Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 7 (17.2.1916)
- Date
- 1916-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jtldisdve Korrespondenz. Nr. 7. zum allergrößten Teile nicht bei der Küche verzehrt, sondern teils von Familien, teils von den Schulen abgeholt. f:s ist selbstverständlich, daß die Austeilung ohne jede Rücksicht auf Partei- Stellung, vielmehr lediglich nach der Bedürftigkeit geschieht. So erhalten folgende Schulanstalten aus unseren Küchen Essen; die Talrnud-Thora-Aiistalten der Aschkenasim (Ez Chairn Meo Scheorini, Chaje Aulom), die Talmudl'hora der sephardischen Gemeinde, die 7. 7. der Jemenitengemeinde, die sefardische Doresch-Zion Schule, die Aschkenasische Jeschiwas Zion, die Knaben- und Mädchenschule der Alliance fsraelite, die Zionistische Knaben- und Mädchenschule mit Kindergarten, die S|)itzenschule und die Handarbeitsschule. Es dürften aus all diesen Anstalten ein I "rittel bis zur Hälfte gespeist werden. Nicht aus unseren Küchen erhalten Essen die Schulen des Hilfsvereins, da dieser eigene Küche (mit ca. 1100 Tagesportionen) hat und die Rothschild'sche Mädchenschule, welche bis jetzt eine eigene Küche für arme Schülerinnen besaß. Da aber die Küche voraussichtlich geschlossen wird, so soll bei der in Aussicht stehenden Vergrößerung unserer Küchen diese Schule wie die anderen bedacht werden. Ein sehr glücklicher Gedanke der deutschholl. Palästina-Verwaltung war die Gründung von Küchen zum Kostenpreis. Wir haben ja eine in der Innen- und Außenstadt eingerichtet. Insgesamt werden täglich ca. 700 Portionen zum Preise von 5' , Ets. verabreicht. Hierdurch wird es bedürftigen Earuilien ermöglicht, gegen Bezahlung billig kräftiges Essen zu erhalten. Brot wird dort nicht verabreicht. Man kann je drei verschiedene Suppen, zwei verschiedene Fleischspeisen oder Gemüse erhalten. Diese Küchen geben auch am Freitag und Sabbat Gerichte. Außer unseren Küchen existieren hier noch 2 Suppenktichen des Hilfsvereins, welche, wie erwähnt, ca. 1100 Portionen täglich geben, sodann die Nathan StrauB'sche Küche mit ca. 600 Tagesportionen, ferner Kostenpreisküehen des Hilfsvereins, und vorübergehend verteilt die Küche eines amerikanischen Komitees zu Sabbat 2 bis 300 Portionen. Ebenfalls nur für Sabbat ist die seit Jahrzehnten bestehende sefardische Küche für ca. 200 Portionen. Das Berliner Küchenkomitee befaßt sich nicht mit der Armenspeisung für Jerusalem. Nach obiger Aufstellung kann man also rechnen, daß z. Z. an den Wochentagen ca. 5000 Arme unentgeltlich Mittagessen erhalten. So imponierend die Ziffern auch sind, so unzureichend sind sie leider. Bei der heutigen Lage kann man wohl rechnen, daß mindestens 10.00t» Menschen darauf angewiesen sind, verköstigt zu werden. Diese Erwägung und die Furcht, daß die Deutsch-holländische Verwaltung allein nicht imstande sein werde, die bedeutenden Mittel auch nur für das bisherige Hilfswerk auf die Dauer zur Verfügung zu stellen, veranlagten Fräulein Dreyfus vor etwa 5 Monaten nach Amerika zu reisen, um dort Hilfe zu suchen. Sie erreichte auch, daß ihr das amerikanischjüdische Komitee eine Monatssubvention von 7500 Frs. zusagte, von der die erste Rate allerdings bisher noch nicht völlig eingetroffen ist. Doch interessiert sich der amerikanische Konsul jetzt lebhaft für das Werk, das dauernd auf die kräftige Mithilfe Amerikas und Deutschlands, dem ja der Ruhm der Initiative gebührt, angewiesen ist. Streiflichter. Die jüdischen Kriegsflüchtlinge in Rußland. Aus Kopenhagen schreibt man uns: Die in Moskau erscheinende Zeitschrift „Jewreiskaja Nedelja" verniiemlicht erschütternde Einzelheiten von den Leiden der jüdischen Kriegsflüchtlinge, die von der russischen Reale« uns gewaltsam aus den Gebieten entfernt wurden, -.he nun von den siegreichen deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen besetzt sind. Die Zahl dieser Flüchtlinge betragt etwa 300.000. Ihre materielle Lage ist mehr als trostlos, da sie nur aui die private Untcrstin/Kng angewiesen sind und die jüdischen Gemeinden u: Rußland nicht so reich sind, um die Kosten zu bestreiten. Wenn man rechnet, daß die Flüchtlinge bloß 20 Kopeken pro Person täglich erhalten, so benötigt man lnezu tm Tageskapital von mehr als 100.000 Rubel oder jährlich ,!