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Jüdische Korrespondenz · 1916-03-16 · 11 (16.3.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
11 (16.3.1916)
Date
1916-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 11. Jüdische Korrespondenz Seite 3 r i mhmii PURIM-BLATT. ■IMHOTBMmHHmilMmM If B » * . i. „Gell, sammle alle Juden". (Purim-Qedanken.) „Geh, sammle alle Juden!" — Aufrichtig gestanden, diese Worte der Megila wollen mir nie in den Kopf. Ist das wirklich wahr? Qab es in der Geschichte des jüdischen Volkes einen Moment, wo es möglich war. alle Juden zu einer einheitlichen Aktion zu versammeln, ohne daß sich die übliche Meinungsverschiedenheit geltend gemacht hätte? Wo waren damals in Schuschan die sog. jüdischen Parteien, die sog. jüdischen Parteiführer, aie Politiker, die Kabbiner, die Publizisten e tutti yuanti, die immer das Gegenteil von dem wollen, was von anderer Seite projektiert und vorgeschlagen wird? Gab es damals unter den .mden keine Nationalisten una Assimilanten, Konservative und fortschrittler, üestler und Westler, die immer ihren eigenen Weg gehen wollen und die gegenseitige Tätigkeit paralysieren? Wo waren die Komitees zur Aufklärung über und zur Lösung der Judenfrage? Wo waren die diversen Hilfskomitees, die in jeder Stunde der Not wie aus dem Boden wachsen und alleinseligmachende „Tätigkeiten" entwickeln? Wo waren die Kultuspräsidenten, die Abgeordneten und die es sein wollen? Hat es all diese in der damaligen Zeit gar nicht gegeben oder war damals die jüdische Solidarität wirklich so groß, daß sich alle zu einer gemeinsamen Aktion unter der Führung des Juden Mordechai und der Jüdin Esther vereinigen konnten und wollten! Wer die Geschichte des jüdischen Volkes kennt, muß daran zweifeln, selbst wenn er jedes Wort der Bibel als heilig betrachtet. Es ist dies eine Erscheinung, die so selten im jüdischen Leben ist, daß man selbst bei aller Strenggläubigkeit von einem gewissen Skeptizismus erfüllt werden muß! Und wenn jemand kommen und diesen Widerspruch im jüdischen Volkscharakter mit der großen Not. in der sich damals das jüdische Volk befand, zu erklären versuchen sollte, so muß ihm?eantwortet werden, daß gerade in den Stunden der Gefahr die vielgerühmte jüdische Solidarität am stärksten vermißt wurde, daß gerade in solchen Momenten jeder sich dazu drängte, seine Weisheit leuchten zu lassen und spezielle Rettungsmittel zu proklamieren, allzu oft die Projekte von anderer Seite mit fanatischer Wut bekämpfend, Soll es gerade damals anders gewesen sein? Hat wirklich die gemeinsame Gefahr ein gemeinsames Vorgehen ermöglicht? — Eine Erscheinung, die wir selbst jetzt, während des Weltkrieges, wo sich alle Völker zu gemeinsamen Aktionen vereinigen, in unserem Lager so schmerzlich vermissen. Sollte es aber trotz all dieser Zweifel wahr sein, daß es Mordechai gelang, alle Juden zu einer gemeinsamen Aktion zu versammeln — und schließlich muß es doch wahr sein, da es in der heiligen Schrift verzeichnet ist — so liegt gerade darin das Geheimnis des großen Erfolges, den diese Aktion damals gebracht hatte. Gerade deswegen, weil alle Juden sich auf ein gemeinsames Programm geeinigt hatten, weil die einzelnen es nicht versuchten, sich persönlich aus der Klemme zu ziehen und ihre Brüder ihrem Schicksale zu überlassen, weil kein Unterschied zwischen Ost und West gemacht wurde, weil nicht Jeder, der Hand und Fuß hatte, es wagte, auf eigene Faust Aktionen einzuleiten und seine Weisheit zu verzapfen — gerade deshalb blieb der Erfolg nicht aus. Wollen wir heute, in dieser ernsten Zeit, unsere Aktionen zugunsten der durch die Kriegsereignisse betroffenen Brüder erfolgreich gestalten, dann müssen wir eben jenes Beispiel nachahmen und die Worte Esthers beherzigen: „Geh, sammle alle Juden!" Freilich müßten wir vor allem einen Mordechai und eine Esther haben! — Haben wir sie? — Fragt lieber nicht! Spectator. Krieg und Politik- (Purim-Plauderei.) „Am Purkn soll sich jeder Jude einen derartigen Rausch antrinken, daß er nicht mehr zwischen „Verflucht sei Haman" und „Gesegnet sei Mordechai" unterscheide" — so schreiben unsere Talmudweisen vor. Hätten sie noch heute gelebt, sie würden einen anderen Maßstab für die Potenz dieses Rausches bestimmt haben; nämlich, bis man nach dem Beispiele