Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 6 (10.2.1916)
- Date
- 1916-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 2× ep/1000754
- Pinsk 1× ep/1045440
- Smolensk 1× ep/1000959
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Nr. 6. Jlidische Korrespondenz Seite 3 doxen Minderheit hervorgerufen, die auch in der Oeffentlichkeit viel erörtert wurden und die allen beteiligten Stellen, besonders aber der Staatsregierung die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Revision des veralteten Judenedikts aufgedrängt haben. Im Jahre 1908 gelang es dem Geiste friedlicher Verständigung, von welchem die Führer der beiden Richtungen erfüllt waren, zu einem befriedigenden Ausgleich zu gelangen um dessen Zustandekommen sich insbesondere der derzeitige geistliche Führer der Gemeinde, Rabbiner Dr. Werner, hervorragende Verdienste erworben hat. (J. Presse.) Siegmund Fraenkel. Russisches Maierial. Von der holländischen Grenze erhält die Berliner „Jüd. Rundschau" wieder authentisches Material, daß die den Juden in Rußland gegenüber angewendeten Methoden kennzeichnet. Wir bringen einen Teil zur Veröffentlichung. Die in den Briefen abgekürzten Namen sind von uns gekürzt. Bericht aus Minsk an das Petersburger Hilfskomitee. Es sind Unruhen ausgebrochen, die drei Tage lang gedauert haben, und kaum am vierten zu Ende gingen. Während dieser drei Tage wurden alle jüdischen Geschäfte zerstört, mit Ausnahme des Geschäftes von G., das in demselben Gebäude wie die Post ist. Während der Zerstörung blieben die Behörden ganz untätig, und beriefen sich auf ihre angebliche Machtlosigkeit. Nicht nur, daß sie nicht die Unruhen verhinderten, sondern der Gehilfe des Polizeichefs sagte sogar der jüdischen Deputation, die zu ihm um Hilfe kam, es könne ihnen doch gleich sein, wer sie ausraube, ob ihre eigenen Laudsleute oder die Deutschen. II. Der B e v o 11 m ä c h t i g t e des Peter sburgerHilfskomiteesfürdie Opfer des Krieges. 8. September 1915. Seiner Hochwohlgeboren dem Herrn Polizeichef (Isprawnik) der Stadt Pinsk. In Anbetracht dessen, daß in der Stadt Lup großer Mangel an Lebensmitteln herrscht, ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren, dem Vorzeiger dieses, dem Bürger von Smolensk, J., eine Erlaubnis für freien Aufenthalt, freie Ein- und Ausfahrt zu geben, damit er folgendes ankaufen kann: 50 Pud Mehl und 10 Fische. Rückseite: Ich teile hiermit dem Bevollmächtigten des Petrograder Hilfskomitees mit. daß in Anbetracht des erlassenen Verbotes der Bewegungsfreiheit für die Juden obiges Gesuch nicht berücksichtigt werden kann. und des Anderen, dann von den Zügen, die sie alle auszeichnen, alles dies mit den glücklichen Augen und der hoffnungsverklärten Stimme eines Vaters, der von seinem begnadeten Kinde spricht. „Es sind dabei Lomdim muflogim und welche Baale Midaus!" Hier herrscht der Geist Rabbi Isroels. des ersten Begründers dieser Hochburg der Thora, der dem Wissen und Können die Kultur des Herzens an die Seite stellte. Und allabendlich, wenn die Sonne sich hinter den Zinnen jenseits der „Wilije" zurückzieht und an den hellgetünchten Wänden der Jeschiwah die von der Nacht vorausgeschickten Schatten wachsen und wachsen, tritt der Oeist Salanters kosend und sammelnd in den Raum: „Auf, liebe Kinder, an die Läuterung eueres Selbst. Zum