(> bis 37 Millionen Rubel! Und woher diese Riesensuinme nehmen? Gewiß haben diese Evakuierten und Flüchtlinge wie die andere Bevölkerung die durch den Krieg gelitten hat, Anspruch auf die staatliche Unterstützung, aber bei der besonderen Lage der Juden in Rußland ist es schwer anzunehmen, daß die reaktionäre russische Regierung eine größere Aktion unternehmen wird, um diesen Bedauernsw erten unter die Arme zu greifen. Ein Mitarbeiter der „Jewreiskaja Nedelja" schildert ergreifend die Ankunft solch eines Transportes jüdischer Flüchtlinge in einer kleinen südrussischen Stadt. Schmutzig, in zerietzte abgerissene Kleider gehüllt, drängen sie sich auf den dunklen Hot der alten Synagoge. Die Armen stehen dicht einer neben^dem anderen, ais ob sie fürchteten, daß^man tsic wieder auseinanderjagen würde. Der Mitarbeiter schaute in das Frauenabteil der Synagoge hinein, wo das Nachtlager für die Flüchtlinge hergerichtet war. trotz der späten Stunde schlief niemand. Müde von der langen Reise in Viehwaggons,,zermürbt von den seelischen Leiden, saßen die Evakuierten, hauptsächlich Frauen und Kinder, auf den Strohsäcken und Bänken und sahen düster vor sich hin. Eine junge Frau die von vielen Kindern umringt war, schluchzte laut auf. Man erzählte mir, berichtet der Journalist, daß sie aus Sloboika sei. Sie hatte eine große Fieischhauerei. Ihr Mann fuhr in die Dörfer und kaufte bei den Bauern Vieh ein. Er hatte einen Kompagnon und die Leute lebten gut. Eine Stunde vor der Abreise der Familie des Kompagnons starb plötzlich s;ine Frau. Der Mann erschrak darüber so sehr, daß er das einzige Kind ergrifi und das Haus verließ und seit d.-r Zeit ist er spurlos verschwunden. Ais die Nachbarn hievon ertuhren eilten sie zu Hilfe. Aber die Leute hatten wenig Zeil, denn Großfürst Nikolai Nikolajevitsch hatte den isciehl erteilt, daß die jüdische Bevölkerung bis zu einer bestimmten Munde die Stadt verlassen müsse, und wer nach dem festgesetzten Termin noch angetroffen würde, sollte schonungslos niedergeknallt werden. So mußten die Leute tort und die russische Polizei gestattete nicht einmal, die Leiche der Frau zu beerdigen. Die christlichen Parteien des Hauses haben dann die Tote zur ewigen Ruhe auf den jüdischen Friedhof gebracht. Was mit dem plötzlich zum Witwer gewordenen Manne geschehen ist, konnte nicht testgestellt werden und deshalb grämt sich die Frau so sehr. Da die meisten der Evakuierten Frauen und Kinder waren, fragte der Korrespondent, wo denn die Männer wären, und erhielt die Antwort, die russische Regierung verwende die Männer zwangsweise zu militärischen Zwecken. Mit uns fuhr im Viehwaggon, erzählte eine junge, abgehärmte Frau, ein Soldat, welcher von der Front kam. Er war verwundet und durfte auf kurze Zeit auf Urlaub gehen. Doch als er in seinein Städtchen eintrat, da wurden gerade auf Befehl der russischen Regierung alle Juden aus dem Orte, der in der Etappe lag ausgewiesen und er fand seine Frau in Tranen vor; sie saß auf ihren gepackten Koffern zur Abreise bereit. Obwohl der Mann, der für Tapferkeit mit dem üeorgskreuze ausgezeichnet war, bei der Behörde bat, seine Familie nicht auszuweisen, wurden seine Angehörigen mit Gendarmen zur Bahn gebracht und mußten fort und „ausnahmsweise" gestattete man dem Manne seine Familie zu begleiten . . . Eine andere