der Entente ment mehr zwischen Sieg und Niederlage unterscheiden Die Zentralmächte siegen — die Ententemächte reden. Mein Freund, Jeruchem der Makler, hatte einmal mit seinem Kompagnon einen Konflikt, der in Tätlichkeiten ausgeartet war. Zerschlagen und verhaut kommt jeruchem nach Hause und klagt sein Leid über die Behandlung, die ihm seitens seines Partners zuteil geworden war „Und du hast dich passiv verhalten?" — tragt man ihn. „Aber wo — erwidert er — er hat dreingehaut, ich aber habe geschrien!" Nikita weilt ferne von Land und Thron als Gefangener der Entente. Den verbündeten Staat konnte diese nicht retten, dafür aber hat sie den König mit Beschlag belegt. — Mein Freund, Gimpel der Greisler, zahlte seine Schulden nicht und sollte gepiändet werden. Als der Gerichtsvollzieher kam und die Geschäftskassa gepfändet werden sollte, steckte Gimpel rasch den Schlüssel zu sich und eilte davon, mit Triumph rufend: „Jetzt kann er getrost die Kassa pfänden, den Schlüssel habe doch ich!" Salandra drohte der Kammer mit „besonderen Beschlüssen", falls sie ihre Opposition nicht aufgeben würde. — Efraim Greidinger, der berühmte galizische Witzbold, kam einmal auf seiner Wanderung in später Nachtstunde vor ein Dorfwirtshaus, Einlaß begehrend. Als man ihm das Tor nicht öffnen wollte, rief er drohend: „Oeffnet sofort, oder ich werde das tun, was mein Vater in einer solchen Situation getan hat." Erschrocken ließ der Hauswirt das Tor öffnen und fragte, als der ungebetene Gast sich bequem gemacht hatte: „Sagen Sie mir, was hat denn Euer Vater eigentlich getan, wenn man ihn nicht einlassen wollte?" — „Abgezogen ist er ganz einfach!" — lautete die prompte Antwort. Italien hat noch immer an Deutschland den Krieg nicht erklärt. Dies ist begreiflich; da ihm die bisherigen Kriegserklärungen so wenig Glück gebracht haben. Warum hat aber Deutschland an Italien den Krieg nicht erklärt? — Meine seiige Großmutter pflegte zu sagen: „Zanken kann man sich schließlich mit einem Jeden, aber Frieden schließen — muß man wissen, mit wem!" Wollen die Deutschen bei Verdun oder an einer anderen Stelle die französische Front durchbrechen? Diese Frage macht den Franzosen viel Kopfzerbrechen. — Mein Freund, Schmul-Leib, pflegte immer bei seinen Geschäftsreisen der Konkurrenz wegen ein unrichtiges Reiseziel anzugeben. Einst fuhr er nach Krakau und machte auch daraus kein Hehl. Sein Konkurrent meinte aber, Schmul-Leib werde sicherlich nach Tarnow fahren und deshalb fuhr er justament nach Krakau. Als er dort seinen Partner traf, riet er entrüstet: „Du Lump, du bist also wirklich nach Krakau gefahren? Warum hast du also so schändlich gelogen?" Portugal hat sich also doch der Entente angeschlossen. — Schmendrik, der Stadtnarr, wollte einmal einen Jahrmarkt besuchen. Auf die Frage, was er dort eigentlich suchen will, erwiderte er: „Dort sieht man so viele Pferde, Ochsen, Kühe und Schweine; warum soll man auch mich nicht sehen' De Pur rcckli Ein Besuch bei Haman. nan (allein): , Jahrestag Jährt, Unglücks. Seit dritthalb tiefster Tiefe der Hölle dem Judenvolke, werde Kessel voll Schw und büße mein Verbrecht gebrannt und gebraten i fei und Pech, werde zu Asche verbrannt und lebe dann wieder auf. Purim aber ist ihr mich der schrecklichste Tag. Meine Qualen werden an diesem Tage vervielfacht, zu meinen physischen Schmerzen kommen noch moralische Oualen hinzu. Ich muß dem Triumphe der Juden ob meines Fiaskos zusehen und ihr Freudengeschrei vernehmen. Und doch sehne ich das ganze lange Jahr diesen Tag herbei. Während ich sonst ganz einsam dasitze und nur das höhnische Gelächter der Höllenteufel anhören muß, empfange ich am Purim Besuch: Freunde und Gesinnungsgenossen, kommen und bringen Nachrichten über alles, was sich auf der Erde ereignet hat. Ich kann oft zu meiner Freude konstatieren, daß das Geschlecht Hamans nicht ausgestorben ist, daß ich Nachfolger und'Gesinnungsgenossen zurückgelassen habe, die an dem Judenvolke blutige Rache nehmen. Dies bietet mir Trost und verleiht mir die Kraft, mein trauriges Los zu ertragen. Am letzten Purim brachten sie mir wieder Freudenbotschaften. Ein furchtbarer Krieg ist in ganz Euroscharen vor den Toren schon bedrohten sie W ihre Verbündeten, die 1 den Toren Kon Nachkomme, Rußland, ti standen seine Heeris vmd