Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 5 (3.2.1916)
- Date
- 1916-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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[Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. 1If__i___2J1.4 ________! Redaktion und Administration: Wochenblatt für jüdische Interessen. wien, vi«. ai»»»**» 7. Redakteur: Jonas Kreppet.! Erscheint jedeTDonnerstag Mi*- 5. Wien, 3. Februar 1916. 2. Jahrgang Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit «Mar Quellenangabe gestattet Der Niedergang des Radikallsmus. Eine der vielen Umwälzungen, die der große Weltkrieg mit sich gebracht hat, ist eine Entwertung des Radikalismus. Während in fast allen Staaten vor Kriegsausbruch das radikale Schlagwort sich der größten Popularität erfreute un£ diejenigen, die sich im Radikalismus überbieten konnten, am leichtesten auf die Gefolgschaft der breiten Volksmassen rechnen dürften, während im Allgemeinen nur derjenige als Volksfreund gegolten hatte, der sich oppositionell gebärdete und einen rücksichtslosen Kampf gegen alles Bestehende proklamierte — so ist diese Erscheinung jetzt vollständig verschwunden und selbst in denjenigen Ländern, wo der nationale Chauvinismus nicht künstlich angefacht wurde, hat die gemäßigte Politik die Oberhand gewonnen. Wir sehen dies in allen kriegführenden Staaten, besonders aber in Oesterreich-Ungarn. Konnte man früher einen Politiker nicht besser bekämpfen, als wenn man ihn als „Regierungsknecht", als „schwarz-gelb", als „k. k." verschrie, so ist heute davon nicht mehr zu hören. Wir sind alle „schwarz-gelb" geworden, und betrachten dies als Ehrentitel. Staat und Volk sind heute synonyme Begriffe. Der früher künstlich geltend gemachte Unterschied zwischen Staats- und Volksnotwendigkciten ist gänzlich verschwunden. Man weiß es heute in allen Kreisen, daß diese beiden Begriffe sich nur gegenseitig ergänzen und daß man dem Sfa»atftpfttenw.»das reinige gebe« muß, wie -die- Völker auf die Berücksichtigung ihrer Lebensinteressen Anspruch haben. Die Staatsidee lebte wieder auf und gar manche Schlagworte, die früher so viel Staub aufzuwirbeln pflegten, sind gegenwärtig ganz außer Kurs gekommen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß dieser Zustand vornehmlich infolge der Preßzensur und der beschränkten politischen Betätigung hervorgerufen wurde. Jeder, der die Verhältnisse näher kennt, ist davon überzeugt, daß es sich hiebei um eine ideelle Wandlung handelt, welche, auf die Kriegsereignisse basierend, auch in der Periode nach dem Kriege sich vielfach geltend machen werde. Die großen Gefahren, von welchen das Vaterland bei Kriegsbeginn und in den ersten Kriegsinonaten bedroht war, haben uns alle den Wert desselben und dessen Bedeutung für alle Völker erst recht einzuschätzen gelehrt und diese Lehren werden auch späterhin beherzigt werden müssen. In diesem Sinne sind auch die Ralliierungen der diversen nationalen Gruppen zu verstehen, deren Zeugen wir gegenwärtig sind. Sowohl im polnischen Lager, wie im tschechischen und im deutschen ist die Erscheinung zu konstatieren, daß die radikalen, ja selbst die extremsten Elemente Wasser in ihren Wein gießen und eine Schwenkung nach rechts vornehmen. Die gemäßigte Politik ist heute Trumpf und sie dürfte es auch in der Zeit nach dem Kriege bleiben. Der Niedergang des Radikalismus ist eine Tatsache, die niemand ableugnen kann. Auch im jüdischen Lager ist eine ähnliche Erscheinung zu konstatieren. Keine Volksgruppe war seit jeher empfänglicher für radikale Schlagworte, wie die Juden, und zwar geschah dies nicht etwa aus angeborenem Hang zum Extremen, wie gar manche unserer Feinde zu behaupten pflegen, sondern deswegen, weil die im Allgemeinen unter verschiedenen Beschränkungen und Vorurteilen leidenden Juden in einem Ueberhandnehmen der extrem-freiheitlichen Strömungen einen Hoffnungsstrahl für sich erblickten. Allgemein bekannt dürfte ja der