Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 4 (27.1.1916)
- Date
- 1916-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz rnZ^K,T | Wochenblatt für jüdische Interessen. "^rCrT: Nachdruck mit voller Quelleaangabe gestatteL Redakteur: Jonas Kreppet. | Erscheint j e de n Donnerst ag ___Wien, 27. JÜnner 1916. 2. JanrBang7 Die oesteireichisch-ungarischenJuden Im Weltkriege. Das in Konstantinopel in französischer Sprache erscheinende Tagblatt „L'Aurore" reproduziert die auch in unserem Blatte abgedruckte Zuschrift des Konter-Admirals Geza dell' Adarni 'I'arczal betreffend die Herausgabe eines Buches über den Anteil der österreichischungarischen Juden im Weltkriege und knüpft hieran die nachstehenden Bemerkungen: Wenn ein unternehmungslustiger Schriftsteller, oder richtiger gesagt eine der führenden jüdischen Persönlichkeiten das Projekt des Adrnirals 'I'arczal einer Verwirklichung zuführen seilte, so wird er damit ein Werk von epochaler Bedeutung schaffen. Die luden Oesterreich-Ungarns haben sich in diesem Kriege derart ausgezeichnet, daß man ihre Haltung anderen Völkern als Beispielgebend darstellen kann, welche es noch immer wagen, den Juden die ihnen gebührende Achtung und Wertschätzung zu versagen. Diese Haltung der Juden Oesterreich-Ungarns ist übrigens eine elementare Dokumentierung des Faktes, das die Juden Oesterreich- Ungarns die Möglichkeit und die Gelegenheit haben, ihre patriotischen Gesinnungen zu betätigen, da sie unter keinem moralischen oder materiellen Druck leiden und ihre Kulturbedürfnisse und gesellschaftlichen Fortschritte vollauf befriedigen können — einem solchen Vaterlande können sich die Juden wohl bei jeder Gelegenheit für die erwiesenen Wohltaten dankbar erweisen. Admiral Tarazal amnt, daiLcin derartiges Buch nicht bloß ein historisches Denkmal darstellen, sondern auch den künftigen Generationen als Ansporn zur Hochhaltung der berühmten jüdischen Traditionen in der Monarchie dienen würde. Man könnte noch hinzufügen, daß ein derartiges Werk der Monarchie das ehrenvolle Zeugnis ausstellen werde, welches in dem bekannten Sprichworte zum Ausdrucke gelangt: „Jedes Land hat solche Juden, wie es sie verdient!" überhaupt der Verwaltung im allgemeinen sowie im Bereiche der politischen Vertretung nationaler Rechte von weitreichender Bedeutung ist; es muß daher unserer Ansicht nach in dem soeben erwähnten Sinne gelöst werden. Anders gestaltet sich aber die sogenannte jüdische Frage, die offiziell, das heißt verfassungsrechtlich nur als konfessionell betrachtet w erden kann, daher nur in einer konfessionellen Verfassungskonstruktion eine weitergehende Berücksichtigung finden könnte. Dies geschah zum Beispiel für Bosnien. Bei jeder anderen Verfassungskonstruktion können konfessionelle Unterschiede nur vom Gesichtspunkte der Gewährung oder der Verweigerung gleicher bürgerlicher und politischer Rechte in Betracht kommen. Für die Verquickung des Rassenmoments mit dem konfessionellen fehlt jedes juristische Kriterium; es fehlt also auch die Möglichkeit staatsrechtlicher Berücksichtigung. Man kann Staatsbürger konfessionell klassifizieren, jedoch nur zu dem Zweck, um die dem konfessionellen Bedürfnisse entsprechenden Rechte zu bestimmen. Man kann sie auch national klassifizieren, um die dem nationalen Bedürfnisse entsprechenden sprachlichen Rechte zu gewährleisten. Man vermag aber praktisch unmöglich gewisse Gruppen als nationale Einheiten anzuerkennen, selbst wenn sie sich als eigene Rasse betrachten, aber sich den handgreiflichen nationalen Merkmalen nicht unterordnen. Es ist unmöglich, daraus praktische Konsequenzen abzuleiten, die Staats- und verwaltungsrechtlich verwertbar wären, wenn man nicht etwa in einen konfessionellen Verfassungsaufbau zurück verfalleinwill. Außer wenn man aaeh russischem