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Jüdische Korrespondenz · 1916-03-09 · 10 (9.3.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
10 (9.3.1916)
Date
1916-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 10. Ein anderer ordnet an, „die jüdischen Soldaten streng im Auge zu behalten". Die Behandlung der jüdischen Bevölkerung durch die militärischen Behörden ist nicht besser. Der Kommandant des üeneralstabs der 3. Armee zeigt in einem Befehl vom 10. September 1915 — iNr. 4/0 — an, daß aus jeder Stadt, in welcher ein einziger Jude dem Feinde Hilfe ieisten wird, die ganze jüdische Bevölkerung vertrieben werden wird. Am 6. Oktober 1915 gibt der üouverneur von Pskow Befehl, innerhalb sechs Stunden die gesamte in diese Stadt geflüchtete jüdische Bevölkerung zu evakuieren. An anderen Orten muß die Evakuierung in zwei bis drei Stunden beendet sein, wie es die Note berichtet, die vom Petersburger Hilfskomitee dem Minsker üouverneur unterbreitet wurde. In Kiew befiehlt der militärische üouverneur üeneral Trotzky, alle jüdischen Flüchtlinge unter dem Vorwande, sie hätten anstekkende Krankheiten, auszutreiben und während einiger läge wurde der Befehl unerbittlich durchgeführt, bis die Juden sich das Recht, in Kiew zu bleiben, erkauften, indem sie 3Ü0.UÜÜ Rubel den Polizeikassen zuwandten. (Brief im „Progres de Lyon", 3. Februar 191b.) Der jammervolle Zustand dieser 'lausende gejagter und gehetzter Existenzen ist unbeschreiblich. Sie kampieren, vollkommen mittellos, in Zelten längs den Ufern gewisser Flüsse und erwarten ein Pogrom, das nicht selten vorkommt, wie in Luninez, Lebedjewa, Üokschiz und in vielen Massenanhäufungen im Minsker Gouvernement. Tatsachen dieser Art erklären die Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten, die vor einigen Jahren den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt hat, weil Rußland in der Paßfrage einen Unterschied machte zwischen den amerikanischen Juden und den andern Bürgern. Sie erklären auch das Verhalten jener Finanzleute, die sich weigern, auf die Anleihe der Allierten zu zeichnen, wenn Rußland daran teilnimmt und derer, die Rußland ein Darlehen von über einer Milliarde an dem Tage anbieten, an welchem die in der Duma gemachten Versprechungen Gesetz werden würden. Es ist notwendig, zu verhüten, daß die Meinung der Neutralen sich gegen unsere Sache wendet; sie verstehen nicht, daß die Alliierten, die doch den Krieg des Rechtes führen, es erlauben, daß ein Volk völlig außerhalb des Gesetzes gestellt wird, und es in solchem Elend lassen, daß Fremde sich genötigt sehen, ihm zu Hilfe zu kommen. Das geringste Entgegenkommen der russischen Regierung wird durch seine Rückwirkung auf die Neutralen einem großen Sieg über Deutschland gleichkommen. Dieses läßt es sich nicht entgehen, die Situation auszunutzen, indem es übrigens sorgfältig verschweigt, welche Lage es den Juden bei sich schafft. Unsere materiellen Interessen, besonders die Rußlands, sind in Gefahr. Mehr und mehr wird die finanzielle Mitwicklung der Vereinigten Staaten für die .Alliierten notwendig. Diese Mitwirkung hängt zu einem großen Teil von den Juden ab; bedenken wir, daß wir sie nicht ohne eine Aussöhnung zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland erhalten. Diese Aussöhnung hängt ab von einer tatsächlichen Verbesserung der Lage der Juden. Es ziemt sich für Frankreich und England, welche in den Berliner Vertrag Klauseln zugunsten der rumänischen Juden aufnehmen ließen und die Prinzipien der Gleichheit unter den Menschen ohne Unterschied der Passe und Religion