Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 7 (17.2.1916)
- Date
- 1916-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz "TS^kIST Wochenblatt für jüdische Interessen.1 ^^TTST Nachdruck mit voller Quellenangabe jertattet Rerlalrrpiir- Innuc U t-nnnvi r- Mr. 7. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Wien, 17. Februar 1916. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße äö. Erscheint jeden Donnerstag 2. Jahrgang. Ab 15. Februar befindet sich die Redaktion und Administration - der „Jüdischen Kor' respondenz" in Wien, VIII. Aiserstrasse 55. Die Aktionen für die Juden Galiziens und Polens. Eine jüdische Legende erzählt, daß der Prophet Eiijahu einst auf seiner Wanderung durch die Welt bei einem Juden einkehrte, der ihn nicht sonderlich gastfreundlich empfangen hat. Nichtsdestoweniger erbat sich der Gastgeber beim Abschied den Segen des unbekannten Wanderers. Der Prophet rief ihm die Abschiedsworte zu: „Möge sich alle Welt um dein Wohl kümmern und sich deiner annehmen!" Die wirkliche Bedeutung dieses wie ein Segen klingenden Fluches ist nie so klar gewesen, wie jetzt, angesichts der mannigfachen Aktionen, die zugunsten der Juden üaliziens und Polens von berufener und noch mehr von unberufener Seite propagiert, eingeleitet und betrieben werden. Ganz besonders muß Derjenige zu dieser Einsicht gelangen, der all dieses Treiben mit einer gewissen Aufmerksamkeit verfolgt und dem das wirkliche Interesse seiner Glaubensbrüder in den durch die Kriegsereignisse so schwer heimgesuchten Ländern am Herzen liegt. Wehe demjenigen, um dessen Wohl sich alle Welt kümmert, den alle Welt versorgen will! Die Protektoren und Versorger haben wohl jeder ihren Standpunkt, ihren Plan, ihre Projekte, die sich gegenseitig durchkreuzen und infolgedessen jede ernste Arbeit lahmlegen. Wer von aller Welt versorgt sein soll, läuft Gefahr, schließlich ganz unversorgt zu bleiben. Und noch eines. Um Denjenigen, den zu versorgen alle Welt sich das Recht anmaßt, drehen sich auch solche herum, die am wenigsten dazu berufen sind. Auf den Schultern dieses Versorgungsbedürftigen möchte gar Mancher in die Höhe kommen. Gar Mancher will seine Allerwelts-Weisheit leuchten lassen, indem er Pläne und Projekte zu dessen Versorgung erfindet. Gar Mancher will den Wohltäter spielen, indem er das Elend und die Not dieses Armen beweint und beklagt. Gar Mancher möchte an dem Feuer des künstlich angefachten Interesses für die Hilfsbedürftigen sein eigenes Süppchen kochen — kurz und gut: dieser als Segen klingende Fluch ist einer der härtesten, von den man betroffen werden kann. Die Not und das Elend der sog. Ostjuden sind hinlänglich bekannt, es ist wahrlich nicht notwendig, darüber viel Worte zu verlieren. Diese Not und dieses Elend sind noch jetzt infolge der Kriegsereignisse viel schwerer und größer geworden. Hilfe ist dringend nötig und zwar nicht nur momentane, sondern eine Hilfsaktion auf breiter Basis, welche die Zukunft dieser Millionen Juden in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht sicherstellen soll. Haben auch die Ostjuden bisher unter dem Mangel an berufenen Vertretern aus ihrer eigenen Mitte sowie unter dem Mangel an Interesse seitens ihrer glücklicheren Brüder im Westen arg zu leiden gehabt, so droht ihnen jetzt die Gefahr, nicht weniger zu leiden infolge eines Ueberflusses an Rettern und Helfern. Ja, es ist ein altbekannter talmudischer Grundsatz: das jüdische Volk ist außerstande, allzugroßes Leid zu ertragen, es besitzt aber auch nicht die Kraft, allzu viel Wohltaten zu empfangen. Der Mangel an einer Organisation der galizischen Juden hat sich stets überaus fühlbar gemacht, einer Organisation, die berufen wäre, im Namen dieser breiten Volksmassen zu sprechen und ihre Interessen zu wahren. Jetzt ist dieser Mangel noch empfindlicher, denn infolgedessen ist Tür und Tor für jeden geöffnet, der sich anmaßt, die Rolle eines Versorgers zu spielen. Die Zahl der Komitees, die die