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Jüdische Korrespondenz · 1916-03-02 · 9 (2.3.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
9 (2.3.1916)
Date
1916-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9. Jüdische Korrespondenz Seite 3 gung und Beschäftigungsvermittlung zu sorgen. üieser Aufgabe unterzog sich mit ülück und Verständnis die Zentralstelle der Fürsorge für Knegstiuchtlinge, deren Leitung in den tländen des üemeinderates Dr. Schwarz-Miller liegtisun wurde auch die geistige Forderung der Flüchtlinge ins Auge gelaßt, indem von der Leitung der genannten Zentralstelle eine Flüchtlingsbibliothek eröfinet wurde. Dieses Institut, dessen Ftorten sich kürzlich in der Praterstraße 9 auftaten, ist mit einer Lesehalle verbunden und wird es sich angelegen sein lassen, den Flüchtlingen einen kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt zu geben. Die Bibliothek ist üarum von besonderem Interesse, weil ihre durcn die Kriegsverhaltnisse schwierig gewordene Zusammenstellung schon heute in ziemlich weitreichendem Maße den Flüchtlingen aller Nationen und Koniessionen gerecht wird. Junge Mädchen aus riuehthngskreisen machen im Bibhotheksraum Dienst. Neben diesem befindet sich ein Raum lur jugendliche studierende, um ihnen ungestörte Studien zu gewahrleisten. Anschließend daran der groi:>e Lesesaal für Raucher, Grün überzogene 1 lschc, wände und Türen in Weiß geben einen geschmackvollen Zusammenklang. Nutzgegenstande, wie Wasserkruge, Glaser, lassen. Zundsteine, Aschenschaleu und Uhren sind reichlich vorhanden, so daß der tindruck eines Kiublokals erweckt wird, im Vordergründe des saaies ist zwischen Lorbeerbäumen eine Kaisero uste autgestellt. Dem Saal für Raucher entspricht bis in Linzelhelten der Saal tur Nichtraucher, in diesem sind zahlreiche Landkarten autgelegt und eine Schreibabteilung geschalten. Kund loü Zeitungen aller Sprachen und Parteinchtungen, Tagesblatter, f/achblatter. Wochenschriften, Magazine und ..lUstnerte Blatter stehen zur Verlügung. AuL.rdem Konversationslexikon, Atlas und Nachschlagewerke jeder Art. Die vorhandenen Schachspiele finden besonders bei den Flüchtlingen aus O a 1 i z i e n Anklang. Die Lesehalle ist taglich von fc> Uhr iruh bis halb 10 Uhr abends geotmet und findet reichen Zuspruch. Seit der erst kürzlich enolgen cröfinung wurden bereits über oOU Monatskarten (.zu 30 Meiler) ausgegeben, cm Zeichen für die in einem wirklichen ßedunms gipfelnde Zugkraft des Instituts, dessen Besucher allen Altersklassen und den verscluer'deiisten gesellschaftlichen Schichten sowie Berufsstanden angehören. Am meisten kommt die Bibliothek naturlich jenen Flüchtlingen zugute, deren geringes Einkommen den besuch von Kaffeehäusern verbiete:. Sie werden nun der Straße entzogen und stehen unter dem kulturellen Einflüsse eines Bildungshemis, das seinem Leiter, aber auch seinem uneigennützigen Baumeister üemeinderat tdmund Melcher alle Lhre macht. Der Judenlag in Amerika. Der am 27. Januar veranstaltete „Judentag m Amerika gestaltete sich, wie wir den Berichten der Neu- Yorker jüdischen Zeitungen entnehmen, zu einer der großartigsten und imposantesten Kundgebungen des ludischen Soiidaritiitsgetuhls, die Amerika je eilebt hat. Aulierordentiich glänzend und großzügig war die Organisation dieses umfassenden Hilfswerkes. In New-York allein sollen, einem Bericht der „Wahrheit