Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 11 (16.3.1916)
- Date
- 1916-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nt. 11. und Militärbehörden wurden ganze Gouvernements, wie Dieskau, Petersburg und das Küstengebiet, üeii Juden verschlossen. Aus Archangelsk, Astrachan und vielen anderen Städten werden die Juden entfernt, auch VerwuHü'nc unü Angehörige von Kriegern nicht ausgenommen, sowie üymnasiasteri und Gymnasiastinnen, üie aus Mitteln der Flüchtlingshhie erzogen werden. Auch das vom Ministerrat den juuen gewährte Kecht, an ihren Wohnorten Immobilien anzukaufen, hat durch Vereinbarung zwischen dem Minister des Innern uiiu ücia Justizminister eine gegenteilige Auslegung gefunden. Der Redner bespricht sodann die berüchtigte Treibjagd in der Umgebung der börse von Moskau, wo Hunderte angesehener Persönlichkeiten von der Straße weg verhaftet und ausgewiesen wurden, wenn sie nur wie Juden aussahen. Dank gebühre dagegen üer russischen Bevölkerung der inneren Gouvernements, die trotz der tingriffe der Gendarmen den Flüchtlingsscliaren Gastireundschaft gewährte. Hinter der front blieb indessen alles unverändert. Rücksichtslos wurde bei dem Rückzug des Heeres die „Evakuierung'" von Dutzenden von Städten fortgesetzt und nur eine Frist von zwei bis zwölf Stunden gegeben, im Dorle Telechany nur zehn Minuten. Als Häuser der Juden in Repelowka durch Granaten in Brand gerieten, beschuldigte man sie, den Deutschen damit Signale gegeben zu haben. Dieselben Juden, die dann als Bettler von der Mildtätigkeit leben müssen, werden jetzt beschuldigt, heimlich Gold zu sammeln und nach Deutschland zu schicken. Von dieser Tribüne herab sage ich: da die Regierung angesichts der ständig wachsenden Schwierigkeiten im Wirtschaftsleben die Möglichkeit der Volkswallung voraussieht, greift sie jetzt zu folgenden Mittel: Durch ein amtliches Rundschreiben vom 9. Januar 1916, das im führenden Verwaltungsorgan veröffentlicht und vom Polizeidepartement allen örtlichen Behörden zugesandt wurde, wird gesagt, daß die Juden als die Hauptschuldigen an der über Rußland hereingebrochenen Prüfung zu betrachten seien. Eine derartige verbrecherische Agitation des Regierungsorganes muß unbedingt zu Ausschreitungen des losgelassenen, von oben begünstigten Pöbels gegen die schutzlose jüdische Bevölkerung führen. Ich wende mich hiermit an die ganze 170 Millionen zählende Bevölkerung Rußlands: Wisset, daß man Euch durch Betrug auf den Weg des Blutvergießens treiben will, daß aber das unschuldig vergossene Blut auf das Haupt der Regierung zurückfällt." Als Vertreter der äußersten Rechten sagte Markow 11: Wir von der Rechtspartei klagen die Regierung dafür an, daß sich als Konimandant der Festung Kowno ein getaufter Jude, Grigorjew, herausstellte. Zur Geschichte der Juden von Verdun. In Verdun wohnen Juden seit dem zwölften Jahrhundert. Sie kamen von Spanien über Südfrankreich und lehrten die Bewohner der Maasuier den Weinbau. Aber diese neuen Einwohner brachten auch jüdische Gelehrte von solcher Bedeutung hervor, wie sie Verdun späterhin niemals mehr sah. Es war die Schule der Tosaphisten, der diese Gelehrten angehörten. Diese Schule schuf Ergänzungen und Randglossen zum Talmud, die für die späteren Talniudforscher von gewaltiger Bedeutung waren. Der hervorragendste Vertreter der Tosaphistenschule war allerdings