Ostjudenfrage einer Lösung zuführen wollen, ist beinahe Legion. Berufene und Unberufene tun sich zusammen, spuken an allen maßgebenden Stellen herum, überfluten die üeffentlichkeit mit Kundgebungen, Plänen und Protekten, so, daß in denjenigen Kreisen, die zur Lösung dieser Fragen berufen sind, geradezu eine babylonische Verwirrung herrscht. Es treten Leute als üb'errabbiner und Rabbiner auf, die diesen Titel gar nicht besitzen, es melden sich Personen im Namen von Organisationen, die gar nicht existieren, es bilden sich eigenmächtige Komitees, die niemanden repräsentieren und all diese Kreise sprechen an den maßgebenden Stellen vor, intervenieren, projektieren, legen alleinseligmachende Pläne vor, mit dem Zwecke, nicht ihren Brüdern zu helfen, sondern die eigene Eitelkeit zu befriedigen, wenn nicht gar andere Absichten zu verfolgen. Daß ein derartiges Vorgehen nur der Sache selbst schaden kann, muß jedem Kenner der Verhältnisse klar erscheinen. Diejenigen ernsten Kreise, die wirklich berufen wären, als Vertreter der jüdischen Volksmassen aufzutreten, oder die wirklich großes Interesse für die Lage ihrer Brüder an den Tag legen und auch imstande sind, ratend und helfend einzugreifen, müßten sich am entschiedensten gegen diese anarchischen Zustände verwahren, die jede ernste Aktion gefährden. Es ist ja schwer, in diesem Chaos von Komitees sich auszukennen, den Weizen vom Spreu zu unterscheiden, besonders, nachdem sich evident gezeigt hat, daß man in gewissen Kreisen, die zur Entscheidung berufen wären, die einschlägigen Verhältnisse im jüdischen Lager nicht genau kennt und daher schwerlich in der Lage ist, immer richtig zu beurteilen, wer dazu berufen ist, im Namen der Juden zu sprechen und wer sicli ein Recht usurpiert, das ihm nicht zukommt. Die Judenfrage ist ein Problem, das seit jeher überall herurnspukt, das man aber nirgends genau kennt und richtig beurteilt. Auch in normalen Zeiten ist es für die breiten jüdischen Volksmassen sowie für die allgemeinen Interessen nur nachteilig, daß man über die richtigen Verhältnisse nicht genügend unterrichtet ist. Gegenwärtig ist dies noch nachteiliger, nicht nur deswegen, weil die Juden des Ostens so unendlich viel zu leiden hatten, sondern deswegen, weil es sicli darum handelt, ihre Zukunft auf eine neue Basis zu stellen. Da könnten gewisse Fehlschritte von nachhaltiger ungünstiger Wirkung sein und es liegt im Interesse der Juden selbst, darüber zu wachen, daß nicht Unberufene in ihrem »Namen auftreten und sie zu versorgen vorgäben. Es liegt aber auch in Interesse der maßgebenden Kreise, darüber genau informiert zu sein, wer berechtigt ist, im Namen der Juden zu sprechen und wessen Meinung für gewisse wichtigen Entscheidungen in Betracht komme. Es ist wohl klar, daß dies keine leichte Arbeit ist. In den ziemlich verwickelten Verhältnissen ist es oftmals sehr schwierig, sich genau auszukennen. Manchmal ist geradezu ein Ariadnefaden notwendig, um aus dem Labyrinthe hinauskommen zu können. Aber die Sache muß gemacht werden. Vor allem ist es die Aufgabe aller ernsten jüdischen Kreise, darüber zu wachen, daß nicht unberufene Personen und eigenmächtige Komitees die üeffentlichkeit irreführen und eine Begriffsverwirrung hervorrufen sollen. Andererseits müßten auch die maßgebenden Kreise über die eigentlichen Verhältnisse entsprechend autgeklärt werden, damit sie denjenigen kein Gehör schenken, die nicht das Recht haben, als Vertreter der Juden oder der jüdischen Interessen aufzutreten. Mag es sich um politische, soziale, kulturelle oder religiöse Interessen der Juden handeln, so ist ja nicht jeder quasi Politiker, Pseudo-Soziologe, quasi Rabbiner oder Pseudo-Nationalist, dazu berufen, die breiten jüdischen Volksmassen zu repräsentieren. Auch die jüdische Presse — so klein ihr Einfluß und Ansehen leider ist — muB es sich angelegen sein lassen, darüber zu wachen, daß nicht Unberufene die ernste Arbeit der Berufenen stören sollen. Es muß nicht jedes