Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 12 (23.3.1916)
- Date
- 1916-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Rorrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 120. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet | | Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstrafie 55. Erscheint jeden Donnerstag ^Wien, 23. März 1916. 2. Jahrgang. Die jüdische Sprache in Österreich-Ungarn. Zu den vielfachen Märchen, die seitens der Entente und ihrer Preßlakaien über die angeblich ungünstigen Verhältnisse in Oesterreich- Ungarn, wie beispielsweise Hungersnot, Revolution etc. verbreitet werden, hat sich letztens eine neue Legende hinzugesellt und zwar über eine schlechte Behandlung der Juden in Oesterreich-Ungarn. Vom Standpunkte der Entente ist diese Taktik vollständig begreiflich. Außerstande, auf den Schlachtfeldern zu siegen, oder diplomatische Erfolge zu erringen, wollen die führenden Ententekreise die öffentliche Meinung der eigenen Länder sowie des neutralen Auslandes mittelst Verbreitung falscher Gerüchte über die inneren Verhältnisse ihrer Gegner irreführen und wenigstens in dieser Hinsicht den Anschein erwecken, daß deren Widerstandskraft gar bald zu Ende sein dürfte. Auch die plötzlich entdeckte Vorliebe für die Juden ist eine wohlberechnete Taktik. Um den üblen Eindruck, den das brutale Vorgehen der russischen Machthaber gegenüber den Juden in der ganzen Kulturwelt hervorruft, abzuschwächen, werden Gerüchte über eine schlechte Behandlung der Juden in den Ländern der Zentralmächte in die Welt gesetzt, wodurch das Vorgehen des russischen Verbündeten im milderen Lichte erscheinen sollte. Diese Taktik ist, wie gesagt, begreiflich und es ist wahrlich nicht notwendig, darüber viel Worte zu verlieren. Ganz unbegreiflich und verurteilungswürdig ist es aber, wenn sich auch jüdische Blätter dazu hergeben, der Verbreitung derartiger falscher Gerüchte Helfers- iHei'Hie -Ml ^Iglsteiy'ttaa nödh ScMrfer muß ein solches Vorgehen verurteilt werden, wenn dies seitens eines Blattes geschieht, welches einen offiziös-zionistischen Charakter trägt und angeblich Organ des Zionistischen Aktions-Komitees ist, demnach mindestens zur Wahrung der Objektivität verpflichtet wäre. Dagegen muß in der schärfsten Form protestiert werden. Die „Jüdische Volksstimme" in Kopenhagen ist es, welche in dieser Richtung unbegreiflicherweise der Entente Vorspanndienste leistet. Letztens brachte dieses Blatt wieder einen Alarm-Artikel gegen Oesterreich-Ungarn, in welchem erzählt wird, daß der Gebrauch der jüdischen Sprache in Oesterreich-Ungarn seit vielen Monaten verboten ist, daß die Zeitungen in jüdischer Sprache behördlicherseits eingestellt wurden, daß das „Lemberger Tagblatf nur unter persönlicher (?) Verantwortung höherer jüdischer Offiziere (!) erscheinen kann, daß Briefe in jüdischer Sprache nicht geschrieben werden dürfen etc. Aus all dem wird — und darin scheint des Pudels Kern zu liegen — die Schlußfolgerung gezogen, daß die Juden in Oesierreich-Ungarn „viel ärger als in Rußland behandelt werden" . . . So wenig es sich auch verlohnt, gegenüber einem derartigen Blödsinne zu polemisieren, ist es doch einmal notwendig, den Verleumdern auf die Finger zu klopfen. An all diesen Ammenmärchen ist kein wahres Wort. Es existiert in Oesterreich-Ungarn weder ein Gesetz, noch eine Verordnung, noch irgendwelcher administrativer Erlaß, mittelst deren der Gebrauch der jüdischen oder der hebräischen Sprache verboten sein sollte. Vor dem Kriege sind blos in Galizien und der Bukowina Blätter in jüdischer Sprache erschienen. Die Kriegsereignisse brachten es mit sich, daß diese Blätter eingestellt wurden. Doch machten die Behörden nicht die geringsten Schwierigkeiten gegen ein Erscheinen dieser Blatte r in Wien und in anderen Orte n Westösterreichs, obzwar dies mit Rücksicht auf die Kriegszensur mit gewissen