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Jüdische Korrespondenz · 1916-03-09 · 10 (9.3.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
10 (9.3.1916)
Date
1916-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer »0 Heller. i U/a^^IwM «Jl^Ai^r^^! Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 120. j WOClieilt>tatt TUT JUtllSChe IntereSSen. j Wien, VITI. Alserstraße 06. Nachdruck mit voller Qupttenangabe gestattet. Redakteur: Jonas Kreppe!.! E rs c he i n t j e d eT Do nnerst ag IQ. ~~~~ Wie*, 9. Män 1916. ~ 2. Jahrgang. •4 m 16. März erscheint M eine spezielle, humoristische §jj 3>urim-Wummerl jüdischen Korrespondenz1'. ® ^_4J__________ »Kuliurelle Autonomie«. (Zur Ostjudenfrage — von einem Westjuden.) „Kulturelle Autonomie" ist das neueste Schlagwort in der sog. Ostjudenfrage. Diejenigen, aie zunächst üie Lösung dieser Frage in uem Sinne propagieren, daß die Üstjuden als eine besondere Nationalität anerkannt werden und eine nationale Autonomie erhalten sollen, scheinen schließlich die großen inneren und äußeren Schwierigkeiten eingesehen zu haben, den eine derartige Lösung bei den gegenwärtigen Verhältnissen begegnet und um wenigstens etwas zu erreichen, wollen sie sich auf ein Minimalprogramm beschränken und für die üstjuden mindestens eine kulturelle Autonomie eriangen. Diese soll darin bestehen, daß die Juden im Osten das Recht erhalten, eigene ^kiudeji-mit Ueffentlichkeitsrecht zu errichten, mit einem eigenen Unterrichtsplane, bei entsprechender Berücksichtigung der jüdischen und hebräischen Sprache sowie einem eigenen Schul- und Kulturrat, dem das gesamte Unterrichtswesen, soweit es die Juden betrifft, unterstehen soll. Die Erhaltungskosten dieser Schulen sollen seitens der öffentlichen Fonds gedeckt werden u. z. entweder in derselben form und im selben Ausmaße, wie die öffentlichen Schulen der anderen Volksgruppen, oder daß die jüdische Bevölkerung hiefür eine spezielle Schulsteuer entrichte, deren Höhe ihr aber bei aer Entrichtung der allgemeinen Staats-, Landes- und Stadtsteuern in Abzug gebracht werden soll. Ohne auf die Einzelheiten dieses Projektes, dessen Rationalität und Durchführbarkeit näher eingehen zu wollen, schon deswegen, weil sich dasselbe vorläufig im embryonalen Zustande befindet, möge jedoch die Bemerkung gestattet sein, daß wir Juden Oesterreichs eigentlich eine derartige kulturelle Autonomie bereits besitzen u. z. in ziemlich ausgedehntem Maßstabe. Unsere Kultusgemeinden sind ja eigentlich nichts anderes, als derartige kulturell-autonome Körperschaften. Wenn sie auch im Sinne der gesetzlichen Vorschriften und ihrer Statuten vor allem dazu berufen sind, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse zu sorgen und demgemäß einen ausgesprochen konfessionellen Charakter haben, so braucht doch sicherlich nicht erst hervorgehoben zu werden, wie sehr im Judentume das Religiöse und Kulturelle synonvm seien und wie sehr sich diese beiden Begriffe gegenseitig decken. Wenn von speziell jüdischen Schulen gesprochen wird, so versteht man doch darunter sicherlich nicht nur die sprachliche Form, sondern auch den unverfälschten jüdischen Geist, der sieh mit unseren religiösen Begriffen vollständig deckt. Gerade darum dürfte es sich den Projektanten handeln, wenn sie speziell-jüdische Schulen fordern. Unsere Kultusgemeinden haben übrigens trotz der äußerlichen statutarischen Beschränkungen einen ziemlich ausgedehnten Wirkungskreis, sie halten auch jetzt schon vielfach Schulen aus oder subventionieren solche mit beträchtlichen Beträgen, gründen Bibliotheken, Museen, subventionieren literarisch-kulturelle Unternehmungen und Institutionen, mit einem Worte: sie fordern das jüdische kulturelle Leben im weiten Ausmaße, ohne daß ihnen diesbezüglich von jüdischer Seite oder seitens