Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 10 (9.3.1916)
- Date
- 1916-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3495278-3495300-3495310--0152-3520761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 10. Jüdische Korrespondenz Seite 3 galizien wird durch ein Zentralkomitee in Krakau geleitet; für die Bukowina besteht ein Hilfskomitee in Czernowitz. Die Aktion der israelitischen Allianz erstreckt sich aber überdies auf den in österr.- ungar. Verwaltung stehenden Teil von Russisch-Polen, wo an zahlreichen Orten eine drückende Not herrscht. Der Sekretär der israelitischen Allianz berichtete über seinen im Auftrage des Vorstandes im Januar d. J. erfolgten Besuch der größeren jüdischen Gemeinden und die Organisierung der Hilfsaktion in der Weise, daß in Lublin, Radom, Kielce und Petrikau im Einvernehmen mit den Vorständen der Gemeinden Hauptkomitees eingesetzt wurden, in welchen alle religiösen Richtungen vertreten sind und welchen zahlreiche Lokalkomitees unterstehen. Dieses vielfach gegliederte Hilfswerk hat einen sehr bedeutenden Geldaufwand in Anspruch genommen. Die bisher bewilligten Unterstützungssummen belaufen sich auf zirka eine Million Kronen. Die von der israel. Allianz und dem Verbände der Humanitätsvereine B'nai B'rith eingeleiteten Spendensammlungen einschließlich der Sammlung der „Neuen Freien Presse" haben zwar ein sehr ansehnliches Ergebnis geliefert, doch hätte die Aktion sich nicht in solchem Maße entfalten können, wenn nicht unsere amerikanischen Glaubensbrüder uns in besonders hochherziger Weise durch munifizente Zuwendugen, die wir durch das Relief Üomrnittee in New-York erhielten, zu Hilfe gekommen wären. In dem vom Vorstande erstatteten Berichte wurde aber auch weiter darauf hingewiesen, daß eine große Anzahl von galizischen Gemeinden noch der Unterstützung harrt, daß ferner die zugesicherten fortlaufenden monatlichen Subventionen noch bedeutende Geldmittel in Anspruch nehmen werden und daß insbesondere auch in allernächster Zeit die Aufgabe an die Allianz herantreten wird, den durch den Krieg zugrunde gerichteten kleinen üewerbsleuten und Handwerkern zum Zwecke der Wiederautrichtung ihrer Existenz durch Gewährung von Darlehen, Dotierung von Vorschußkassen bis zu jenem Zeitpunkt Hilfe zu bringen, in welchem die staatliche Aktion eingreifen wird. Mit Rücksicht auf den großen Umfang der sonach noch zu bewältigenden Hilfsarbeit werden sich die noch vorhandenen Bestände in Hinkunft als unzureichend erweisen und es muß daher neuerlich an die Hochherzigkeit aller Wohltäter appelliert werden, daß sie — und zwar zur Vermeidung einer nachteiligen Zersplitterung der Hilfsaktion — zu Händen der israelitischen Allianz oder einer der ihr angegliederten oben genannten Körperschaften weitere Geldmittel in großem Maße zur Verfügung stellen mögen. Judenfrage u. Waggonraangel. Herr Morgan, der — ein gern gesehener üast — in Petersburg beinahe iast heimisch geworden ist, hat der russischen Regierung mitgeteilt, daß die amerikadessen metrische Uebertragung ins Hochdeutsche glänzend gelungen ist, im Onginal wiedergegeben. Wir lassen die ersten Zeilen folgen: Ein schön Lied, hübsch und bescheidlich, Für Weiber und Maidlich, Zu erkennen Gottes Krallt und Macht, Wie der Schomer Jisroel hot bey uns gewacht. Darum thut Haschern Jisborech loben. Der uns hat gemodert und wieder derhoben. Megillas Vinz soll man den Schir heißen überall. Fesselnd ziehen die Vorgänge von vor dreihundert Jahren an dem Leser vorüber; er ist atemlos gespannt, wie das drohende Unglück enden wird, er erlebt die Austreibung mit ihren Schrecken und