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Jüdische Korrespondenz · 1916-02-17 · 7 (17.2.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
7 (17.2.1916)
Date
1916-02-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 7. Ohne auf die Einzelheiten dieser Schilderung zunächst näher eingehen zu wollen, muß jedoch gesagt werden, daß die Einschaltung derselben in die Rahmen dieser Denkschrift schon ein taktisch verfehlter Schritt sei, abgesehen davon, daß diese Schilderung eine höchst einseitige, von einem engherzigen Parteistandpunkte ausgehende ist und infolgedessen jeder Objektivität entbehrt. Wenn von der Lage der Juden in Rußland die Rede ist, so handelt es sich um die primitivsten Menschenrechte, über welche es nirgends zwei Meinungen geben kann. In Bezug auf die Lage der Juden in Oesterreich werden in dieser Denkschrift vornehmlich Momente berührt, die im jüdischen Lager selbst kontrovers sind, und Zustände, für welche die maßgebenden Kreise gar nicht verantwortlich gemacht werden können. Mögen auch die Zionisten und Poale-Zionisten mit der größten Vehemenz die Forderung nach einer Anerkennung der Juden als besondere Nation vertreten, so muß doch gesagt werden, daß es unter der österreichischen Judenschatt Kreise gibt, die anderer Meinung sind und einen anderen Standpunkt vertreten. Die österreichische Regierung ist dazu gar nicht berufen, in dieser, im jüdischen Lager selbst strittigen Frage, eine Entscheidung zu treffen. Sie erfüllt ihre Pflicht, indem sie die Juden als gleichberechtigte Bürger behandelt und ihnen alle Wohltaten der Oleichberechtigung zuteil werden läßt. Die Frage: Nationalismus oder Assimilation, Orthodoxie oder Fortschritt, müssen zunächst im jüdischen Lager selbst ausgetragen werden; es geht deswegen nicht an, die Lage der Juden in Oesterreich in einem Zusammenhange mit derjenigen ihrer Brüder in Rußland zu bringen. Der Effekt eines solchen Schrittes kann — ohne daß dies irgendwie in der Absicht der Autoren der Denkschrift gelegen ist — nur eine Abschwächung des Eindruckes sein, den die Schilderung der Lage der russischen Juden hervorrufen muß. Wenn auch das Schicksal der Juden in dem konstitutionellen Oesterreich derart ungünstig geschildert wird, so muß auch die Lage ihrer Brüder in Rußland in einem anderen Lichte erscheinen. Die russischen Machthaber dürften es sich schwerlich entgehen lassen, mit diesem Argumente zu operieren, wenn es ihnen in den Kram passen sollte, eine Besserung der Lage der Juden im Zarenreiche weiter hintanzuhalten. Schließlich muß auch gesagt werden, daß die in der Denkschrift geschilderten jüdischen Verhältnisse in Oesterreich mit dem Kriege wenig zu tun haben und eigentlich nicht in den Rahmen einer Schrift unter dein Titel „Die Juden im Kriege" hineinpassen. Wenn in dieser Schilderung von der Behandlung der jüdischen Kriegsflüchtlinge die Rede ist. so entspricht dieselbe absolut nicht den Tatsachen. In der Flüchtlingsfürsorge hat die österreichische Regierung geradezu Hervorragendes geleistet, sie hat nicht nur für die materiellen Bedürfnisse, sondern auch für die religiösen und geistigen Anforderungen der jüdischen Flüchtlinge im weitgehendsten Maße gesorgt und diese sind voll Anerkennung für die ihnen zuteil gewordene Fürsorge, so, daß die diesbezüglichen Vorwürfe ganz unbegründet sind und auf falscher Grundlage beruhen. Auch in anderer Beziehung steht die erwähnte Schilderung allzu oft mit der Wahrheit auf Kriegsfuß. Die Juden erfreuen Feuilleton. Gesänge der russischen Juden. Der Krieg hat das Interesse am Volkstümlichen, an den primitiven Lebensäußerungen