der staatlichen Aufsichtsbehörden irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg gelegt -würden. Was wäre nun einfacher, als das Bestreben, die Autonomie der Kultusgemeiuden derart auszugestalten, daß ihnen das gesamte jüdische Schulwesen, insoferue man ein solches für dringend erachtet, überwiesen werde! Freilich, die Einwände dagegen sind schon deutlich herauszuhören. Die Leitung der Kultusgemeinden — wird behauptet — steht nicht immer auf der Höhe ihrer Aufgaben. Sie befindet sich nicht immer in den richtigen Händen. Jede Kultusgemeinde ist eine autonome Körperschaft für sich, die mit den anderen Gemeinden in keinem oder nur losein Zusammenhange steht Es existiert auch keine höhere jüdische Aufsichtsbehörde, keine einheitliche Organisation dieser Gemeinden. Innerharb der Gemeinden kommt es auch oft zu Parteikämpfeu, religiöse und fortschrittliche, nationale und assimilatorische Strömungen kreuzen mit einander und paralysieren jede ernste Tätigkeit. Diese Anwürfe sind wohl nicht ungerechtfertigt. Die Mängel lassen sich jedoch beim gemeinsamen guten Willen und zielbewußtem Vorgehen beseitigen. Andererseits aber muß man bedenken, daß dieselben Erscheinungen auch im Rahmen einer neuen kulturellen Organisation zutage treten, daß dieselben Strömungen sich auch dort geltend machen dürften. Gesetze und Statuten allein verbürgen noch immer nicht den Erfolg, es kommt auf den Geist an, in dem deren Bestimmungen zur Durchführung gelangen, auf die leitenden Kreise, die zur Durchführung berufen und auf die Volksmassen, für welche sie bestimmt sind. Anstatt also Neues schaffen zu wollen, wobei man aaf die größten formellen und sachlichen Schwierigkeiten stoßen müßte, sollte man sich vielleicht lieber darauf verlegen, den Wirkungskreis unserer Kultusgemeinden zu erweitern, ihre Autonomie auszugestalten und ihnen eine derartige Organisation zu geben, die sie dazu befähigen soll, allen Aufgaben gerecht zu werden. A=uch das finanzielle Moment wird sich in dieser Richtung viel leichter regeln lassen. Dieses darf überhaupt nicht allzusehr in den Vordergrund gestellt werden. Die jüdischen Kultusgemeinden halten beispielsweise fast überall eigene Krankenhäuser aus, obwohl die Errichtung und Erhaltung derartiger Institutionen eigentlich Aufgabe des Staates und des Landes ist Was für das physische Wohl der jüdischen Bevölkerung geschieht, kar.n auch für deren geistiges Wohl geschehen, ohne dies allzusehr von der Geldfrage abhängig zu machen. Die großen Opfer, welche besonders unsere Brüder im Osten für die Erhaltung der „Glieder", der Talmud-Thora etc. bringen, würden sn sicherlich den Gemeinden zur Verfügung stellen, um ihnen die Erfüllung ihrer Aufgaben zu ermöglichen. Insoferue es sich um die Aushaltung der öffentlichen Schulen handelt, die das Schulbudget des Staates und des Landes entlasten, so wäre wohl die Leistung eines AeMiiivalents seitens des Staates und Landes vollauf angebracht. Es ließe sich diesbezüglich vielleicht auch das Notwendige erreichen. Jedenfalls dürfte dies leichter erreichbar sein, wenn es sich um eine gesetzlich anerkannte Institution, wie die Kultusgemeinde, handeln sollte, als wenn man erst daran gehen würde, eine neue Organisation und Institution zu schaffen. Inwieferne sich die breiten jüdischen Volksniassen, die zum weit überwiegenden Teile der Onhodo:.ie angehören und demgemäß die Schulfr,4ge von einem anderen Gesichtspunkte betrachten, zu dieser Angelegenheit stellen w erden — darüber müßten unsere Brüder im Osten unter sich selbst klar sein. Gegen den Willen dieser Volksmassen dürfte man ihnen auch keine, wie immer geartete, kulturelle Organisation oktroyieren. Diese Angelegeheit müßten natürlich unsere östlichen Brüder zunächst im eigenen Lager einer Austragung zuführen. Diese Bemerkungen