Leiden, er jubelt auch bei der glücklichen Rettung. Und bei all der Schilderung, die unser Herz beben und bangen lullt, lächelt uns ein gewisser humoristischer Unterton entgegen, als ob er uns zuruien wollte: „Fürchtet nichts: alles endet ja doch schließlich gut!" — — An zwei aufeinander folgenden Tagen begeht die Judenheit alljährlich das Fasten-Esther und das Purim- Fest; Fast- und Festtag folgen auf einander. Der Hinblick auf den vorangegangenen Fasttag dämpft die Freude. Aber schließlich überwiegt doch das Gefühl: Aus allen Gefahren und Nöten hat der Hüter Israels am Ende doch noch geholfen: Israel besteht weiter und wird nicht untergehen! Es ist nicht an der Zeit, rauschende Feste zu feiern. Aber eine religiöse Feier wie die des Purim Vinz und ein Büchlein wie „das Vincenz-Lied" tut dem bangen jüdischen Herzen gar wohl. Wir sind abermals Zeugen fürchterlichen Judenleides geworden und schauen ängstlich besorgt in die Zukunft, wie es den Millionen unserer leidenden Brüder im Osten noch ergehen wird. Aber das V ncenz-Lied kündigt uns aus der Vergangenheit Trost für die Zukunft. Vielleicht, so hofft die jüdische Seele, folgt auch auf die leidvollen Tage der Gegenwart wieder ein gutes Ende, ein neues Purirn- Fest. (H. I. Familienblatt.) nischen Juden „unter gewissen Voraussetzungen" bereit wären, ihre bisherige finanzielle Zurückhaltung aufzugeben und an den bevorstehenden Darlehensgeschäften teilzunehmen. Es sei allerdings erforderlich, daß Finanzminister Bark sein Versprechen, daß er Baron Rothschild in Paris gegeben habe, der Verwirklichung zuführe und den Minister des Innern zur Aufgabe seiner Ghettopolitik veranlasse. Bark, der die Notwendigkeit, guten Willen zu zeigen, erkannt hat und zu allen Zeiten bereit gewesen ist, Wort und Willen an die Stelle der Tat zu setzen, beeilte sich denn auch, Herrn Morgan die Kopie eines Rundschreibens vorzulegen, das er ins Reich geschickt hatte. Dann konnte man schwarz auf weiß lesen, „daß den Juden allen Orten, wo ihnen das Aufenthaltsrecht zugestanden wäre, ohne weiteres Handelsscheine auszureichen seien". Die Gouverneure und Polizeiminister mögen über die Weisung nicht wenig gelacht haben. Die einen. Gemäßigten, machten sich den Passus „an allen Orten, wo ihnen das Aufenthaltsrecht zugestanden wäre", als Grundlage für die Ablehnung solcher Gesuche zurecht. die anderen, die Bösartig-Energischen, erklärten aber rundweg, daß für sie einzig Anordnungen aus der Kanzlei des Ministers des Innern verbindlich seien. Es läßt sich nicht feststellen, ob der diensteifrige Herr Morgan von den Ergebnissen des Barkschen Rundschreibens etwas erfahren hat. Inzwischen hat auch Lhwostow, der Minister des Innern, eingesehen, daß es bei dem Maugel an Waggons ganz unmöglich sei, die flüchtigen Juden der Westgebiete während der ganzen Dauer des Krieges in den Eisenbahnen anzusiedeln. Er sali sich deshalb veranlaßt, auch seinerseits am kulturellen Aufschwung Rußlands mitzuarbeiten und anzuordnen, „daß die ausgesiedelten Juden überall im Reich wohnen düriten, ausgenommen in den Hauptstädten und an denjenigen Orten, die der Kompeteiusphäre des Kriegsministers und des Ministers des kaiserlichen Hauses unterständen". Die ministerielle Kundgebung, die auf den ersten Blick als Zugeständnis aufgefaßt werden könnte, bedeutete aber für eine lange Reihe von Leuten, die schweren Herzens nach einem neuen Heim suchten, eine schwere Heimsuchung. Em früheres Zirkular — auch vom grünen Tische des Ministeriums des Innern — hatte nämlich den flüchtigen Juden die Erlaubnis gegeben, „bis zum Ende des Krieges in Petersburg Auieathalt zu