verkündete, diese Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Die Allierten vergießen ihr Blut für eine gerechte(?)Sache sie sind sich nicht nur gegenseitige Hilfe mit ihren Waffen und Mitteln, sondern auch mit ihren Ratschlägen schuldig. Es ist ein Beweis reiner Freundschaft, seinen Freunden die Wahrheit zu sagen. Verstehen wir es, sie zu sagen. Marius Moutet. Hilfsaktion liir die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizicn und Russisch-Polen. In der am 22. Februar d. J. abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der Israelitischen Allianz zu Wien wurde u. a. über die bisherige Hilfsaktion der israelitischen Allianz für die Opfer des Krieges ein ausführlicher Bericht erstattet. Die Fürsorge für die jüdischen Flüchtlinge in Wien, Böhmen, Mähren und in dem übrigen West-Oesterreich, welche neben der großzügigen Aktion der Regierung helfend eingriff, hat seitens der israel. Allianz bis jetzt zirka K 500.000.— an Zuschüssen erfordert; durch die noch fortlaufenden monatlichen Unterstützungen für die noch bestehenden Flüchtlingslager, die Gemeinden und Hilfskomitees dürften sich die Ausgaben noch um weitere K 100.000.— bis K 150.000— erhöhen. Das Hilfswerk in Galizien wurde seitens der israelitischen Allianz in Gemeinschaft mit dem Verbände der Humanitätsvereine B'nai BTith und dem galizischen Hilfsvereine sofort nach der Befreiung des Landes in der Weise organisiert, daß für die Unterstützungstätigkeit in Lemberg und in den meisten notleidenden jüdischen Gemeinden Ostgaiiziens das in Lemberg konstituierte jüdische Hilfskomitee das Zentrum bildet. Von dort aus werden durch Delegierte dieses Komitees Informationen an Ort und Stelle einbezogen und wird hierüber an das Zentralkomitee in Wien berichtet, welches sodann die erforderlichen Geldmittel insbesondere für die Errichtung von Volksküchen, Waisenkinderheimen und sonstigen Wohlfahrtseinrichtungen gewährt. Außer dem Lemberger Komitee funktionieren in gleicher Weise für Ostgalizien besondere Hilfskomitees in Brody, Stanislau und Kolomea, für Mittelgalizien in Przemysl, Sambor, Jaslo, Jaroslau und Gorlice. Die Hilfstätigkeit für West- Man legt ihnen lange Reisen auf. wo sie in hermetisch verschlossenen Waggons angehäuft werden, so daß sich niemand nähern kann, um diesen Unglücklichen Hilfe zu leisten, die an allem Mangel haben, Hunger und Durst leiden und ihre an Entbehrung gestorbenen Kinder bisweilen bei sich behalten. Die Züge laufen unbegrenzt, von einem Bezirk in den anderen gejagt, weil die Gouverneure sich weigern, diese Unerwünschten aufzunehmen, so daß Rußland Mangel an Waggons hat, um seine Munition und den notwendigsten Proviant zu Iransportieren. Man hat verwundete Soldaten gesehen, die das Kreuz des Heiligen Georg trugen, und aus den Hospitälern, die außerhalb des .Ansiedlungsrayons lagen, ausgetrieben wurden. Ich besitze den Bericht über die jüdische Frage, die von dem ehemaligen Purnaabgeordneten Winawer im Namen des Zentralkomitees der Kadettenpartei am 21. Juni 1915 vorgelegt wurde. Er berichtet, wie die Reaktionären und ihre Presse, anfangs durch die Haltung der Juden verwirrt, wieder zu sich kamen und die Juden beschuldigten, mit dem Patriotismus Handel zu treiben, um immittelbar Gleichberechtigung zu erlangen. Die bald darauf folgenden Kollektivanklagen auf Verrat sind höchst zweifelhafter Natur, da die Bürgschaften fehlen, die in normalen Zeiten vor den Gerichtshöfen üblich sind. Wenn man Beweise brachte, so zeigten sie die Nichtigkeit der Anklagen. Wir finden hier wieder die Provokatoren, die abwechselnd mit Denunziation und Erpressungsversuchen spielen: Ein Agent