Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 8 (24.2.1916)
- Date
- 1916-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 8. Schicksal jener Hunderttausende Juden, welche von den Russen bei ihrem Rückzüge von fiaus und Heim verjagt, ins Innere des Reiches verschleppt wurde)) und die nur unrichtigerweise als „Flüchtlinge" bezeichnet werden, da ihnen der Namt „Vertagte und Verschleppte*" viel »evser eiiti.pi icht. I'ie Nachrichten über das traurige I.'-s dieser unglücklichen waren derart Mjhrcckiijii, da 13 man last geneigt war, an 1 ei'ertreii>im«cii zu giauben. I )as nieiischliche < tvv'ihl sträubte sich geradezu, an die Mbgiichi.c;! eines derartigen Liends und eines üeraru- .: n Jammers glauben. Nun liegt ein offizielles Dokument vor, an . dessen Glaubwürdigkeit niemand zweifeln ■ kann und dieses bestätigt vollauf all die erwähnten Nachrichten. Iis ist dies ein Memorial,; welches das „Jüdische Hilfskomitee in Peters-; bürg" an das russische .Ministerium des Innern gerichtet hatte und in welchem geradezu haar-; sträubende und herzzerreißende Einzelheiten! über den Jammer der Flüchtlinge berichtet werj den. Das jüdische Hilfskomitee hat es sicherlich; nicht gewagt, sich irgendwelcher Uebertrei-; bungen schuldig zu machen. Viel eher ist anzu- I nehmen, daß in dein Memoriale nocii nicht die : ganze Warheit enthüllt wurde. Man kann sich j daher erst recht eine V orstellung davon maj eben, was diese Unglücklichen auszustehen haben. In dem Meinoriale wird zunächst konsta tiert, dal.i die russische Regierung mit der ße willigung einer halben Million Rubel für die jüj dischen Flüchtlinge denselben mehr geschadet j als genutzt hat. Iis war im Juni 1915. als die! Regierung diese Summe zugunsten der jüdij sehen Kriegsopfer bewilligt hatte. Die Stadtj Verwaltungen gründeten damals unter der Auf-; sieht der (iouverneure Hilfskomitees für die j Kriegsopfer in ihren Städten, ohne Unterschied von Nation und Konfession. Kaum aber hatte die Regierung die erste halbe Million Rubel speziell für die jüdischen Flüchtlinge bewilligt, beauftragte das Polizei-Departement die üubernatoren, die Juden nunmehr von jeder Unterstützung seitens der städtischen Komitees auszuschliessen und diese an das Petersburger jüdische Hilfskomitee zu verweisen. Die jüdischen Flüchtlinge gelangten dadurch in eine geradezu schreckliche 1+age. Die Stütze der städtischen Komitees wurde ihnen entzogen, noch bevor sie von der seitens der Regierung bewilligten halben Million Rubel auch nur eine Kopeke erhalten konnten. Somit hat die russische Regierung mit ihrer Spende zugunsten der Juden ihnen viel mehr entzogen, als sie ihnen bewilligt hatte. Dieser Befehl des Polizei-Departements ist noch bis heute in Kraft, obwohl die halbe Million Rubel längst erschöpft ist. Die jüdischen Flüchtlinge sind vor jeder Unterstützung seitens der Ortskomitees und der Semstwos ausgeschlossen, obgleich die einheimischen Juden zu den bezüglichen Fonds sehr viel beigetragen haben und beitragen müssen. Infolge des herannahenden Winters mnl.'te man die unglücklichen Flüchtlinge mit warmer Kleidung versehen. F.s konnte jedoch nur ein kleiner Teil derselben, etwa 105.4!S°, mit warmen Winterkleidern versehen werden, was eine Summe von 520.