Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 5 (3.2.1916)
- Date
- 1916-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Beirut 2× ep/1047833
- Narew 1× ep/2390983
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 5. stürzte er zusammen; Blut entquoll seinem Munde und in einigen Stunden war er tot. Unter furchtbaren Mißhandlungen mußten die schwachen, zu Schanzarbeiten nicht mehr genug kräftigen Leute von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends graben. Fortwährend wurden sie von den Kosaken geprügelt. Sie wurden nicht verköstigt, es wurden ihnen nur 50 Kopeken an Taglohn zugewiesen, von dem die Hälfte, manchmal auch der ganze nicht ausbezahlt wurde. Ich weiß bestimmt, daß in der ersten Zeit zehn Juden aus Sniatyn an Hunger starben. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. In Ulaszkowce kamen an einem Tage dreißig Vergewaltigungen an wehrlosen Frauen und Mädchen durch russische Soldaten vor, nachdem die Männer und die Eltern vorher aus den Häusern gewaltsam entfernt worden waren. Zweimal wurden kaum zwölfjährige jüdische Mädchen in Gegenwart ihrer Eltern von den russischen Soldaten genotzüchtigt. Bei der Eskorte der Juden wurden oft die Jüdinnen ihren Männern entrissen und in Gegenwart ihrer Männer von den Soldaten vergewaltigt. In Ulaszkowce wurden am 1. September eine Jüdin und ihre zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren von den russischen Soldaten mutwillig niedergestochen, um Offizieren und Kameraden ein Schauspiel zu bieten. Moses Tannenbaum." England und die großarabische Frage. Es war im Frühjahre 1913, gerade nach Beendigung des Balkankrieges, als ich gelegentlich eines Besuches in Palästina bei einem Freunde in Jerusalem mit einem hervorragenden Führer der großarabischen Bewegung zusammentraf. Diese Bewegung ging damals sehr hoch. Gerade zur Zeit meines Besuches in Palästina fand in Beirut ein großarabischer Kongreß statt, welcher die Forderungen nach einer arabischen Autonomie im Rahmen des türkischen Reiches aufstellte. Die nach dem Kriege geschwächte Türkei ließ zunächst die Bewegung gewähren. Als man jedoch in Konstantinopel zur Erkenntnis gelangte, daß die großarabisehfitv Piäne einenGeiahrifitp die..Integrität des türkischen Reiches bedeuten, kam der Befehl zu einem energischen Einschreiten. Der Kongreß in Beirut wurde gewaltsam gesprengt und mehrere Führer der großarabischen Bewegung verhaftet. Diese Ereignisse riefen damals in der ganzen arabischen Welt eine große Aufregung hervor und bildeten auch in Palästina das Tagesgespräch, da auch die palästinensischen Araber mit dieser Bewegung sympathisierten. Es war nur natürlich, daß ich die zufällige Begegnung mit einem Führer derselben dazu benützte, mich näher über die Beweggründe der Aktion und ihre Aussichten zu informieren. Mein Gewährsmann zeigte sich auch ziemlich gesprächig und machte kein Hehl daraus, daß die großarabische Bewegung eine Losreißung aller von arabischen Majoritäten bewohnten Gebiete der Türkei vom ottomanichen Reiche sowie die Bildung eines separaten arabischen Kalifats anstrebe. Äut die Frage, ob sich die Araber von ihrer Bewegung irgendwelchen Erfolg versprechen, erhielt ich zur Antwort: „Auf uns selbst angewiesen, wären wir kaum imstande, unser Ziel.zu erreichen, da selbst die nach dem Kriege gechwächte Türkei noch so viel Kraft besitzen dürfte, ihre Integrität zu schützen. Dies umso eher, als die Türkei nach der Verdrängung aus .Europa ihre