Pereschaku wurde in Lomsha vor das Armeegericht gestellt und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er von der Mutter eines unglücklichen Juden 400 Rubel in Geld und Schmuck unter der Drohung erpreßt hatte, daß er ihren Sohn verhaften und zur Galgenstrafe verurteilen lassen werde. Wieviele Strafvollstreckungen, die oftmals ohne jegliches Gericht stattfanden, sind unbekannt geblieben. Die Haltung der militärischen Behörden verstand es ausgezeichnet, in der Armee einen Antisemitismus zu verbreiten, dessen Folgen furchtbar werden können, da die jüdischen Soldaten dadurch dem Bedürfnis nach Sühnung ihrer Kameraden preisgegeben werden. Der „geheime und eilige" Befehl des Generals .1..., des Kommandanten eines Armeekorps (Befehl Nr. 3805, 30. März) „erachtet es als eine der wichtigsten Aufgaben der militärischen Behörden, unverzüglich alle Tatsachen zwecks Verwertung nach dem Krieg zu sammeln, welche die Unerwünschtheit des Militärdienstes der Juden veranschaulichen und beweisen; die Dokumente müssen an den Stab des Oberstkomrnandierenden geschickt werden." Der Befehl des Kommandanten der 4. Armee vom 1. Mai 1915 schreibt vor. daß man die jüdischen Soldaten von der deutsch-österreichischen Front zurückziehen solle und in Ausführung dieses Befehls wurden am 15. Juli 37 Soldaten aus dem 68. Bataillon West-Marschewsky entfernt. Purim Vinz. Von M. Steinhardt. In diesen l agen, am 20. des Monats Adar, beging die aiteiirwürdige jüdische Gemeinde zu Frankfurt a. M. eine seltene Dreijahrhundertfeier: Purini Vinz in Frankfurter Mundart genannt. Was ist Purim Vinz? Fürchterlich hatte das finstere Mittelalter die Reihen der deutschen Juden gelichtet: unzählige Tausende waren erschlagen worden; was dem Tode entgangen, war nach dem Osten, nach Polen, entflohen. Im sechzehnten und aucli im siebzehnten Jahrhundert waren scröücre jüdische Gemeinden im deutschen Reiche nur Kau/ vereinzelt noch anzutreffen. Zu diesen wenigen gehörte eben die Frankfurter Gemeinde, die um diese Zeit nach damaligen Begriiien sich einer verhältnismäßigen Sicherheit erfreute und vom Magistrat mit einer gewissen Duldsamkeit und Schonung behandelt wurde. Auch der Kaiser hatte ihre Unantastbarkeit als Gesamtheit bestätigt und verbrieft. Da brach um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts zwischen den Zünften und dem Magistrat der Stadt ein langwieriger Streit aus, dessen letztes Ziel darin bestand, den ersteren auf Kosten der Patrizier, die die Macht im Magistrat in Händen hatten, größere Freiheiten zu verschaffen. Nach altem, in der Geschichte zu unserem Leide sich immer aufs neue wiederholendem Rezepte begann diese an sich rein politische Angelegenheit mit einer Judenhetze, die gar leicht an böses Ende hätte nehmen können. Man warf dem Magistrat vor. daß er die Judengesetze zu nachlassig handhabe, und verlangte die Ausweisung aller Juden aus Frankfurt. An der Spitze der aufrührerischen Zünfte stand der Lchkuclicnbücker Yineenz Fettmilch, ein gefährlicher Manu, der sich seihst offen als den „neuen Haman der .liuL'ii" bezeichnete. Die Stimmung gegen die Juden wurde infolge einer planmäßig betriebenen Agitation von Tag zu Tag erregter; man diskutierte offen ihre Plünderimg und Ausweisung. Alle Schritte des Magistrats und selbst seine energischen Maßnahmen, um den drohenden Aufstand zu ersticken und die erregte Stimmung zu beschwichtigen, waren vergebens, und auch die kaiserlichen Kommissare, welche der Erzbischof Schwiekhard von Mainz und der Landgraf Ludwig von Hessen- Darmstadt zur Schlichtung des Streites entstandt hatten, mußten unvernchteter Sache wieder