(100 Rubel gefordert hat. Die übrigen 75% der jüdischen Flüchtlinge sind buchstäblich nackt und barfuß geblieben, sie haben weder Unterkleider noch Überklemer und Schmie, und gehen buchstäblich mioige uer Kälte zugrunde. Die Bekleidung einer einzelnen Kerson erlordert den Betrag von fünfzehn Kübeln. Man kann sich daher leicht vorstellen, welche summen notwendig sind, um üiese nKtion uurchzuiünren. ■noch empfindlicher als die Bekleidungsnage, macht sich der Mangel an Wohnungen unu Heizmaterial tuniüar. mioige (jeidinangel Konnte das Komitee bis jetzt diesbezüglich senr wenig tun. Bis jetzt sind bloß 42.39o Flüchtlinge mit Wohnungen und Heizmaterial versorgt worden und zwar in tolgenden Städten: symteropol /n«4 Flüchtlinge, Odessa d/TJU, follawa doiH, Krementschug 1/44, Charkow obOü, .lekatermoslaw 5UÜ0, Manupol <;'4ö7, Aiexandrowsk JOD, Astrachan lolb, Zaritzin 1500, Pensa o^ob, üwmsk 5000. in den anderen Städten des Zaienreiciies irren noch Hunderttausende jüdischer Flüchtlinge herum, oune Obdach und ohne Schutz. 1 »ieses unstete Herumirren, das ßivakuleren atn freien Feldern und in Wäldern, bei Regen und Sturm, Hunger und Kälte, haben unter den Flüchtlingen schreckliche Epidemien verursacht, welche lausende Opfer forderten. Besonders groß war die Sterblichkeit unter den Kindern, welche buchstäblich wie Fliegen dahingerafft w urden. Das Komitee mußte fliegende Lazaretten einrichten, welche mit den Flüchtlingen von Stadt zu Staut wandern. In diesen Lazaretten sind b5 Aerzte, 45 Gehilfen und 60 Pflegerinnen beschäftigt. Außerdem wurden dreißig Lisenbahnlazaretten eingerichtet, für diejenigen Flüchtlinge, denen das Glück zuteil ward, den Leidensweg mit der Eisenbahn anstatt zu Fuß durchzumachen. Aus diesen Ziffern ist leicht zu ersehen, welchen Umfang die Seuchen unter den Flüchtlingen angenommen nahen. Infolge der plötzlichen Vertreibungen sind lausende kleiner Kinder ihren Eltern und Familien verloren gegangen, 'lausende Kinder sind verwaist worden, da ihre Eltern außerstande waren, die Leiden der Wanderung zu ertragen und mitten des Weges ihre Seele aushauchten. Wie groß die Zahl dieser Flüchtlingswaiseu ist. ist daraus zu ersehen, daß bloß die jüdische Hygienische Gesellschaft in Petersburg achttausend derselben in ihre Obhut genommen hat, weiche in 45 speziellen Kinderbewahranstalten untergebracht wurden. Außerdem subventionierte die Gesellschaft jüdische Hilfskomitees in siebzehn Städten, welche sich der Mühe unterzogen haben, für diese Waisen zu sorgen. Die Kosten dieser Waisenfürsorge belaufen sich auf 50.000 Rubel monatlich. Das Komitee ist außerstande, für die Dauer diese Summen aufzubringen. Das Hilfskomitee hat auch ein informationsbureau gründen müssen, um diejenigen Flüchtlinge auszuforschen, welche vermißt oder wahrend der Wanderung gestorben sind. Wie groß die Zahl dieser Verstorbenen ist, ist daraus zu ersehen, daß von etwa 50.000 Flüchtlingen, w elche von ihren Freunden und Verwandten gesucht werden, bloß die Adressen von 37.640 ausgeforscht werden konnten, wobei noch in Betracht zu ziehen ist, daß viele lausende vermißter Flüchtlinge von niemandem gesucht werden. Groß ist auch die Zahi der Rabbiner, welche zusammen mit ihren Gemeinden flüchten mußten und heimatlos geblieben sind. Ebenso groß ist ihr Elend. Die Stütze, welche die unglücklichen I Flüchtlinge erhalten, beiäuit sich auf zehn bis ' zwanzig Kopeken täglich. I Das Komitee unterbreitet der russischen | Regierung das Ersuchen, noch mindestens zwei 1 Millionen Rubel zugunsten der jüdischen Fluchti linge zu bewilligen. Es verweist darauf, daß | bloß tur die Bekleidung der Flüchtlinge die I summe von i,800.000 Rubel notwendig ist. tnwieierne die russische Regierung das Ersuchen des Komitees erfüllen wird, bleibt dahingestellt. Sie hat ja selbst das Elend dieser Unglücklichen verschuldet und findet es nicht für nötig, ihr trauriges Los auf gesetzlichem