Muster privilegia odiosa bildet. In Rußland hat man für Juden, zum Teile auch für Katholiken privilegia odiosa geschaffen; so den Prozentsatz in den Schulen, den Ansiedlungsravon. die Beschränkung im Erwerbe liegender Gilter usw. Das wäre das ühettosystem, nur noch komplizierter und ungerechter als in vergangenen Zeiten. Ueberdies aber auch ganz undurchführbar, wenn man etwa gesetzliche Vorteile an schwer greifbare Momente knüpfen wollte. Anderthalb Jahre Weltkrieg. Gerade anderthalb Jahre sind es heute, seitdem das blutige Weltenringen seinen Anfang genommen hat. Noch aber ist das Ende dieses bluten Tanzes nicht abzusehen. Selbst die ^fejfe%ch»valbe, die sich vorige Woche mit der ^hwdwKpalme zu zeigen schien, wurde seitens der Urheber des Krieges wieder eingefangen. Nichtsdestoweniger steht das Resultat des Ringens mit fast matematischer Genauigkeit bereits fest und gar keine Spekulation der geschlagenen Entente wird eine Korrektur des Kriegsglückes herbeiführen können. Wenn es auch nicht angebracht ist, während einer Kampagne, da noch das Dröhnen der Geschütze ertönt und auf den diversen Schlachtfeldern um die Entscheidung gerungen wird, die Bilanz zu ziehen, so ist es doch schon jetzt klar, wem der Sieg zufallen wird. Drei Könige sind von Land und Thron verjagt, fünf Hauptstädte befinden sich in der Macht des Siegers. Alle Pläne derjenigen, die aus „heiligem Egoismus" den Weltbrand angefacht haben, sind zu Schanden geworden. Vergebens opfern sie Hekatomben dem Moloch ihres Wahnwitzes — sie werden der Strafe für ihre Untaten nicht entgehen und schwer büßen für das namenlose Unglück, das sie über ganze Völker, über Millionen Menschen heraufbeschworen haben. Mag Rußland sich noch so sehr mit einem wilden Ungestüm an der beßaraWsch<e»-»aii4 -ostgalizäseta©» Ffottt verbluten, möge sich Italien noch so sehr am Isonzo und an den Tiroler Alpen den Kopf blutig schlagen, möge Frankreich fortfahren, die Blüte seiner Jugend rücksichtslos zu dezimieren, mag England noch so sehr von seiner berühmten jahrhundertelang eifersüchtig bewahrten Volksfreiheit ein Stück nach dem anderen opfern, mag der überschlaue Nikita noch so sehr Equilibristenkunststücke aufführen — es wird ihnen nichts helfen, der Sieg wird der gerechten Sache zu Teil werden. Gewaltig sind die Opfer an Gut und Blut, welche dieser Krieg von allen beteiligten Völkern fordert. Fast die ganze Menschheit ist durch denselben in Mitleidenschaft gezogen worden und selbst der Sieger bezahlt seinen Triumph allzuteuer. Der Sieg der gerechten Sache wird jedoch all diese Opfer lohnen, das Blut von Hunderttausenden wird nicht umsonst geflossen sein. Die Menschheit geht einer neuen Zeit entgegen, die Kultur wird auf neue Grundlagen gestellt werden. Die Niederringung der skrupellosen Urheber des Krieges wird für lange Jahre hinaus einen dauernden Frieden sichern und die so schwer betroffene Menschheit wird in friedlicher Kulturarbeit all das. was der Krieg zerstört hat, in neuem Glänze wieder aufrichten. Wenn alle Völker so viel unter den Kriegsereignissen zu leiden hatten, so haben die Juden diesbezüglich sicherlich einen Rekord geschlagen. Das Kapitel der jüdischen Geschichte der Kriegsjahre 1914-15 wird mit Blut geschrieben sein. Nichtsdestoweniger sehen auch wir besseren Zeiten entgegen, einer Periode, die uns für all das erlittene Leid entschädigen wird. Der Sieg der Zentralmächte und ihrer Verbündeten, an dem nicht mehr zu zweifeln ist, ist auch unser Sieg. Ein niedergerungenes Rußland bedeutet Freiheit und Erlösung für Millionen Juden, die teilweise den Klauen des zarischen Barbarismus ganz entrissen, teilweise selbst unter der weiteren Herrschaft des Zaren besseren Tagen entgegengehen werden, da ein geschlagenes Rußland nolens volens seinen Volkern Freiheit und Gleichheit