Kommunikat, jeder Bericht und jedes Projekt kritiklos und wahllos, veröffentlicht werden; die Erfahrung hat gezeigt, daß gar mancher Unberufene oder gar manches nicht ernsizunehmende sog. Komitee erst auf Grund derartiger Veröffentlichungen sich Geltung zu verseaarien weiß. Im deutschen Reichstage ist jungst von der Regierungsbank das Wort gefallen; „Die Zensur ist die Brotkarte der öffentlichen Meinung." Ohne ein begeisterter Anhänger der Zensur im allgemeinen zu sein, muß jedoch gesagt werden, daß wir leider in unserer eigenen Mitte einer derartigen moralischen Brotkarte dringend benötigen, da wir sonst Gefahr laufen, „im eigenen Fette zu ersticken" und infolge Ueberfluß an Versorgern und Repräsentanten unversorgt zu bleiben. Die Angelegenheit ist ernst, und erfordert die vollste und eingehendste Aufmerksamkeit aller berufenen Faktoren. Spectator. Das jüdische Roibuch. Es ist bereits über die Denkschrift berichtet worden, welche der Jüdisch-sozialistische Arbeitsverband „Poale-Zion" an das Internationale Sozialistische Bureau über die Juden im Kriege gerichtet hat. Die Denkschrift verfolgt die Tendenz, eine Aktion zugunsten der Juden gelegentlich des kommenden Friedensschlusses herbeizuführen und bekräftigt ihre Auslührungen mit einer Reihe von Dokumenten. Es mag dahingestellt werden, ob das Internationale Sozialistische Bureau bei den Friedensverhandlungen irgendwelche Rolle spielen wird. Hat doch gerade die Internationale aller Länder in diesem Kriege völlig versagt — das heißt in dem Sinne, wie sich deren Führer die Sache früher vorgestellt haben. Es ist deswegen auch schwer zu glauben, daß beim Friedensschlüsse ein einheitliches Vorgehen der sozialistischen Weltorganisation möglich'sein wird. Nichtsdestoweniger könnte einer derartigen Denkschrift unter Uniständen eine gewisse Bedeutung zukommen, da sie auch in Buchform veröffentlicht und der breiten üeffentlichkeit aller Länder zugänglich gemacht wurde. Es muß jedoch gesagt werden, daß die Verfasser der Denkschrift von einem einseitigen Parteistandpunkte ausgegangen sind und daß sie infolgedessen eine verfehlte Taktik eingeschlagen haben. Alle Welt weiß es, in welch schrecklicher Lage die sechs Millionen Juden in Rußland sich befinden und wie dringend sie Hilfe. Erlösung und Befreiung benötigen. War ihre Lage auch sonst eine geradezu verzweifelte, so ist sie jetzt infolge der Kriegsereignisse noch hundertmal schlimmer geworden und es kann wohl keinem menschlich denkenden Menschen, mag er welchem Volke und welcher Partei immer angehören, geben, der nicht Mitgefühl mit diesen Unglücklichen empfinden und geneigt sein sollte, ihnen Hilfe und Rettung zu bringen. Wie schrecklich die Lage dieser Millionen Juden ist, beweist schon der Umstand, daß selbst in Frankreich und England, die doch mit Rußland alliiert sind und alles zu vermeiden suchen, was ihren Verbündeten verletzen könnte — daß selbst in diesen Ländern der Entente die schärfsten Proteste gegen die unmenschliche Behandlung der Juden im Zarenreiche ertönen und eine Hilfe gefordert wird. Wir wollen nicht den Propheten spielen und voraussagen, inwieferne es möglich sein wird, bei den Friedensverhandlungen eine Besserung des Loses der unter der Herrschaft des Zaren weiter verbleibenden Juden herbeizuführen. Wir wollen nur hoffen, daß dies der Fall sein wird, und jedenfalls wissen wir, daß die Zern Hinmächte und ihre Verbündeten sowie einige in Betracht kommende neutrale Staaten diesbezüglich alles Mögliehe anwenden werden. Jedenfalls ist es schon jetzt gewiß, daß mindestens einem Teile der Juden Rußlands Freiheit und Erlösung winkt und zwar demjenigen, der den russischen Klauen entrissen ist und sich in denjenigen Oebieten befindet, die gegenwärtig unter österreichisch-ungarischer und deutscher Okkupation stehen. Nun finden wir aber in der oberwähnten Denkschrift auch einen besonderen Abschnitt über die Lage der Juden in Oesterreich, welche in ziemlich düsteren Farben geschildert wird..