Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 6 (10.2.1916)
- Date
- 1916-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 6. erschreckend, daß selbst die verbissensten Nationalisten außerstande sind, die allgemeine Depression mittelst der bekannten chauvinistischen Schlagworte zu bannen. Dies umso weniger, als die militärische Lage immer verzweifelter wird, und selbst das gläubigste russische Gemüt jede Hoffnung auf einen Sieg verloren hat. Von all den mit großer Emphase angekündigten Kriegszielen ist kein einziges mehr erreichbar. Oalizien ist endgültig verloren, und die Hoffnung auf eine Eroberung Konstantinopels ist wie eine Seifenblase zerfiattert. Was soll noch die Fortsetzung des Krieges rechtfertigen und das russische Volk zum weiteren Durchhalten veranlassen? Es dürften wohl diejenigen Recht behalten, die voraussagen, daß Stürmers Minister-Herrlichkeit bloß eine vorübergehende sein wird, daß er bald durch den Kriegsminister Poliwanow abgelöst werden dürfte, der die Machtvollkommenheit eines Diktators a la Loris Melikow erhalten soll. So weit haben es die Kriegshetzer in Rußland gebracht und die angeblich demokratischen Kreise, die sich mit ihrem ganzen Temperament der Kriegsidec zur Verfügung stellten, in dem Wahne, daß ein siegreiches Rußland ein freies Rußland werden wird, beklagen bereits bitter ihren Wahnwitz. Wenn selbst der geschlagene und besiegte Zar sich der Reaktion in die Hände wirft, welche Orgien würde noch eine siegreiche Reaktion gefeiert haben! Die Lage der Juden im Zarenreiche erfährt durch diesen Minister Wechsel gar keine Aenderung zum Besseren. Die aus dem ganzen Reiche einlaufenden Nachrichten wissen fortgesetzt von neuen Verfolgungen und Bedrängungen zu melden. Selbst die vor einiger Zeit in der Judenfrage gewährten Konzessionen werden im Verordnungswege und in der Praxis rückgängig gemacht und nicht beachtet. Die Juden Rußlands haben es längst verlernt, auf einen Ministerwechsel irgendwelche Hoffnungen zu setzen. Ihre einzige Hoffnung ist eine Umwälzung der innerpolitischen Verhältnisse im Zarenreiche. Diese kann aber nicht erfolgen, insolange ein Ooremykin durch einen Stürmer ersetzt wird. Es müssen andere Stürmer und Dränger kommen, die der Reaktion in Rußland ein Ende bereiten werden. Z'foni. Zum hundertjährigen Geburtslage der Milnchener jüdischen Gemeinde- Mitten in das Tosen des Kriegslärms fällt die Jahrhundertfeier der jüdischen Gemeinde München. Entgegen den vor Kriegsbeginn in Aussicht genommenen Verfügungen nimmt die Verwaltung der Münchener jüdischen Gemeinde im Hinblick auf den Ernst der Zeiten von jedweder festlichen Begehung dieses Gedenktages während der Kriegsdauer Abstand. Nur eine im Sommer 1916 erscheinende Festschrift soll all jenen, die sich für den geschichtlichen Werdegang der größten jüdischen Gemeinde Bayerns interessieren, das urkundliche Material für die äußere und innere Entwicklung jener Kürperschaft vorführen, in welcher sich nach religiösem und weltlichem Recht die Lösung der innerkirchlichen Aufgaben der Münchener Judenheit vollzieht. Diese Festschrift wird naturgemäß auch auf die traurigen und rechtlosen Zeitläufe des Mittelalters zurückzugreifen ha-! ben, in welchen Leiden und Verfolgungen aller Art jedwede vorübergehende Ansiedlung von i Juden in Münchens Mauern immer wieder ge- : waltsam zerstörten oder ihnen zum mindesten j die freie Ausübung ihrer Religion, besonders I den gemeinschaftlichen Gottesdienst untersag-! tcn. Auf diese Leidenszeiten, deren Höhepunkte I und Marksteine wohl die Verbrennung von 180 Juden in ihrer Synagoge