Raschis Tochtersolin Rabbenu Tarn aus Rameru, aber auch die Verduner Tosaphisten erfreuten sich großen Rufes, so sind von ihnen zu nennen: Samuel ben Chajim. Samuel ben Joseph der Jüngere, und Jakob ben Joseph, ein Bruder des Vorgenannten. Aus den städtischen Archiven von Verdun und Metz erfahren wir. daß im Jahre 1433 der Domherr Wilh. Chaney ein vergebliches Gesuch au den Rat in Basel richtete,, zur Hebung der zerrütteten Finanzen die vorher vertriebenen Juden wieder in Verdun zuzulassen. Bis zur Annexion an Frankreich im Jahre 1559 waren in den Bistümern Toul, Metz und Verdun alle Wohnrechte in den Städten, ebenso wie jeder vorübergehende Autenthalt den Juden verboten. Schutzbriefe von Heinrich IV., den Ludwigen XIII., XIV. und XV. gestatteten späterhin den Metzer Juden vorübergehendes Verweilen in Verdun. Wenn noch im Jahre 1774 ein Jude es wagte, länger als drei Tage in der Stadt Verdun zu weilen, ward er von den Behörden ausgetrieben. Im Jahre 1748 richtete die jüdische Gemeinde von Metz ein Gesuch an den Intendanten, daß ihren Mitgliedern der Besuch Verduns gestattet werden möge. Die Bitte wurde indessen verweigert, infolge der heftigen Gegnerschaft der Verduner Kaufleute, Goldschmiede, Schneider ^und Althändler, namentlich aber der Zunftnieister, die in ihrer Feindschaft gegen die Juden von sonst seltener Einmütigkeit waren. In den Jahren 1752 und 1755 siedelte sich eine Anzahl Juden in dem Umkreis von Verdun an, sie sind indessen durch den Intendanten wiederum auf dringende Forderung der Zünfte vertrieben worden. Von dieser Zeit bis zur großen Umwälzung von 1789 sind irgend welche Spuren von Juden in Verdun nicht zu finden. Der ewig wandernde Jude, er ist vor Jahrhunderten von unserer heutigen Westfront an unsere gegenwärtige Front im Osten geworfen worden, und das, was die Tosaphisten von Verdun gedacht, geforscht und geschrieben, es wird seit der Absiedlung der Juden in Polen, in Warschau, Wilna, Kowno, Lemberg und Krakau gedruckt, gelehrt und erklärt. O. L. Var wos ich simpaiisir mii Deüschland. Von Morris Rosenfeld. S'is nit der Krieg mein Ideal, Ich such' in heißes Blut kein S'chuß1) Doch quell ich an vun Deitschlands Knall,2) Wos lernet un dem wilden Ruß. Es hot der Himmel ungeschickt Dem Oeitsch als Rapnick'O auf'n Kazapp4) Er wehtogt izt, er krechzt, er liegt, Er wet nit offstehn vun sein Klapp. Ich bin ganz fremd zum Teuton, — es is der Jid in mir, wos redt' — Doch winsch' ich Broches Deitschlands Föhn, Was flattert iber Rußlands Stedt. Nur zu Pogromen is er Held, Der Ber, der Fonie,5) der Barbar. Doch nit zu Deitschen aufm Feld, Den dorten toig der Zar auf Zaar.a) Amerika, Du bist mein Land, Vor Dir auf Leben und auf Toidt, Doch bensch ich Deitschlands starke Hand, Was hackt mein Soine7) wie in Kroit. Nit wundert, wos ich sing' a Lied Dem Deitsch, wos ich bin ihm Freind, Ich sing ihm, weil er1 w;erd' nit mied. Zu reißen Sticker von mein Feind. Mein Lied der deitschischer Nation, Hoch vor dem Kaiser und sein Land, Hoch vor sein Muth .und vor sein Fohn! Und Hoch vor sein gebeeschte Hand! ') Verdienst. 2) Schlaft. *) Peitsche. •) Baarfiißler. s) Bezeichnung für die Russen. *) Unglück. 