaufrichtung von: Gewerbe, Industrie und Handel in den Bezirken sind Sache der Vorstände der politischen Bezirksbehörden, denen zu diesem Zwecke eigene land- und forstwirtschaftliche, gewerbliche und andere Fachmänner als Hilfsorgane zur Seite gestellt werden. Die Geschäftsführung dieser verschiedenen Einrichtungen und Organe wird durch besondere Instruktionen geregelt werden, die auch ermöglichen sollen, dal! sich der Geschäftsgang in allen die Wiederaufrichtungsaktion betrettenden Angelegenheiten auf das einfachste, zweckmäliigste und rascheste abwickeln. Ebenso wichtig für den angestrebten Erfolg wie diese organisatorischen Bestimmungen ist die Wahl tüchtiger, ihren Aufgaben in jeder Hinsicht gewachsenei Personen. Das erforderliche Perswnal ist zunächst dem Stande der politischen Behörden, dann der sonstigen staatlichen Behörden Galiziens zu entnehmen; es ist aber auch die Möglichkeit vorgesehen, es durch entsprechend qualifizierte, insbesondere technische Funktionäre der at tonomen Landesverwaltung, in den Bezirken überdies auch durch fachlich qualifizierte, gegen Dienstverirag zu bestellende Privatpersonen zu ergänzen. Insbesondere die Heranziehung von Landesbearnten entspricht der Absicht, den Verkehr mit der autonomen Landesverwaltung möglichst zu erleichtern und zu beschleunigen. ' Als beratende Körperschaft steht der Landeszentrale für die wirtschaftliche Wiederaufrichtüng Galiziens ein Beirat zur Seite, der sich aus 24 Mitgliedern zusammensetzt; sechs von diesem Mitgliedern delegiert der LandesausschuU, 18 sintf vom Statthalter unter Berücksichtigung der beteiligten Berufs- und Interessentenkreise und der nationalen Verhältnisse im Lande zu ernennen. Auch dieser Beirat gliedert sich, wie die Landeszentrale, in drei Sektionen, die eine zur Beratung in den auf den Wiederaufbau zerstörter Städte usw., die zweite in den auf die Wiederaufrichtung der Land- und Forstwirtschaft;' die dritte in den auf die Wiederaufrichtüng von Gewerbe, Industrie und Handel bezüglichen Angelegenheiten. Der Beirat ist vom Statthalter in den Bedürfnissen angemessenen Zeiträumen einzuberufen. Aus seiner Mitte können noch ständige Ratgeber (beratende Fachorgane) bestellt und den einzelnen Abteilungen1 der LaiÄeszentrale — und zwar in der Anzahl von höchstens «wei für jede Abteilung — beigegeben werden. Das Organisationsstatut sieht schielilich auch noch die Möglichkeit vor, auch in den Bezirken eigene Beiräte zu bestellen, wenn sich bei Durchführung der1 Aktion ein unabweisliches Bedürfnis hienach ergebe» sollte. Diese hier nur in aller Kürze dargestellten Verfügungen lassen erkennen, welches Gewicht die Regierung darauf legt, daß die Bestrebungen nach der Rekultivierung Galiziens so rasch und in so weitem Umfang als möglich realisiert werden. Da der neugeschaffenen Organisation alle Grundlagen für ein befriedigendes Funktionieren geboten sind, darf wohl die Hoffnung g-hegt werden, daß es ihr gelingen werde, ihren .grölten Aufgaben zum Wohle des Landes selbst wie auch des gesamten Staates in vollem Umfange gerecht zu werden." Streiflichter. Maxim Gorkij über die Gleichberechtigung der Juden. In der Zeitschrift „Jewrejskaia Nedjelja" veröffentlicht Maxim Gorkij einen offenen Brief, in dem es heißt: „Ich begreife, daß der Jude Qrund hat, dem Russen zu mißtrauen. Wir Russen haben uns eben etwas spät an die Erörterung der Frage von der Gleichberechtigung der Juden herangemacht. Doch die Erklärung dafür ist einfach: Sind wir doch auch mit der Fürsorge für uns selbst zu spät gekommen! Das Leiden ist schändlich und muß aufhören! Dies ist das Losungswort derer, die nicht heucheln wollen. Unsere Aufgabe ist es, alle Kräfte