einer Rasse wieder einmal im erhöhten Maße wachgerufen. Alte Lieder, bezeichnend tiir die Art und Weise, wie ein Volk auf eine Epoche ie.wert, wurden der Vergessenheit entrissen, zu Vergleichen herangezogen und neu ausgedeutet. Diesen verdienstvollen Versuchen reiht sich ein Werk an, das im Lal.teilen hegritten ist und Aufmerksamkeit verdient. Ks ist eine Sammlung von jüdischen Volksliedern, die der Bostoner Musiksehrittsteller Henry L. Gideon im Vereine mit seiner Frau Constance Ramsay Gideon und Mrs. Mary Austin in Angriff genommen hat. Henry L. Gideon, der ein gründlicher Kenner des jüdischen Volksgesanges ist und als Autorität auf diesem Gebiete gilt, legt in der Zeitschrift Musical America seine Gedanken über das jüdische Volkslied nieder. Er definiert zunächst den Begriff des jüdischen Volksliedes. Die Juden als Volk betrachtet, haben kein Volkslied. Sie könne« natürlich keines haben. Denn der Jude in Deutschland ist längs! Deutscher geworden, in England wurde er Engländer, in Amerika wandelte er sich vollständig zum Amerikaner um. Sie haben daher auch die Lieder des betreffenden Landes, das ihnen zur Heimat wurde, adoptiert. Die einzigen wirklichen jüdischen Volkslieder sind »rar bei 4ea russischen Juden anzutreffen, die von der SVelt abgeschlossen leben, und ganz auf sich selbst sich in Oesterreich-Ungarn der vollsten Gleichberechtigung, es stehen ihnen im gewissen Maße alle Aemter und Berufe offen, sie sind auch im Lehrerstande sowie in gewissen Beamten- Kategorien ziemlich stark vertreten; es gibt in Oesterreich selbst jüdische- Universitäts- Dekanc und Rektoren sowie höhere Offiziere und alle diesbezüglichen Vorwürfe sind Uebertreibungen. Oewisse Erscheinungen bei Wahlkämpfen gehören in einem Nationalitätenstaat, wie Oesterreich, nicht zu den Seltenheiten. Sie betreffen alle Völker und werden nirgends allzu tragisch genommen. Ob in gewissen Wahlkreisen ein gewisser Kandidat durchdringt oder durchfällt, mag für ihn und für seine engeren Parteigenossen eine sehr wichtige Sache sein, die Allgemeinheit läßt sich dadurch keine grauen Haare wachsen. Zur Steuer der Wahrheit muß noch konstatiert werden, daß speziell die Juden üaliziens in Angelegenheit der Sonntagsruhe gewisse Konzessionen erhielten, und zwar dürfen die am Sabbat feiernden jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden an Sonntagen ihrem Berufe nachgehen. Es wurde auch im Interesse der speziellen Verhältnisse unter der jüdischen Handelswelt in üalizien von der Einführung des Befähigungsnachweises im Handel in diesem Lande Umgang genommen. In Angelegenheit der Rabbinerirage wurden den orthodoxen V o I k s m a s s e n weitgehende Konzessionci gemacht, welche freilich den jüdischen Nationalisten nicht ganz in den Kram passen, aber ebensowenig könnten vielleicht andere den Nationalisten gewährten Konzessionen den Beifall der Orthodoxen finden. Die innerjüdischen Fragen müssen zunächst im eigenen jüdischen Lager bereinigt werden, bevor diesbezüglich mit bestimmten Anforderungen an die Regierung herangetreten werde. Entspricht also die Schilderung der jüdischen Lage in Oesterreich nicht den Tatsachen, so ist, wie schon gesagt, die Einreihung derselben in die erwähnte Denkschrift im Zusammenhange mit der Schilderung der Judenlage in Rußland jedenfalls ein verfehlter taktischer Schritt, der dem Verantwortlichkeitsgefühle der Autoren keine große Ehre macht. Die Lage der Juden in Rußland ist eine derart schreckliche, daß alles unterlassen werden muß, was die Aussichten auf eine Besserung derselben vermindern könnte. Ohne den Autoren der Denkschrift irgendwelche