Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 7 (17.2.1916)
- Date
- 1916-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Jüdische Korrespondenz Seite 3 te der jüdischen Talmudschulen in äußerst inhaitreicnen Ausführungen formvollendet würdigte: schon dem siegreichen Feldherrn Vespasian wurde von Rabbi Johanan ben Sakkai die bitte unterbreitet: „jabne und seine Weisen"" dem judischen Volke zurückzugeben, die Hiegestelle der Wissenschalt, die alte Taimudschule und ihre Uelehrten. Ein würdiges Seitenstück dazu hat uns die preußische Geschichte aufbewahrt, zur Zeit der tieisten Erniedrigung des Landes iragte Friedrich Wilhelm III.: was kann gesenehen, um das preußische Volk wieder aulzurichten? Daraui antwortete Humboldt: „errichte in fierlin eine Universität,- damit der ideale Sinn der Jugend wieder erwache.'" Von solchem (Jeist ist aas jüdische Volk immer erfüllt gewesen. In allen Zeiten und Zonen hat die judische Glaubensgemeinschaft es als ihre heiligste Autgabe angesehen, Schulen zu errichten, dann erblickt sie die Quelle des Judentums. In scitarten Umrissen geht der Festredner die Entwicklungsgeschichte der Tairnudschulen durch, von den ersten Hochschulen in Jerusalem, Tibenas, Uscha, wo das berühmte Synhedrion tagte, bis zu den berühmten Stätten talmudisener Wissenschaft der Jetztzeit, unter denen die russischen und namentlich die in Kowno, die bedeutendsten waren. Kowno, die Stadt, die Fürstin unter ihren Schwestern, ob der Krone ihrer Gelehrsamkeit. Wie ein flammender Schmerz habe es die Gemüter durchzuckt, die für judische Wissenschaft Interesse und Sinn haben, als der Völkerkrieg, der männermordende, auch dem geistigen Leben dieser Tairnudschulen ein Ziel setzte. Bedeutsam bleibt die Tatsache, daß diesmal nicht der Rabbi den Sieger um Jabne und seine Gelehrten bat, nein, daß der Vertreter der siegreichen Macht den Rabbi bat, die verwüsteten Stätten der Wissenschaft wieder aufzurichten und die „alte jüdische Universitär neu zu beleben. Unter Berufung auf die Werke der hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft, die sich mit den verschiedensten Wissenszweigen des Talmud befassen, zeigte der Redner, das der Talmud tatsächlich eine Universitas litterarum in sich birgt. Jurisprudenz und Medizin, Mathematik und Astronomie, Pädagogik und Philosophie, ganz abgesehen von der rein theologischen Wissenschaft, die darin enthalten ist, von der Ethik und Moralphilpsophie. „Und wenn jetzt," so schloß der Redner, „unter deutschem Schutz das Talmudstudium an Heiliger Lehrstätte wieder aufblüht, so wird gewiß von dem alle Zweige der Wissenschaft umfassenden deutschen Geist belebend auf diese Stätten ein Hauch fallen, daß sie auf breitester Grundlage in wissenschaftlicher Vertiefung und doch in demütiger Ehrfurcht vor den Wissensschätzen der Ueberlieferung schaffend, unserem ewigen Gott und seiner heiligen Lehre zu Ruhm und Ehre gereichen." Danach nahm das Wort der deutsche Überbürgermeister Dr. Pusch von Kowno. der größeren Muttergemeinde Wiliampol. Es sei für ihn eine freudige Ueberraschung gewesen, als er von der Wiedereröffnung der Talmudschule vernommen, und darum sei er nur allzu gern zu diesem feierlichen Akt erschienen. Der heutige festliche Vorgang sei ein weiterer Beweis dafür, daß die Deutschen keinen Krieg der Zerstörung, wie die Russen, führen, sondern bemüht sind, entstandene Schäden, besonders kultureller Art, soweit als möglich zu beheben. Besonderen Dank schuldet das Judentum Herrn Abschnittskommandanten Major von