im Jahre 1285 und j späterhin die völlige Austreibung der Juden aus München im Jahre 1442 unter Herzog Albrecht III. bildeten, braucht in diesem Zusammenhange umso weniger eingegangen zu werden, als hier nur die geschichtliche Entwicklung der vor 100 Jahren neu entstandenen j jüdischen Gemeinde beleuchtet werden soll. Den rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich diese Neubegründung vollzog, bildeten die Bestimmungen des bayerischen Judenedickts von 1813, dessen Bedeutung für die bayerische Judenheit zu dessen Hundertjahrfeier in Nr. 286 der „Münchener Neuesten Nachrichten" vom Jahre 191.3 eingehend gewürdigt wurde. Wohl hatten schon zu Beginn des 19 Jahrhunderts 30—40 jüdische Familien das Recht der Ansässigmachung in München erwirkt; aber erst Jas genannte Edikt gewährte dieser Ansiedlung die gesetzlichen Unterlagen, auf Grund deren die Rechte einer jüdischen Gemeinde von der Regierung verliehen und eine systematische Regelung und Neuordnung des Kirchen- und Uuterrichtswesens, sowie des sonstigen Gemeindelcbens von der Münchner Judenheit in Angriff genommen werden konnten. Noch vor Begründung der Gemeinde hatten die Juden jene charitative Vereinigung begründet, die unter dem Namen „Chewra Kadischa" wohl die älteste Einrichtung jedweden jüdischen Gemeindewesens bildet und die sich die rituelle Bestattung der Verstorbenen, die Krankenpflege und die religiöse Belehrung zur Aufgabe setzt. Nachdem im Jahre 1815 ein Grundstück an der 1 Thalkirchnerstraße zur Anlage einer jüdischen Begräbnisstätte angekauft worden war. wurde dort die Leichenhalle 1816 fertiggestellt und mit der Bestattung der Toten begonnen: bis dahin mußten die Leichen der in München verstornenen Israeliten nach Kriegshaber bei Augsburg verbracht werden. Im Jahre 1819 wurde auf Grund eines Abkommens zwischen dem Stadtmagistrat München und der Kultusgemeinde eine israelitische Abteilung im städtischen Krankenhaus 1. d. 1. mit ritueller Beköstigung errichtet, die späterhin nach Fertigstellung des neuen Schwabinger Krankenhauses dorthin verlegt wurde. Als erster Rabbiner Feuilleton. In den Lehrhäusern zu SlobolRa. Der „Israelit" schreibt: Der deutsche Kommandant von Kowno, Major von Slruensee, hat aus den Berichten der zurückgebliebenen Einwohner die hohe kulturelle Bedeutung der vom Kriege zertrümmerten weltberühmten Jeschiwah von Slobotka erkannt und den Wunsch geäußert, daß diese alte Stätte jüdischen Geisteslebens doch sobald wie möglich wieder erstehen möge: er selbst werde alles, was in seineu Kräften stehe, tun. um dies zu ermöglichen. Darauf hat sich der Herr Feldrabbiner Dr. Rosenak mit einer Darlegung der Verhältnisse an die Zentrale der „Afrudas Jisroel" in Frankfurt a. M. gewandt, die mit der Bewilligung einer größeren Summe die Verwirklichung des Planes in die Hand genommen hat. Mit der Instandsetzung des Jeschiwahgebüudes, das durch den Krieg stark gelitten hatte, ist bereits begonnen worden; ein Teil der in alle Winde zerstreuten Zöglinge- Ist zurückgekehrt und es sieht zu hoffen, daß die Stimme der Thora in Slobotka bald wieder zu hören sein wird. Wir könnten die hohe Bedeutung der wieder zu errichtenden Thorastätte nicht anschaulicher den Lesern vor Augen führen als es in den ..Reiseeindrücken aus Rußland" im Feuilleton unseres Blattes vom 11. Sept. 1912 geschehen ist. Die Schilderungen, soweit sie sich auf die genannte Jeschiwah beziehen, seien hier im Auszuge wiedergegeben: Gemächlich plätschernd in der leisetretenschen Art des Lithauers kommt die ..Wilije" aus der Wilnaer Gemarkung geschlichen, umkreist, sich