nehmen, vorausgesetzt, daß sie dort verwandtschaftlichen Anhang hätten". Die Glücklichen hatten sich daraufhin um schweres Geld Wohnungen gemietet und waren wohl der Meinung, daß sie nun wenigstens in härtester Zeit Dach und Herd gefunden hätten. Als das neue Rundschreiben Seiner Hohen Exzellenz herauskam, iand Fürst übolenski, der Stadthauptmann von Petersburg, sehr mit Recht, daß es sich nicht mit der alten Verfügung in Einklang bringen lasse. Es mußte also ein Weg gefunden werden, diesen Widerspruch auszugleichen. Wie gut, daß die russische Polizei nicht nur gerecht und unbestechlich, sondern auch erfinderisch ist! Befehl: „Die Verordnung des Ministers des Innern, derzutolge den ausgesiedelten Juden, die Verwandte in Petersburg haben, der Aufenthalt in der Residenz gestattet ist, muß dahin ergänzt werden, daß die Aufenthaltsberechtigung nur dann begründet erscheint, wenn die betreffenden Flüchtlinge in der Wohnung ihrer Verwandten leben." Rußland ist ein weites Land. Es ist ein gutes, treues Mütterchen, das für die Seinigen sorgt, ihnen Arbeit gibt und Brot. Natürlich immer unter der Voraussetzung, daß es sich um gut orthodoxe Untertanen des Zaren handelt. Wieder geht Zug um Zug in die Sarmatische Ebene hinaus und trägt bis über die uralische Grenze die elenden Nachkommen Ahasveri. Dort am Ural ist Arbeit, dort braucht man rührige Hände, offene Köpfe, dort werden sie Brot finden. Vielleicht ein hartes Brot, aber doch Brot. Frau und Kind werden ein Obdach haben, und der Mann wird für das Essen sorgen. Inzwischen hat ja Herr Chwostow in der Budgetkommissioti deutlich erklärt, „daß die Regelung des Auienthaltsrechtcs der Juden ihm am Herzen liege, und daß er keinerlei feindliche Handlungen gegen irgendwelche fremde Nationalitäten zulassen werde". Offenbar in richtiger Autfassung dieses ministeriellen Hinweises verfügte der Gouverneur von Perm, daß es den Juden nicht erlaubt sei, sich in Dörfern des uralischen Fabrikgebietes niederzulassen; auch nicht m solchen Ortschaften, wo sich Bergwerke und Gruben befänden. Es ist aber gewiß nicht nötig, nach dem Ural zu gehen, um sich von der Art zu überzeugen, in der die russische Regierung die jüdischen Untertanen, die ihre Söhne ins Feld geschickt haben und ihre Häuser in Trümmer fallen sahen, ihres Dankes versichert. Das Bezirksgericht in Pskow verurteilte den Saul Ruthenberg, der aui dem flachen Lande mit Mehl gehandelt hatte, zur Ausweisung in den jüdischen Ansiedlungsbezirk bei gleichzeitiger Konfiskation der bei ihm gefundenen Ware. So arbeiten sich Verwaltung und Rechtsspruch harmonisch gegenseitig in die Hände. Nicht immer freilich gelingt es der wachsamen Polizei, ihre Anordnungen zum Ziele zu führen. Die „Birschewyja Wjedomosti" erzählen von einem sehr charakteristischen Vorfall, der die Wiedergabe wohl lohnt. Es heißt dort wörtlich: „Diese Juden sind ein schreckliches Volk! Sie widerstreben immer den Forderungen des Gesetzes. Hier ein Beispiel: Der Fristu»v des zweiten Polizeireviers in Petersburg stellte folgenden Passierschein aus: „Nr. 73.017. Die Tochter des erblichen Ehrenbürgers Scheina-Eta Abramowna Lurie erhält hiermit die Weisung, sich soiort, und zwar ohne unterwegs Nachtauienthalt zu nehmen, nach Wilna zu Bitte, wann wurde der Passierschein ausgestellt r Wann? Am 3. Dezember 1915. ..... nach Wilna zu begeben und sich nach Ankunde bei der dortigen Pohzeiverw altung zu melden." Bei welcher Poiizeiverwaltung? Bei der deut- ......1,11 '"'alle sich Scheina-Eta Abramowna Lurie nicht unverzüglich aus lmeu Mucken nach der geweisung im Etappenwege enolgen." Die „Birschewyja Wjedomosu" schließen den