Können muß harmonisch das Wollen freien. Auf zur Pflege des warmen jüdischen Herzens! .." Dann tritt im Zwielichte der Dämmerstunde die Mussarlehre in ,hre Rechte. Das viel verlästerte Mussarsystem! Was ich hier sehe, ist weiter nichts als ein Studium der jüdischen Ethik, freilich nicht ein kaltes Forschen mit dem Geiste, sondern ein Untertauchen der Seele in die tieisten Tiefen der jüdischen Sittenlehre, der jüdischen Gemütswelt . . . Eine reiche Auswahl altjüdischer Sittenbücher liegt auf. „Sefer Hamidans". „Sefer Chassidim", „Messilas Joschorim" u. v. m. Seiner Neigung entsprechend wählt sich jeder Jünger selbst die ihm zusagende Lektüre. Ein Summen und Brummen erfüllt den halbdunklen Raum. Da ergibt es sich von selbst, daß es hie und da wie aus lichten Höhen blitzartig in das Düster hineinstrahlt. Einer der Jünglinge hält mitten im Gehen inne und flüstert dem Nebenmanne etwas zu. Das Leuchtende Wort pfianzt sich fort von Ohr zu Ohr bis zum Geringsten der Schar und zerstiebt raketeartig in tausend Funkenschimmeru. Da steigt schon eine neue Gedankenrakete auf, und noch eine und wieder eine. Das Haus ist voll des sprühenden Brillantenlichtes. Und über dem Summen und Leuchten und Glühen weht des alten Salanters Geist: „Auf, Jungens, noch tiefer hinunter in die Wunderwelt des jüdischen Gemütes. Und HI. D o k s c h i c i, Gouvernement Minsk, (Kollektiv-Bericht der Einwohner.) Von sämtlichen 5000 Einwohnern sind 4000 Juden. Die anderen sind hauptsächlich Weißrussen. Am 30. August hat die Polizei die ganze Bevölkerung, Männer und auch Frauen, zum Graben von Laufgräben geschickt. In jeder Familie wurde nur ein Mensch zurückgelassen. Die Juden wurden sämtlich auf dem Platz autgestellt, als der Sappeur-Offizier kam, schlug er sie alle, weil sie nicht richtig ständen. Vier Tage wurde gearbeitet, und die Juden wurden schwer geschlagen, hauptsächlich J. W. und F. Als ein Offizier einmal vorbeiging, beklagten sich die Mädchen über die Grausamkeit der Soldaten. Dieser antwortete ihnen ironisch, man dürfe nicht mit Stöcken schlagen, aber mit Ruten. IV. Kopie eines Briefe s an das Du m am i t g 1 i e d . . . •5. September 1915. Unser Unglück ist groß, helfen Sie uns. Die Juden der Station Rudenskoi, 40 Werst von Minsk, sind beraubt und ruiniert worden durch vorbeimarschierende Soldaten. Die kleinen Kramläden wurden im Verlaufe einer halben Stunde ausgeraubt, es war am Tage von Rosch- Haschonoh. Nicht genug mit der Ausraubung der Läden und Wohnungen, sind unsere Soldaten in die Synagoge eingedrungen, wobei sie die Talessim und die Thoran>lleii zerrissen. Die Lage der Ausgeraubten ist schrecklich. Ein Opfer ähnlicher Beraubungen und Zerstörungen wurden unsere Brüder, die längs der ganzen Eisenbahnlinie Libau-Romny wohnen. V. A u s ein e m P r i v a t b r i e f aus R e v a i. In Reval wurde die Frage der Ausweisung der Juden in Erwägung gezogen. In diesen Tagen machte sich in Reval der Mangel an Kleingeld bemerkbar, und die Esthen verbreiteten das Gerücht, die Juden hätten alles Kleingeld angesammelt und in der Synagoge vergraben. Des Nachts wurde die Synagoge untersucht, aber es wurde nichts gefunden. Einige unserer Intelligenten wurden vor den Polizeimeister geladen. Dieser teilte ihnen mit, daß der Kommandant eine jüdische Deputation zu sprechen wünsche und