schlechten Absichten zu imputieren, kann ihnen der Vorwurf, daß sie vom engherzigen Parteistandpunkte ausgehend, der Sache, der sie einen Dienst erweisen wollten, unter Umständen schaden könnten, nicht erspart werden. Dr. Ii. S. Die Wiedereröffnung der Talmudschule in Wiliampol (Sloboika) wurde am 31. v. M. mit einer eindrucksvollen Feier vollzogen. Das schlichte Haus in der Gläser Straße wurde Zeuge eines Vorganges, der nicht nur für die jüdische Bevölkerung der von den deutschen Truppen besetzten Gebiete Rußlands, sondern für die Juden der ganzen Erde von Bedeutung ist; galt doch die Talmud-Schule Kownos als die Stätte, von der ein starkes Licht talmudischer Weisheit über das ganze Judentum ausstrahlte. angewiesen, die schlichten Motive, die ihr einförmiges und dürftiges Leben ihnen1 zu bieten imstande ist, in Liedern besingen, die wieder nur unter ihnen selbst verbreitet sind. Trotz des kümmerlichen Daseins, das die Juden in Rußland führen, sind ihre Lieder zum großen Teil heiter und optimistich. Das erzieherische Moment tritt in ihnen sehr stark betont hervor. Fast allen diesen Wiegenliedern liegt die Hoffnung zugrunde, daß das Kind lerneifrig und fromm sein wird. Mandeln und Trauben, danach steht des lieben kleinen Sohnes heißes Begehren. Was aber ist besser als Mandeln und Trauben? Die Thora. Gottes heiliges Wort, das ist das beste Gut auf Erden. „Der Knabe wird daher eifrig die Thora studieren, ein großer Gelehrter werden und immer ein frommer Jude sein. Handelt es sich um ein Mädchen, dann lauten die Lieder natürlich anders. Geh' schlafen, mein kleines Vögelein, schließ deine süßen Aeugelein! Du mußt wachsen und eine Dame werden. Deine Kleider müssen aus dem feinsten Stoff gemacht sein. Und du mußt ein Kind gebären, genau so klein und lieb wie du selbst." Ist der Knabe vier oder fünf Jahre alt geworden, so wird er in den ,.Cheder" geschickt, in die jüdische Schule, wo er Hebräisch lernt und in das Studium der Thora eingeführt wird. Darauf wird er natürlich von den Liedern der Mutter vorbereitet. „Das kleine Zimmer ist schon warm, die Luft ist still. Der Lehrer sitzt vor den Schülern und bringt ihnen das Abc bei. Komm, Söhnchen, merke gut auf! Lerne deine Aufgaben gut! Ich will dem Knaben, der am besten Hebräisch lesen kann, ein schönes Spielzeug schenken, Komm nur und höre! Abc, abc!" Die Mädchen kommen nicht in den Cheder. Zu der Feier hatte sich eine stattliche Anzahl von geladenen Gästen eingefunden, unter ihnen eine Reihe höherer Offiziere. Den Abschnitt 4, in welchem die Stadtgemeinde Wiliampol gelegen ist, vertrat der Ortskommandant, Major von Struensee mit einem Gefolge von Militärs. Die Stadt Kowno hatte ihren deutschen Oberbürgermeister Dr. Pusch und Herrn Bürgermeister Dr. Hartmann entsandt. Die im Abschnitt 10 stehenden Truppenteile vertraten die Herren Oberst Stadie, Hauptmann Schmidt, Hauptmann Heyßen. Als jüdischer Feldgeistlicher war Herr Feldrabbiner Dr. Rosenak anwesend. Nachdem Herr Rabbiner Jablonski, Wiliampol, den Psalm 11 gebetet, ergriff Herr Major von Struensee das Wort zu einer markigen Ansprache, die ersichtlich tiefen Eindruck machte: „Mit Donnerschlägen kündigten im Augusr v. Js. die deutschen 42-cm Kanonen den Einzug der Deutschen an. Am 18. September wurden die Russen über Memel und Wilia geworfen und Kowno genommen. Der Zar, der heimtückische Anstifter des Krieges, erhielt dadurch einen Denkzettel, indem ihm ein Teil seiner Lande entrissen wurde. Seitdem hat die militärische Verwaltung sich bemüht, der Bevölkerung über die Schrecken des Krieges hinwegzuhelfen, sie zu beschirmen und zu beschützen, Handel