oder administrativem Wege zu mildern. Das Memorial des Petersburger Hilfskomitees ist jedenialls eine niederschmetternde Anklage gegen die russische Tyrannei, weiche selbst bei allen russischen Freunden im Auslande ein lebhaftes Echo finden müßte. Der Talmud. Im „Berliner Tageblatt" vom 13. Februar verottentlicht der berühmte Jurist und üeh. Justizrat Prof. Dr. Josef Kühler (Berlin) anläßlich der Eröffnung der Talmudschule in Slobotka einen Artikel über den Talmud, dem wir folgende Stellen entnehmen. „Man wird dahin gelangen, das ungeheure Werk des Talmud gerechter zu beurteilen, diesen Inbegritt dessen, was das Judentum im Mittelalter seines Daseins leisten konnte und geleistet hat. Wie in den Psalmen der Höhepunkt der theistischen Poesie und in den Propheten der Höhepunkt sittlicher Welterfassung liegt, so haben wir im Talmud eine Fülle des Stoffes, der Poesie wie des Rechts. Allerdings mutet uns sehr vieles epigonenhait an; die Urkraft jenes Volkes ist in der Bibel verausgabt, und der Talmud zeigt nicht jenes ursprüngliche Schöpfungsgenie, welches sich noch in den Schriften der Makkabäerzeit kundgibt. Der Talmud verhält sich zur Bibel etwa wie die islamitische Scholastik zum Koran, und doch enthält er nicht nur «roßt Schönheiten, sondern eine . Fülle von Zeugnissen geistigen Gestaltungsvermögens. Und namentlich ist die Halacha, das juristische Element im Talmund eine Fundquelle scharfsinniger, allerdings manchmal recht lebensabgewaudter und schulmäßiger Erörterungen. Wie die orientalischen Rechtsbücher überhaupt, so enthält auch der Talmud eine Menge ritueller und hygienischer Vorschriften, aber vor allem kommt das spezieil juristische Element zur Geltung und es erregt nach vielen Beziehungen unser lebhaftes Interesse. Wer immer mit der Denkweise der Juden zu tun hat und wir werden in Polen uns damit vertraut machen müssen, wo das spezifisch jüdische Element eine Hauptkulturschicht bildet, der wird den Talmud nicht nur nach seinem Inhalt, sondern nach seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Lebensauffassung kennen lernen müssen. Nur dann wird man sich in die grübelnde Denkweise jenes Volkes, ai die Welt seines Sinnens und Trachtens versetzen können. War doch der Talmud der Niederschlag jahrhundertelanger Rechtsübung und Rechtslehre." Feuilleton. Aus der Geschichte der Rolschilds. Eine interessante Studie über die Londoner Linie der Rothschilds veröffentlicht T. H. S. Escott in der mi l.nüunn erscheinenden Zeitschrift ..Contemporary Review". Der Aufsatz, der in knappen Zügen das Auf- .•lülii-'i der englischen Rothschilds schildert, liefert ei- >riv neue Ziw zur Geschichte dieses Finanzhanses. »uro» SjUian Meyer Rothschild, der Sohn des Begründers des 1 '.mkturtcr Stammhauses, war es. der den Grundstein ,;:r englischen Firma legte. Er leitete sie bis zu seinem \!>lebeu persönlich. Der Aktionsradius des englischen Geschäftes wurde bald durch die Ausbreitung von gii.li/.iigii; vorbereiteten Handelsbeziehungen, die sich Hs iiaeti Amerika hinüber erstreckten, erweitert. Die Niederlassung in England erfolgte auf Grund von Auseinandersetzungen mit einem Fabrikanten in Lancashire, der nach Deutschland und Oesterreich Baumwollwaren lieferte. Bei dieser Gelegenheit merkten die Rothschilds, dal* die Anwesenheit eines Chefs in Großbritannien für die weitere Entwicklung des englischen Geschäftes zu den unabw eisliclieu Notwendigkeiten gehöre. Ais unter dem Einfluß von Insolvenzen amerikanischer Betriebe in Paris eine Bank nach der anderen ms Wanken geriet, war die Frage einer Retablierung und