Struensee, der sich um die Wiedereröffnung dieser Talmudschule hohe Verdienste erworben habe. Dank auch der deutschen Gesellschaft Agudath Israel, die auf Fürsprache des Herrn Feldrabbiners Dr. Rosenak die Mittel zum Unterhalt der Anstalt bewilligt hat. Die Anstalt zu fördern, sei auch die Absicht der deutschen Regierung, der er darin immer gern folgen werde. Herr Rabbiner Kark-Kowno sprach in bewegten Worten von den Gefühlen der Dankbarkeit, die ihn und alle jüdischen Bewohner Kownos und Wiliampols beherrschten für das, was Herr Feldrabbiner Dr. Rosenak unter hochsinniger Mitwirkung der anderen Herren hier geschaffen hat. Den höchsten Grad der Dankbarkeit können nicht Worte, sondern nur Taten zum Ausdruck bringen, ganz im Sinne der Ausführungen des Herrn Kommandanten und Herrn Oberbürgermeisters von Kowno, wie diese Herren ihre Wünsche ausklingen ließen, Männer der Tat sollen aus dieser Anstalt hervorgehen. In seinem Schlußwort dankte Herr Feldrabbiner Dr. Rosenak nochmals den Vertretern der Regierung für die wohlwollende Gesinnung und bat, die Anstalt auch weiterhin in ihren Schutz zu nehmen. Das erhabene Haupt unserer Regierung, Seine Majestät der deutsche Kaiser, wird seinen starken Arm über sie breiten. Damit forderte er die Versammlung auf, im Gebet voi Gott des Kaisers zu gedenken. Die Judenfrage in Rußland. Der „Progres" (Paris) veröffentlicht eine Reihe von Sonderberichten aus Rußland aus der Feder von Georges Verdene, die sich mit der Judenfrage belassen. In der Nummer vom 4. 2. wird von der russischen Furcht vor der judischen Spionage gesprochen, die in Gaiizien und Polen, auch vor Riga wiederholt getahrheh geworden sei. „Die Armee an der Front ist hettig antisemitisch geworden.-" Man fürchtet nach ihrer Heimkehr blutige Pogroms in Sudrußland wie 19lb, falls die Regierung nicht rechtzeitig strenge Gegenmaßnahmen trnft. Die Juden im Gebiet von Kiew und Krementschug sind voller Angst und überzeugt, daß nichts zu ihrem Schutze geschehen wird. In Charkow dagegen haben sie solche Befürchtungen nicht. Die Juden sind, nach der Meinung eines Großindustriellen in Kiew, alle deutsch gesinnt, wi hrend von jüdischer Seite oft betont wird: Wir wünschen Rußlands Niederlage nicht, aber wir glauben, daß die Regierung uns nicht mehr verfolgen würde, wenn die Deutschen Rußland eine derbe' Lektion erteilen; denn letzteres würde uns für den Wiederaufbau des Landes brauchen. Man wirft uns vor, keine loyalen Untertanen des Zaren zu sein. Das ist richtig. Aber wie könnten wir das sein nach dein, was wir erduldet haben! 300.000 Juden vergießen jetzt im Felde ihr Blut für den Zaren und manche haben das Georgskreuz erhalten. Das wird man vergessen, aber mau wird nicht vergessen, an uns, den russischen Juden, unsern Frauen und Kindern die Haltung der galizischen und polnischen Juden zu rächen. Wir hoffen, daß am Ende des Krieges die Westmächte den Schutz der Minderheiten in Rußland übernehmen werden, da sie im Namen dieses großen Grundsatzes ihr welsches Blut vergießen. Wir hoffen, daß, wie die polnische Frage, so auch die Judenirage nicht mehr eine innefrussische Angelegenheit bilden, sondern von dem Konzert der Machte geordnet werden wird. Es geht in der Tat nicht an, daß Rußland als Bundesgenosse Frankreichs und Englands, die für die Gerechtigkeit und Recht kämpfen, sich zu neuen Bedrückungen und Metzeleien seiner jüdischen Untertanen hinreißen läßt„ohne daß die Verbündeten Einspruch erheben. Einzelne Heißsporne verlangen freilich mehr (?), als Rußland den Juden