Geiseln verlangte, worauf ihm geantwortet wurde, daß Juden von Reval keine Geiseln stellen würden und eher freiwillig die Stadt verlassen wollten. Die Woche. Licco L. Adutt s. A. Am 4. d. M. verschied in Wien im Alter von 77 Jahren der langjährige Präsident und jetzt hinauf, noch höher, höher mit der Seele Schwingen! Aui, zur Pflege des warmen jüdischen Herzens!" Und wie wird hier die Kultur des Herzens gepflegt! Alles Lernen ist hier Leben, alles Denken Tat. Es kommt kein böses, hartes oder gar unschönes Wort über die Lippen der Leute. „Midaus tauwaus", heil.lt aller Ziele höchstes. Alles Niedrige und Gemeine wird im Dümmer der Mussarstunde aus der Seele ausgeschaltet und in die schwarzen Tiefen der anbrechenden Nacht versenkt. Ohne asketisch veranlagt, dem Leben abgekehrt und seinen erlaubten Genüssen abhold zu sein, vollziehen die Leute Wunder der Selbstlosigkeit. „Man muH es sehen," erzählt der Rabbi mit freudigem Stolze, „in weichem Maße hier die Liebe .\altet. mit welcher Selbstverleugnung sich die Jünglinge in Not- und Krankheitsfällen gegenseitig beistehen! Es ist ein kleiner Staat, diese Jeschiwah, mit einer Verfassung und allen möglichen sozialen und gemeinnützigen Einrichtungen, eine Brüdergemeinde, die einzig zusammengehalten ist durch den Geist ihres Begründers, dem in der Anstalt selbst die treuesten Hüter, die eitrigsten Sachwalter entstanden sind. Ueber die materielle Lage der Thorastätte befragt, durchzieht eine Woikc das Gesicht des Leiters. Es drohen Gefahren, die er nicht aussprechen mag. Eis sind in den letzten Jahren die festesten Stützen der Jeschiwah gefallen. Der Frankfurter Baron ist tot, ein bekannter Philantrop in Karlsruhe auch. Mit dem Tode Lachnianns in Berlin ist sie gänzlich verwaist worden. Sie muß jetzt zu dem Mittel greifen, das sie stets stolz verschmähen durfte: zur Entsendung von Sammelboten. Die Hoffnung ruht aui dem gesetzestreuen Auslande. Darob lachen die Thorafeinde Im Innern. Statt zu weinen über diesen beschämenden Niedergang. Und doch, und doch! ... „Wehn rachuin iechaper owaun -- — ■-" Einige wuchtige Schläge des Maschgiach auf das Pult wecken die Leute aus ihrer Verzückung und die Mussarstunde klingt in die schmelzenden Töne des Maariwgebetes aus . . . Ehrenpräsident der Israelitisch-Türkischen Gemeinde, Großkaufmann Licco L. Adutt. welcher sich in allen Kreisen großer Achtung und Wertschätzung erfreute. Unter ungemein zahlreicher Beteiligung fand Sonntag vormittag die Beerdigung des Verblichenen statt. Es erschienen der gesamte Vorstand des Verbandes der türkischen Israeliten (.Sephardim) in Wien mit den Tempehorstehern und Vorständen der „Chewra Kadischa" und aller Vereine und Wohltätigkeitsanstalten sowie die gesamte Beamtenschaft der Gemeinde und fast sämtliche Mitglieder der Wiener Kolonie, in welcher der Verblichene als eines der angesehensten türkischen Mitglieder stets eine führende Rolle hatte. Die Trauerrede hielt der Rabbiner der Gemeinde Uhachatn Miachel Papo. Namens des Präsidiums der Gemeinde hielt Vorstandsmitglied Leon Hahn in spaniolischer Sprache einen warmen Nachruf. Für die israelitische Kultusgemeinde in Wien sprach Dr. Kapralik. Die Flüchtlinge in Ruitland. im ganzen schätzt der Gewährsmann der „Rjetsch" die Zahl der Flüchtlinge auf mindestens drei Millionen. Ueber ihre