Ausspruch des Krakauer Rabbiners Meiseis, Mitgliedes des Kremsierer Reichsrates, sein, der auf die Frage einer hochgestellten Persönlichkeit, warum sich die Juden den Links-Parteien angeschlossen haben, schlagfertig erwiderte: „Weil sie keine Rechte haben." Da die radikalen Parteien im Allgemeinen mit den Schlagworten von Freiheit und Gleichheit operierten, so konnten sie umso eher unter den breiten jüdischen Volksmassen Anhang finden, als gerade diese am schmerzlichsten den Mangel an Freiheit und Gleichheit empfinden mußten. Deswegen auch waren die Juden Pioniere aller sog. liberal-demokratischen Strömungen, deshalb standen die Juden an der Spitze fast aller Umwälzungsbewegungen und deswegen gaben sie allzu oft Fülirer für gewisse Strömungen ab, die sonst mit der jüdischen Ideologie nichts gemein hatten. Judentum und Demokratie galten sozusagen als selbstverständliche Verbündete, als Zwillingsbrüder, die Leid und Freud' mit einander zu teilen haben. Der Kriegsverlauf hat in dieser Hinsicht eine Wandlung herbeigeführt Hat nun einmal das radikale Schlagwort vieles von seinem Marktkurse eingebüßt, haben andererseits auch alle ernsten, konservativen Kreise ihre Haltung zur Judenfrage einer Revision unterzogen, so steht dem nichts mehr in Wege, daß die von Natur aus konservativen Juden sich von jedem Radikalismus lossagen und dort, wo dies möglich ist, Anschluß an die gemäßigten Strömungen suchen. Im Deutschen Reiche machen sich derartige Bestrebungen unter den dortigen Juden ziemlich intensiv geltend und es wird offen von einem Anschlüsse der Juden an die gemäßigt-konservativen Parteien gesprochen. Ohne hier die Rationalität derartiger Bestrebungen und ihre praktische Durchführbarkeit näher untersuchen zu wollen, registrieren wir diese Erscheinungen als ein Zeichen der Zeit. -..^JjLWXWl^e „ay&fa ,i>eU tws in Oewerceick.-, sich derartige Bestrebungen geltend machen werden, ist vorläufig schwer vorauszusagen. Es hängt dies viel von der Haltung unserer gemäßigt-politischen Kreise ab. Werden diese ihre Stellung zur Judenfrage ebenso revidieren, wie es in Deutschland der Fall ist, wird man auch bei uns zur Erkenntnis gelangen, daß der Antisemitismus kein Allheilmittel ist. daß der Jude, wie die Kriegsereignisse gezeigt haben, seine Bürgerpflichten voll und ganz erfüllt und infolgedessen vollstes Anrecht auf gleiche Behandlung mit allen anderen Bevölkerungskreisen hat, so wird auch bei uns höchstwahrscheinlich das radikale Schlagwort unter den jüdischen Volksmassen seine Zugkraft verlieren und die jüdischen Volksmassen werden nicht mehr jedem extremen Neuerungs-Apostel die Steigbügel halten. Wir wollen hoffen, daß dieser Zustand eintreten wird, ohne allerdings einem Anschlüsse der Juden an gewisse konservative Parteien irgendwie das Wort zu reden. In einer anderen Hinsicht scheint jedoch der Krieg im jüdischen Lager selbst keine Umwälzung herbeigeführt zu haben. Unsere jüdisch-radikalen Elemente wollen von ihrem Standpunkte nicht abgehen und setzen den Kampf gegen die gemäßigten Elemente, ungeachtet des allgemein proklamierten und gewahrten Burgfriedens, fort. Man wundert sich allgemein über die Erscheinung, daß während unter allen anderen österreichischen Volksgruppen eine Ralliierung aller oder wenigstens der wichtigsten Parteien vor sich geht, ist die österreichische Judenschaft weiterhin in Parteien und Parteilein gespalten, obwohl gerade ihr die Einheit sehr nottut. Die Erklärung hiefür liegt aber darin, daß während bei den anderen Volksgruppen die radikalen Elemente sozusagen eine Schwenkung nach rechts vorgenommen haben, unsere Extremen verlangen, daß die Gemäßigten eine Schwenkung nach links vornehmen sollen. Wohl haben sie nicht mehr den Mut, wie in den guten, alten Vor- Kriegszeiten das Schwimmen im oppositionellen Fahrwasser als einzige Richtlinie der jüdischen Politik zu empfehlen. Wohl dürfte es sich nicht mehr wiederholen, daß ein zionistischer