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Jüdische Korrespondenz · 1916-01-20 · 3 (20.1.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
3 (20.1.1916)
Date
1916-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3. JUdlsche Korrespondenz Seite 3 Rußland zum „Väterchen" zurück, so drohen sie, das erste, was wir zu Hause beginnen, ist ein Pogrom! Aber saftig soll es werden! Nichts wird geschont, ohne Gnade! Demi der Jude ist an allem schuld! Nur er hat den Feinden das Kriegsglück ermöglicht! Und eine halbe Stunde später unterhalten sich diese selben braven Vaterlandsverteidiger, wie sie es seinerzeit angestellt haben, um zum verhallten Feind überlauten zu können! Sie suchen sich dabei mit phantastischen Fr- Zählungen zu überbieten, eine besondere fihre scheinen sie darin zu erblicken! Aber der Jude ist noch immer ..der Ueberläufer"! Das alles sagte mir in seiner schlichten, einfachen Weise dieser jüdische russische Krieger, dessen Bruder sie den Fuß abgenommen hallen, der ihm in den Karpatheu abfror! Und für dieses „Vaterland" hatte er gekämpft, gelitten und entbehrt. Und was wartet seiner, wenn er nachhanse zurückkehrt? Seine Landsleute sagen es ihm jetzt schon. Der Pogrom! Fr hat noch seine Lieben in dem Dorfe hei Rowno. Soll ich mich wundern, wenn er mich andauernd fragt, ob ich nicht weili. ob der Ort noch nicht von den „Feinden" eingenommen sei? Und er wünscht dies von Herzen! Dann weiß er. daß er vielleicht, vielleicht noch einmal eine zweite Heimat findet, denn er weiß ja auch, was seiner im lieben „Vaterland" wartet! Streiflichter. Pogrom-Literatur für Verwundete. (.JAK.) Die russische Presse bringt von Zeit zu Zeit Berichte über die Lektüre, die den Verwundeten in den Krankenhäusern verabreicht wird. Sie hat entweder den Zweck, die russischen Soldaten in den Schützengraben mit tödlicher Feindschaft gegen ihre jüdischen Kameraden zu erfüllen, oder den Samen für spätere Massenmorde bezw. Judenpogrome nach dem Kriege auszustreuen. Jedenfalls wurden die Pflegestätten der Verwundeten zu einer systematischen Pogrom-Propaganda und der Verbreitung der Legende von dein jüdischen Landesverrat. So bringt die „Rjetsch" in Nr. 303 vom 3./16. November v. Js. folgenden Bericht : Vor einer Zeit hat der Primararzt des Krankenhauses der Semstwo des Gouvernements Charkow. Herr Ferchmann, der Semstwo- Leitung des Gouvernements folgenden Bericht überreicht: „Indem ich einige Muster von Broschüren vorlege, von denen einige offenbaren Pogrom-Charakter tragen und vorn Geistlichen Slutzky unter den verwundeten Kriegern verbreitet wurden, die im Militärlazarett des Semstwo-Krankenhauses sich befinden, habe ich die Ehre, die Leitung zu bitten, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um mich als Oberarzt, und den Ordinar-Arzt A. W. Schafft, als Verwalter des Lazarettes, der Verantwortung zu entheben." Von den Schriften, die vom Geistlichen Slutzky zur Verteilung gelangten, waren nachstehende besonders „stilvoll" geschrieben: 1. „Die heiligen Märtyrer Eustratius und das Kind Gabriel, die von den Juden auf russischer Erde gekreuzigt wurden." Woche auch immer ein Fasten anzuordnen; Donnerstag war ausgenommen. Als ürund für die Ausnahme des Donnerstags war ein Tag. wo man für den Sabbath Einkaufe zu machen pflegte. Wenn nun der Donnerstag als Beginn einer Fastenordnung, die gewöhnlich drei Fasttage mit jeweils einem, beziehungsweise