Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 4 (27.1.1916)
- Date
- 1916-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 4. dernisse entgegen. Vor allem die große Zahl der Juden, deren voller Eintritt in alle Gebiete des öffentlichen Lebens eine für die Bevölkerung Kongreß-Polens ungewohnte Erscheinung bilden wird. An der Bewältigung dieser Schwierigkeiten müssen die Juden selbst redlich mitarbeiten und da wäre wieder die Idee irgendeiner Sonderstellung das unrichtigste Mittel. In diesem Sinne müßte auch die öffentliche Meinung Zentraleuropas jedwede Störung vermeiden. Die Jüdischen Deputierten der neuen griechischen Kammer. Aus Saloniki wird geschrieben: Bei den jüngsten Wahlen zur griechischen Kammer haben die Juden Griechenlands überall die Gunaris-Kandidaten eifrig unterstützt und auch vielfach zu ihren Siege verholfen. Wie bekannt, vertritt die Gunaris-Partei den Standpunkt, daß Griechenland sich gegen die Entente wenden, und Anschluß an die Zentrahnächte suchen soll, was dem Standpunkte der griechischen Judenschaf! voll und ganz entspricht. Bei den Wahlen haben auch fünf Juden Mandate zur Kammer erhalten. An erster Stelle unter den fünf gewählten jüdischen Deputierten steht Dr. Maurice Coftinas. früherer Deputierter. Dr. Coffinas, ein sehr angesehener Arzt in Volo, hat in edler Weise sein Können in den Dienst der vom Glücke Enterbten gestellt. Er hat in Volo ein Hospital für Arbeiterfrauen und ein Asyl für Arme Kinder gegründet. Dr. Coffinas hat unermüdlich während der I »auer seiner Kainmertätigkeit für die Konsolidierung der jüdischen Gemeinschaft und die Zusicherung gewisser Privilegien der jüdischen Wohltätigkeitsvereine Salonikis gearbeitet. Herr Haimoki Cohen, ebenfalls früherer Deputierte, ist ein ausgezeichneter Jude. Er ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Altgriechenlands; er hat schon öfter den großen Einfluß, dessen er sich in Athen erfreut, zugunsten seiner Stammesgenossen geltend gemacht. Man macht sich von der Achtung, die er in Altgriechenlünd.genießt, ein Bild, wenn man weiß, daß der König oft sein Gast in Trikola war. Herr Leon Gattegno, Mitglied des jüdischen Gemeinderates Tin Saloniki, interessierte sich stets für Gemeindeangelegenheiteu und besonders für die Unterrichtsfragen. Herr Peppo Maliah, früherer Deputierter, hat in der letzten Kammersession eine sehr lebhafte und fruchtbare Tätigkeit entwickelt; er tata stets sein Bestes, um den Interessen des Vaterlandes und seiner Stammesgenossen zu dienen. Herr Maiiah verstand es, sich in kurzer Zeit die Achtung der Regierungskreise zu erwerben und wurde in einem Zeitraum von wenigen Monaten ein einflußreiches Mitglied der nationalen Gunarispartei. Herr Salomon Meir ist eine neue Erscheinung. Er ist einer der Leiter des Bankhauses Baruch und Salomon Levy in Volo und hat die Leitung des Hauses Salomon Meir in Trikola inne. Er ist edeldenkend und tätig. Kürzlich machte er der jüdischen Gemeinde ein Geschenk von 10.000 Frcs. Herr Meir trägt sich mit der Absicht, in Athen ein Bureau zu gründen, das eine Art Filiale der jüdischen Gemeinde Salonikis sein soll. Dieses Bureau soll alle Reklamationen prüfen, die man ihm übergeben wird. Ein Mitglied der Fordschen Friedensexpedilion über die russischen?Juden. Ein Mitarbeiter der Stockholmer „Dagens Nyheter" hatte mit einem amerikanischen Journalisten, der mit Fords Friedensexpedition in Stockholm eintraf, und der selbst