auf den Kampf gegen die Bedrückung der Menschen zu konzentrieren. Der Russe ist ein vernünftiges Wesen. Jetzt wird er doch endlich verstehen, daß auch die Juden russische Bürger sein können. Ich verhehle mir nicht, daß der gewinnliebende faule russische Industrielle in der Absicht, sich vom deutschen Kapital zu befreien, in die Hände des britischen geraten ist. Vielleicht lernen wir endlich, daß die russische Industrie in jüdischen Händen immerhin eine russische sein kann, während sie in den Händen der Engländer und Amerikaner bestimmt eine englische oder amerikanische ist. Diese Erkenntnis ist nötig, wenn wir nicht wünschen, daß Amerikaner und Briten mit unseren produktiven Kräften, von deren Anspannung jetzt so viel gesprochen wird, Raubbau treiben . . . Das Elend der jüdischen Flüchtlinge in Rußland. Aus Stockholm wird geschrieben: Bisher gelang es der Moskauer jüdischen Hilfsgesellschaft nach. unendlichen Schwierigkeiten, den 'AWenth'ältSörr.-vöri insgesamt 29&20Ö judischen Flüchtlingen festzustellen. Die Zahl der noch nicht ermittelten und vielleicht auch nie zu ermittelnden jüdischen Flüchtlinge wird von dem Komitee als weit größer angesehen. In und bei lrkutsk wurden für die Flüchtlinge allmählich 109 hölzerne Baracken errichtet. Das Elend dieser Menschen hat allerdings auch nach Errichtung dieser notdürftigen Unterkünfte nicht aufgehört. Da es sich meistens um Leute vom Land und um ungelernte Arbeiter handelt, so bestehen große Schwierigkeiten, die Leute zu beschäftigen. Die Erwachsenen können wegen Mangels an wärmer Kleidung und an Schuhwerk nicht einmal als Schneeschaufler verwendet werden. Aus demselben Grunde können die Kinder die Schulen nicht besuchen. Obgleich die Zahl der nach lrkutsk gebrachten Flüchtlinge kaum die Hälfte der Bevölkerungszahl der Stadt ausmacht, übersteigt doch die Zahl der Erkrankungen, unter den neben Erkältungskrankheiten vor allem Epidemien wie Scharlach, Typhus, Dysenterie eine Rolle spielen, die Krankheitsziffer der eingesessenen Bevölkerung von lrkutsk um ein mehrfaches. Da für polnische und jüdische Flüchtlinge in lrkutsk Hilfsvereine vorhanden sind, so ist für diese angeblich etwas besser gesorgt als für die übrigen, „Die Judenfrage auf dem künftigen Friedenskongreß.". Die »Neue Züricher Zeitung" schreibt: Wie der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet, gibt sich in den Vereinigten Staaten von Amerika unter der dortigen, bekanntlich sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung — in New-York allein zählt man fast eine Million Israeliten — eine wachsende Bewegung kund, damit das jüdische Volk auf dem künftigen Friedenskongreß, der die Angelegenheiten Europas neu ordnen soll, zur Wahrnehmung seiner Rechte vertreten sein soll. Eine in New-York abgehaltene Delegiertenversammlung der jüdischen Vereine in Amerika hat einen Beschluß jn diesem Sinne gefaßt, und auch die jüdischen Arbeiteryetr eine Amerikas, die 350.000 Mitglieder zählen, haben sich dieser einigermaßen überraschenden Propaganda angeschlossen, die nach dem Rotterdamer Blatte auch von den nichtiüdischen demokratischen und sozialistischen Korporationen der großen Republik kräftig unterstützt wird. Die gleiche Bewegung herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Kanadas. Eine eigene Zeitschrift, die den Namen „The Congreß" führt und in New-York erscheint, bildet das Organ der erwähnten Bestrebungen. Ob die letztern zum Ziele führen werden, kann man mit voller Bestimmtheit weder bejahen noch verneinen; denn dieser Weltkrieg hat schon so viele Ueberraschnngen gebracht, daß man sich auf alles, auch auf das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.