in den Karpaten, peis: Li begeh Rücken Verbündeten i £ti fallen. Fürwahr, eine echte Hanians-Politik feierte Orgien und das elende Judenvolk sah bittere Tage. Es mußte die ganze Wucht des Zornes meines Heben Enkels Nikolai Nikolajewitsch am eigenen Leibe verspüren. Mit Mord, Raub und Schändung wüteten seine Kosakenhordeii unter den Juden Gaüziens und Polens. Ihre Freunde, die Zentralmachte und die Türkei, die ihnen stets Schutz und Hilie gewährt hatten, waren in einen Kampf um Leben und Tod verwickelt und niemand konnte ihnen mehr helfen. Ihre früheren Freunde. Frankreich und England, die sie oft beschützt hatten, waren als Verbündete Rußlands zum . das l oft i den Dienst der Juden stellte und erst letztens mit Rußland der Juden wegen die Handelsbeziehungen abgebrochen hatte, wurde geschickt m den Busineß-Sumpf hineingezogen und konnte zugunsten der Juden das Wort n ein mehr ergreifen. So traurig war die Lage der Juden, daü sie nicht einmal den Purim gehörig feiern konnten und ich war wenigstens dies eine Mal die moralischen Oualen los. Sicherlich hat das letzte Jahr vollendet, was das vorige begonnen und sicherlich werde ich heute neue Triumphe feiern können. Ich leide zwar schreckliche physischen Oualen — das siedende Oelbad brennt mich bis auf die Knochen — ■ doch will ich alles mit Geduld ertragen, in Erwartung der freudigen Botschaft. Rache ist süß . . . Horch, es nähern sich Tritte. Meine Freunde kommen. Schon wird der Schlüssel im Schlosse der Zellentlir umgedreht, schon wird der Riegel zurückgeschoben, ich spüre etwas Luft, ich sehe im Nebeldunst Gestalten — sie sind da! Kommt näher, willkommen meine Freunde, was bringt ihr für frohe Nachrichten?" AmaJek: „Fass» Mut, mein Sohn. Die Nachrichten, die wir diesmal bringen, sind traurig. Von kurzer Dauer war unser vorjähriger Triumph. Gar bald ist der Rückschlag gekommen. Alles, was Nikolai bis dahin erobert, hat er wieder verloren. Nicht nur Galizien mußte er räumen, sondern auch Polen, große Teile Litauens, Kurlands und Wolhyniens wurden vom Feinde besetzt. Er selbst wurde mit Schande und Spott verjagt und würde sicherlich, gleich Dir, ein trauriges Ende erlebt haben, wäre er nicht Onkel des Zaren . . ." Haman: „Wehe! Wehe! siebenmal Wehe!" Amalek: „Auch bei Konstantinopel war unserem russischen Nachkommen kein besseres Schicksal besehieden! Mit Schimpf und Schande mußten seine Verbündeten von dort abziehen. Auch seine Position am Balkan ist verloren. Serbien ist niedergerungen, Montenegro hat kapituliert, Albanien bereitete dem Sieger einen begeisterten Empfang. Bulgarien hat sich ihm angeschlossen und von Antwerpen bis Bagdad dehnt sich der Machtbereich der Feinde Rußlands aus . . ." Haman: „Wehe, wehe, siebenmal wehe!" Bileam: „Auch ich habe an meinem Nachfolger und Nachäffer wenig Freude erlebt. Wie ich seinerzeit vom Balak, dem Könige von Moab, gekauft wurde, um das Judenvoll zu verfluchen, so kaufte sich die Entente Gabriele d'Anmmzio dazu, ihren Feinden zu fluchen und Schluß 1 juführe Obwohl die Situation im Mai eine derartige war, daü selbst ein Esel Worte finden müßte, vor diesem Wahnwitze zu warnen, hat Gabriele die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Statt einen Esel zu reiten, vertraute er sich einem Aeroplan an, dieser aber kann nicht reden und so ist das große Unglück geschehen, D'Annunzios Flüche verpufften in der Luft, seine Luft-Proklamationen erregten nur ein höllisches Gelächter und die Italiener holen sich blutige Köpfe. Sie haben a!v> nicht nur wenig genützt, sondern auch noch den Tuumph der Feinde vermehrt . . ." Haman: „Wehe, wehe, siebenmal wehe!" Pharao: „Auch in meinem Lande ist die ITitente nicht auf Rosen gebettet. Mein Volk will von den Engländern nichts wissen und muß mit Waffengewalt im Zaume gehalten werden. Der neue Khedive wagt sich kaum auf die Straße und wenn es einmal zum Kample beim Suez-Kanal kommen wird, werden die Englander und ihre Freunde es nicht nur mit dem äußeren Feinde zu tun haben, sondern auch mit dem ägyptischen Volke. Ich bin von bitteren Ahnungen erfüllt. Beim Roten Meere war es doch, wo ich im Kampfe gegen die Juden schmählich Schiffbruch erlitten habe. Ich fürchte, die heutigen Freunde Rußlands werden dort kein Glück

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