Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 8 (24.2.1916)
- Date
- 1916-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. | _*,«*,U1«±± I^A«.rtnnA« Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 | Wojchenblatt für jüdische Interessen. Wien, vi». m. Nickdruck mit voller QueUeaangalw geauttet Redakteur: Jonas Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag Hr. 8. Wien, 24. Februar 1916. 2. Jahrgang. Für unsere erlösten Brüder. Aus Warschau wird gemeldet: Die Beratungen, die der hiesige Delegierte in Berlin gepflogen hat, hatten zum Erfolge, daß der deutsche „Hilfsfonds 1915" eine monatliche Unterstützung von 100.000 Mk. für Polen bewilligte. Davon fallen 50.000 Mk. auf Warschau und 50.000 Mk. auf die polnische Provinz. Wie der Delegierte, Herr Farbstein, berichten konnte, hat der Hilfsverein außerdem eine monatliche Unterstützung von 155.000 Mk. für die jüdischen Kriegsopfer in Litauen und Kurland bestimmt. Davon fallen auf Wilna 50.000 Mk., aut Lida und Bialystok je 30.000 Mk., auf ürodno. Kowno, Suwalki und Lomza je 10.000 Mk., auf die Städte zwischen Kowno und Libau je 5000 Mk. Indem wir diesen Bericht registrieren, können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die österreichisch-ungarische Judenschatt in dieser Beziehung, wie in vielen anderen Hinsichten, von den deutschen Juden sehr viel zu lernen hätte. Als die deutschen Truppen große Teile Polens und Litauens okkupierten, haben sich die deutschen Juden sofort ihrer erlösten Brüder angenommen und eine großangelegte Aktion ins Werk gesetzt, um ihnen materiell und kulturell zu helfen. Vertreter aller großen jüdischen Organisationen im Deutschen Reiche sind wiederholt nach Warschau gefahren, haben das ganze Okkupationsgebiet bereist, um die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen und die notwendige Hilfe zu organisieren, deren Ausdruck in der im obigen Berichte erwähnten Summe als monatlicher Unterstützung zu finden ist. Gleichzeitig mit den deutschen Truppen hat auch die k. u. k. Armee andere Teile Polens besetzt, wo ebenfalls große jüdische \ olksmassen wohnen, die sich in großer Not befinden und dringend Hilfe benötigen. Seitens der österreichisch-ungarischen Judenschaft ist jedoch bisher sehr wenig zugunsten dieser ihrer erlösten Brüder geschehen. Man hörte bisher fast gar nichts davon, daß sich die bedeutenderen jüdischen Organisationen in der Monarchie für die Juden Polens irgendwie intensiver interessiert hätten; nicht nur wurde ihnen keine ausgiebige materielle Hilfe zuteil, sondern auch in geistig-kultureller Beziehung kümmerte man sich wenig um ihre Verhältnisse. Wohl haben es die Juden in Deutschland viel besser und leichter, in dieser Hinsicht eine großangelegte Aktion zu führen. Sie verfügen nicht nur über größere Geldmittel, sondern haben auch nicht für etwa eine Million galizischer und Bukowinaer Juden zu sorgen, für welche seit Kriegsausbruch ganz bedeutende Summen ausgegeben werden mußten. Allein selbst im kleineren Maßstabe wurde verhältnismäßig wenig getan und auch in geistig-kultureller Beziehung, wo die Geldmittel nicht so sehr in Betracht kommen, vermißte man bisher leider eine entsprechende Aktion. Und doch ist gerade diesbezüglich die Arbeit sehr notwendig. Die Juden in denjenigen Teilen Polens, die unter österreichisch-ungarischer Okkupation sich befinden, sind im Allgemeinen viel ärmer und kulturell rückständiger, als ihre Brüder in den anderen Teilen des Landes. Die mangelhaften Verkehrsverhältnisse in diesem Teile Polens haben es mit sich gebracht, daß die dortigen Juden viel weniger mit der Außenwelt in Berührung gekommen sind als diejenigen von Warschau, Lodz, Czenstochau. Kaiisch etc. Das strenge Absperrungssystem, welches die •russische Verwaltung zu üben pflegte und welches das Passieren der russischen Grenze nach Innen und Außen ungeheuer erschwerte, brachte es besonders mit