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Jüdische Korrespondenz · 1916-03-16 · 11 (16.3.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
11 (16.3.1916)
Date
1916-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. 1ir t «4 a, e». •••j» 1^4.^^.__~ Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 | Wochenblatt für judische Interessen, j wie«, vm. ais«*^ 55. Nachdruck mit voller^uenenaogabe gestaltet Redakteur: Jonas Kreppel. | Erscheint jeden Donnerstag llrTlll. Wien, 16. März 1916. 2. Jahrgang. Hilfe für unsere Kriegswaisen. Unter den vielen Aufgaben, die der jüdischen Oeffentlichkeit in der jetzigen großen Zeit und in nächster Zukunft bevorstehen, ist es die Fürsorge für die jüdischen Kriegswaisen, welche die höchste Aufmerksamkeit und das größte Interesse verdient. Ist schon das Los aller durch die Kriegsereignisse Betroffenen schwer und traurig genug, so ist das Los der Kriegswaisen noch hundertmal trauriger. Die erwachsenen werden schließlich nach Beendigung des Krieges wieder in normalen Verhältnissen leben und die Möglichkeit haben, sich neue txistenzen zu schaffen. Die Kriegswaisen aber sind üpter, die sich selbst nicht hellen können und für welche unbedingt gesorgt werden muß. Kriegs waisen! Wie viel Jammer und herzerschütternde I ragik schon in diesem Worte liegt! Hunderttausende leiden und müssen sich auf irgend eine W eise mit ihrem Geschicke abbilden. Mutterherzen, die iur ihre bohne lange sorgten und bangten, bis ihnen eines Iages eine traurige Kunde alle Angst nahm und sie nur noch in dumpfem Schmerze /usamnicnkrdinptui htß, sie werden sich wie der autrichtet] im üedanken an Ihn, der ail den Jammer aus uns unbekannten Gründen über die Menschheit gebracht und jeden fcinzelsteiu zum Bau der neuen Zeil sich im voraus erkoren hat. Der zu ihren Gattinnen nicht mehr wiederkehrenden Männer letzter Liebeshauch wird den Weg in die Heimstätte linden und dort die Irummer einstigen theglucks ewig beleben und, beseelen Die 1 ragodie aller I ragodien bleibt aber das Kind, das stummen Blickes des Vaters vergebens wartet, das ohne bchutzer und trnalirer an Abgründen vorbei den harten Weg des Lebens gehen muß, mit dem traurigen Erbe sonnenarmer Kindheit, elenden Verlassenseins. Das Ringen wird einmal ein Ende nehmen, die Volker gelangen endlich zur Besinnung und die Erde erhalt ihr normales Gesicht wieder. Man wird mit gesteigerten, gemeinsamen Kräften an den Wiederaulbau der zerstörten Kultur herangehen. Auch wir Juden. Es wird genug der Bauarbeit für uns geben, um auf dem blutgedungten Boden das alte I errain zu behaupten und neues zu gewinnen. Den größten Zukunftswert repräsentiert aber immer noch der Mensch. Retten wir uns diese Zukunftswerte und legen wir sie fruchttragend für die kommende Zeit an. bichern wir uns diese ärmsten Knegsopier, die Waisenkinder, daß sie sich zu den I ragern der judischen Heiligtümer von morgen gesellen, und so aus dem schwarzen Boden der größten aller Weltkatastrophen selbst die Heilessaat Iur den Wiederaulbau der kommenden Zeit erwachst. Es ist noch heute ganz wie damals: Mit der Versorgung des Waisenkindes ist der Grundstein zur Erlösung gelegt . . . Zur Erinessung der gewaltigen (iroße der zu leistenden Arbeit genügt die Tatsache, daß allein m einem österreichischen Kronlande nicht weniger als 921 heimatlose Waisenkinder gezählt wurden. Es handelt sich dabei nicht einmal um unmittelbare Kriegswaisen, sondern um mittelbare, um Kinder, die auf der Flucht aus Oahzien ihre Eltern aut irgend eine tragische Art verloren haben. In einem, auf Grund amtlicher Daten vom Nikolsburger Rabbiner Dr. Lewin erstatteten Berichte finden wir eine Zusammenstellung folgender Jammerkategorien: Eltern seit Eindringen der Russen verschollen. Eltern tot, Kinder von Verwandten auf