Frau erzählte mir, sagt weiter der Korrespondent, iolgenden Fall: Im Gouvernement Foltawa sollte in einer Stadt eine Partie Flüchtlinge eintreffen. Ais die jüdische Bevölkerung dies erfuhr, wurden sofort die notwendigen Vorbereitungen zur Aufnahme der Flüchtlinge getroffen. Die „Prawoslawnyje" (echten Russen), welche von den monarchistischen Organisationen aufgereizt wurden, drohten darauf mit einem Pogrom und sagten: „Wir brauchen keine Verräter". Als der Ortsrabbiner dies erfuhr, weigerte er sich, die von der Semstwoverwaltung angebotene Unterstützung im Betrage von 2000 Rubel für die Flüchtlinge anzunehmen und erklärte: „Wenn die christliche Bevölkerung uns für Verräter hält, so brauchen wir vom Semstwo keine Unterstützung". Da verkündete der Vorsitzende des Semstwo und der Isprawnik (Polizeichef) öffentlich, daß die Juden keine Verräter seien, sondern aus militärischen Gründen evakuiert würden und trafen Maßregeln, sodaß der Pogrom unterblieb. Dann erst nahm der Rabbiner die staatliche Unterstützung an. Braucht man diesen Fällen noch einen Kommentar hinzuzufügen? Werfen sie nicht ein grelles Licht auf die russische Regierung? Aber das Unglaublichste ist, daß ein solcher Artikel in einem russischen Blatte erscheinen konnte, daß die Zensur ihn stillschweigend durchließ und daß das Blatt, das diese furchtbare Anklage gegen die russische Regierung wagte, nicht bestraft wurde . . . Die Woche. Ein Pogrom in Minsk. Finem Haager Telegramm des „Berliner Tageblatt" zufolge erhob das Judenunterstützungskomitee in Petersburg beim Gouverneur von Minsk eine Beschwerde wegen eines Pogroms, der vier Tage gedauert hatte. Die Juden wurden innerhalb von zwei bis drei Stunden aus ihren Wohnungen gewiesen, ohne daß für ihre Habe irgendwelche Vorsorge getroffen worden wäre. Die verlassenen Stätten wurden von Soldaten in kürzt r Zeit in einen Trümmerhaufen verwandelt. Chronik. Eine Aktion der Lemberger jüdischen Kultusgemeinde. Das Hilfskomitee für die jüdische Bevölkerung Oaliziens wendete sich an das Ministerium des Aeußern mit einem Gesuch, dem wir folgendes entnehmen: Vor Einzug unserer Truppen nach Lemberg wurde von den Russen als Geisel aucli Dr. Jakob Diamand mitgenommen, der verdienstvolle Vizepräsident der jüdischen Kultusgemeinde Lemberg und einer der Gründer und Präsident des jüdischen Hilfskomitees für Galizien. Zur Zeit der Invasou hat Dr. Diamand unter den schwersten Verhältnissen seine Pilicht als treuer Oesterreicher erfüllt. Das jüdische Hilfskomitee bittet das Ministerium des Aeußern dafür einzutreten, daß Dr. Jakob Diamand im Wege des Austausches seiner Vaterstadt, seiner Gemeinde wiedergegeben werde. Gezeichnet ist das Gesuch vom Obmann kais. Rat Jakob Stroh und dem -Generalsekretär Rubenzahl. Die Ausweisung von S. Dubnow. Dem bekannten jüdischen Historiker S. M. Dubnow, der seit zehn Jahren in Petersburg wohnte, wurde das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons entzogen. S. Dubnow, der ais Redakteur der in Petersburg erscheinenden Vierteljahrsschrift der jüdischen Historisch- Ethr.ographischen Gesellschaft, als Dozent der von Baron David Ginzburg gegründeten Petersburger Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und als Bibliothekbenutzer und Archivforscher ganz außerordentlich auf einen Aufenthalt in Petersburg angewiesen ist, mußte die russische Hauptstadt verlassen. Ein jüdischer Oberrichter in New-York. Wie dem „Berliner Tageblatt" mitgeteilt wird, hat in Newyork die Ernennung des Anwaltes Louis Brandeis als Mitglied des Obersten Gerichtshofes großes Aufsehen hervorgerufen, da Brandeis bei verschiedenen Prozess3ti gegen Bahngesellschaften eine hervorragende Rolle gespielt hat. Louis Brandeis ist ein bekannter demokratischer Politiker und seit einigen Jahren auch im