gewahren kann, wie Gleichheit der politischen Rechte, das Recht auf Grundbesitz, das Niederlassungsrecht in allen Reichsteilen, eine entsprechende Vertretung in den Provinzialräten und in der I )uma, das Stimmrecht, das Koalitionsrecht. Sie lassen außer Acht, daß das russische Volk noch nicht reif genug ist, um die Gleichberechtigung seiner jüdischen Untertanen zu ertragen. (?) „Die Juden bilden eine Elite in unserm Lande", sagte ein Redakteur des „Rußkoje Slowo"; „wir liberalen Russen müssen anerkennen, daß die Juden einen großen Einfluß auf die innere Entwickelung Rußlands und ebenso auf die Festigung seiner auswärtigen Beziehungen ausgeübt haben. Sie sind eine Macht, auf die Rußland sich stützen muß, ohne ihnen jedoch alle Freiheiten geben zu können, die sie verdienen. Wir würden binnen kurzer Zeit von ihnen aufgefressen (?) werden, wenn wir ihnen freie Hand ließen." Aber es wäre doch nur gerecht, ihnen die Erlaubnis zu geben, in ganz Rußland wohnen zu dürfen, ihnen die großen Schulen zu öffnen und ihre Ruhe zu garantieren. Diese Vorstellung von einer Mitarbeit der Juden an der russischen Zukunft herrscht in allen liberalen Kreisen. Praktische Anfänge zeigen sich bereits auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Ein Heim iiir Flüchtling s-Kinder. Aus Prag wird geschrieben: Als der Krieg über das arme polnische Land hinfegte, da sprengte er die letzten Bewohner der kleinen Städtchen und Dörfer, die bis zuletzt in ihrem Heim, bei ihrem Hab und Qut aushalten wollten, in wilder Flucht auseinander. Wenige zu Wagen, den ausgehungerte Roßlein zogen, die meisten zu Fuß, frierend und hungernd flohen sie über Land, ein übel behandeltes Hindernis für die alle Wege überschwemmenden Truppen. „Vorwärts!" hieß es, immer: „Vorwärts!" Wer zu schwach war, oder etwas zu hüten, zu betreuen hatte, mochte zurückbleiben. Da verlor im Drängen und Hasten, den Feind in der Ferse, mancher Qatte die Gattin, der Bruder die Schwester, die Kinder die Eltern. Es kam oft genug, daß Familien so auseinandergerissen wurden, daß Vater und Mutter in russische Gefangenschaft geriet, während die verwaisten Kinder allein sich ins österreichische Hinterland durchschlagen mußten. Alle d e Flüchtlinge, kunterbunt, hat man ja damals glücklich ins Hinterland und viele davon auch nach Prag gebracht. Hier fanden die Großen materielle Unterstützung und I halten sich schlecht und recht durch. Was aber sollten uie Kinder beginnen, die vater- und mutterlosen Waisen m fremden Land? tdle Menschen wußten Rat. Das „Landeshiltskomitec tui Knegstluchtluige", an dessen Spitze Grat Adalbert Sehuuhorn stein, ging aul Vorschlage, die ihm gemacht Jas Meli seither auis Beste bewahrt, aber auch entwickelt iiat und heule beieits eine staatliche Anstalt, ein Paradies tui die dann \oi des Lebens Harle Geborge- Verwali; dieses Heu Kuratoriums brau Ida Freund. Das Heim ist modern Hause Nr. 15 in der K.migsiiotergavse „ zahlreichen Zimmern untergebracht i der Berichterstatter jung schönste Bild von dieser : sicli 1 der l kletuei K-nüga bishei ächtet endlich wichtigen Unternehmung der Kriegsiurvir»«. Das Heim zahlt gegenwärtig 33 Insassen. Es siuü Kinder im schulptiicliügen Alter, aber auch etwas uhue Knaben und Madchen, die liier beisammen wohnenspeisen und arbeiten. Vorsteher des Heims ist Herr Haber, Lehrer an der Baron Hirschschen btittungsschule in der htadt Weinberge. Seine üattm betreut die Magenlrage der Anstalt, er selbst aber sorgt für strengsantte Zucht und Ordnung in dem kleinen behulerstaat. Das