Unbequemlichkeiten verbunden v/ar, indem in diesen Orten spezielle jüdische Zensoren angestellt werden mußten. Die Zensurbehörde ist jedoch diesbezüglich ohne Weiteres entgegengekommen und in|Wien wurde ein spezieller jüdischer Zensor bei der Preßbehörde an^ gestellt. In der ersten Zeit nach Kriegsausbruch ist hier auch das „Lemberger Tagblatt" ohne jedes Hindernis erschienen. Auch für das Erscheinen des Krakauer „Tag" wurde die behördliche Bewilligung erteilt. Es waren bloß Gründe technischer Natur, die das Erscheinen dieses Blattes bisher verhinderten, nämlich der Mangel an einer entsprechend eingerichteten Druckerei in Wien etc. Als das „Tagblatf nach einiger Zeit über freien Entschluß der Herausgeber eingestellt wurde, erhielt die „Wiener Morgenzeitung" ohne jeder Schwierigkeit die Erlaubnis zu erscheinen und erschien durch etwa neun Monate ohne jedes Hindernis seitens der Zensurbehörde. Die Einstellung des Blattes erfolgte bloß aus Zensurgründen, nachdem sich die Redaktion den diesbezüglichen Anordnungen der Zensurbehörde nicht gefügt hatte. Die Sistierung stand in gar keinem Zusammenhange mit der Sprache des Blattes und es muß betont werden, daß in allen kriegführenden Ländern wiederholt Blätter in den diversen Sprachen ihrer Tendenz und Haltung wegen eingestellt wurden. Das „Lcmberger Tagblatf hat sein Erscheinen einen Tag nach der Wiedereroberung Lembergs autgenomen, ohne daß die dortigen Behörden irgendwelche Schwierigkeiten gemacht hätten, obwohl die Verhältnisse in der Stadt noch nicht konsolidiert waren. Seither erscheint das „Lemberger Tagblatt" ohne jede Beschränkung und nimmt offen zu allen aktuellen jüdischen Fragen Stellung, ohne von der Zensur irgendwie behindert zu werden. Auch in Prag erschien längere Zeit hindurch ein Wochenblatt in jüdischer Sprache. Erst vor einiger Zeit hat die Wiener Preßbehörde ihre Zustimmung zum Erscheinen eines jüdischen Wochenblattes „Die -Jüdische Presse" in^.Wieü erteilt. Dasselbe ist auch mit der hebräischen Sprache der Fall, welche gar keinen Beschränkungen unterliegt. So konnte die „Hamizpe" in Krakau vom Oktober 1915 bis Jänner 1916 ohne weiteres erscheinen, obwohl in Krakau als Festung viel strengere Pressvorschriften eingeführt wurden. Es sind auch während der Kriegszeit mehrere Bücher im Jargon und Hebräisch erschienen, ohne daß es irgendwelcher Behörde eingefallen wäre, diesbezüglich Schwierigkeiten zu machen. Auch der Briefverkehr in Jüdisch und Hebräisch ist selbst nach dem Auslande gestattet; Beweis hiefür sind die zahlreichen Korrespondenzen aus Wien und Oesterreich in der jüdischen Presse Amerikas, die in der Originalsprache erscheinen. In der Zensur-Abteilung des Roten Kreuzes, welche die gesamte Briefzensur besorgt, ist übrigens eine spezielle hebräisch-jüdische Sektion eingerichtet worden, in welcher circa zwanzig Personen das Zensuramt ausüben — was wohl der drastischeste Beweis für die Falschheit der oberwähnten Behauptung betreffend ein Verbot der jüdischen Sprache in Oesterreich-Ungarn ist. Eine einzige Beschränkung existiert wohl in dieser Beziehung, nämlich betreffs des Gebrauches der jüdischen Schrift und Sprache i n Briefen im eigentlichen Kriegsgebiete. Aber auch diese Maßregel ist nicht im Geringsten aus Animosität oder aus Mißtrauen gegen die Juden erflossen, sondern aus rein technischen Gründen, da es sehr schwierig ist, bei allen Etappen- und Feldpostämtern Zensoren für die jüdische Sprache zur Verfügung zu haben. Es handelt sich hiebei demnach um eine Maßnahme, die nur durch die Kriegsverhältnisse hervorgerufen wurde und die sicherlich ihre Geltung verlieren wird, sobald die Verhältnisse dies gestatten werden. Aus all den angeführten Fakten ist klar zu ersehen, von wieviel Unwahrheiten der zitierte Artikel der „Jüdischen Volksstimme" strotzt und auf welch falschen Grundlagen die Schlußfolgerungen dieses Blattes beruhen. Wir erwarten, daß