zwei Tagen Unterbrechung enthielt, anberaumt worden v» äre. so hätten die Händler, die sahen, wie die Kunden große Einkäufe für den Abend des Fastens und für den Sabbath machten, die Preise in die Höhe treiben können. Daher mußte man mit dem Fasten immer vor Donneistag beginnen: gewöhnlich wurde der Montag dafür gewählt. Und schließlich wurde bestimmt, daß, wenn Hungersnot oder nur Mangel an Lebensmitteln herrschte, der Mann getrennt von seiner Frau leben solle, damit keine Kinder erzeugt wurden, die die Not des Volkes nur noch vergrößern könnten. Der Talmud kennt zwar verschiedene Präventivmittel gegen die Empfang- Iiis: ihre Anwendung erlaubt er aber nur in ganz vereinzelten Fällen. Wenn man bedenkt, daß der Bibel und dem Talmud eine zahlreiche Familie höchstes Ideal ist, wenn man ferner die unzähligen diesbezüglichen Ermahnungen und Belehrungen berücksichtigt, so darf die angezogene Verordnung nur so verstanden werden, daß zum Nutzen der Allgemeinheit und zur Erhaltung eines Volkes ein jeder einzelne sein persönliches Wohlergehen und seine individuellen Wünsche und Interessen opfern müsse. Am Schluß möchten wir noch ein talmudische Stelle (aus den vielen öffentlichen Reden zur Mäßigkeit und zur Einschränkung in den Lebensmitteln zur Zeit der Not hier anführen. „Wenn Mangel an Lebensmitteln ist. so soll sich der Reiche dem Armen gleich auf das möglichste Maß einschränken, damit ein Teil von den vorhandenen Nahrungsmitteln an jeden komme." „In der Zeit der Not soll sich ein jeder wiirdig und ernst verhalten, niemand darf sich den Anforderungen der Zeit entziehen." 'Fr. Zeit.) 2. „Der verräterische Stundist" (Sectant). 3. „Ob sie die Lehre Gottes anerkennen. Von M. Slutzky und andere. Die Landschaftsleitung hat eine Abschrift dieses Berichtes zusammen mit den Büchern dem Gouverneur vorgelegt. Der Gouverneur hat jüngst den Vorsitzenden der Leitung verständigt, daß: „In Uebereinstimmung mit den neu eingetroffenen ergänzenden Verzeichnissen der Bücher über den Lebenslauf von Heiligen und der Schriften religiös sittlichen Inhalts, die zur Lektüre von kranken und verwundeten Soldaten, die in verschiedenen Kur-Anstalten befindlich sind, zugelassen wurden, bitte ich Eure Excellenz, die Broschüren, die in dem Bericht bezeichnet und vom Geistlichen Slutzky verteilt werden, zur Lektüre der Soldaten zuzulassen, die sich im Krankenhaus des Gouvernements befinden." Die russischen Zeitungen bemerken, daß das angeführte Zitat dem Erlaß des Gouverneurs wörtlich entnommen ist. Die Verteilung der Pogrom-Literatur erfolgt daher mit Genehmigung, ja auf Veranlassung der Behörden. Die neue antisemitische Hetze in Paris. Die Hetze gegen die russischen Juden in Frankreich, hat nach einer Pause von einigen Monaten wieder eingesetzt. Die nationalistischen Deputierten Galli und Badin Jourdain haben, unterstützt von den Boulevardblättern „Libre Parole", „Liberte" und „Avenir Francaise", den Pariser Gemeinderat zur Fassung einer Resolution veranlaßt, wonach die im militärpflichtigen Alter stellenden Untertanen verbündeter Staaten entweder sich der französischen Armee anschliessen oder Frankreich verlassen müssen und im Weigerungsfälle zu internieren sind. Der gleichen Behandlung seien auch die wehrfähigen Angehörigen feindlicher Völker zu unterwerfen, die ihre Sympathie für Frankreich betonen, um die Aufenthaltserlaubnis zu erlangen oder zu behalten. Den Untertanen