Hauptaufmerksamkeit auf eine. Befestigung ihrer Position in Asien lenken Wird. Wir stützen uns jedoch auf England, das unseren Bestrebungen die weitgehendste Förderung zuteil werden läßt. Der englische Imperialismus strebt nämlich die Bildung eines großarabischen Staates an, dessen Grenzen sich von Aegypten bis zum persischen Meerbusen erstrecken und der England einen sicheren Landweg nach Indien gewähren soll, damit es nicht mehr die Bedrohung seitens Rußlands und'eventuell Deutschlands fürchten müßte." . „Gestützt auf diese englische Unterstützung, gehen wir zu, Werke" — sagte ferner der Araber. — „Wir wissen es wohl, daß England bloß seine eigenen Vorteile sucht und nicht im Geringsten unsere' nationalen Aspirationen fördern will. Aber unsshandelt es sich zunächst darum, alle arabischen Länder zu einem großen Ganzen zu vereinigen und in denselben mit Hilfe des englischen Kapitals einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen. Nachher, wenn wir nur einmal alle vereinigt und wirtschaftlich erstarkt sein werden, dürften wir schon Mittel und Wege finden, uns auch vom englischen Joche^zu befreien und die eigene vollständige Unabhängigkeit zu erlangen." Es ist charakterlich für die englische Politik, daß sie gerade damals die auf eine Losreißung von der Türjcei gerichteten großarabischen Bestrebungen unterstützte, während sie gleichzeitig der liirkei gegen Gewährung weitgehender Konzessionen die Integrität garantierte. Wer die englische doppelzüngige Politik näher kennt, dürfte sich darüber nicht wundern. Tatsache ist, daß die damaligen englischen Pläne ins Wasser gefallen sind. Die damals geschwächte . Türkei, an deren Fort- ^M^ÄfÄ schienen, hat sich .inzwischen derartig erholt und konsolidiert, daß sie dem vereinigten Anstürme der Engländer, Franzosen und Russen standhalten kann, die; ersteren von Gallip'oli verjagte, die letzteren im Kaukasus mit blutigen Köpfen heimschickte und eben dabei ist, die Engländer aus Mesopotamien zu verjagen und in Aegypten zü'r,bed'röhen. Mit der großarabischen Bewegung ist es inzwischen vollständig still geworden. Die Araber haben wohl den Glauben an die Fortexistenz des türkischen Reiches wiedergefunden und haben ihre angeblichen englischen Freunde ziemlich unsanft hinauskomplimentiert. Bedeutet die gartze Sache heute nichts mehr als eine abgeschlossene Episode, so verlohnt es sich dennoch, darauf zurückzukommen, da diese Angelegenheit auch gewisse Beziehungen zur Judenfrage hat. Die skrupeltosen Engländer, welche es verstanden haben, die Araber für ihre Bestrebungen dienstbar zu machen, haben auch die Juden als blindes Werkzeug dazu benützen wollen. Im letzten Dezennium geizte man in England gar nicht mit den diversen Angeboten, eine Ansiedlung großer jüdischer Volksmassen im Orient zu fördern. Merkwürdigerweise wurden die Juden immer auf Gebiete verwiesen, wo sie dem englischen Imperialismus die Wege ebnen könnten. Zunächst wurde der Plan einer jüdischen Kolonisation in El-Arish, auf der Halbinsel Sinai, vorgelegt. Als sich dessen Durchführung als unmöglich erwies, kam das Zangwill'sche Mesopotamien-Projekt zum Vorschein, das bis heute noch nicht von der Tagesordnung verschwunden ist. Man sieht, daß die Engländer immerhin gute Rechner sind. Sie wollten die Juden dort haben, wo sie ihren Bestrebungen förderlich sein könnten. Auf der Halbinsel Sinai, zwischen Aegypten und Palästina, in Mesopotamien zwischen Palästina und Indien, dort sollten mit