7) Feind. Chronik. Auszeichnungen hoher Staatsbeamten. Der Kaiser hat verliehen das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens für vorzügliche Dienstleistung in der Kriegszeit dem Hoirat bei der Polizeidirektion in Wien Moriz Stukart und dem Landessanitätsreferenten bei der Statthaltern in Brünn Hofrat Dr. Salomon Spitzer, den eisernen Kronenorden 3. Klasse dem Universitätsprofessor in Krakau Dr. Leo Sternbach. Auszeichnung des Feldrabbiners Dr. Bernhard Templer. Der Kaiser hat in Anerkennung vorzüglicher und aufopferungsvoller Dienstleistung vor dem Feinde dem Feldrabbiner Dr. Bernhard Templer das goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen. Dr. Templer der im Zivil als Rabbiner und Religionsprofessor in Wien wirkt, hat sich durch seine schriftstellerische Tätigkeit einen bedeutenden Namen in der üelehrtenwelt verschafft. Beim Ausbruch des Krieges mit der Militärseelsorge in Wien betraut, begab er sich dann freiwillig auf den Kriegsschauplatz, von wo er nach dreizehnmonatiger Wirksamkeit als Festungsrabbmer nach Krakau versetzt wurde. Hofrat Oberrabbiner Dr. Kohn. Das ungarische Amtsblatt veröffentlicht ein Allerhöchstes Handschreiben, wonach dem Oberrabbiner der Budapester israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Samuel Kohn, der Titel eines königl. ungar. Hofrates verliehen wurde. Ein Geheimzirkular gegen die Juden. In der russischen Duma führte der bekannte Sozialistenführer Tscheidse das schon vom Dep. Friedmann genannte Geheimzirkular vom 9. Januar an, worin es heillt, daß die Juden außer ihrer allgemeinen revolutionären Propaganda, sowie einer verbrecherischen Agitation unter den Truppen und der Arbeiterschaft auch an der Verteuerung der Lebensmitte! und dem Verschwinden der Scheidemünze schuld sind. „Das behaupten." sagte der Redner, „dieselben Leute, welche die Atmosphäre mit Antisemitismus und Chauvinismus vergifteten, auf Schritt und Tritt Streiks und Pogrome inszenierten und die Eisenbahn als Hauptmittel des Raubes, der Unterschleife und Bestechungen benutzten. Diese Leute, die heimliche Anhänger Deutschlands sind, honten, nachdem die militärischen Mißerfolge auf die Massen keinen Findruck gemacht haben, durch Hunger und Teuerung allgemeine Unzufriedenheit und Proteste gegen den Krieg hervorzurufen. Tsc'..idse zitiert ferner aus dem Qeheimzirkular eine Stelle, worin es heißt, die Juden beabsichtigen, durch Zurückziehung ihrer Guthaben aus den Sparkassen das Vertrauen zu erschütternund Gerüchte vom Bankrott des russischen Staates zu verbreiten. Dr. Joseph Jacobs gestorben. In New-York ist Dr. Joseph Jacobs — 62 Jahre.alt — verschieden. Er studierte in London, Cambridge und Berlin (1877), wo er bei Steinschneider und Lazarus hörte. Er wurde der großen Oeffentlichkeit bekannt, als er im Januar 1882 in der Londoner „Times" über die russischen Judenverfolgungen schrieb. Auf jüdischem Gebiete hat er zahlreiche statistische und geschichtliche Arbeiten veröffentlicht. Er war einer der ersten, der die Bedeutung der Statistik für die modernen jüdischen Probleme erkannte. 1887 gab er mit Lucien Wolf-London eine Bibliographie der englischen jüdischen Geschichte heraus, 1893 erschienen von ihm „Quellen der spanischen jüdischen Geschichte" als Ergebnis seiner Reise in Spanien, 1896 „Jüdische Ideale" und „Jüdisches Jahrbuch". Er war Präsident der Jüdischen historischen Gesellschaft von England 1899 und 1899 und gehörte auch der Leitung der Anglo Jewish Association an. 1900 ging er nach New York, hier war er u. a. Herausgeber des „American Hebrew", Prof. am Jüd.