zufolge, sich etwa 50.UUÜ „Freiwillige", darunter zahlreiche jüdische Soldaten der amerikanischen Armee, die lur diesen 1 ag beurlaubt waren, an der öffentlichen Sammeltätigkeit beteiligt haben. Die „Proklamation des Präsidenten W ilson hat im ganzen Lande, vom atlantischen bis zum stillen Ozean, von New-York bis Cincmnati und San- Franzisko die lebhafteste Begeisterung hervorgerufen. Dementsprechend waren auch die Ergebnisse der Sammlungen und Zeichnungen. Das Oesamtergebnis wird am 3—4 Millionen Dohar geschätzt. Davon entlallt am Ne.v- York allem die Gesamtsumme von über einer Million Dollar, interessant ist die Zusammensetzung dieser Summe: über 33.000 Dollar wurden aul den Straßen des New- Yorker „Ghettos", dem ..East-Side" in kleinen und kleinsten Beträgen zusammengebracht. Die New-Yorker judische Gemeinde beteiligte sich an der Hiltsaktion mit 10.000 Dollar. Eine außerordentliche Optertreude haben die großen jüdischen Berufsverbände New-Yorks an den Tag gelegt. Den größten Betrag zeichnete der Bankier- und Maklerverband — 150.000 Dollar, nach ihnen die Zigarren- und Zigarettenhändler — 80.000 Dollar, das Pjamanten- und Schmuckfach — 50.000 Dollar, der Verband der großen Geschäftsinhaber — 30.000 Dollar, die Kurzwaren- und Manufakturbranche — 30.000 Dollar, die ImmpbiljenrGenossenschaft — .25.000 Dollar, die Bänderfabrikanten — 25.000 Dollar, die Strumpffabrikanten - 25.000 Dollar, die Damenwäsche-Manufakturisten — 25.000 Dollar, die .Rauchwarenhändler — 25.000 Dollar. Außerdem eine ganze Reihe kleinerer Zeichnungen verschiedener Berufszweige. Diese außerordentliche Beteiligung der Berufsverbände wird in den Berichten der amerikanisch-jüdischen Blätter ausdrücklich auf die erfolgreiche Werbetätigkeit des bekannten Rabbiners Herrn Dr. Magnes zurückgeführt, der in zahlreichen Versammlungen das Elend der ostjüdischen Massen in den kriegtuhrenden Landern, namentlich in Rußland, der großen amerikan.schen Oeffentlichkeit vor Augen führte. In den anderen Städten Amerikas waren die Frgebuisse nicht so bedeutend, aber immerhin sehr erheblich. So wurde m Uncinnati die Summe von 100.000 Dollar autgebracht. In Philadelphia — 50.000 Dollar, m San-Franzisko — 250.000 Dollar. — m Washington — oO.OOO Dollar, in Denver — 20.000 Dollar, über die Resultate in den anderen Städten ist noch nichts bekannt Moses Mendelssohn und der Krieg. Im Verein tur Jüdische Geschichte und Literatur in berhn hielt Abgeord. Dr. Iraub einen äußerst anregenden und in die 1 lele gehenden Vortrag über die Frage: ..Was kann uns Moses Mendelssohn lur unsere Kriegszeit sagen. Einleitend setzt der Redner auseinander, wie er dazu gekommen, den großen Humanisten des 18. Jahrhunderts mit dem jetzigen Kriege in Verbindung zu bringen. Es sei ja eine Gegenwai isirage. ob Humanität und nationales Empfinden einander widersprechen. Die deutschen Humanisten des 18. Jahrhunderts hatten diese Frage verneint, Geothe, Herder. Lessmg. auch Mendelssohn — bei ihnen allen hatie uer Gedanke der Humanität tiet im nationalen Emptniden gewurzelt. Zumal;nendelssotm. uessen Lebenshohe m die Zeit des sieu~ii,aurigen Krieges Uel, habe ganz umer dem Banne riieüricns ues Großen gestai.uen. und zwar Friedricns als des Königs der schlachten. Zum Beweise dessen tuhrsoweit sie vom Kriege hanueln, namentlich seine Schilderung des Beniner Kusseiisehreckens vom Oktober