eines Westjuden zur Ostjudenfrage mögen nicht als eine Zu- oder Aufdringlichkeit betrachtet werden. Der Schreiber dieser Zeilen, der seit vielen Jahren der sogen. Ostjuden-Frage ein großes Interesse zuwendet und besouders in der letzten Zeit die sog. Ostjuden-Diskussion mit großem Interesse venoigt, glaubt, zur Ergreifung des Wortes u; dieser rrage ebenso berechtigt zu sein, wie gm mancher, dessen einzige Legitimation dazu dann besteht, die Fertigkeit zu besitzen, neue Schlagworte auf den Markt zu bringen, ohne sich um deren praktische Durchführbarkeit allzu ernstlich zu kümmern. Dr. K. T. Die jtidisdve Frage - ein politisches Problem. Unter diesem Titel veröffentlichte die Pariser „Huinanite" einen Artikel, der für die Stimmung im Lager der Entente überaus charakteristisch ist. Bisher weigerte man sich, in Frankreich und England, der Judenfrage in Rußland näherzutreten, um nicht den russischen Verbündeten nervös zu machen. Da man aber jetzt wieder von Amerika liekl braucht, so muß man diesem Thema näher treten; ob mit Erfolg, wird sich erst zeigen. Der Artikel der „Humanite" lautet: Vielleicht ist es peinlich, darüber zu sprechen, aber noch gefährlicher ist es, zu schweigen. Die Frage der Behandlung der Juden in Rußland ist keine interne Angelegenheit mehr. Die Haltung Amerikas ist tatsächlich in erster Linie ein Problem, welches für die Interessen der Alliierten von Bedeutung ist. Die „Humanite" meldete vor einige« Tagen die offizielle Organisierung eines „Judentages" in den Vereinigten Staaten, d. h. die Organisierung einer ungeheueren Manifestation zu dem Zwecke, Hilfe für die jüdischen Kriegsopfer zu erlangen. Der amerikanische Staat hat dazu die Initiative ergriffen. Präsident Wilson hat einen Appell erlassen, der durch den Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten gegengezeichnet war. Mehr als 12 Millionen wurden zusammengebracht. Wir verstehen vollkommen den Sinn dieser Bewegung. Die drüben durch das Unglück der Juden während des Krieges — man muß russische Juden hören — aufgewühlte üemütserregung ist sichtbarlich heftig. Vor einigen Wochen, da man von Evakuierungen und Verfolgungen sprach, wurden auf einer pathetischen Sitzung, auf der sich die Schreckensschreie der Männer mit dem Schluchzen der Frauen mischten, auf der Stelle 750.000 Dollar gezeichnet. Das jüdische Element wird in den Vereinigten Staaten durch fast 2 Millionen Einwanderer repräsentiert, auf welche die Leiden ihrer Stammes- und Religionsgenossen schmerzlich zurückwirken. Auch sie sind vor mehr oder weniger Jahren vor den Pogromen und Ausnahmegesetzen geflohen. Und ihr Haß ge<'en die Urheber ihrer Leiden lebt wieder auf, wenn sie von den neuen Leiden ihrer Stammesbrüder hören. Denn sie sind unterrichtet und sogar besser als wir. Die .Jargonzeitungen, Organe mit einer Auflage von Hunderttausenden von Exemplaren, die Auswanderer, die Rabbiner melden ihnen von dem durch den ^rieg gesteigerten Unglück ihrer Reltgioasgenossen. Die Reden in der Duma und insbesondere die des Abgeordneten Friedmann auf der Sitzung vom 20. Juli 1915, haben uns davon ein Echo gegeben. Diese Juden, die mit einem solchen Enthusiasmus auf den Appell des Zaren an alle Nationalitäten Rußlands geantwortet haben und die in einer Zahl von mehr als 400.000 in der Armee kämpfen, sind vom allgemeinen Gesetz: ausgeschlossen geblieben, Objekte aller Verdächtigung«!, aller Bedrückungen, aller Will kürlichkeiten. Versprechungen, das Verbot der Niederlassung außerhalb des bereits übervölkerten Ansiedlungsrayons aufzuheben, sind gemacht worden. Sie wurden aber nicht erfüllt. Indessen evakuiert man die jüdische Bevölkerung unter dem Vorwand. Verrat zu vermeiden, aus den Gegenden der Front, wo sie zusammengepfercht ist.

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