abziehen. Zitternd und zagend erwartete die Frankfurter Judenheit ihr Geschick. Nach altreligiösem Brauche ordneten die Rabbiner einen Fasttag an, um durch Fasten und Beten Hilfe von Gott zu erflehen. Die Aufrührer siegten. Am 2. September 1614 mußten die Juden, etwa 1400 Seelen, nachdem ihr Hab und Gut geplündert oder zerstört, ihre heiligen Statten entweiht worden waren, die Stadt verlassen und konnten dabei noch von Glück reden, daß es nur einige wenige Tote und Verwundete in ihren Reihen gegeben hatte. „Den Fortschritt der Menschheit," schreibt Graetz in seiner Geschichte der Juden, „konnte man bei dieser Gelegenheit gegen frühere Jahrhunderte darin bemerken, daß mitleidige Christen den von allem entblößt Abziehenden Brot und Speisen reichten, und die kleineren Städte und Dörfer ihnen ein Obdach gewährten, obwohl Fettmilch und die Judenfeinde vor deren Aufnahme gewarnt hatten." Aber auch noch in anderer Beziehung war ein Fortschritt der Menschheit zu verzeichnen. Hatte die kaiserliche Macht den Rädelsführern gegenüber anfangs versagt, oder war sie nicht nachdrücklich genug gegen sie aufgetreten, so nahmen sich neben dem schon erwähnten Erzbischof von Mainz und dem Landgrafen von Hessen der edle junge Kurfürst Friedrich von der Pfalz der Juden um so sachdrücklicher an. Als in Worms, durch die Vorgänge in Frankfurt aufgestachelt und ermutigt, ebenfalls eine Judenhetze einsetzte, die auch mit ihrer Austreibung endete, griff der junge Kurfürst ein und ließ Fußvolk, Reiterei und Kanonen in Worms einrücken, wodurch dem Aufstand schnell ein Ende bereitet wurde. Die vertriebenen Wormser Juden durften m ihre Heimat zurückkehren, und nach längeren Unterhandlungen wurden am 20. Adar US. Februar) 1616 die Juden von Frankfurt „mit Paukenschall und Hörnerklang ' durch kaiserliche Konimissarien in ihre Wohnungen zurückgeiührt. Die Rädelsführer wurden streng bestraft. Fettmilch endete, gleich seinem Vorbilde Hainau, am Galgen; zum warnenden Beispiel wurde sein Haus geschleift und seine Familie aus der Stadt verwiesen. Auch eine materielle Entschädigung wurde den Juden zuteil: die Stadt mußte ihnen iür die Plünderung 175.000 Gulden Schadenersatz ieisten. Es läßt sich lebhaft vorstellen, wie sehr unter den Zurückkehrenden, wie es im Buche Esther heißt „Auroh w'ssimcho", ..Licht und Freude" herrschte. Das war mehr, als sie selbst in ihren kühnsten Hoffnungen erwartet hatten. Die Frankfurter Rabbiner aber setzten den lag der Rückkehr, den 20. Adar, als Festtag, als Purim ein, und der Volksmund hat den Tag nach dem Vornamen des neuen Haman Purim Vinz genannt. In der alten Synagoge am Börneplatz, die die eigentliche Trägerin der alten Frankfurter Minhagim ist, findet alljährlich am 20 Adar eine religiöse Freudenfeier statt; der Tag zuvor aber wird in richtiger Erkenntnis und Würdigung zur Erinnerung an die dem Freudentage vorangegangenen Gefahren und Leiden als Fasttag begangen. In diesem Jahre wurde ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, an dem viele Alt- Frankfurter sich beteiligten. Am folgenden Sabbat fand in derselben Synagoge ein besonderer Festgottesdienst statt, bei welchem Herr Rabbiner Dr. Nobel die Festpredigt hielt. Anläßlich dieser Dreijahrhundert-Feier hat Lehrer J. B. Lewy in Frankfurt seiner Gemeinde eine gar würdige und interessante Festgabe gewidmet, ein kleines Büchlein, betitelt „Das Vincenz-Lied". In 103 Strophen besingt ein sonst wenig bekannter Dichter, Elchonon bar Awrohom Helenus, der Frankfurter Judenheit Leid und Freud. Die einleitende Strophe hat Levy,

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