Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 5 (3.2.1916)
- Date
- 1916-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Jüdische Korrespondenz Seite 3 mus suchte es alle möglichen Völker dienstbar zu machen. Wenn dies mit den Franzosen, Italienern und Russen geschehen konnte, warum sollte es nicht mit den Arabern und den Juden gelingen? Daß es nicht gelungen isr, daran sind die Engländer selbst am wenigsten schuld. Sie haben alles getan, um ihr Ziel erreichen zu können; aber die Weltgeschichte, deren Mühlen langsam, aber sicher mahlen, hat die Entscheidung in einer anderen Richtung herbeigeführt. S. L. Ein Jüdischer Krieg. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. Wohl selten in der Weltgeschichte hat seit dem Aufhören des jüdischen Staates ein Krieg mit der Judenheit und dem Judentum so viele Berührungspunkte wie der Weltkrieg. Betrachten wir zunächst einmal die Schauplätze des Krieges, so bemerken wir, daß die Hauptkämpfe in Gegenden stattfinden, die überaus zahlreich von Juden bewohnt werden: In Polen und Kurland haben die Juden am meisten unter dem Kriegselend zu leiden. In Galizien waren es gleichfalls die Juden, die besonders die Nagaika zu spüren hatten. Saloniki, dessen Bewohner in der überwiegenden Mehrzahl Juden sind, und das darum eine so blühende Handelsstadt geworden ist, dürfte demnächst der Mittelpunkt sehr heißer Kämpfe werden. Mesopotamien, die Heimat Abrahams, erzittert unter dem Kanonendonner der türkischen und englischen Geschütze. Aegypten „der eiserne Ofen" droht durch seine eigenen Flammen zerstört zu werden. Die Halbinsel Sinai und die Küste Palästinas liegen im Bereich der englischen Schiffsgeschütze. Sechs Millionen Juden — die Juden Polens und Rußlands — also fast die Hälfte aller Juden sind direkt vom Krieg betroffen. Diese haben eine kaum noch denkbare Verschärfung ihres ohnehin großen Elends erlebt. Unzählige Existenzen sind zu Grunde gegangen, blühende Gemeinden haben sich aufgelöst, tausende Familien wurden ein Opfer der Schande. Abertausende gaben ihr Leben hin für ein Land, das ihnen niemals Schutz und Zuflucht gewährt hat. Und darin liegt das Tragische: nicht die äußeren Feinde haben das Kriegselend gebracht, sondern die eigene Regierung, deren Fahnen man Treue und Tapferkeit geschworen, hat es so gewollt. Fast ebenso schwer mußten die jüdischen Bewohner Galiziens unter der russischen Okkupation leiden. Bedenkt man, daß augenblicklich ca. 800.000 Juden unter den Waffen aller kriegsführenden Staaten stehen, und daß es nur ca. 12 Millionen Juden gibt, so kann man sich ein Bild machen von dem Anteil, den die Judenheit am Krieg hat. Aber auch der seelische Anteil der Juden, das Interesse des Judentums am Ausgang des Krieges ist ein überaus starkes. Wir leben einmal im „Golus", im religiösen, politischen und gesellschaftlichen. Daher regte sich zu Beginn dieses Feldzuges in den meisten Juden der Wunsch, daß der Krieg die Zeiten des „Moschiach" einleiten möge, der religiösen, politischen! und gesellschaftlichen Gleichberechtigung Aller. Das Judentum ist, wenn man auf viele Jahre hinausschaut, letzten Endes von den Ostjuden abhänging, weil sie die jüdische Kultur nicht aus Büchern kennen, sondern weil sie diese leben. Soll das Judentum weiter bestehen, so wird man ein Interesse daran haben, daß die Ostjuden nicht untergehen, daß sie stark genug bleiben, ihre eigene Kultur zu entwickeln — allerdings unter Zuhilfnahme aller wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Westkultur, Es kann eine Jüdische Kultur bestehen, ohne von den engen Mauern eines geistigen Ghettos eingeschlossen zu sein, es kann sich eine jüdische