jüdischen Leben Amerikas besonders hervorgetreten. Jüdischer Büchermangel in Rußland. Da das jüdische Bücherverlagswesen in Rußland hauptsächlich in Warschau und Wilna konzentriert war, macht sich jetzt in den jüdischen Städten Rußlands ein großer Mangel an Bibeln, Lehr- und Gebetbüchern fühlbar. Sogar ein Kalender ist jetzt nicht leicht zu bekommen. Diese traurige Erscheinung trifft besonders die jüd.schen Flüchtlinge schwer, die in aller Eile ihre Heimat verlassen mußten, ohne das Nötigste mitnehmen zu können, und die sich in Städten niedergelassen haben, welche bis dahin häufig völlig „judenfrei" waren. Da die Einrichtung von neuen jüdischen Typographien jetzt in Rußland mit Schwierigkeiten verbunden und bei der gegenwärtigen Teuerung große Summen beansprucht, wird vorgeschlagen, daß die jüdische Kriegshilisorganisation auch das, Bücherwesen in ihr Arbeitsgebiet einbeziehen soll. Vier jüdische Professoren an der Konstantinopler Universität. Einer Mitteilung der „L'Aurore" (Konstantinopel) zuiolge wurde Dr. Leo Schümann als Professor für öffentliches Recht an die Universität in Konstantinopel berufen. An dieser Hochschule lehren nunmehr vier jüdische Professoren; die übrigen sind: Moses Ventura (iür römisches Recht und vergleichende Rechtswissenschaft); Abraham Galante (Grammatik der semitischen Sprachen); Moses Cohen (Finanzw issenschaft). Uas Judentum als wissenschaftliches Problem. Im Januarheft des „Neuen Merkur" nimmt der Jenenser Theologe Professor Dr. Willy Staerk in einem „Das Judentum als wissenschaftliches Problem" betitelten Aufsatz Stellung zu der Frage der Eingliederung der jüd sehen Wissenschaft unter die übrigen an unseren Hochschulen durch selbständige Lehrstühle vertretenen philologischen und historischen Disziplinen. Diese Frage ist in jüngster Zeit insofern in ein neues Stadium getreten, als eine Anzahl von Männern in akademischen Aemtern mitten in der Unruhe des Weltkrieges dem preußischen Kultusminister die Bitte vorgetragen hat, demnächst einen Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft an einer philosophischen Fakultät zu begründen; bei dieser Gelegenheit wurde auf Frankfurt als den geeignetsten Ort für diese Neugründung hingewiesen. Umso dankenswerter erscheint es, wenn nun von berufener Seite einem weiteren Leserkreise in klarer und übersichtlicher Darstellung das Material zugänglich gemacht wird, das erforderlich ist, um sich in der Frage der Anerkennung der jüdischen Wissenschaft als selbständiges Lehr- und Forschungsgebiet ein begründetes Urteil bilden zu können. Diesem Zwecke dient neben einem Hinweis auf das bisher von einzelnen christlichen und jüdischen Gelehrten Geleistete die Darstellung der mannigfachen Aufgaben, deren Lösung nicht durch Einzelarbeit in der bisherigen Art, sondern nur von einer iesten wissenschaftlichen Organisation zu erhoffen ist. Die Probleme und Aufgaben der Wissenschaft vom Judentum liegen auf drei Hauptgebieten der gelehrten Arbeit: aui sprachlichliterarischem, auf kulturhistorischem und religionsgeschlchtlichem. Professor Staerk weist auf den Umfang des aufzuarbeitenden Materials hin, sowie auf die reichen Erkenntnisquellen, die sich dem Erforscher der antiken Kultur sowohl, wie des islamitischen und christlichen Mittelalters erschließen würden, sobald ein solides Fundament sprachlich-literaturgeschichtlicher Forschung es auch dem Fernstehenden ermöglichte, sich des in den jüdischen Quellen versteckten Quellenmaterials zu bedienen. Das Gleiche gilt für die vergleichende Literatur- und Rechtsgeschichte, für das Gebiet der Volkskunde und insbesondere der religionsgeschichtliehen Forschung. .Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdruckerei .Melantrich", Wien IX-, Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Orfinhut).