gewähren müssen wird. So bietet denn die bisherige Rohbilanz des Krieges ein allseitig günstiges Ergebnis. Dieser Umstand gibt den Völkern die Kraft und den Mut zu weiterem Durchhalten bis zur Vollendung des Sieges. Wir werden durchhalten. In hoc signo vinces! Die jüdisch polnische Frage. Die jüdisch-polnische Frage ist seit Kriegsausbruch eines der wichtigsten Probleme, welche sowohl seitens der polnischen und jüdischen Kreise wie nicht minder seitens anderer maßgebender Faktoren sehr eingehend in Wort und Schrift behandelt wird. Wenn wir auch der Meinung sind, daß dieses allenfalls sehr verwickelte Problem nach dem Eintreten normaler Verhältnisse in den polnischen Ländern, besonders nach der Befreiung derselben vom russischen Joche im Wege eines beide Volksgruppen befriedigenden modus vivendi einer Erledigung zugeführt werden wird, so ist es trotzdem nicht ohne Interesse, die Ausführungen und Aeußerungen verschiedener maßgebender Personen aus dem polnischen und jüdischen Lager zu veröffentlichen, da dadurch der beiderseitige Standpunkt eine Klärung erfährt. Wir haben bereits wiederholt derartige Aeßerungen veröffentlicht, ohne sich natürlich mit all ihren Details zu identifizieren. Auch heute bringen wir einige Auszüge aus einem Referate des Reichsrats-Abgeordneten Prof. Dr. Alfred von Halban, welches in der letzten Nr. der Zeitschrift „Polen" veröffentlicht wurde. Nachdem der Referent ausführlich über das Thema .Polen im Rahmen Oesterreichs-Ungarns' referiert und die ruthenische Frage berührt, äußerte er sich in Bezug auf die Judenfrage folgendermaßen: „Außer der ruthenischen ist auch die sogenannte jüdische Frage, die im Hinblick auf die bevorstehende Neuregelung vielfach publizistisch behandelt wird. Zwischen den beiden erwähnten „Fragen" besteht natürlich ein prinzipieller Unterschied. Die polnisch-ruthenische Frage ist im vollen Sinne des Wortes ein Problem, das auf dem Gebiete der Schulverwaltung, der Justiz und Die einzige Lösung bildet die Gleichberechtigung der Staatsbürger und die Gewährung von Korporationsrechten an die konfessionellen Organisationen in dem allgemein üblichen Ausmaße. Nun ist es ja klar, daß die sogenannte jüdische Frage damit nicht erschöpft ist, weil sie auch Imponderabilien umfaßt, die das Ergebnis jahrhundertelanger Entwickelung sind. Diese sozial-wirtschaftlichen und kulturell-psychologischen Erscheinungen bewirken, daß staatsrechtliche Mittel in mancher Hinsicht versagen. Dennoch gibt es vom Standpunkte der Verfassungskonstruktion kein Mittel, um soziologische Probleme direkter Lösung zuzuführen. Die Wiederkehr zu einer Absonderung, mag diese auch von einem Teile der Juden gewünscht werden, wäre gewiß verfehlt. Dagegen wendet sich aber auch die Intuition jener Juden, die durch Uebernahtne voller Pflichten nicht nur volle Rechte, sondern auch volle Wertschätzung anstreben. Ich glaube, daß es nicht im Interesse der zentraleuropäischen Neuregelung liegen würde, eine Frage, die vom Standpunkte des modernen Staatsrechtes im Sinne gleicher Rechte und Pflichten längst entschieden ist, in Polen absonderlichen Experimenten auszusetzen. Man müßte sich dagegen aussprechen, da die polnische Verfassungstradition, sowohl die des Großherzogtunis Warschau und des nachmaligen Kongreß-Polen bis 1831, wie auch die der Freistadt Krakau, ebenso wie der Geist der WielopolskischenRetormen.dem entgegenstehen Es wäre also nicht ratsam, die Bahn russischer Ausnahmsbehandiung zu betreten. Wohl aber ist man sich bei uns der Schwierigkeiten bewußt, die unser auf diesem Gebiete harren. Gilt es doch gerade, die bisherige russische Sonderbehandlung der Juden zu überwinden und die christliche Bevölkerung für den Wegfall der bisher die Juden beschränkenden Normen zu gewinnen. Dem stellen sich erschwerende Hin-