Mitarbeiter von in New York erscheinenden russischen und jüdischen Zeitungen ist, eine Unterredung über die jüdische Frage. Der Amerikaner sagte u. a.: Was wir für die europäischen Juden tun werden, ist noch nicht genau bestimmt. Es ist dabei viel zu tun. In Polen, Rußland und Galizien ist das Elend groß. Was der Krieg nicht vernichtet hat, haben Deportationen und andere; Zwangsmaßnahmen vollendet. Schlecht waren | die Verhältnisse schon früher, jetzt aber gar i nicht zu beschreiben; wie allerdings die Sache '• für die heim- und rechtlosen Juden geregelt werden wird, darüber sind die Meinungen verschieden. Die Zionisten hoffen auf politischer Grundlage ihrer Idee, die Erschließung Palästinas für Millionen Israeliten zu erlangen, den Sieg zu verschaffen. Wir anderen denken mehr daran, wie wir der augenblicklichen Not abhelfen und eine Besserung in der rechtlichen Stellung der Juden herbeiführen können. In dieser Beziehung hegen wir gute Hoff-! Hung. England hat versprochen (?), Rußland zu beeinflussen, eine vernünftigere und gerechtere Judenpolitik zu führen. Die Vereinigten Staaten Amerikas stehen noch immer auf ihrem alten Standpunkt: Kein Handelstraktat mit Rußland, bevor dessen Judenfrage in humaner und vernünftiger Richtung gelöst ist. Es sind viele Kräfte in der letzten Zeit in Bewegung gewesen, um ein Handelsabkommen zwischen Rußland und Amerika herbeizuführen, aber die For- Feuilleton. Neben dem Krieg . . . von Doris W ittner. Die kleine Lea lief. Sie war nur ein kleines Judenmädehen und wuBte nichts von der Weltgeschichte. Aber daß man ihren Vater, den frommen und gelehrten Moses-ben-lzchok, mit Knüppeln und larigschw änzigen Knuten zu Tode geschlagen hatte, wußte sie. Und auch das wußte sie. daB ihrer Mutter, der stillen und gütigen Frau Tüuhchen, der schönsten Frau der Gemeinde, ein großes, unverständliches Leid geschehen sein mußte, als sie. von derben Pausten niedergeworfen, dalag und die Gewalt der fremden, roll lachenden Männer über ihr war. Denn die Mutter hatte röchelnd, verzerrten Angesichts, unier Pein und Peinigern, immer nur die gleichen Worte wiederholt: „Flieh, Lealeben, flieh, und nimm den kleinen Simche mit! Flieh, Lealeben, mein Kind, flieh, so schnell als du nur kannst!" — Und da Lea. die jüdische Tochter, gewohnt war, jedes Gebot der Eltern in Buchstabentreue zu erfüllen, hatte sie Simche, den Säugling, aus seinem Bettchen gerissen und war mit ihm zur Türe hinaus gehetzt. Und die fremden schrecklichen Männer ließen die Tochter entweichen, weil sie zu sehr mit der Mutter beschäftigt waren. Draußen aber, in den rauchenden, von Brand und Plünderung heimgesuchten Dorf, durch das Lea. das Brüderchen im Arm. eilenden Fußes dahinflog, treu der W eisung der Mutter, mußte sie an einem triefäugigen, vergnüglieh zähnebleckenden Kosaken vorbei, der abscheulich nach Branntwein roch. — Ein vierschrötiger, handfester Geselle, dieser Kosak! Er kam aus den Steppen vom Don und war gewöhnt, seinen durchaus urwüchsigen Neigungen zu leben. Ein humorvoller Bursch und zudem gerade in vortrefflicher Stimmung! — Als das kleine Judenmädcheu mit dem Säugling im Arm an ihm vorüberjagte, wandelte den wohlgebauten Mann das unwiderstehliche Gelüst an. besagten Säugling mit flottem Stich auf sein Bajonett zu spießen. Ein kapitaler Spaß, wie er den Wurm da vom Arm des Mädchens herunterholte und nun auf seinem Lanzenschaft zappeln sah! — ja ... er war ein Hauptkerl, dieser Donsche