Kultur entwickeln nur ohne diese Mauern. Der augenblickliche, sehr rege Meinungsaustausch über die ostjüdische Frage in der Presse aller Parteien beweist zur Genüge, welche Bedeutung dieser Frage zu Grunde liegt. Es herrscht heute noch völlige Unklarheit über die Abwickelung der politischen Ereignisse und des mit ihr zusammenhängenden Schicksals der Ostjuden. Aber mancher Skeptiker hat bereits ausgerufen: „Wer auch immer den Krieg gewinnen wird, die Juden werden ihn verlieren." Beruhigen wir uns nicht bei solchen Urteilen, erkennen wir vielmehr aus ihnen die Notwendigkeit, auch als Juden siegen zu müssen. Und dieses Bewußtsein wird uns die heilige Pflicht ans Herz binden, mit allem, was wir sind und haben, für das Judentum und seine Erlösung aus allen unwürdigen Fesseln einzutreten. Wer solchen Anteil an dem Weltkrieg hat wie wir Juden, der hat auch ein Recht, in seinen gerechten Forderungen gehört und betrachtet zu werden. Nur nicht in einer unangebrachten Bescheidenheit — von der Bismarck sagt, daß man pi der Politik „ohne ihr" weiterkommt — mit seinen gerechten Wünschen zurückhalten. Wer gibt, darf auch verlangen. , (B. J. V.) Die Schulfrage in Warschau. Polnische Blätter, veröffentlichen folgenden, die jüdische Schiilfrage in Warschau betreffenden, Bericht: „Auf die am 30. September v. J. seitens der jüdischen Gemeindevorstehung in Warschau der dortigen Deutschen Zivilverwaltung überreichte Eingabe betreffs Einführung des Polnischen als Vortragssprache in den jüdischen Schulen, ist der Gemeindevorstehung untern 14. Dezember v. J. folgende Antwort des Warschauer Polizeipräsidiums zugekommen: Der § 13 der Schulverordnung bestimmt, daß in den jüdischen Schulen Deutsch die Vortragssprache ist. In Anbetracht dessen, daß unter der jüdischen Bevölkerung des Okkupationsgebietes der lebhafteste Streit darüber herrscht, welche Sprache die Vortragssprache bilden soll, liegt kein Grund zur Abänderung jener Bestimmung vor. Dennoch kann zugegeben werden, daß eine gewisse Schicht unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung sich sprachlich und kulturell in bedeutendem Maße den Polen assimilierte Und daß von Seiten dieser Schichte Schulen mit polnischer Unterrichtssprache gewünscht worden. Um den Kindern derjenigen jüdischen Familien, bei denen zu Hause nicht Jargon, sondern polnisch gesprochen wird, den Unterricht in ihrer Muttersprache zu ermöglichen, und um übermäßig beschwerliche und sehr ernste Aenderungen in den Unterrjehtsplänen und im Lehrkörper zu vermeiden, .wird weiterhin der Gebrauch der polnischen ' Unterrichtssprache in denjenigen jüdischen Schulen Warschaus gestattet, in denen diese rjoch vor Verlautbarung der erwähnten Verordnung eingeführt war und die unsere Schulaüfsiehtsorgane hinsichtlich der Lehrkräfte als entsprechend anerkennen werden. Diese Schulen werden im Sinne der Verordnung als polnische Schulen betrachtet werden. Das Verlangen näch Volksschulen für die polnischsprechertdett^jüdischen .Kinder ist iec doch durch die scHön 'tiestehenden jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache in hohem Maße befriedigt, zumal die höhere jüdische Schicht die Kinder nicht in die Volksschule schickt. Andererseits mangelt es stark an jüdischen Schulen überhaupt. Die Schulverwaltung wird dafür sorgen, daß die städtische Verwaltung eine größere Anzahl jüdischer Schulen mit der Unterrichtssprache im Jargon, folglich in deutschem Dialekte, eröffne. Dies ist unumgänglich nötig, da die Muttersprache der Mehrheit der jüdischen Kinder der Jargon ist. Dadurch wird die Verwaltung die Wünsche der breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung berücksichtigt haben. Ueberdies will die Verwaltung während der Okkupationszeit das Schulwesen nicht einseitig, gemäß den Wünschen bloß eines Bruchteiles, regeln, um nicht dadurch bei der übrige» jüdischen Bevölkerung Empörung und Unzufriedenheit hervorzurufen. Auch muß während der Okkupation dem entgegengewirkt werden, daß in nationaler Hinsicht irgend eine Beeinflußung der jüdischen Bevölkerung, die zum größeren Teile sprachlich und kulturell nicht polnisch ist. ausgeübt werde. Daraus würde eine Quelle von Streitfragen entstehen, was während der Okkupation unbedingt verhütet werden muß. Uebrigens wird der Unterricht der polnischen Sprache auch in jenen Schulen eingeführt werden, in welchen der Jargon die Vortragssprache bildet, denn es gibt keine zweierlei Meinungen darüber, daß die jüdische Jugend die Landessprache erlernen soll." Ein historisches Ereignis. Am 4. Dezember v. J. erschien in der „Gazeta" (offizielles Organ der spanischen Regierung) ein königliches Dekret, durch welches der bekannte Orientalist Dr. Abraham S. Yahuda zum ordentlichen Professor für jüdisch-spanische Geschichte und Literatur an der Madrider Universität ernannt wurde. Die Ernennung Dr. Yahudas erfolgte, wie im erwähnten Dekret ausdrücklich hervorgehoben wird, auf einstimmigen Vorschlag des Oberrates im Ministerium für Volksaufklärung, der philosophischen Fakultät, der spanischen Akademie, deren Präsident der bekannte konservative Staatsmann und ehemalige Ministerpräsident Antonio Mauro ist, sowie der königlich spanischen Akademie für Geschichte. Obwohl in diesen vier staatlichen Fakultäten der Spitzen des spanischen Klerikalismus vertreten sind, wurde der Ernennung Dr. Yahudas keinerlei Hindernis in den Weg gelegt, was für den modernen Geist der Toleranz, der ganz besonders in akademischen Kreisen Spaniens sich Bahn zu brechen beginnt, sehr bezeichnend ist. Außergewöhnlich feierlich gestaltete sich die Einführung Dr. Yahudas als Ordinarius in die Madrider Universität, welche am 15. Dezember v. J. im Beisein der gesamten Fakultät stattfand und hei welcher Qelegenheit Dr. Yahuda Sollende hochinteressante Ansprache hielt: ..In diesem ihr mich so ieierlichen Augenblick, der einen neuen Markstein in meinem Leben bedeutet und eine neue Etappe in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit bezeichnet, ist es mir unmöglich, die volle Bedeutung dieses Ereignisses hervortreten zu lassen, noch die Tragweite zu bestimmen, die die Einsetzung der neuen Studien für die Geschichtsforschung sowohl als auch für die aktuellen Interessen Spaniens ha'jen dürfte. Ich beschränke mich demnach darauf, mt im Dank auszusprechen für die wohlwollende Aufnahm;, tftv mir von Seiten dieser Körperschaft zu Teil j;cvu,.dtm ist, und insonderheit für die aufrichtige Begeistc: uus-. die mehrere Freunde, wissenschaftliche Leuchten dieses Kollegiums, der Einrichtung meines Lehrstuhles entgegengebracht haben. In Wahrheit ist die Auszeichnung, die mir durch den Auftrag, diese Studien zu leiten, zugefallen ist, eine dermaßen hervorragende, daß sie mich wohl zu überschwänglichem Frohlocken hätte verleiten können, empfände ich nicht zugleich das volle Gewicht der großen Verantwortlichkeit, die mit jener schwierigen und äußerst delikaten Aufgabe verbunden ist. Indessen wird das Wohlwollen, dem ich in den vornehmsten Kulturzentren und wissenschaftlichen Kreisen Spaniens begegnet bin. mich dazu anspornen, die in meine bescheidene Wirksamkeit gesetzten Hoffnungen so viel als möglich zu rechtfertigen. Ich komme zu Ihnen, geehrte Kollegen, vom einzigen Verlangen beseelt, nach Maßgabe meiner Kräfte an der hier geleisteten wissenschaftlichen