erraschend seil :schau der Russen i lir Ende laud. als e Hinsicht eine Parallele zum Heutigen Kriege bilden, stellte Ür. 1 raub die viel wichtigeren inneren Beziehungen des berliner Philosophen gegenüber, die lur uns Menscnen von heute noch volle Lebenskralt haben konnten. So erinnerte er uaran, daß Menüeissohn zwei Knegspredigten geschrieben habe, eine nach der Schlacht bei Kotiger Friedens, der den siebenjährigen Krieg beendigle. lesen, wenn auch uns einmal die Fnedensglocken lauten. Bei dieser Gelegenheit lernte mau auch die preuliisceh Zensur von damals kennen, die m den Händen des Konsistoriums lag. und dysses Konsistorium war — wie Dr. 1 raub nicht ohne Beziehung hervorhob — die liberalste Behörde, üie man sich denken kann. Aber wesentlich bedeutungsvoller ist die Stellung von Mendelssohns Ethik zum Kriege überhaupt. Dr. 1 raub wies da aui einen kleinen, aber viel sagenden Punkt hm: m Mendelssohns Bibelubersetzung heißt der turnte Gebot mein ..du sollst nicht toten", sondern ..du sollst nicht morden . Mit diesem leinen Unterschiede wollte Mendelssohn nach der Ansicht des Vortragenden zum Ausdruck bringen, daß der Krieg als eine nationale Notwendigkeit nicht unter das göttliche lotungsverbot Talle. Aul ahnlichem Boden bewege sich Mendelssohns Stellung zur göttlichen Vorsehung, die in der Ethik des Krieges ebenlalls eine wichtige Rolle spielt. Gegenuber Friedrich hielt Mendelssohn daran fest, daß der eingeschränkte Mensch nur den geringsten 1 eil von dem Ganzen des ewigen Geschehens uberblicken könne. Demgemäß sei das Unheil, das den Einzelnen trefte, doch von Segen lür die Allgemeinheit. Mit anderen Worten: die Vorsehung lasse den Einzelmenschen leiden, damit der Gesamtheit genutzt werde. Im schreiten Gegensatz zu dieser ethischen Aunassung stand tur Mendelssohn die englische Moralphilosophie eines Schattesbury. weil diese von der Gluckseligkeit des Einzelnen ausgehe und die Glückseligkeit des Einzelmenschen zur Grundlage der Gesamtheit machen wolle. Diesen Gegensatz so überaus tieier Art zwischen deutscher und englischer Ethik, erblickt Dr. Iraub auch in dem gegenwärtigen Kriege, in dem geist'ge Prinzipien miteinander um die Vorherrschaft ringen. Wirlschaflszeitung der Zenlralmächle. In der „Jüdischen Presse" schreibt H. Margoliss: Unter dem Titel „Wirtschaftszeitung der Zentralmächte" gibt der rührige Deutsch- Oesterreichisch-Ungarische Wirtschaftsverband ein neues Organ heraus, dessen erste Nummer bereits vorliegt, Das Blatt, welches gleichzeitig in Berlin, Wien, Budapest, Sofia und Konstantinopel erscheint, stellt sich in den Dienst jener Bewegung, welche Berlin und Bagdad-Sues in einen engen wirtschaftlichen Zusammenschluß (dessen Achse gewissermaßen durch den Balkan-Zug vorgezeichnet wurde) bringen will. Eine Zollunion, die so weit geht, als nur mit den beiderseitigen Interessen verträglich, soll zunächst die beiden Kaiserreiche Deutschland und Oesterreich-Ungarn eng miteinander verknüpfen, und der so geschaffene ungeheuere einheitliche Wirtschattskomplex soll alsdann in einen engen Kontakt gebracht werden mit Bulgarien, dem neuen Grenznaehbar des Habsburgerreiches, und mit der lurkei, der Brücke nach Aegypten und Indien. uiese Bewegung berührt die judischen palästinensischen Interessen ganz außerordentlich, und dabei d mte es angebracht sein, aut die Bedeutung dieses neuen Blattes auch m jud.Kreisen