Abgeordneter seine parlamentarischen Rechenschaftsberichte darauf basierte, daß er und 'seine! Gesinnungsgenossen unentwegte Oppositionisten sind und damit am Besten die Interessen ihrer Wähler vertreten. Aber im innerjüdischen Lager wird auch weiterhin der Radikalismus gepredigt und wollen noch weiterhin diejenigen als die patentierten Volkstribunen gelten, die den Kampf gegen die gemäßigten Elemente predigen. Sie proklamieren wohl die Notwendigkeit eines einheitlichen Vorgehens, aber in dem Sinne, daß diese gemäßigten Kreise in ihr Lager übergehen und zu ihrer Parteifahne schwören sollten. Da dies undurchführbahr und auch nicht empfehlenswert ist, so kann es eben zu der so notwendigen Ralliierung nicht kommen. Wir wollen jedoch hoffen, daß auch im jüdischen Lager ein Niedergang des Radikalismus eintreten und daß die österreichische Judenschaft in der Lage sein wird, nach Außen und im eigenen Lager eine ihren Interessen entsprechende, gemäßigte Politik zu verfolgen und zu betreiben. Spectator. Russische Greuellaien in Galizien. Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Aus der reichen Sammlung amtlicher Belege über die russischen Schandtaten in Galizien und in der Bukowina sei die folgende protokollarische Aussage eines städtischen Beamten als besonders charakteristisch wiedergegeben : Moses Tannenbaum, Stadtsekretär in Kotzman, gab über die Behandlung der von den Russen nach Nordostgalizien verschleppten jüdischen Bewohner folgendes zu Protokoll: „Ich bin am 15. Februar um l Uhr morgens von russischen Gendarmen aus dem Bette geholt und gebracht worden. Ich und meine Schicksalsgenossen wurden auf dem Wege von den eskortierenden Soldaten schwer mißhandelt. In Zaleszczyki wurden sechzig Personen in einen nur wenige Quadratmeter fassenden Arrest gesteckt, wo wir, wie die Heringe zusammengedrängt, die ganze Nacht bleiben mußten, um am nächsten Tag weiter nach Nordostgalizien gebracht zu werden. Dort blieb ich ungefähr drei Viertel Jahre und habe mit eigenen Augen gesehen, welche Schandtaten die Russen an meinen Glaubensgenossen begangen haben. Nur die schrecklichsten Greuel will ich hier erwähnen. Am 17. April wurden in der Nacht in Zaleszczyki sämtliche fünftausend Juden, Jüdinnen und ihre Kinder zusammengetrieben und aus Zaleszczyki ausgewiesen. Sie wurden unter Eskorte in der Nacht in der Richtung nach Tluste getrieben. Die Kosaken, welche die traurige Schar eskortierten, schlugen die Greise, welche nicht rasch genug gehen konnten, blutig. Oft stachen auch die Kosaken in die Menge, wenn sie sich nicht rasch genug fortbewegte. Selbst die kleinen Kinder und Frauen wurden von den Nagaikahieben nicht verschont. In 14 Stunden wurden so von schwachen Greisen, schwangeren Frauen und kleinen Kindern und den andern vierzig Kilometer zurückgelegt. Ein Teil der armen Geschöpfe blieb vor Hunger und Durst entkräftet liegen. In diesem Zuge befand auch ich mich. Ich habe es miterlebt, wie im Monat Juli in Ulaskowce, Jezierzany, Jagielnica, Tluste und Czortkow. wo die mitgeschleppten Juden aus Zaleszczyki und Skia in Buden, Scheunen und Stallungen wohnten, die Cholera wütete. Infolge des Hungers, der Kälte, der gänzlich unhvgienischen Wohnungen und der sonstigen schlechten Verhältnisse, unter denen diese Juden lebten, andererseits infolge des Mangels jeder sanitären Maßnahme von Seiten der Russen gingen in ganz kurzer Zeit mehr als tausend Juden an dieser Krankheit zugrunde. Die Kinder der an der Cholera verstorbenen Eltern walzten sich zu Dutzenden im Staub der Straßen und bettelten um Brot. Die vorbeiziehenden russischen Offiziere und Soldaten schlugen diese Kinder blutig. Die überlebenden Juden wurden von den Russen zu Schanzarbeiten am Sercth gezwungen. Selbst die Schwerkranken wurden dazu genötigt. So war ich im Monate August Zeuge, wie zwei russische Soldaten einen krebskranken Juden aus dem Bett holten und ihn zu den Schanzarbeiten schleppten. Auf dem Wege