Arbeit teilzunehmen; ich habe keine andere Ambition als die zu arbeiten und keinen innigeren Wunsch, als die Achtung und Zuneigung von Kollegen und Schülern zu verdienen. Aber es gibt noch eine andere, sehr kraftvolle Triebfeder, durchaus moralischer Art, die mich anspornen muß, mich der nun zuteil gewordenen großen Auszeichnung würdig zu erweisen. Dieses ist die bestündige Vergegenwärtigung des würdigen Beispiels jener Männer meines Stammes, die in vergangenen Zeiten durch ihre hervorragenden wissenschaftlichen und kulturellen Arbeiten den Namen Spaniens mit Ruhm und Ehre bedeckten. Das Andenken jener ehrwürdigen großen Gestalten soll mir eine unaufhörliche Mahnung sein, alle meine Kräfte anzbspannen, um in ihrem Sinne ,.ratjtiej,fifltete awierfiiliem «ml; iso ihre* i Niia6i*-.«ire<>zu machen.' Der letzte jüdische Gelehrte, der von der hohen Warte einer spanischen Universität, der damals hochberühmten Universität Salamanca, seine Lehren erteilte, war einer der hervorragendsten Mathematiker und Nautologen des 15. Jahrhunderts in Spanien, der Freund und Berater des Christoph Columbus, Abraham Zacuto, dessen Arbeiten von so ausschlaggebender Bedeutung für die Entdeckung der neuen Welt gewesen sind. Und dieser große und charakterfeste Mann, der wie kein anderer das überaus traurige Los seines Volkes beweinte und der, um seinen Ueberzeugungen treu zu bleiben, den verlockendsten Anerbietungen die Verbannung vorzog, empfand keine größere Genugtuung und kannte keinen anderen Trost in den Bitternissen seiner schicksalsschweren Wanderungen, als das stolze Bewußtsein, sein ganzes arbeitsreiches Leben dem Fortschritt der Wissenschaft und der Wohlfahrt seines Vaterlandes gewidmet zu haben. Und jetzt, wo mir nach so langer Zeit die Ehre wird, ein ähnliches hohes Lehramt im Lande, wo meine Vorfahren früher gelebt haben, anzutreten, dem Land, das sie nie vergessen und an das sie stets mit Liebe und Wehmut zurückdachten, soll es für mich ein hohes Glück sein, wenn es mir vergönnt sein sollte, mit meinen geringen Verdiensten einer für mich so glorreichen Tradition gerecht zu werden und mich auf diese Weise allen denjenigen gegenüber dankbar zu erweisen, die es als der Würde eines freiheitlichen und fortschrittlichen Spaniens entsprechend erachtet haben, von neuem Beziehungen gegenseitiger Sympathien zu den Nachkommen ehemaliger Landesgenossen anzuknüpfen, indem sie die friedliche Stimme der Wissenschaft als den beredten Interpreten ihrer edlen Gesinnung erwählten und als günstigsten Versöhnungsort diesen geheiligten Tempel der Gelehrsamkeit ausersehen haben. Geehrte Kollegen! Seit meiner Kindheit wurde mir der Geist eines unserer alten Sprüche eingeprägt, der folgendermaßen lautet: „Die Ehre deines Schülers sei dir ebenso teuer, wie deine eigene Ehre, und die Achtung gegen deinen Kameraden sei ebenso groß, wie die Achtung gegen deinen Meister." Mit dem Vorsatze, auch dem Sinne diese* Spruches stets treu zu bleiben, habe ich die Ehre, das mit so großmütig anvertraute Lehramt anzutreten." Diese kurzen Ausführungen Dr. Yahudas machten auf die zahlreichen Anwesenden tiefen Eindruck und in den Erwiderungsreden des Rektors der Universität Conde y Luque und des Dekans der philosophischen Fakultät, Elias Torno, würdigten beide Herren mit warmen Worten den hervorragenden Anteil, den früher die Juden an Spaniens Kultur und Wissenschaft genommen haben, und betonten, daß die Aufnahme eines sefard sehen Israeliten als Ordinarius an der ersten Universität des Königreiches den besten Beweis dafür liefere, daß man jetzt in Spanien wieder so zu denken beginnt, wie in jenen Zeiten, wo alle Söhne des Vater-