interessanten Bericht mit den Worten: Der Beiehi ist klar und kategorisch. Da nun Schcma-Llu Lurie nicht unter Nr. 73.017 zur Ausführung bringt - _ _ Kriegs-Almanach 1914/1916. Herausgegeben vom Kriegshilfsbüro des k. k. Ministeriums des Innern. Redigiert von Dr. Karl Kobald. Buchschmuck von Otto Friedrich. Preis 7 K. Das Kriegshilsbüro des k. k. Ministeriums des Innern zugunsten der offiziellen Kriegsfürsorge hat, w ie der Leiter desselben, Hofrat Dr. Eduard Prinz von und zu Liechtenstein in seiner Einleitung bemerkt, den vorliegenden Kriegs-Ahnanacli als „kleines Erinnerungsbuch an den großen Wellkrieg" heraugegeben. Ein feiner Künstler hat den Außenschmuck des Buches besorgt; Gelehrte und Schriftsteller halten ihm interessante Gedanken und manch wertvolle Anregung über den Krieg und unsere ernste Zeit anvertraut. Dichter haben unsere Helden in Versen gefeiert, Tonkünstler ihre neuesten Schöpfungen, Maler manches interessante Bild beigesteuert. Der Alruanach gibt ein schönes Zeugnis von dem patriotischen Sinne unserer österreichischen Künstler und Gelehrten. Er ist in unseren schicksalsschweren, lagen entstanden. Der leitende Gedanke, aus dem heraus er geschaffen wurde, ist, der uns allen am Herzen liegenden Kriegsfürsorge zu dienen. Aus dem überaus reichen Inhalte sind besonders die folgenden Aufsätze hervorzuheben: „Kriegsgeist" von Minister a. D. Dr. F. Klein, „Sprüche in Versen" von Artur Schnitzler. „Ein biographisches Denkmal für das Zeitalter Kaiser Franz Josephs" von Artur Bettelheim, „Aus meinem Merkbuche" von Karl Schönherr, „Eine illustrierte Kriegschronik vor 10(1 Jahren" von Max Dvorak sowie die Beiträge von Rosegger, Wildgans, Ebner-Eschenbach. Anna Bahr-Mildenburg. Emil Mariot. F. K. Ginzkey, Guido Adler. Raoul Auernheirner. M. E. della Grazie, Karl Kobald, Stefan Zweig, Adam Müllcr-Guttenbrunn, Max Kalbeck u. a. Eine größere Anzahl illustrierter, künstlerisch ausgeführter Beilagen sowie musikalische Beiträge von Robert Fuchs. Hennann Grödener, Franz Lehar und Franz Schrecker erhöhen den Wert dieses überaus prächtig ausgestatteten Buches. Die Woche. Die Oberrabbinerfrage in Wien. Dieser Tage brachte ein Wiener Blatt die Nachricht, daß die Oberrabbinerfrage in Wien bereits gelöst ist u. z. mit der Berufung des Rabbiners Dr. Nobel aus Frankfurt a. M. Demgegenüber meldete ein anderes Wiener Blatt, daß die diesbezüglichen Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sind und daß Herr Dr. Nobel zunächst nicht als Oberrabbiner, sondern als Substitut des greisen Oberrabbiners I >r. Güdemann berufen werden und diesem koordiniert sein soll. Offiziell erfolgte bis heute weder eine Bestätigung noch ein Dementi dieser Nachricht. Jedenfalls scheint sich die Oberrabbinerfrage in Wien im letzten Lösungsstadium zu befinden. Die Judenfrage in Polen. Wie polnische Blätter berichten, fand vor kurzem in Warschau eine Konferenz von Vertretern aller jüdischen Parteien statt, tun zur Frage der künftigen jüdischen politischen Orientierung Stellung zu nehmen. Bei dieser honferenz, welche über Initiative der jüdischen Nationalisten aus Deutschland, Dr. Bodenheiiner. Dr. Sondernheim und Dr. Friedenuinn. abgehalten wurde, erklärten die Juden-Polen und Assimilanten, diesbezüglich insolange nicht Stellung nehmen zu wollen, bevor nicht die polnische Frage im Allgemeinen definitiv gelöst sein wird. Von jüdisch-nationaler Seite wurde diesem Standpunkte widersprochen. Es kam zu keinem definitiven Beschlüsse. Im Laufe der Diskussion tauchte das Projekt auf. eine kulturelle Organisation zu schaffen, der das gesamte jüdische Schulwesen überwiesen werden