Steppenreiter; und schließlich, einen Zeitvertreib mußte der Mensch doch haben. Wozu hatte der Hetman ihn auch auf diesen langweiligen W achtposten gestellt, während er. der Hetman selbst, und die Kameraden sich in den Judenhäusern gütlich taten mit Raul) und Schändung und Brandschatzung! Eigentlich hätte er sich das kleine flinke Judenmädel auch noch langen sollen — war vielleicht gar kein übler Bissen - aber in den üiiedern des Mädchens wohnte die Hurtigkeit der Gazelle, und als sie unter dumpfem Wehschrei den kleinen Simche hatte auf der Spitze des blitzenden Bajonetts durch die Lüfte fahren sehen, war sie wie wild davongestoben in dem Gedanken, das Gebot der Mutter, wenn auch nur noch unvollkommen, erfüllen zu müssen. Und also hatte der humorvolle Steppenreiter vom Don das Nachsehen gehabt. Nein, von der W eltgeschichte w ußte die kleine Lea, Tochter eines erschlagenen Vaters, einer geschändeten Mutter und Schwester eines ermordeten Brüderchens, nichts. Nichts auch von den harten Forderungen des Weltkriegs. - Das Entsetze* aber findet seinen Platz selbst in den Augen eines zehnjährigen Judenmädchens. Und es trat in die Augen der kleinen Lea. um nie wieder daraus zu weichen. , Lea lief, und lief auf der großen Straße, die gegen Westen führte. Der zähe Kot suchte ihre Füße zu fesseln. Vergebens. Grimmiger Hunger trachtete ihren Magen und ihre Geduld zu höhlen. Vergebens. Lea lief. Das fünfte Gebot brannte in ihrer Seele. Sie hatte den Willen der Mutter zu ehren. Sie war ein jüdisches Kind. Schreie hallten hinter ihr her: „Judenmädel, Judenmädel!" — Wüste Schimpfworte gellten hinter ihr drein. Rauhe Flüche folgten ihrer Spur. Vergebens. Lea lief. Die große Straße, die gegen Westen führte. Und plötzlich sah sie sich in einer großen, strahlenden Stadt. Menschen, Lärm, Schönheit, Reichtum! Lea wußte nicht, daß sie sich in Warschau, dem feurigen Herzen Polens, befand. Aber sie merkte, daß sie jählings aufgegriffen und in einenüchterne Amtsstube gebracht ward. Dort waren große blonde Männer mit blauen Augen, die zu einander in fremder Sprache redeten. Einer der großen blonden Männer mit den blauen Augen redete zu dem kleinen Judenmädchen in des kleiderungen Amerikas sind nicht zu erschüttern. Weiter hat Präsident Wilson mit der größten Deutlichkeit sich verpflichtet, beim Friedensschluß seinen ganzen Einfluß in die Wagschale zu werten, um bei der Umorganisation Europas, die durch den Krieg erfolgen wird, auch den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen, damit die großen, schreienden Ungerechtigkeiten in der Behandlung der Juden in Rußland und Rumänien beseitigt werden. Zur Abhilfe der augenblicklichen Not der vom Krieg betroffenen Juden in Europa hofft man in den Vereinigten Staaten durch Sammlung der dort ansässigen Juden fünf Millionen Donar zusammenzubringen. Die Sammlung begegnet keinen größeren Schwierigkeiten. Als ich iNew York am 4. Dezember verließ, waren bereits 3 Millionen gezeichnet. Jacob Schiff hat aliein eine Million Dollar gegeben. Nathan Strauß oOü.Oüü Dollar, Jacob Strauß ebensoviel. Guggenheim 200.000, der Bankier Seligmann 200.000 und die Bankiers Kühn, Lob u. Co. .