hinzuweisen. Denn Palästina ist eine türkische Fiovinz und \or allem; es ist das Verbmdungsland der zentralen lurkei mit Sues. ts wird also an dem wiriscuaitnchen Aulschwung, den die 1 urkei durch ihre ireundsehatthchen Beziehungen zu den Zentrahnacliten nehmen wird, mit in erster Linie beteiligt sein, und der Anschluß an die im Norden des Reiches \orubergehende Berlm-Bagdadbahn wird eine neue Aera iur das Land bedeuten und wird, da jeuc winschaithclie Belebung Palästinas seine \»\- nahmstalugkeit lur judische Lmwaiiderer erhöht, auch den judischen KolonisationsDesire- Dungen zum Segen gereichen . Schon aus dieser lluchtigen Lrwagung heraus ist es notwendig, daß wir diesen wirtschaltliclien huiheiisbestrebungen der Mittelmächte unser größtes Interesse zuwenden. Niemand durtte mehr als wir beruien sein, an ihnen teilzunehmen und sie zu lordern. Denn ganz abgesehen von den wertvollen Beziehungen, die heute schon die Juden der m Frage stehenden i-andcr miteinander verkinipien und die leicht in winschaithclie Lnergien umgesetzt werden konnten, verfugen wir über wertvolle Hillsnnttel und Werkzeuge, die das geplante Werk äußerst fordern und es beschleunigen können. W ir haben die Mensclienmassen, die hinübergehen werden, um das Land zu bebauen; wir haben aber auch in unseren Kautieuten. txporteuren, industriellen Unternehmern und vor allem in unserer Finanz ein Reservoir von Kräften, welche der Nutzbarmachung harren. Rechnet man noch die guten Beziehungen hinzu, die uns als Juden mit der lurkei. dem seit der spanischen Austreibung traditionellen Asyl lur unsere verfolgten Bruder, verbinden, so darf man wohl mit Recht annehmen, daß wir beruien sind, bei dieser Neuorientierung des Wirtschaftslebens der Mittelmächte eine besondere Rolle zu spielen, zum Nutzen unseres Vaterlandes, zum Nutzen der 1 urkei und zum Nutzen der Arbeit in Palästina. Die Zeitung, welche über die besten Mitarbeiter aller in frage kommenden Lander vertilgt, macht, soweit man nach der ersten Nummer urteilen kann, den denkbar günstigsten tindruck. Begrüßenswert ist, daß hriednch Naumann, dessen Werk ..Mitteleuropa ja in den weitesten Kreisen fcingang getunden hat. Gelegenheit nahm, mit aller Scharfe Vorurteile und Mißverständnisse zu beseitigen, die von den Gegnern Deutschlands gestutzt und gezüchtet, den Bestrebungen gefährlich werden können: ..Ls reichen sich die Bundesgenossen des Krieges ihre Hände zu den Werken des Friedens. Keiner verliert dabei etwas, denn alles völkische .nationale und einzelstaathche bleibt unberührt vom neuen Bunde. Mitteleuropa darf keine (lermanisieruiigsanstalt sein, weil dadurch die nichtdeutschen I eilrielnner sofort verscheucht werden wurden. — In der Tat glauben auch wir. daß der fcrfolg der Bestrebungen nur dann gewahrleistet ist. wenn es gelingt, das Vertrauen aller beteiligten Kreise zu erwerben. Die Zeiten sind vorüber, in denen ein großes Wirtschaltsrcich nur auf einem Weltreich auigebaut werden konnte, wie unter Alexander und selbst noch unter Napoleon. Voraussetzung einer wirklich gesicherten Wirtschaftseinheit von Hamburg bis Bagdad und Sues ist heute die unbedingte Unabhängigkeit der einzelnen in Kultur und higenart so weit auseinandergehenden Lander und ihr treiwilhger Zusammenschluß auf Grund und in Wahrung ihrer eigensten Inte- Die Woche.

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