Nationalität liegen mir ungenügende Angaben vor. Die jüdischen Hilfsausschüsse haben 350.000, die litauischen 300.0(10 und die lettischen 250.000 Menschen verpflegt. Die Mehrzahl aller Flüchtlinge scheint aber russischen und ukrainischen Stammes zu sein, während an zweiter Stelle die Polen stehen. Die Zahl der ausgewiesenen Deutschen dürfte etwa derjenigen der Juden gleichkommen. Ausdrücklich betont der Mitarbeiter des Petersburger Blattes, daß in diesen Zahlen die vielen auf der Flucht Verstorbenen nicht inbegriffen sind, deren Name und Anzahl nie mehr festgestellt werden könne. Nur Krettze und Grabhügel, die sich allen Landwegen entlaug ziehen, zeugen von der Not dieser Armen, die durch einen sinnlosen Befehl von Haus und Hof vertrieben wurden. Juden und Mohammedaner. In ihrer Nummer vom 27. v. M. widmet die Zeitung „Zuhour", die in Bagdad erscheint, den jüdisch-mohammedanischen Beziehungen einen ausführlichen Artikel. Wir kennen das Motiv dieser Publikationen nicht; wir begnügen uns damit, hervorzuheben, daß dieser Artikel, worin immer auch das Motiv bestehen mag, vorzüglich den Gefühlen der Juden den Mohammedanern gegenüber entspricht. Der Autor drückt den Wunsch aus, Juden und Araber in gutem Einvernehmen miteinander zu sehen, er betrachtet ihre Einigkeit als ein sehr natürliches Phänomen und als eine Garantie für den Fortschritt des türkischen Reiches. Das mohammedanische und das jüdische Element ergänzen sieh einander; das erstere beschäftigt sich mit der Verwaltung und der Politik; das letztere stellt seine kommerziellen Fähigkeiten von alles umfassender Ausdehnung und Bedeutung in den Dienst des Vaterlandes. Der Schreiber betritt sodann das Gebiet der Geschichte und bemüht sich, zu beweisen, daß die islamitische Kultur im Verlaufe von Jahrhunderten nicht eine einzige Etappe aufweist, in der sie nicht aus der Mitwirkung der Juden Vorteil gezogen hätte. Selbst das Schicksal des Islam und das des Judentums haben einen engen Zusammenhang. Der Schreiber schließt, indem er erklärt, wenn die Juden und die Araber einander Konkurrenz machen, so geschieht dies nur in ihrem Eifer für den Fortschritt ihres türkischen Vaterlandes. Die lieben Juden des Zaren. Die Zahl der Flüchtlinge in Rußland läßt sich kaum annähernd bestimmen. Das jüdische Hilfskomitee gibt die Zahl der notleidenden jüdischen Flüchtlinge, die eine Unterstützung in Anspruch nahmen, mit 350.000 an. Als allgemeines Uebel für alle Flüchtlinge gilt die unzweckmäßige Ansiedlung derselben, worunter besonders die Juden zu leiden haben. Die in Minsk stattgefundene Tagung der Vertreter der jüdischen Hilfskomitees für Flüchtlinge aus dein ganzen Reiche hat beschlossen, diese Komitees zu reorganisieren und in Hilfskomitees für sämtliche vom Kriege betroffenen Juden umzugestalten. Dabei sollen Vertreter der weiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zur Teilnahme an den Komitees herangezogen werden. Es wurde ferner beschlossen, eine Reihe jüdischer Kooperative zu gründen. Das Mitglied des heiligen Synods, der bekannte Erzbischof Nikon, entfaltet im Organ des Synods „Zerkowyja Wedoinosti" (Kirchenboten) eine lebhafte antisemitische Propaganda und hetzt in gewöhnlichster Form gegen die jüdische Bevölkerung, der er alles Schlimme andichtet. -— Der Oberbefehlshaber der Nordwestfront hat eine