- Theolog. Seminar und Herausgeber der Jewish Ency- Ahron Markus s. A. In Frankfurt a. M. ist vorige Woche der bekannte jüdische Gelehrte Ahron Markus im Alter von 73 Jahren Neue Blicher. „Die polnische Frage" von Dr. Adolf Grabowsky. Berlin 1916. Carl Heymanns Verlag. — Ein deutscher Publizist ist es, der in dieser Schrift des polnische Problem ausführlich behandelt. Auch die Judenfrage wird vielfach berührt u. z. in einigen besonderen Kapiteln, welche folgende Themate berühren: Polen und Juden, Der polnische Antisemitismus, Wesen des Ostjudentums, Aussichten des Ostjudentums, Ergebnisse für die Judenfrage. „Jahrbuch der Weltgeschichte". Des Jahr 1914. Von Albin Geyer. Verlag Karl Prochaska, Teschen, Wien, Leipzig. —» Dieser Band der sich bereits eines großen Renommees erfreuenden Prochaska's Illustrierten Jahrbücher bringt eine ausführliche Schilderung der Ereignis.se vor Ausbruch, des Weltkrieges, sowie des Kriegsverlaufes in deir ersten Monaten. Eine "größere Anzahl Illustrationen erhöht den Wert des interessanten Buches. „Tycho Brahes Weg zu Gott". Roman von Max Brod. Leipzig, Kurt Wolff Verlag 1916. Preis geh. 4 M, geb. 5 Mark. — Kein Kriegsroman, aber ein solcher, der selbst in Kriegszeiten den verständigen Leser fesselt und bis zur letzten Seite in höchster Spannung hält. Die Probleme, die in diesem neuesten Buche Max Brod's behandelt werden, interessieren selbst inter armas. Ganz besonderes Interesse erweckt derjenige Teil des Buches, in dem die Begegnung Tycho Brahes mit dem berühmten Hohen Rabbi Low in Prag, der den Gelehrten den Weg zu Gott finden ließ, geschildert Wie wir unser Eisern Kreuz erwarben. Selbsterlebnisse. Nach persönlichen Berichten der Inhaber des Eisernen Kreuzes 1914, bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin. Preis des Vierzehntag-Heftes 50 Pfennig. Was Großes in diesem ungeheuren Weltkriege von unseren Heeren geschaffen worden ist, das weiß die ganze Welt. Die Berichte der obersten Heeresleitung melden es. die Zeitungen erzählen ausführlich darüber. Wieviel aber der Einzelne oft zum Erfolge des Ganzen beigetragen, welch' Heldenwerk der Einzelne verrichtet hat, davon wird kaum je etwas in der Oeffentlichkeit laut. Solche Heldentaten des Einzelnen der Mit- und Nachwelt zu bewahren, Taten, die mit dem Eisernen Kreuz belohnt wurden, das hat sich das reichillustrierte Werk, von dem uns die erste Lieferung vorliegt, zur dankenswerten Aufgabe gestellt. Der Name des Herausgebers, des Generalleutnants Freiherr von Dincklage, bürgt von vornherein für die Güte des Werks und für das Authentische der einzelnen Berichte, darin die mit dem Eisernen Kreuz geschmückten Helden selbst ihr Tun erzählen. Es ist eine außerordentlich spannende Lektüre, dieses Buch der Heldentaten unserer Feldgrauen, spannend oft wie ein Roman voll Abenteuer — und das Erzählte ist überdies wahr, erlebt, mit Blut besiegelt. Ein Reich guter Illustrationen erläutert die einzelnen Rerichte. Das ist ein Buch, das jeder Deutsche, jeder Soldat und jeder deutsche Junge wird besitzen wollen: ein Buch, das für alle Zeiten seinen Wert, und zwar einen hohen sittlichen, erzieherischen Wert, behält. I''mmmmVm"'"""l | noß bv itrs | I Weißu. Rotweine, als auch Szamorodner Tokajer ] g kauft man am besten bei I M. Klein, Weingrosshandlung, Moisburg, j