englischer Hilfe und unter englischem Protekrorate jüdische Ansiedlungen gegründet werden, um dortselbst die englische Einflußsphäre auszubreiten und damit die Bildung des großen arabischen Reiches unter englischer Oberhoheit zu fördern. Daß die Engländer hiebei nicht das geringste Interesse für die Juden selbst hatten, ist daraus zu ersehen, daß sie beispielsweise in Palästina fortwährend den Haß der Araber gegen die jüdischen „Eindringlinge" geschürt und Vieles zur Vergiftung des jüdisch-arabischen Verhältnisses beigetragen haben. Um die Araber dem türkischen Reiche abspenstig zu machen, verbreiteten sie unter ihnen das Gerücht, daß die Türkei absichtlich die jüdische Kolonisation in Palästina begünstige, um die Araber zu verdrängen. Auf diese weise sollte das ganze arabische Volk ins englische Lager hineingedrängt werden. Dasselbe Spiel sollte sich nachher auch in Mesopotamien wiederholen. Man sieht, die Engländer sind nicht umsonst Verbündete Rußlands geworden. Das „Divide et impera" wird in London wie in Petersburg gleichmäßig in Anwendung gebracht. Wie bereits bemerkt, ist aus-allen diesen Plänen nichts geworden. Der Traum eines großarabisctreti 'Reiches' und-' etoe$H arabische«; Kalifats unter englischem Protektorate ist gänzlich verflogen und die Engländer wären froh, wenn ihnen heute jemand die Integrität ihrer bisherigen Besitzungen garantieren könnte. Wenn die Sache hier ausführlicher behandelt wird, geschieht es zu dem Zwecke, um den Beweis zu erbringen, welche Absichten England mit seiner angeblichen Förderung einer jüdischen Ansiedelung in El-Arish oder Mesopotamien verfolgte und wie wenig man in dieser Beziehung dem perfiden Albion trauen darf. Auch die angebliche englische Versicherung, nach einer eventuellen Eroberung Palästinas dortselbst die jüdische Kolonisation zu begünstigen, muß, bei Lichte besehen, mit großem Skeptizismus aufgenommen werden. England hat nie altruistische Politik gemacht. Seinem Egois- Der Frei/kauf. Kriegskizze von Max Eck-Troll, im Felde. Wild, bestialisch, ohne jegliche Ueberlegung hatten die Kosaken und die übrigen russischen Regimenter auf ihrem Rückzug über die Narewlinie gehaust. Auf ihrem Fuhrpark führten sie neben Munition und Verpflegungsmitteln für die Truppen: Petroleum und Benzin als Kamplmittel mit sich. Zum Feuermachen! Zum Anzünden der polnischen Gehöfte, Dörfer und Städte. In der Wut der Ohnmacht gegenüber einem überlegenen Feinde wollten sie den Deutschen nur ein verwüstetes Land zurücklassen. Und zur Wut kam die Freude des pathologischen Brandstifters. Daher gössen sie von ihren reichlich mitgeführten Petroleumvorräten in die Strohvorräte der Polen, die noch vor wenig W ochen der Zar in einem Ukas als seine Lieblinge bezeichnet hatte. Ein Feueriunke, ein Streichholz an die von der Sommersonne ausgetrockneten Holzwände und Strohdächer polnischer Bauernhäuser, und schon züngelten gewaltige rote Feuergarben gegen den Himmel, die Nacht taghell erleuchtend. Die brennenden Dörfer waren Wegweiser für die vorrückenden deutschen Truppen. Die Flammenmeere zeigten die Straße an, die der fliehende Russe zur Flucht gewählt hatte. Von den russischen Narewfestungen, die ich gesehen, hatten unter dieser verbrecherischen Brandstiftermanie Roszan, Makow und Pultusk am meisten gelitten. Aber auch auf ihrem weiteren Rückzug hat die russsische Armee eingeäschert, was sie einäschern konnte. Czyzer wurde bis auf die katholische Kirche und einige Häuser um die Kirche