Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 6 (10.2.1916)
- Date
- 1916-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495300-3495306--0130-3520735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. vvr__t___t^t^ju. - i~ __* _ w x______ Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1-20. NacMnick mit voller Quelleaaigabe gettattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. ""„ZS7. Redakteur: Jonas Kreppel.! Erscheint jeden Donnerstag Mr. 6. Wien, 10. Februar 1916. 2. Jahrgang. Die „Befreier" und die „Befreiten". Eine der konventionellen Lügen, mit welchen die Urheber des Krieges mit besonderer Vorliebe operieren, ist, daß sie den Krieg im Namen der „Völkerbefreiung" unternommen haben und im Namen dieses edlen Zieles führen. Väterchen Zar ist darauf losgegangen, die slavischen Brüder in Qalizien, die Polen und Ukrainer, vom „österreichischen Joche zu befreien"; Serbien wollte seine Konnationalen in Bosnien und Herzegovina „befreien" und vollends Italien hat zum Schwerte gegriffen, um seine Brüder in Trient und Triest zu „erlösen". Keine Lüge hat so kurze Beine, als diese. Die angeblich zu befreienden und zu erlösenden Völker haben ihre „Befreier und Erlöser" höchst unfreundlich empfangen und ihnen vielfach die Türe vor der Nase zugeschlagen. Des Zaren Kosakenhorden haben in Qalizien eine wenig freundliche Aufnahme gefunden. Von den Serben wollte man in den österreichisch-ungarischen Ländern nichts hören und die Italiener haben mit ihren „zu erlösenden" Brüdern die traurigsten Erfahrungen gemacht. Die österreichischen Italiener zeigten wenig Freude über das Beginnen ihrer „Erlöser" und sie verwahrten sich mit der größten Entschiedenheit gegen die geplante Erlösung wider Willen. Die Zentralmächte und ihre Verbündeten, die nur notgedrungen zur eigenen Verteidigung zum Schwerte gegriffen, haben es wohl unterlassen, sich als Befreier und Erlöser aufzuspielen. Nichtsdestoweniger sind sie in der Wirklichkeit iiaaii geworden. 'Das Eingreifen der Türkei in den Krieg ist in allen mohammedanischen Ländern mit dem größten Jubel aufgenommen worden und die ganze Welt des Islam begrüßt mit Begeisterung jeden türkischen Sieg, in dem sie einen Vorboten der Befreiung von den englischen und französischen Usurpatoren erblickt. Bulgariens Siegeszug löste in Mazedonien die höchste Freude aus und selbst in den lange zu Serbien gehörenden Oebieten, wie beispielsweise in der zweiten serbischen Hauptstadt, Nisch, wurde der Einzug der Bulgaren als Erlösungstat gefeiert. Der Siegeszug der 'österreichisch-ungarischen Truppen in Albanien hat bei den Albanesen den höchsten Enthusiasmus hervorgerufen und sie eilen in hellen Scharen herbei, um in den Reihen der k. u. k. Armee für die Vollendung ihrer Befreiung zu kämpfen. Am drastischesten wiederspiegelt sich jedoch die Befreiungs- und Erlösungstat der Mittelmächte in den Rußland entrissenen Oebieten. Polen, Ukrainer und Juden bezeichnen einstimmig den Siegeszug der Zentralmächte als eine völkererlösende Tat. Millionen jubeln den österreichisch-ungarischen und deutschen Soldaten zu und die bisher trotz der Kriegsereignisse und der Kürze der Zeit eingeführten Reformen geben der Bevölkerung in den eroberten Gebieten den Vorgeschmack einer modernen, gerechten, zivilisatorischen Verwaltung, für welche sie bei jeder Gelegenheit ihre Dankbarkeit kundgibt. Und so erleben wir das höchst merkwürdige Schauspiel, daß die angeblichen „Befreier" mit Schimpf und Schande hinauskomplimentiert werden, wogegen diejenigen, gegen welche die angebliche Befreiungsaktion sich richtete, in der Wirklichkeit als Befreier und Erlöser dastehen. JUdisct\e Emigration nach dem Kriege. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß allgemein mit dem Einsetzen einer starken jüdischen Emigration aus dem Osten nach dem Kriege gerechnet wird. Diese Annahme beruht darauf, daß Qalizien und Polen infolge der Kriegsereignisse sehr stark gelitten haben und daß die dortigen Juden ganz besonders arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Invasion der russischen Kosakenhorden in Qalizien wie nicht minder der berühmte russische „Rückzug" aus Polen, Wolhynien und Litauen haben speziell unter den Juden große Opfer gefordert, so, daß selbst die weitgehendste Aktion zur Wiederherstellung des Zerstörten außerstande sein dürfte, die vernichteten l ausende und Abertausende Existenzen wieder aufzurichten. Infolgedessen werden Tausende jüdischer Familien zum Wanderstabe greifen müssen. Auf Grund dieser Annahme wird demnach das Einsetzen einer starken Emigrationsbewegung als höchstwahrscheinlich angenommen und es wird bereits jetzt über das „Wohin?" diskutiert. Es hören sich Stimmen, daß Amerika einer jüdischen Massen-Emigration neue Schwierigkeiten in den Weg legen will. Von einer Emigration nach England und den englischen Kolonien dürfte überhaupt schwer die Rede sein können. Andererseits wird eine Emigrationsmöglichkeit nach dem Orient in Zweifel gezogen und Herr Prof. A. Philippsohn hatte es sogar für richtig gefunden, auf Grund wissenschaftlicher Theorien die Undurchführbarkeit einer größeren jüdischen Ansiedlung in Palästina und Mesopotamien darzulegen. Auf diese Weise wird schon jetzt das Emigrationsproblem als ein überaus verwickeltes geschildert, dessen Lösung auf die größten Schwierigkeiten stossen dürfte. Es will jedoch scheinen, daß diese ganze Diskussion allzu verführt und infolgedessen wenig fruchtbringend ist. Es ist schwer einzusehen, warum die Eventualität einer jüdischen Massen-Emigration aus dem Osten so sehr in Rechnung gezogen wird. Auch die anderen Bevölkentngsgruppen GafizTefis und Polens haben durch die Kriegsereignisse viel gelitten. Nichtsdestoweniger denken sie nicht daran, zum Wanderstabe zu greifen .Im Gegenteil, in den polnischen und ukrainischen Kreisen wird sogar geplant, eine Remigration der Konnationalen aus Amerika nach der Heimat in Angriff zu nehmen, von dem Standpunkte ausgehend, daß es infolge der Opfer, die der Krieg erforderte, an Arbeitskräften im Lande fehlen dürfte. Eine ähnliche Aktion wird auch in Ungarn geplant. Wenn wohl die Juden mehr als alle anderen Volkskreisen gelitten haben, wenn man im jüdischen Lager von einer Remigration nicht reden kann, so muß doch wenigstens die Emigration nicht so höchstwahrscheinlich erscheinen. Auch die Zahl der jüdischen Kriegsopfer ist groß genug, auch diese haben im jüdischen Lager große Lücken gerissen, zu deren Ausfüllung mindestens die in der Heimat zurückgebliebenen Brüder notwendig sein werden. Man darf nicht außer Acht lassen, daß nach dem Kriege gerade in den vom Kriege am stärksten betroffenen Gebieten ein intensives wirtschaftliches Leben beginnen dürfte. Der Wiederaufbau des Zerstörten — mag er sich in breiterem oder engerem Rahmen bewegen — wird Tausenden und Abertausenden Arbeits- und Verdienstgelegenheit liefern. Wenn man auch diesbezüglich kein allzugroßer Optimist sein darf, da dies vielfach davon abhängt, in welchem Masse die Kriegsentschädigung flüssig gemacht werden wird, so ist trotzdem anzunehmen, daß seitens der maßgebenden Faktoren alles geschehen wird, um den Wiederaufbau und die Konsolidierung der Verhältnisse zu beschleunigen. Zu einem Verzweifeln a priori liegt jedenfalls kein genügender Anlaß vor. Schließlich müssen auch die politischen Verhältnisse in Betracht gezogen werden. Es ist ja kein Geheimnis, daß beispielsweise die starke jüdische Emigration aus Russisch-Polen mehr dem politischen Drucke, als der wirtschaftlichen Not zuzuschreiben war. Oekonomiseh konnten sich die Juden Polens ziemlich gut entwickeln und erst das systematische Hineintreiben großer jüdischer Massen aus Inner-Rußland nach Polen sowie der infolge der russischen Hetzpolitik entstandenen polnischjüdischer Divergenzen haben auch in Polen eine Verschlimmerung der wirtschaftlichen Lage herbeigeführt. Diese beiden Momente dürften nach dem Kriege wegfallen. Ohne auf die Details