neutraler Staaten dürfe die Aufenthaltsbewilligung nach aus deren Kosten durchgeführten Recherchen und einer Empfehlung ihrer Regierungen gewährt w erden. Schließlich müßten strenge Strafen gegen jede Uebertretung der Meldungsvorschrifteu erlassen werden. Die sozialistische ..Humanite" erhebt entschiedenen Einspruch gegen die antisemitischen Augriffe auf die meist jüdischen Flüchtlinge, die vor Pogromen und politischen Verfolgungen in Frankreich Schutz gesucht hätten. Obgleich nach den in Rußland geltenden Bestimmungen zum Militärdienst in ihrer überwiegenden Zahl nicht verpflichtet, hätten sie dennoch Frankreich ein starkes Kontingent von Freiwilligen zur Verfügungen gestellt. Die „Humanite" befürchtet die Schädigung des französischen Prestiges im Ausland, namentlich in Amerika und appelliert an den Minister des Innern Malvy, sein Versprechen, keine Zwangsmaßregeln gegen die Ausländer zu ergreifen, einzuhalten. Noch entschiedener protestiert Gustav Herve gegen die antisemitischen Machenschaften. Das russische Finanzelend. Für den Verfall der russischen Staatswirtschaft sollen wieder einmal die „lieben Juden" bluten. Bisher hatten für jeden Juden, der sich der Militärpflicht entzog, dessen Eltern oder Brüder 300 Rubel an die Staatskasse zu zahlen. Nun veröffentlicht Finanzminister Bark eine Verordnung, wonach, wenn Eltern oder Brüder nicht vorhanden sind, die Großeltern diesen Betrag zu erlegen haben. Die Militärverwaltung und die russischen Rabbiner. In Rußland sind die christlichen und mohammedanischen Geistlichen vom Militärdienst befreit. Nicht so die Rabbiner. Sie müssen ins Heer eintreten und viele weilen an der Front. Die Petersburger jüdische Gemeinde hat sich nunmehr an das Kriegsministerium gewandt mit dem Ersuchen, die Rabbiner vom Militärdienst zu befreien, da insbesondere in der jetzigen Zeit die jüdischen Gemeinden ihrer Führer bedürften. Der Bescheid des Ministeriums steht noch aus. Verhaftungen von Juden in Saloniki. Nach Meldungen des „Secolo" dauern die Verhaftungen in Saloniki fort. Namentlich wurden viele Levantiner und .luden verhaftet, die sich mit Ausfuhr beschäftigten. Ein Protest des Rabbiners sei erfolglos geblieben. Die Bestürzung unter der jüdischen Bevölkerung sei groß, und viele flüchten. Im unteren Piräus sei ein griechischer Dampfer angehalten worden, auf dem sich viele jüdische Flüchtlinge aus Saloniki befanden. Die Flüchtlinge seien verhaftet und nach Saloniki zurückgebracht worden. Die Woche. Die Oberrabbiner-Frage in Wien. Wie wir bereits vor einiger Zeit gemeldet haben, steht die Lösung der Oberrabbuici - Frage in Wien unmittelbar bevor. Gelegentlich der Konstituierung des Kultus-Vorstandes am b. d. M. hat Kuituspräsident Dr. Alfred Stern sich über die Rabbtnerfrage folgendermaßen geäußert: „Eine zweite, dringende, unaufschiebbare Angelegenheu. welche uns in der allernächsten Zeit zu beschäftigen haben wird, ist die Besetzung der Kanzel in der Inneren Stadt. Da es uns nicht mehr gegönnt ist. unseren verehrten, hochverdienten, über alles Lob erhabenen Doktor Güdemann, wie in den langen Jahren .seiner segensreichen Tätigkeit, von der Kanzel herab zu hören, so müssen wir unverzüglich darangehen, einen seiner würdigen Nachfolger ihr diese Kanzel zu berufen. Unser Tempel in der Inneren Stadt gilt als repräsentative Synagoge der Kultusgemeinde von Wien und muß es uns als Richtschnur dienen, daß wir