-500.000 Dollar. Was seitdem gezeichnet worden ist, weiß ich nicht, aber es wird nicht weniger sein. ,» Im Frühjahr wird in den Vereinigteslätaa-" ten ein großer jüdischer Kongreß tagen, auf dem die Disposition der eingegangenen Geldmittel und andere praktische Maßnahmen diskutiert werden sollen. Was später geschehen wird, ist noch ungewiß. Aber was auch geschehen mag, die amerikanischen Juden werden ihre europäischen Glaubensgenossen nicht verlassen. OeslerreicKiscJtv-ung arische Kriegsausstellung Wien 1916- Umer dem Protektorate des Kriegsministers Frei. herrn v. Krobatin hat sich ein Komitee zusammengefunden, dem es gelungen ist, die Vorarbeiten für ein großzügiges patriotisches Werk zum Abschluß zu bringen: die Veranstaltung einer Kriegsausstellung in Wien. Es mag im ersten Augenblick vielleicht einigermaßen überraschend anmuten, daß die Wahl just auf das heurige Kriegsjahr fiel, aber eine ruhige Würdigung der Beweggründe, die iiir du; Urheber des Projekts maßgebend w aren, sowie die Tatsache des gleichzeitigen Stattfindens gleicher Veranstaltungen in Berlin und im feindlichen Ausland wird die Oefientlichkeit davon überzeugen, daß der Plan mit weiser Bedacbtnahme auf die gerade gegenwärtig herrschenden Verhältnisse gefaßt wurde, abgesehen von seiner hervorragenden volkswirtschaftlichen Bedeutung, vor allem darauf angelegt erscheint, unseren Feinden m augenfälliger Weise darzutun, daß das Hinterland auf Grund der epochalen Watfenertolge unserer unvergleichlichen Armeen von der felsenfesten und unerschütterlichsten Zuversicht auf einen glorreichen Endsieg durchdrungen ist. Die Kriegsausstellung soll eine machtvolle Anwort der Monarchie an das feindliche Ausnen Judenmädchens Sprache. Redete gütig, eindringlich. Aber aus den schwarzen Flackeraugen des Kindes züngelte ihm nur kalter Haß entgegen. Ein Tag hatte die zehnjährige Lea gelehrt, in jedem Menschen den Feind zu sehen. „Bist du Russin, Kind? — Oder Polin? — Sprich!" Schmale Schultern hoben sich einen Pulsschlag hindurch. Magere Arme sanken müde, wie in ganz großer Gleichgültigkeit, an dem dürftigen Körperchen herab. „Jüdin bin ich." Gläsern, geborsten schwang das Sümmchen im Raum. Und es war den großen blonden Männern mit den blauen Augen, als hätte dieses Stimmchen gesprochen: „Heimatlos bin ich." Man brachte das hergelaufene jüdische Kind bei jüdischen Leuten unter, wo es Dienst tun und dafür gekleidet und genährt, kurzum erhalten werden sollte. Schweigend tat Lea den Dienst. Schweigend weigerte sie die Nahrung. Vergeblich war Zuspruch in Milde und Härte. Mund und Herz des kleinen Judenmädchens blieben verschlossen. — Ein seltsamer Gedanke hatte sich in des Kindes Seele eingewühlt. Hatte von ihr Besitz ergriffen. Die Mutter, die stille, schöne, gütige Mutter, über der Lea in letzter Stunde Gram und Schmach und Gewalt gesehen, hatte befohlen: „Flieh!" — Aber sie hatte nicht befohlen: „Bleib' leben!" — Leas Vorväter alle hatten für und für die heiligen Schriften erforscht, hatten ihre Köpfe am Talmud geschärft und hatten gelernt, Gesetze auszulegen, Gebote zu deuten. In der späten Enkelin erwachte der Ahnen Geist. Sie deutete der Mutter Gebot dahin, daß ihm nur zu gehorchen sei nach des Buchstabens Sinn. Lea war geflohen. Bis man ihrer Flucht ein Ende gesetzt. Von der Pflicht zum Leben hatte die Mutter nicht gesprochen. Und wozu hätte Lea, die Tochter des gemeuchelten Moses-ben-Iizchok und seiner ausgerotteten Sippe, weiter leben sollen? Schweigend tat Lea bei fremden Leuten den Dienst. Schweigend weigerte sie die Nahrung. Nach vier Tagen war sie kalt und weiß und tot. Ein Opfer des Krieges? . . . Wenn man so will. — Eine der vielen Namenlosen, die neben dem Krieg hersterben. (P. T.)