die Flucht genommen. Eltern geschieden, beide verschollen. Eltern geschieden, Mutter tot und vom Vater verlassen. Vater seit Eindringen der Russen verschollen, Mutter tot. Vater im Kriege, Mutter von Russen ermordet. Vater gestorben, Mutter lungenkrank, herzleidend etc. Vater als Soldat verschollen. Mutter beitelarm. Vater nach Rußland verschleppt, Mutter krank. Vater tot, Mutter verschollen. Vater in Amerika, seit Jahren verschollen, Mutter tot. Vater lungenkrank und arm, Mutter tot. Vater tot, Mutter geisteskrank. Vater im Kriege gefallen, Mutter krank. Vater hat Familie verlassen, Mutter krank. Vater hat Familie verlassen, Mutter tot. Findling. i Aus dieser Zusammenstellung ist leicht zu ersehen, wie groß die Zahl der jüdischen Ganz- und Halbwaisen ist und welche Riesenaufgabe, an der Große des Elends ermessen, der jüdischen Oeffentlichkeit harrt, um diesem Elende abzuhelfen. Die Fürsorge für die judischen Kriegswaisen ist eine Aufgabe, der wir jetzt unsere höchste Aufmerksamkeit widmen müssen. Die k. k. Regierung geht wohl eben daran, eine diesbezügliche Aktion zu unternehmen. In Gahzien, wo sich das Gros dieser Waisen befindet und befinden durfte, soll ein spezielles jüdisches Waisen-Fursorge-Komitee gebildet werden, mit besonderen Sektionen in Lemberg für Ostgalizien und in Krakau für Westgahzien. So groß auch die Mittel sein mögen, die seitens der Regierung zur Verfugung gestellt werden durften, werden sie sicher nicht ausreichen, um diese Fürsorge m dem wünschenswerten Ausmaße zu fuhren. Wir werden unserseits eingreifen müssen und schon jetzt soll dieser frage energisch und zielbewußt nahegetreten werden. Es handelt sich ntrrfgerrs fncht nur um eine materielle Hilfe. Die Erziehung dieser Waisen und das Interesse iur deren Fortkommen nach dem Verlassen der offiziellen Fürsorgeanstalten — das sind Aufgaben, die nur wir Juden selbst zu erledigen haben und denen wir uns keineswegs entziehen durfen. Wir inussen diesen Waisen die Vater- und Mutterliebe ersetzen. Gar Mancher, der in der Lage lnezu ist, sollte ganz einfach derartige Waisen an Kindesstatt nehmen und auf eigene Kosten erziehen lassen. Wir werden damit auch den erhabenen Intentionen Sr. Majestät unseres Kaisers gerecht werden, der anläßlich seines letzten Regierungsjubilaums den Wunsch verlauten ließ, von feierlichen Fest-Veranstaltungen Abstand zu nehmen und luefur eine Fürsorge für das Kind ins Leben zu rufen. Unsere 1 almudweisen erklaren, daß Mordechai damit, daß er sich des elternlosen Waisenkindes Esther angenommen hatte und ihm ein treusorgender Vater war, den Grundstein zur Beireiung der Juden von Hainaus schrecklichem Plane gelegt und den Ausgang aus der Not geschaffen hat, lange bevor noch diese dräuend am jüdischen Horizonte heraufgezogen ward. Gerade am Punmtage sollten wir uns daran erinnern und die Fürsorge für die jüdischen Kriegswaisen als unsere höchste Aufgabe betrachten. Zwei neue Zeugnisse über russische Judengreuel. 1. Der Bericht des „American Jewish Comrnittee". In einem umfassenden Bericht hat das „American Jewish Comrnittee" soeben das Ergebnis seiner Untersuchungen über die entsetzlichen Greuel, die von den Russen bei ihrem Einfall in Galizien und auch im eigenen Lande — in Polen — verübt wurden, sowie über den Notstand der Juden in Rumänien und Palästina niedergelegt. Die Hälfte der Juden der ganzen Welt, sieben Millionen, ist durch den Krieg direkt in Mitleidenschaft gezogen worden. Niemals wurde Sine gräßlichere Anklage gegen ein Volk undl eine Regierung erhoben, wie es hier gegen die Russen geschieht. „Hunderte von jüdischen Orten sind von russischen Soldaten geplündert und in mutwilliger Weise niedergebrannt worden," sagt der Bericht. „Tausende von Juden wurden als Geiseln weggeschleppt, ins Gefängnis geworfen oder