der Lösung der polnischen Frage näher eingehen zu wollen, scheint jedoch eines sicher zu sein, daß dieses Land endgültig den russischen Machthabern entrissen werden wird. Dann wird eine Aenderung der Verhältnisse sicherlich eintreten. Auch das Argument, daß in den polnischen Ländern eine ökonomische Krise infolge des Wegfalles des russischen Absatzgebietes zu gewärtigen ist. kann nicht ganz stichhältig sein. Abgesehen davon, daß gleichzeitig mit dem Abschlüsse der Friedensverhandlungen auch die Erneuerung der Handelsbeziehungen zwischen den kriegführenden Staaten geregelt werden dürfte, wobei sicherlich die früheren Beziehungen eine Berücksichtigung finden werden, so ist durch die Oeffnung der direkten Verbindung nach dem nahen Orient der Industrie der Mittelstaaten ein neues Absatzgebiet erschlossen worden, das nach aller Berechnung große Chancen bietet. Ob gleichzeitig eine starke Emigration nach dem Oriente möglich sein wird, dies läßt sich gegenwärtig weder positiv bejahen, noch verneinen. Da jedoch eine Massenemigratiou nach dem Vorhergesagten nicht als sicher anzunehmen ist. so ist diese Frage momentan nicht von allzu großer Wichtigkeit. Für eine Ansiedelung gewisser jüdischer Kreise dürfte allenfalls die Möglichkeit vorhanden sein. Sollte sich demnach eine jüdische Emigration in bestimmten Grenzen als unumgänglich notwendig erweisen, so dürfte sie wohl einen freien Weg finden. Es hat keinen Zweck, schon jetzt darüber zu wehklagen oder abenteuerlichen Projekten Tür und Tor zu öffnen. Eine Masseuemigration ist' keinesfalls ein billiges Vergnügen; mit den gewaltigen Siimme»,.<4te*-ik(>*Mfmm . km««m Betracht kommen, könnte man in der Heimat, sowohl in Qalizien wieauch in Polen, bei einer rationellen, planmäßigen Aktion unter Umständen ein viel günstigeres Resultat erzielen. Es wäre höchst verfehlt, sich schon jetzt in den Gedanken einer Massenrmigration allzusehr zu verbeissen. Der Ausspruch des Psalrnisten: „Bleibe im Lande und ernähre dich redlich" darf auch diesbezüglich zur Geltung kommen. Spectator. Der Stürmer. (Brief aus Stockholm.) Die seit Monaten angekündigte Demission Goremykins ist schließlich Tatsache geworden. Goreniykin hat den blauen Bogen bekommen und Stürmer ist zu seinem Nachfolger berufen worden. Der Eindruck, den dieser Ministerwechsel in Rußland hervorgerufen hat, läßt sich laut Petersburger Nachrichten dahin charakterisieren, daß der Ruf: „Der Ministerpräsident ist tot!" ziemlich allseitig mit großer Zufriedenheit ertönt, daß aber die zweite Hälfte des historischen Ausrufes „Es lebe der Ministerpräsident!" sich selten hören läßt und noch seltener freudige Begeisterung auslöst. Daß der Zar, der selbst den deutschklingenden Namen seiner Hauptstadt russifizieren ließ, einen Mann mit deutschem Namen zu seinem Ministerpräsidenten ernannte, mag etwas grotesk erscheinen, ist aber jedenfalls ein Beweis dafür, daß an Stürmers echtrussischer Gesinnung nicht zu zweifeln ist; Stürmer dokumentierte auch bald, weß Geistes Kind er ist. Zunächst sprach er sich gegen eine Einberufung der I Unna aus. Die Stimme der russischen Erde, die der Zar angeblich so gerne vernehmen wollte, scheint ihm große Angst einzujagen und er möchte eine Begegnung mit den russischen Volksvertretern so lange als möglich vermeiden. W eiters ist er gegen einen Separatfrieden und für die Fortsetzung des aussichtslosen Krieges, w as wohl der Erkenntnis zuzuschreiben ist. daß nur die Fortsetzung des Krieges den Ausbruch einer Revolution im Zarenreiche verhüten kann. Ob die Rechnung Stürmers stimmen wird, dürfte sich später zeigen. Kenner derVerhältnisse im Zarenreiche glauben. Gründe für eine Voraussage zu haben, daß. je langer der Krieg dauert, desto gefährlicher die Situation für die Petersburger Machthaber w ird. Was die Führer der Reaktion verhüten wollen, das können sie durch ihre Haltung nur beschleunigen. Die Unzufriedenheit in allen russischen Kreisen ist derart groß, das Elend der Flüchtlinge derart