sich, daß die Juden Polens sehr wenig mit ihren österreichischen Brüdern in Verbindung treten und die Verhältnisse in der Monarchie näher kennen lernen konnten. War es doch nur den reicheren jüdischen Kreisen Rußlands möglich, von Zeit zu Zeit eine Reise ins Ausland zu unternehmen und wurde doch andererseits die Reise österreichischer Juden nach Rußland mit allen nur denkbaren Mitteln erschwert. Auch die jüdischen Zeitungen der Monarchie fanden keinen Einlaß nach Rußland und so bildeten die Juden Polens eine Welt für sich, fremd für ihre ausländischen Brüder, die ihnen ebenfalls fremd blieben. Nunmehr, da infolge des siegreichen Vordringens der österreichisch-ungarischen Truppen diu Befreiung dieser Brüder vom Zarenjoche — in welcher Form immer — sicher ist, da nunmehr keine Grenzpfähle den Verkehr zwischen den Juden Polens und denjenigen der Monarchie verhindern, ist es unsere höchste Pflicht, uns diesen Brüdern zu nähern, mit ihnen in Verbindung zu treten, ihre Verhältnisse kennen zu lernen und ihnen die nötige Hilfe und Stutze angedeihen zu lassen. Ganz besonders wichtig ist es, dieselben für den österreichischen Staatsgedanken zu gewinnen u n d s i e f ü r den Eintritt in ein neues, modernes, p o 1 i t i s c h - k u 11 u r e 11 e s Leben vorzubereiten — selbstverständlich, bei völliger Wahrung ihrer Eigenart und bei völliger Schonung ihrer religiösen U e b e r z e ug ii n g e n u n d E tri p f i n d u n g e n. Bisher wurde leider in dieser Hinsicht sehr wenig getan. Frst in den letzten Wochen hat die „Israelitische Allianz zu Wien" ihren Sekretär Herrn Dr. Kaminka dorthin delegiert, der das Okkupationsgebiet bereiste, in mehreren Städten lokale Hilfskomitees ins Leben rief und ihnen entsprechende Geldmittel zur Verfügung stellte. Wir wollen hoffen, daß die leitenden jüdischen Kreise der Monarchie es bei diesem einzelnen Schritte nicht bewenden lassen werden, sondern daß die diesbezügliche Aktion die entsprechende Ausdehnung nehmen werde. Es ist dies ihre Pflicht gegenüber ihren Brüdern, gegenüber dem ganzen Judenttime und auch gegenüber ihrem Vaterlande. Spectator. Verleihung des Adelslandes an den Bürgermeister Dr. Weißeiberger. Der Kaiser hat dem Bürgermeister von Czernowitz Dr. Weißeiberger den Adelsstand verliehen. Die kaiserliche Auszeichnung ist die Anerkennung für die Haltung Dr. Weißeibergers; während der Okkupation von Czernowitz durch die Russen. Dr. v. Weißeiberger hatte sich schon vor dem Kriege große Verdienste um die Stadt Czernowitz erworben. Seiner initiative sind Neuschöpfungen zu verdanken, wie der Ankauf der in den Händen der Finna Siemens & Schuckert sich befindlichen Aktien der Eleki trizitäts- und Straßenbahngesellschaft, die Erweiterung der Straßenpflasterung, der Bau moderner Schulen und Kasernen. In einer für die Stadtgemeinde überaus vorteilhaften Weise hat er eine Achtmillionenanleihe bei der Allgemeinen Verkehrsbank abgeschlossen. Die Einführung der Kartensteuer für die Straßenbahn bringt der Stadt jährlich namhafte Summen, ohne daß dabei irgendwelche Einhebungskosten vorhanden sind. In dem Kampfe zwischen Land und Stadt wegen Verländerung der städtischen Schulen, die abgesehen von dem Verluste der Schulautonomie die städtischen Bewohner mit Umlagen in der Höhe von 400.000 K jährlich belastet hätte, spielte 1 )r. v. Weißelberger eine hervorragende Rolle. Als dem Chef der politischen Verwaltung der Stadt Czernowitz fielen ihm die Mobilisierungsgeschäfte zu. Der Divisionär, Feldmarschalleutnant Schmidt, hat für seine Leistung persönlich den Dank im Namen des a. h. Dienstes ausgedrückt. Die Evakuierung der Stadt hat den Bürgermeister vor schwere Aufgaben gestellt. Die von ihm durchgeführte rasche Schaffung einer verläßlichen Bürgermiliz schützte die Bevölkerung vor Ausschreitungen des Pöbels. Durch Feldtelephon und Aufstellung von Posten wußte er sich über die Bewegungen des Feindes zu