auf die fadenscheinigsten Anschuldigungen hin getötet. Am hellen lichten Tage wurden Orgien vertierter Lust und entsetzlicher Martern geleiert. Alte und junge Frauen wurden aui önenilichen Platzen nackt ausgezogen und mit der Knute gepeitscht." Unter den im einzelnen aufgeführten Ausschreitungen mögen folgende als typisch gelten: „In der Stadt Boliorodczany erschien im Januar 1916 eine Abteilung osterreichiscli-potnisciiei Iruppei), die Nahrung und Unterkunh verlangte und deren Forderungen die Bewohnerschaft natürlich entsprechen mußte. Nach kurzem Aufenthalt verließ sie den Ort. Als der russische Kommandant in stanislau von uem Vorfall horte, schickte er eine aus Kosaken bestehende Straiexpedetion nach Boliorodczany. Alle jüdischen trauen und Mädchen wuruen aus ihren Verstecken hervorgeholt und auf den Marktplatz getrieben, wo die Soldaten sie zwangen, ihnen oiienthch unter treiem liuuniel zu Willen zu sein. Die Opter wurden dann halbnackt und ohne Nahrung mit der Knute nach Stanislau getrieben, nachdem Bohoiodczanv angezündet worden war. In Szczerzec, Galizien, begossen russische boldaten den Stadtrat Jacob Mischel mit Petroleum und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe. In Dembica uberiielen Kosaken die Synagoge, in welche sich die Juden gerettet hatten, nahmen die Manner gefangen und vergewaltigten die trauen. Diejenigen, welche zu eutiliehen versuchten, wurden zu lüde geknutet."" Der Bericht weist besonders auf die LoyallLSLder jüdischen Soldaten im mssischeli "Heere hm. lausende junger Juden, die sich im Auslände die Kenntnisse anzueignen versuchten, deren Erlangung ihnen m Rußland verwehrt war, seien beim Kriegsausbruch als freiwillige in das russische Heu eingetreten, aber es habe sich bald gezeigt, daß die Ketten, welche die Juden in Rußland niederdrückten, keineswegs gebrochen seien. Im Gegenteil, die Reaktionäre, die in Rußland die Herrschaft führten, hatten offen erklart, jetzt sei die Zeit gekommen, die Judenfrage nach der berüchtigten Formel Pobjedonoszews aui immer zu losen. Unter der militärischen Verwaltung habe man es in der Gewalt, mindestens ein Drittel der Juden zum Uebertritt zum orthodoxen Glauben zu zwingen, ein weiteres Drittel werde auswandern und der Rest müsse vernichtet werden. Der Bericht sagt auch, die Politik der lleeriührer gegenüber den Allpolen habe in ungünstiger Weise auf die Juden zurückgewirkt. Die Allpolen seien die Lieblinge der Offiziere geworden und gewisse Kreise derselben hatten die Gelegenheit wahrgenommen, aus personlichen oder allgemein antisemitischen Gründen Juden als Verrater und Spione zu denunzieren. Man muß nicht denken, daß dieser Bericht nur uie Unterschrilten deutschfreundlicher Juden tragt, Oscar S. Straus, der sich unter den Unterzeichnern befindet, hat mehrfach erklart, England kample für die Sache der Zivilisation. Außer ihm sind von bekannteren Namen unter dem I Dokument die der Herren Jacob H. Schiff, Julius Rosenwald, Cvrus Adler, Jacob H. Holländer und Cvrus L. Sulzberger zu finden. 2. Die jüngste Dumarede des jüdischen Abgeordneten Friedmann. Von der jüngsten Rede des jüdischen Abgeordneten Friedmann in der kürzlich wiedererötfneten Reichsduma ist ein bedeutender Teil von der Zensur gestrichen worden. Friedmann erklärte: „Nach der Einnahme des größten Teils der •Vnsiedlungsgebiete durch die Deutschen begann die Regierung, den Juden kleine Erleichterungen zu bewilligen. Dieser scheinbare Frühling hat nicht lange gedauert. Daß der ehemalige Führer der äußersten Rechten Minister des Innern wurde, hatte für die Juden symptomatische Bedeutung. Die Administration schritt zu neuen Verfolgungen und nahm ihre früheren Versprechungen zurück. Auf Grund einer Vereinbarung zwischen den Zivil-

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