diskret durch die Festungswerke Bahn brechend, die Stadt und sinkt dann am Kopfe derselben etwas wildbrausend dem Vater „Njemcn" in die Arme. Unweit ihrer Mündung erhebt sich hoch über ihren Spiegel eine auf steilen Pfeilern ruhende Holzbrücke, die bedenklich wackelt und dumpf ächzt unter der Last der Zeit und der rollenden Fuhrwerke. Der Fremde schielt verstohlen nach dem Wasser und konstatiert mit einiger Beruhigung, daß es mit dem vielgerühmteu Tiefstande in diesem Lande an dieser Stelle keine Gefahr hat . . . Drüben beginnt Slobotka. Es wird eingeleitet durch ein regelrechtes trostloses Sandmeer. Ein vierbeiniges geduldiges ein- oder zweihöckeriges Wüstenschiff wäre hier am rechten Platze. Unser Wagen es ist der gleiche, der „mit üummirädern durch die Luit schwebt" -- kommt hier nicht vorn Flecke. Das mutet unser Fuhrmann dem treuen Tiere auch gar nicht zu. Er steigt vom Bock herab und hilft wacker mit. so gut es geht. Und es geht mit vereinten Kräften wirklich. Endlich haben wir uns aus dem Sande glücklich herausgearbeitet und eine breite schlechtgepflasterte Straße, zu deren beiden Seiten endlose Reihen kleiner grauer Holzhäuschen in der Mittagssonne schlummern, empfängt uns. Es ist keine lebende Seele weit und breit zu sehen .Und in das fließende Sonnengold der Straße wirft unser Wagen den einzigen störenden Schattenpunkt. Vor einem offenen Hoftor macht das Pferd von selber Halt. Es ist ein heller Kopf, ein echter „Litwak", grundgescheidt und knochig und feinhörig auf die leisesten Geräusche reagierend. An den kosenden, lockenden Tönen, die aus diesem Hofe in die Friedhofsstille der Straße dringen, geht es nicht achtlos vorbei . . . Ich bleibe eine Weile im Hofe stehen und weide mich an dem hundertstimmigen Thorasange. Es ist die kleinere Jeschiwah, die den Namen des großen Rabbi Izchok Elchonon trägt („Knescth Beth lzchok") und in der zur Zeit ..nur" 250 Jünger dem Talmudstudium obliegen. Nur die jüngeren Jahrgänge sind anwesend. Alle älteren Bachurim mitsamt den Dozenten und Maschgichitn sind der Einladung zur Hochzeit eines Jeschiwahknllegen gefolgt, der sich mit der Ehe zugleich auch das Rabbinat in einem Nachbarstädtchen erheiratet. Die Jungen sind sich selbst überlassen, haben aber kein Auge für mich, so vertieft sind sie in ihre Folianten. Hier und da sieht man eine kleine Gruppe helläugiger Knaben lebhaft und fast handgreiflich über einen schwierigen hatte von 1802—1824 ein hervorragender Talmudist, Rabbi Hessel, gewirkt. Sein Nachfolger war Rabbiner Hirsch Aub, nach dessen Amtsantritt der im Jahre 1824 begonnene Bau der Synagoge an der Westenriederstraße zum Abschluß gebracht wurde. Am Vorabend des israelitischen Osterfestes, am 21. April 1826, wurde die Synagoge in Anwesenheit König Ludwigs 1.. der prächtige Säulen für das Gotteshaus gestiftet hatte, in feierlicher Weise eingeweiht. Mit dem zunehmenden Wachstum der Zahl der Gemeindemitglieder entstanden zahlreiche Wohltätigkeitsvereine, von welchen der Studien- und Arbeitsbeförderungs-Verein, der Holzverein, der jüdische Frauen- und Aussteuerverein besonders zu nennen sind. Im Jahre 1871 suchte der hochbetagte Rabbiner Aub um seine Pensionierung nach, als sein Nachfolger wurde Rabbiner Dr. Joseph Perles (1871—1894) gewählt, der als hervorragender Orientalist auch in nichtjüdischen Gelehrtenkreisen großes Ansehen genoß. Da die Synagoge an der Westenriederstraße sich im Hinblick auf die starke Zunahme der Gemeinde schon längst als unzulänglich erwiesen hatte, mußte schon Anfang der 80er Jahre die Errichtung eines neuen großen Gotteshauses ins Auge