orientieren und konnte dadurch die Bevölkerung, die sich in begreiflicher Aufregung befand, informieren und beruhigen. Wohl in keiner Stadt hatten die Russen bei ihrem Einzüge einen so unfreundlichen Empfang zu verzeichen wie in Czernowitz. Der Bürgermeister beschränkte sich darauf, einem russischen Offizier die St.un na.. Ii der Drohung mit einein Bombardement zu .:1k■■ - geben. Als einige Stunden später der Anriet,- kommandant seinen feierlichen Einzug m me Stadt hielt, verblieb der Bürgermeister in seinem Amtszimmer. Der kommandierende General begab sich ins Rathaus, und erst über dessen Aufforderung, den Bürgermeister zu holen, verließ dieser sein Bureau und hielt am Stiegenautgange des Rathauses eine kurze und trockene Ansprache, und zwar in deutscher Sprache, obzwar der Kommandierende gefordert hatte, daß slawisch gesprochen werde. Durch eindringliche Intervention gelang es Dr. v. Weißeiberger, M als Geiseln verhaftete angesehene Bürger der Stadt - unter ihnen höhere Staatsbeamte aus ihrer qualvollen Lage zu befreien und sie vor dem Schicksal, nach Sibirien verschickt zu werden, zu retten. Bekannt ist die Haltung des Bürgermeisters, als in der Folgezeit an ihn seitens des kommandierenden Generals das Verlangen gerichtet wurde, nach eigenem Ermessen eine bedeutende Persönlichkeit als Geisel zu stellen, ein Ansinnen, das er entschieden ablehnte und sich selbst als Geisel zu stellen einwilligte. Zahlreichen von Patrouillen verhafteten Bürgern verschaffte er die Freiheit. Einem österreichischen Landsturmmanne, der sich in einem österreichischen Spitale in Pflege befand, der von dem russischen Stadtkommandanten zum Tode verurteilt wurde, erwirkte er die Begnadigung und derselbe befindet sich noch in Czernowitz. Täglich wurden 4000 Brote unter Arme verteilt, Spitäler und Waisenhäuser mit den nötigen Lebensmitteln versorgt und den zurückgebliebenen Staatsangestellten und Beamtenswitwen angemessene Beträge auf Rechnung ihrer staatlichen Beziige ausgefolgt. Im Lagerhause der Hypothekenbank befanden sich große, dem Militärärar gehörige Quantitäten Getreide im Werte von einer halben Million Kronen; dem Bürgermeister gelang es, diese dem Zugriffe der Russen zu entziehen. Nach der ersten Vertreibung der Russen aus Czernowitz hat das Militärärar alle diese Güter wieder erhalten. Das weitere Schicksal des Bürgermeisters v. Weißeiberger, insbesondere die zweimalige Verschleppung desselben nach Sibirien im Etappenwege, das heißt in (iesellschaft von schwersten Verbrechern und sein Aufenthalt in unzähligen Zuchthäusern Rußlands und Sibiriens ist aus den gelegentlich seiner Heimreise veröffentlichten Mitteilungen allgemein bekannt. Die Auszeichnung, die dem Dr. Weißelberger zuteil wurde, macht nicht nur ihm selbst, sondern auch der ganzen österreichischen Judenschaft große Ehre. Der Minister des Innern Prinz Hohenlohe verständigte I)r. v. Weißeiberger von dem ihm verliehenen Adelstande durch folgendes Telegramm: „ich freue mich außerordentlich. Ihnen mitteilen zu können, daß Se. k. und k. Apostolische Majestät Euer Hochwohlgeboren in besonderer Anerkennung Ihres verdienstvollen patriotischen Verhaltens in Kriegszeiten den Adelsstand zu verleihen geruht haben. Nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche zu dieser überaus ehrenden Allerhöchsten Würdigung Ihrer vorbildlichen Haltung in schwerer Zeit entgegen. Hohenlohe." Das schreckliche Elend der JüdischenFlUchiliTige inRußland. (Auf Grund eines Memorials des Petersburger Jüdischen Hilfskomitees an die russische Regierung.) Seitdem die russische Dampfwalze ihre berühmte „Bewegung nach rückwärts" angetreten hat, seit jenen großen Maitagen, da die Offensive der Zentralmächte die russische Front am Dunajec durchbrochen und die Kosakenhorden des Zaren bis hinter Weichsel und Bug, Strypa und Njemen gejagt hat, gelangten aus dem Zarenreiche herzzerreißende Jammerrufe über das