für diese Kanzel den erreichbar Besten zu erlangen bestrebt sein müssen. Und zwar baldigst! Denn die Verhältnisse, w ie sie jetzt im Tempel der Inneren Stadt herrschen, sind unhaltbar geworden und drangen nach einer raschen, wir wollen hoffen, allgemein befriedigenden Losung." Es ist daraus zu ersehen, daß der Kultusvorstand daran geht, die Oberrabbiner- Frage schon jetzt, noch (während der Kriegsdauer, einer Lösung zuzuführen und selbstverständlich wird die Kandidaten-Frage sehr eifrig ventiliert. Wie verlautet, hat die Kandidatur des Rabbiners Dr. Nobel aus Frankfurt am Main die größten Chancen. Nun hui sich aber von gewisser Seite eine Opposition gegen diese Kandidatur bemerkbar gemacht, welche selbst zu dem in einer üroßgemeinde, wie Wien, nicht mehr ganz üblichen Mittel einer geheimen Flugschrift gegriffen hat, um diese Kandidatur zu bekämpfen und zwar deswegen, weil augeblich Rabbiner Dr. Nobel allzusehr orthodox sein soll. Ohne unsererseits für diese Kandidatur irgendwie Propaganda machen zu wollen, erlauben wir uns nur die Bemerkung, daß, wenn sonst Rabbiner Dr. Nobel nichts anderes als seine Orthodoxie vorzuwerfen ist, er wohl ganz gut Oberrabbiner in Wien werden kann. Das Gespenst eines „jüdischen Klerikalismus" hat längst seinen Schrecken verloren. Ein Rabbiner soll eigentlich orthodox sein, denn er ist der berufene Repräsentant der Religion. Uebrigeus hat Frömmigkeit noch niemandem geschadet. Die Entscheidung liegt natürlich in den Händen des Kultusvorstandes, der sich wohl über die allgemeinen Qualifikationen des zu wählenden Kandidaten Gewißheit verschafft haben dürfte. Derartige Kampfesniittel, wie anonyme Flugschriften, sollten jedenfalls von ernster Seite nicht gebraucht werden. Reduktion des Gebrauches von Kerzen zu rituellen Zwecken seitens der jüdischen Bevölkerung. Die hiesige k. k. Bezirkshatiptmannschaft hat sich an mich im Sinne des Erlasses des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom Ii. Dezember 1915, Z. 35362, mit dem Ansuchen gewendet, ich möge meinen Einfluß dahin geltend machen, daß der Verbrauch von Kerzen zu rituellen Zwecken seitens der jüdischen Bevölkerung soweit als möglich reduzier! werde. Es hat sich nämlich gezeigt, heißt es in diesem Erlasse, daß der Gebrauch von Kerzen seitens der jüdischen Bevölkerung zu rituellen Zwecken ein sehr bedeutender ist. was bei der heutigen Zeit, wo der Bedarf nach verschiedenen Fettstoffen zu anderen wichtigen Zwecken dringend geboten erscheint, schwer in die Wage fällt. Ich habe dementsprechend unverzüglich nachstehende Weisungen für den Spreugel der hiesigen Gemeinde erlassen: 1. Es darf keine Frau zum Lichterzündcu am Freitagabend mehr als zwei Kerzen \eiwenden; 2. in den Synagogen und fknhäusen: dürfen Kerzen nur beim Altar gebraucht werden, während sonst die Beleuchtung durch elektrisches Licht, wo solches eingeführt ist. oder eventuell durch Petroleum zu beso-gen ist. Ich wende mich nun auf diesem Wege an alle Rabbinate. Synagogen- und Bethausvorstände mit der Anregung, die obenbezeichneten Weisungen auch in ihren Wirkungskreisen ehestens zu erlassen, die von der so patriotisch gesinnten und jederzeii zu den größten Opfern für Kaiser und Reich bereiten jüdischen Bevölkerung gewiß mit der größten Genauigkeit beobachtet werden, und zu der von der hohen k. k. Regierung angestrebten Reduktion des

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