gefaßt werden. Zu den Herbstfeiertagen 1886 wurde die neue große Synagoge an der Herzog-Maxsstraße eingeweiht, deren künstlerisch vollendeter Bau eine Zierde der Stadt München bildet. Im Jahre 1891 wurde der Bau orthodoxen Synagoge an der Herzog-Rudolfstraße vollendet. Nach dem Hinscheiden von Rabbiner Dr. Perles 1894 wurde als sein Nachfolger der noch heute zum Segen und zum Stolze der gesamten Münchener Judenheit wirkende Rabbiner Dr. C. Werner, früher in Danzig, bestellt. Von den Laienführern der Gemeinde seien aus den letzten Jahrzehnten nur Hermann Müller (1883-1894). Louis Schwab (1894-1896), und Justizrat Ofner, der seit 1897 das Amt des ersten Vorstands der Kultusgemeinde bekleidet, genannt. Die Zahl der jüdischen Familien, die bei Einweihung der Synagoge an der Westenriederstraße 1826 nur 60 betrug, ist inzwischen auf nahezu 3000 gestiegen und dementsprechend hat sich auch die Zahl der jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen und religiösen Stiftungen und Einrichtungen in reichem Maße vermehrt. Daß unbeschadet dieser blühenden Erstarkung des Gemeindeiebens die innerkirchli - che Entwickelung Anlaß zu mannigfachen Reibflächen und Konflikten auf religiösdogmatischem Gebiete geführt hat, dürfte auch den Außenstehenden bekannt sein. Die religiöse Spaltung, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb der ganzen deutschen Judenheit vollzog, hat natürlich auch vor Münchens Mauern nicht Halt gemacht und sowohl in den Jahren 1871 — 1874 wie insbesondere in den Jahren 1906—1908 tiefgehende Differenzen zwischen der neologen Mehrheit und der ortho- Taustes oder „hatben Maharschoe" diskutieren. Die meisten stehen einzeln vor ihren leichten Ständern, die sich mit ihrem Oberkörper heftig hin und her bewegen und singen sich mit heller Begeisterung in jenem eigenen bezaubernden „Gemoronigun" die schwierigsten Talinudproblcme in den noch sorgenleeren Kopf . . . Wie wunderwirkend nuii.) doch der hier waltende pädagogische Geist sein, daß er fast aui alle äußeren Disziplinmittel verzichten kann. Man versuche es einmal in einer modernen Schule, mehr als 500 Jungen, zumeist im sogenannten Flegelalter, einen halben Tag ohne Aufsicht zu lassen! Hier ist es ein großes Ziel, das schon den jüngsten Blick fesselt und ihr Interesse ganz in Anspruch nimmt, sodaß nicht der geringste Raum in ihrer jungen Seele für ein anderes Tun und Wollen übrig bleibt. An „Naseweisen", die die aufsichtslose Zeit benutzen, um den Lehrern ein Schnippchen zu spielen, fehlt es freilich auch hier nicht. Sie kramen in geheimen Schränken herum und suchen in alten seltenen Kommentaren nach unlösbaren „Kaschies". mit denen sie dem Rabbi eine Falle zu stellen hoffen . . . In der Mussar-Stunde. In die große Lehrstätte „Keneseth Isroel", die eigentliche Slobotker Jeschiwah, werde ich vom Ortsrabbiner und obersten Leiter der Anstalt, einer in ganz Rußland anerkannten rabbinischen Autorität, geleitet. Es ist ein großer schmuckloser, aber heller und freundlicher Raum, in dem wir 358 junge Leute, zumeist reiferen Alters, bei der Arbeit finden. Die meisten bemerken unseren Eintritt kaum, die ihn bemerken, erheben sich respektvoll, lassen sich aber im übrigen nicht im mindesten stören. Man merkt es den Jünglingen an ihren verklärten Gesichern an, wie weit sie sich im Momente vom Leben des Tages bewegen und man wagt es kaum, sie anzureden und sie von den geistigen Höhen, zu denen sie sich etnporgelernt, zu den Dingen dieser Welt herabzuzerren. Mit innigem Stolze mustert der Rabbi seine Schar und er erzählt mir von den Eigenschaften des Einen