und Verkehr zu heben und nicht zuletzt der Bevölkerung die heißerstrebte Bildung in den notwendigen Grenzen zuteil werden zu lassen. Es muß als eine Schicksalstücke angesehen werden, daß der Zar dieses Landes der Bevölkerung die notwendige Bildung versagte, und daß der Eroberer dieser die notwendige Bildung zukommen läßt. So war es in Warschau bei der polnischen Universität, so ist es auch hier bei dieser Schule. Sehen Sie ein besonderes Vertrauen darin, daß Ihnen die deutsche Regierung erlaubt, ungehindert die berühmte und jahrelang benutzte Schule wieder in Gang zu bringen. Wie ganz anders war es in Rußland, wo noch im Spätherbst des Jahres 1915 der Minister Sasonow, anstatt alle Kräfte des Volkes zusammenzufassen, Ihren Glaubensgenossen nur versprechen konnte, daß sie sich in größeren Städten würden ansiedeln dürfen und andere Freiheiten erst nach dem Kriege gewährt werden könnten. Ich übergebe Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, hiermit das Gebäude, nachdem es für militärische Zwecke nicht mehr notwendig ist, damit Sie es der alten Bestimmung wieder zuführen. Bilden Sie die jungen Schüler aus, daß sie starke Kämpfer ihres Glaubens werden, treue Diener des Staates, die das Vaterland über alles schätzen und die zur Verteidigung des Vaterlandes die Waffen ergreifen und freudig ihr Leben einsetzen, endlich zu Bürgern, die in Ausübung der Bürgertugenden allen voranstehen. Hieran knüpfe ich nochmals an, weil seitens jenes russischen Ministers Sasonow es als eine Kunst der Regierung angesehen ist, Zwietracht zwischen Juden und Polen zu säen. Die hohen Ziele sollen zur besonderen Duldung und Demut gegen die Mitmenschen führen. Ich übergebe Ihnen die Schule, möge sie blühen und gedeihen in fernster Zeit." Darauf 'sprach Herr Rabbiner Jablonski, Wiliampol, herzliche Worte der Begrüßung und des Dankes an die Gäste und nach ihm nahm das Wort Herr Feldrabbiner Dr. Rosenak zu einer Festrede, die die Bedeutung und Geschich- Daher bewegen sich auch die Lieder in einer anderen Tonart. Ihre künftigen Verpflichtungen im Rahmen der Häuslichkeit werden besungen. Eine große Rolle spielt der Bräutigam in den naiven Versen: „Mutter, finde mir einen Mann! Dazu hast du noch sehr lange Zeit, mein Töchterchen!" Diesen Vorstellungen entspricht es, wenn ein anderes Lied sagt, daß „es besser ist, einen armen, aber guten und fleißigen Mann zu heiraten, als einen reichen Nichtsnutz!" Die ausgesprochen humoristischen Lieder sind in der Minderzahl. Sie haben die zahlreichen, in Umlauf befindlichen Rabbineranekdoten zum Gegenstande. Besonderes Interesse verdienen die Soldatenlieder. Sie handeln von dem traurigen Los des jüdischen Soldaten in der russischen Armee. Er muß ins Feld ziehen für ein Volk und für ein Land, das ihn verachtet. Er darf sich nicht nach der Art der Väter für Zion und den Gott Zions schlagen, sondern muß die geheiligten Tra^ ditionen verletzen und ein Leben führen, das im Widerspruche zu seiner Religion steht. Und wenn er dann nach den drei Dienstiahret) zu seinem Volke zurück, kehrt, bedarf es Zeit, bis er wieder der fromme und rechtschaffene Jude wird, der er ehedem war. Das Soldatenleben spielt daher auch in den Liedern, wie sie von den Frauen gesungen werden, eine große Rolle. Anklänge an deutsche Volkslieder sind nicht selten. So findet sich das bekannte „Kommt ein Vöglein geflogen . . ." auch in den jüdischen Liedern. Dort singt eine Soldatenbraut: „Ich stehe am Fenster und ein Vöglein fliegt auf mich zu. Was bringt es mir? E nen Brief von meinem Liebsten."

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