Konsolidierung des Kredits zu einem schwer lösbaren Problem geworden. Hier griffen die Rothschilds ein. Die bedeutendsten Häuser suchten um ihre Intervention an und fanden sie auch. Im Jahre 1819, als Lord Liverpool Premierminister war, brachten die Rothi schilds eine Schatzanleihe im Betrage von zwölf Millij onen Pfund Sterling zustande. Der Gewinn, den Nathan Meyer aus diesre Transaktion zog. befähigte ihn unter | anderen Dingen auch, sich durch den Ankauf von Gun- : nershury den erbgesessenen Lords an die Seite zu stellen. Der zweite englische Rothschild war Baron Lionel, | dessen Tätigkeit in die Epoche der Königin Victoria I fällt. Er lebte bis zum Jahre 187'). Mit ihm als eine I Art Aniicus euriac war sein Bruder Sir Anthony Roth- | scliiid assoziiert. Er war der Onkel des jetzigen Lord; Rothschild und der vertraute Freund Lord Palmerston's. Ein richtiges und sachverständiges Urteil, was politi-; sehe Dinge und Pferde anlangt, wird ihm nachgerühmt.; In die Zeit Baron Lionel's fielen die großen ungarischen, brasilianischen and chilenischen Anleihen, die nicht nur die Regierungen dieser Staaten, sondern auch andere | mit den Anleihen zusammenhängende Faktoren in geschäftliche Beziehungen zu dem englischen Hause Rothschild brachten. Der Krieg Oesterreichs und Deutschlands gegen Dänemark im Jahre 1864, der Krieg zwischen Oesterreich und Preußen und vorher schon das Revolutionsjahr 1848 mit seinen finanziellen Krisen brachten dem Chef der Londoner Firma vielfache Gelegenheit, seinen politischen lind finanziellen Scharfblick zu bewähren. Mittlerweile hatte Naihaniel, Baron Lionel's ältester >ohn. seine wissenschaftliche Ausbildung für das große Erbe, das er dereinst anzutreten bestimmt war, beendet. Ebenso wie seine übrigen Brüder studierte er am Trinity College in Cambridge. Sir Charles Düke war sehi Studienkollege. Sie hatten Beide den gleichen Hofmeister. „Natty Rothschild und ich," so erzählte Sir Charles Düke gelegentlich, „arbeiteten in diesen Tagen mit außerordentlichem Eifer und waren immer rechtzeitig in den Hörsälen. Er war jedoch entschieden der Begabtere von uns Beiden." Schon am Trinity College regte sich eine große und verständige Vorliebe für, Sport. Die Gastfreundschaft, die er in seinem Londoner Heim und auf seinem Landsitz ausübte, war in ganz Europa berühmt. Größen auf sozialem und politischem Gebiete fanden sich bei ihm zusammen, und mit den ergebnisreichen Debatten, die hier gepflogen wurden und oft von folgenschwerer Bedeutung waren, konnte kein Klub in Pall Mall oder Piccadilly einen Vergleich, aushalten. Bei ihm gesellschaftlichen Zutritt zu erlangen, war keine geringe Auszeichnung, um die sich Viele eitrigst bewarben. Seine Gartenfeste in Gunnersbury waren stets glanzvoll. Politiker, große Parteiführer, Diplomaten aus aller Herren Ländern und wirklich vornehme Fremde waren seine Gäste. Einen erstrangigen Rennstall besaß er in Mentmore. Als im Jahre 1871 Favonius und im Jahre 1879 Sir Bevys die Farben des Rennstalles Rothschild im englischen Derby zum Siege trugen, wurden diese großen sportlichen Ereignissenicht nur vom Rennpublikum in Epsom, sondern auch von allen Sportfreunden mit lebhaftester Genugtuung begrüßt. Denn die Rothschild'schen Siege auf der Rennbahn waren die Resultate sorgfältigsten Trainings und zeichneten sich durch die absolut einwandfreie Art aus, mit der sie gewonnen wurden. Die großen geschäftlichen Erfolge, die er erzielte, und die glänzende gesellschaftliche Stellung, die er einnahm, brachten es mit sich, daß Nathaniel im Jahre 1885 zum Peer ernannt wurde.