die Redaktion nunmehr der Wahrheit die Ehre geben und ihre Unwahrheiten richtigstellen werde, da man sonst den Eindruck gewinnen müßte, daß der betreffende Artikel im Sinne des „cui prodest?", höchstens Rußland nützen könnte. Das Zionistische Aktionskomitee, dessen offiziöses Organ die „Jüdische Voiksstiumie" angeblich ist, steht wohl mit den Zionisten in der Donaumonarchie in engeren Beziehungen vor Kurzem weilte ja das Mitglied des E. A. C, Dr. Hautke in Wien, wo er mit Bewilligung der Behörden einen öffentlichen Vortrag über die zionistische Arbeit im Kriege hielt; ein Fakt, der jedenfalls für die politischen Verhältnisse in Oesterreich bezeichnend ist —• es hat somit die Möglichkeit, sich über die wirklichen Verhältnisse der .luden in Oesterreich-Ungarn zu informieren. Es ist seine Pflicht, zu verhüten, daß in der Zukunft derartige auf falschen Informationen beruhenden Artikel in seinem Organe erscheinen. Die Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der Jüdischen Bevölkerung im nördlichen Krieg sgebieie. Auf Anregung des Freiherrn Louis v. Rothschild hat sich vor einiger Zeit ein Oesterreichisches Zentralkomitee zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung im nördlichen Kriegsgebiete gebildet, welchem als Präsident Landtagsabgeordneter Dr. Philipp Ritter v. Gomperz, als Vizepräsident Reichsratsabgeordneter Kunül Kuranda, ferner die Herren Richard Bettelheini, Universitätsprofessor 1 )r. Saiomon Ehrmann, Bergrat Max Ritter v. Guunann, Direktor Dr. Paul Hammerschlag, Dr. Felix Katzau, Dr. Friedrich Kaufmann (Prag;, Johann Kremenetzky, Moritz Edler v. Kuifner, Dr. Artur Kuranda, Direktor Wilhelm Kux, Jonas Löw-Beer (Brünn), Dr. Brunno Pollack Edler v. Parnau, Dr. Arnold Rosenbacher UJrag), Herrenhausmitglied Hofrat Dr. Josef Schey Freiherr v. Koromla, Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller, Dr. Theodor Sonnenschein (Troppau), Sigismund Freiherr v. Springer, Dr. Alfred Stern, Ingenieur Robert Stricker und Direktor Alexander Weiner angehören. Die Vertreter des Komitees wurden von den Spitzen der Zentralbehörden und den leitenden Persönlichkeiten der für die Verwaltung des nördlichen Kriegsgebietes maßgebenden Aemter empfangen und hatten Gelegenheit, vor denselben jene Gesichtspunkte zu entwickeln, welche behufs Sicherung der politischen Gleichberechtigung und der kulturellen Hebung der jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete in Betracht kommen. I )ie Aufnahme des Komitees war bei allen diesen Empfängen eine durchaus wohlwollende und sachlich entgegenkommende. In einer Reihe dringender, die staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung berührender Fälle hat das Komitee im Wege schriftlicher Vorstellung Abhilfe erbeten. Das Bureau des Komitees befindet sich: Wien, 9. Bezirk, Universitätsstraße 8. (Wir behalten uns vor, zur Tätigkeit dieses Zentralkomitees ausführlich Stellung zu neh- Die Judenfrage in der Duma. In den Reden der oppositionellen Deputierten wurden die Enthüllungen der geheimen antisemitischen Regierungspolitik fortgesetzt. Der Kadettenführer A. .1. Schingarew führte in seiner Rede über den Etat am 16./29. Februar unter anderein aus: „Vor mir liegt ein Erlaß, der vorschreibt, alle Geschäfte, die mit Juden kontraktenmäßig geschlossen worden sind, aufzuheben. Ich deichte aber bisher, daß sich mit dieser Art der Tätigkeit nur das Polizeidepartement befasse, daß es allein es sei, das die Scheidemünzen-, Teucrungs- und sonstigen Verleumdungen gegen die Juden erfinde. Nun liegt aber ein zweites Dokument vor mir, diesmal vom Finanzministerium, unterzeichnet vom Gehilfen und Mitarbeiter des Finanzministers. Dieses Dokument, das ein Geheimzirkular an die Verwalter der Regierungsbezirke darstellt, lautet: Der Gehilfe des Ministers des Innern, Dsch mkowsky, teilte dem Finanzminister mit. daß den ins Polizeidepartement eingetroffenen