herum ein Opfer russischer Brandgier. Nur eine Stadt zwisöhen Narew und Bug hat der Russe geschont: Ostrow. Auch nicht ein Haus war hier niedergebrannt, Das war mir neu. Ich fragte daher, als ich mit Requisitionen in Ostrow beschäftigt war, 'einen alten Juden nach dem Grund dieser auffälligen ' Milde des russischen Brandstifters. Wir hatten in Ostro-*'- russische Zigaretten, Tee und Weißbrot für unsere Truppen beschlagnahmt und ich war gerade dabei, dem alten polnischen Juden für geliefertes Brot in bar auszuzahlen. Auf mein Befragen 'atnwortete er mir in unverfälschtem Jargon: „Wie der russische Kommandant sich hot gemerkt, daß die Deitschen kimmen, hat er auch wollen Feier legen an die Stadt. Das is sich gegangen einige Leit zum Kommahdant und hoben sich gefrogt: „Geliebter Kommandant! Was kosts sich, wenn unsere scheene Stadt sich wird nix abgebrennt?" Hat er gesagt: 10.000 Rubel in Gold. Hoben gehandelt umä gehandelt mit ihm und sind wir herunter gekimmen ,auf 8000 Rubel. Sind wir gegangen •'von Haus zu Haus, haben geholt die scheenen guten'Rubel in Gold und hoben gebracht das scheene gute Geld dem Kommandant. Hot er geschmunzelt, hot er! eingestrichen, hot genummen das scheene Geld und hot stehen gelost unsere Heiser. Geliebter Herr! Haben wir nicht recht gehabt? Auch. ich armer Mann hob gegeben viel scheene runde gildene Rubel an Kommandant. Viele, scheene, gildene Rubel! Aber hob ich wenigstens noch mein Häus. Geliebter Herr! Is es sich nix besser, wir hoben bezahlt und hoben unser Häus, als hoben nix gezahlt und sich is abgebrannt Ostrow?" Ich konnte dem Juden in seinem grauschwarzen Kaftan und dem kleinen Schildkäppl nicht Unrecht geben. Aber ich konnte nicht umhin, einzuwenden, daß der Kommandant sicherlich schwer bestraft werden würde, wenn dieser unlautere Handel der russischen Regierung zu Ohren kommen würde. „Oh, geliebter Herr," wandte mein Gegenüber ein, „kennen Sie Rußland schlecht. Is sich bei russische Kommandant Krieg Geschäft. Für alle russische Kommandanten Geschäft. Und kann Rußland alle Kommandanten einsperren, die Geld nemmen?" Mein Jude von Ostrow fertigte eine eventuelle Bejahung dieser Frage im voraus mit einem so überlegenen Lächeln ab, daß ich keinen Einwand zu machen wagte. Und mit einem „Güten Tag, geliebter Herr," verschwand der Alte aus meinem Quartier, das ich in einer sauberen, gut eingerichteten, nunmehr verlassenen Wohnung eines russischen Offiziers in der Nähe der Ostrower Artilleriekaserne genommen hatte. Mein Bursche brachte mir gerade den brodelnden Samowar auf den Tisch und beim Qualm einer guten russischen Zigarette trieb ich russische Offiziers-Algebra — — stellte Berechnungen über die guten Einkaufsmöglichkeiten eines höheren russischen Offiziers an und kam zu dem Schluß, daß ein „Genie", wie der gewesene Kommandant von Ostrow, es sehr weit bringen kann. Finanziell! Die Juden und die übrige Bevölkerung von Ostrow können aber von Glück sagen, daß es in Rußland auch in Kriegszeit noch so etwas gibt, das man in Deutschland mit dem Wörtchen „Korruption" bezeichnet. Und schließlich ist der gewesene Kommandant von Ostrow doch noch das, was man als „ä anständiger Mensch" bezeichnet. Er hätte ja die 8000 Rubel nehmen und nach Empfang die Stadt doch noch mit Petroleum übergießen und anstecken lassen können. Daß er es nicht getan, daß er sein „geschäftliches Ehrenwort" getreulich gehalten, war das nicht nett vom gewesenen Kommandanten von Ostrow? (H. I. F.)