verschiedenartigste Material ist hier naturgemäß zusammengekommen. Allzuviel an Schulung und Erziehung konnte im voraus bei diesen armen Kindern Gahziens und Polens nicht erwartet werden, aber es ist doch tiaurig, daL. unter den i eueren Knaben sich Analphabeten beiluden, denen jetzt das Knegsungluck beinahe zum Segen wird, denn sie lernen hier schreiben, rechnen und lesen und zeigen auch, was tur gutes Material für Erziehung dort im Osten verkümmern muß. Die meisten der Kinder gehen in die Schule, einige auch schon aufs Gymnasium und in die Handelsakademie, die Mädchen besuchen zum J eil die Knegsnahstttbe; mussig geht dort niemand, und wenn der große Reinemachtag ist, muß alles eitrig zugreiten, was Besen und Staubtetzeii halten Zu den Mahlzeiten aber versammelt die Kinder ein geräumiger, einlach eingerichteter Speisesaal, dort arbeiten sie auch und können des Abends lesen oder nahen oder mit einem Spiel sich enreuen. Sie haben dort auch einen allerdings noch der Auttullung tahigen Bücherschrank, der ileißig benutzt wird. Zum Schlafen geht es in die tur Knaben und Madchen getrennten Schlafsäle, und es besteht die Möglichkeit, die alteren für ihr Studium mehr stillebedurftigen Insassen in kleinen Zimmerchen allein oder zu zweit und dritt unterzubringen. In jedem Schlatsaal gibt es saubere Vvaschgelegenheiten mit fließendem Wasser und die Anstalt besitzt ein Badezimmer mit vier Badewannen und einigen Brausen, die irohlich benutzt werden. Das ganze Heim ist elektrisch beleuchtet. Line sehr nützliche Ausgestaltung wird das Heim in kurzem durch die Einrichtung eines Kranken- Isoherungszimmer erfahren: es wird die Vorsicht beiriedigen, wenn auch bei den prachtig gedeihenden Kindern derzeit an die Benutzung nicht gedacht werden Wer die Kinder gesehen hat, die hier, aus der trotz allem lieben Heimat vertrieben, im Ungewissen über das Schicksal ihrer Angehörigen, ein stilles, sicheres Heim, Schutz und Erziehung gefunden haben, wird mitempfinden können, welche glückliche Befriedigung die erfüllen darf, die eine solche Schöpfung echter Menschenliebe verwirklicht haben. Aus Palästina. Aus Jerusalem wird geschrieben: Dank der tatkräftigen Initiative von Frl. Therese Dreyfus aus Frankfurt, die angesichts des ihr zu Herzen gehenden Notstandes ihre Stellung als Lehrerin in Petach-Tikwa aufgab, um sich mit Hilfe der Deutsch-holländischen Palästinaverwaltung ganz dem Rettungswerk zu widmen, ist jetzt in Jerusalem der Grundstein zu einer Versorgung eines Teiles der Allerärmsten für den Tag gelegt. Fräulein Dreyfus hat in drei verschiedenen Stadtteilen (Deutscher Platz, Meo Scheonm, Machne Jehuda) Kuchen errichtet. Das Grundprinzip hierbei ist, daß man durch Massenspcisung aur billigste Weise einer großen Anzahl gesunde Nahrung bieten kann. Die tagliche Zahl der ausgeteilten Portionen in diesen drei Kucik m belauft sich bisher auf 3200. Die Goams betragen monatlich ca. 0000 Frs. - Die t sung findet fünfmal wöchentlich (mit Ausnamne von Freitag und Sabbat) statt, soda!.'. bei 21 1 <>~ gen im Monat 67.200 Portionen zur Verieimn* kommen. Allerdings sind in letzter Zeit die?>pcsen durch Erhöhung des Brotpreises etwas gestiegen. Doch macht sich dies erst allmählich bemerkbar, da wir ziemlich grüße Voirate an verschiedenem Material haben. Die Gerichte bestehen aus Linse»-, Weizengraupcn- und Erbsensuppen. Das Durchschnittsmaß ist etwa:', mehr als 1 + Liter. Hiti/u erhalten Erwachsene ca 2^0 g Brot, Kinder weniger. Um die äußeren Spesen möglichst zu verringern, wird das Essen