Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 3 (20.1.1916)
- Date
- 1916-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 3. Verbrauches von Kerzeniiiaterial nicht unbeträchtlich beitragen diirite. Snmbor, den 7. Januar 1916. Kaiserlicher Rat Aron L e w i n. Oberrabbiner. Die „liehen Juden" des Zaren. Laut zuverlässigen Informationen aus Finnland haben dort letzthin systematische Judenverfolgungen begonnen. Die tinnländische Polizei behandelt die Juden mit ausgesuchter Grausamkeit. Täglich erfolgen neue Ausweisungen .int iVauen und Kindern, auch von solchen, deren lirnährer im Kriege sind. Es sind Gerüchte im Umlauf, denen zufolge die Maginaisbebörden die Aushändigung von Handelspatenten und Handwerksdokumenten an Juden rür das Jahr 1916 verboten haben. Falls dieses Verbot aufrechterhalten w ird, bleiben die Juden in Finnland erwerbslos und sehen ihrer völligen Ausweisung entgegen. In Moskau fanden, wie die „Birschewija Wjedonwsti" melden, große l 'nruhen wegen der Lebeusmittelnot statt. Im Preobruschenskabazar kam es zwischen der Volksmenge und der Polizei zu einem Zusammenstoß, wobei 56 Personen, darunter viele Frauen, verhaftet wurden. Im Budgetaussehufi der Duma machte der Abgeordnete Winogradow aufsehenerregende Mitteilungen Ober den bisher geheimgehaltenen Astrachaner Judenpogrom. Danach wurde Filde September von der dortigen Polizei ein Pogrom inszeniert, der zwei Tage dauerte. Die jüdischen Geschäftsläden wurden ausgeplündert und mehrere Juden erschlagen. Obwohl die städtischen Behörden von Astrachan den Minister Chwostow ersuchten, die Bestrafung der schuldigen Polizeiorgane zu veranlassen, w urde gegen die Polizei nicht nur keine Untersuchung eingeleitet, sondern sie wurde, wie in Moskau, sogar noch belohnt. Der Minister des Innern Chwostow, gegen den diese Anklage im Budgetausschuß gerichtet war, gestand ein, daß die Polizei durch ministerielle Rundschreiben aufgefordert war, keine Schritte zur Aufhaltung von Pogrome zu unternehmen. Fr fügte zur Beruhigung hinzu, daß jene ministeriellen Rundschreiben nunmehr außer Kraft gesetzt seien. Bei der fortgesetzten Debatte über das Budget des Ministers des Innern wurde Chwostow stark kritisiert. * „Man macht sich nur schwer eine Vorstellung davon, so schreibt die berüchtigte „Libre Parole", wie groß der Einfluß der Deutschen in Rußland vor dem Kriege war. 74 v. H. der erteilten Patente entfielen auf deutsche Namen. Der größere Teil der Aktien der russischen Eisenbahnen war im Besitz von Deutschen. Während dagegen zahllose Mineralquellen in Rußland existieren, gingen die kranken Russen fast sämtlich in die Bäder der beiden Zentralmächte. Der Krieg, so scheint es, will all das ändern. Abgesehen davon, daß der deutsche Einfluß und die deutsche Einmischung sowohl in der industriellen Welt als in den Finanzkreisen kräftig bekämpft wird, ist soeben eine russische Bank gegründet worden, eigens zu dem Zweck, die Thermalbäder des Kaukasus, des Ural und der Küste des Schwarzen Meeres mit ihrem Kredit zu unterstützen. Alle diese Orte werden nach Beendigung des Krieges an die Stelle der mit Recht verschmähten sächsischen (!) und österreichischen Bäder treten. Auf diese Weise werden Hunderte von Millionen Rubel, die Jahr für Jahr unsere Feinde bereicherten, den Geschäften unserer Verbündeten zugute kommen." Dabei vergießt man nur immer wieder, schreibt die „B. Z. am Mittag" den Hauptgrund des russischen Massenbesuches in unseren Bädern zu beseitigen: daß es den russischen Juden verboten ist, die Badeorte Rußlands zu besuchen. Bis dahin bleiben wir also trotz der Bäderbank „konkurrenzlos". ClironiR. t;in jüdischer Proiessor an der Universität Madrid. Der frühere Dozent an der Berliner Lehranstalt iür die Wissenschaft des Judentums. Dr. Yahuda, ist durch königlichen Erlaß zum Professor für hebräische Sprache und Literatur an der Universität Madrid ernannt worden. Es ist dies seit der Vertreibung der Juden aus Spanien unter Ferdinand und Isabella der erste Fall, daft ein Jude zum Professor an einer spanischen Uni- \ersitat ernannt wurde. Dr. Yahuda, der einer in Bagdad ansässigen Familie entstammt, ist 1880 in Jerusalem geboren. Nachdem er seine Vorbildung zum Theil auf deutschen Schulen genossen, studierte er in Heidelberg und Straßburg, hier besonders unter Th. Nöldeke, semitische Philologie. Seit 1905 war er als Dozent für Bibelexgese und hebräische Sprache an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums tatig. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen beziehen sich außer auf hebräische Sprachwissenschaft und Lexikographie auch auf das Gebiet der Folkloristik (Sprich Wörter Weisheit der semitischen Völker): außerdem gab er das arabische Original der „Herzensptlichten" des jüdischen Religionsphilosophen Bachjaibn-Pakuda heraus. Im Herbst 1913 ging Dr. Yahuda auf Einladung angesehener spanischer Gelehrter nach Spanien, um dort in verschiedenen Städten der Halbinsel, besonders in Madrid, Vorlesungen über die Geschichte der Juden in Spanien und Marokko zu halten. Seine Vorträge erfreuten sich eines ganz außerordentlichen Beifalls. Gelehrter und Politiker, Parlamentarier alier Parteirichtungen wohnten ihnen in großer Zahi bei. Wiederholt wurde Dr. Yahuda von König Alphons empfangen und mit großer Auszeichnung behandelt. Der Ausbruch des Krieges verhinderte den in Spanien rasch heimisch gewordenen Gelehrten an der Rückkehr, und schon damals gab die spanische Presse vielfach dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, Dr. Yahuda durch eine feste Anstellung dauernd au seinen neuen Wirkungskreis zu binden. Eine jüdische Gefangenengemeinde. Prediger Lmo Wolft-Tempelburg berichtet: In Hammersteiii (W.-Pr.), wo zirka 1000 Juden seit 14 Monaten interniert sind, wird seit einem Jahre alle drei Wochen ein gemeinschaftlicher Gottesdienst abgehalten. Seit einiger Zeit haben die Gefangenen in einem separaten Raum eine Betstube mit allem Zubehör: Oraun hakadesch mit Sefer Tauro. Almemmor etc. eingerichtet. Sie haben sich einen Parneß (Gabbe) gewühlt, verkamen die Mizwos und verteilen den Ertrag an ihre Bedürftigen. Eine Kehilloh mit 1000 Mitgliedern! Abwechselnd beten in den Wochentagen und am Sabbath je 511 in der Synagoge und nur an den Tagen, da Predigt stattfindet, sind mindestens 5U0 Gefangene zusammen. Nach dem Morgengottesdienst treten die Bittsteller an den Prediger heran und bringen ihre Wünsche vor, die in den meisten Fällen in der Bewilligung von Gebetbüchern und rabhinischer Literatur bestehen. Jüdische Münzen. In der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin hielt vor einigen Tagen Herr Prof. Dr. B. Pick aus Gotha einen Vortrag über die jüdischen Münzen. Sie sind, so führte der Redner ans, zwar künstlerisch nicht hervorragend, haben aber infolge ihrer Ligenart wissenschaftlichen Wert. Die größte Sammlung jüdischer Münzen befindet sich in London, wohin sie vor einiger Jahren durch den Nachlaß des bekannten Sammlers Leopold Hamburger in Frankfurt u. M. gekommen ist. Lord Rothschild hatte das Geld zum Ankauf der Sammlung zur Verfügung gesteilt. Die drei nächstgrößten sind in Paris, Gotha und München. Außerdem verdienen noch die Sammlungen der Berliner jüdischen Gemeinde und die von Karl Meier in Ottenbach Erwähnung. Prof. Pick führte dann die interessantesten Münzen, die sich auf eine Zeit von 20(Mi Jahren erstrecken, in vielen Lichtbildern vor die Augen der zahlreichen Zuhörer. Die ersten jüdischen Münzen, die Sehekel, stammen aus der Zeit des zweiten Makkabäeraufstandes im Jahr 260. Sie wurden ferner von den Juden in Lybien und Kleinasien benutzt. In der babylonischen Gefangenschaft wurden keine Münzen geprägt. Dann sei die Prägung wieder unter Cvrus aufgenommen worden. Wer die Münzen zuerst geprägt hat, steht wissenschaftlich nicht fest. Die ersten indischen Münzen waren aus Gold und Silber, die späteren auch aus Kupfer; sie weisen einen Kelch, Kultdarstellungen, Blumen oder Pflanzen auf. In ersterer Zeit wurden ausschließlich Münzen aus Kupfer geprägt, weil sich die Römer das Prägen von Münzen in Gold und Silber vorbehalten hatten, nur während der Auistände von 60—70 und 132—135 sind jüdische Silbermünzen im Umlauf. Man sieht in Sammlungen noch oft gefundene Münzen, die aus dem 16. Jahrhundert herrühren und quadratische Schrift zeigen. Militärischer Antisemitismus in Rußland. Wir haben schon eine Reihe russischer Armeebefehle wiedergegeben, aus denen deutlich die Tendenz hervorging, die Juden vor dem russischen Soldaten verdächtig und verächtlich zu machen. Die traurigen Folgen dieser Pogrompolitik haben sich schon gezeigt. Alles deutete darauf hin, daß Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch und sein ehemaliger Generalstabschef Schilinski die judenfeiudliche Hetze begünstigten. Jetzt gehen uns zwei weitere russische Armeebefehle zu. die nicht nur vollen Beweis für diese Tatsache bringen, sondern auch die Ziele der großfürstlichen Propaganda klarstellen. In einem von dem Brigadekommandeur Generalleutnant Schdanowitsch erlasseneu Befehl an die erste Reserveinfanterie-Brigade vom 8. Juli 1915 werden die Offiziere aufgefordert, ihre Mannschaften darüber aufzuklären, daß sich alle russischen Untertanen ..mit Ausnahme der Juden" zum Schutze des Landes vereint haben, während die Juden „sich mit allen Mitteln bemühen, dem Militärdienst zu entgehen". Ein Befeh) des Generals Iwanow vom 30. März 1915, der ausdrücklich als geheim bezeichnet wird, lautet folgendermaßen: „In Anbetracht der offenen Erklärung der Frontkommandeure, daß die Juden als Kriegsmaterial untauglich seien und es sehr wünschenswert wäre, wenn der Zufluß von Juden bei der Kompletierung von Korps vermindert würde, hat der Stab des Höchstkommandierenden wegen dieser Frage mit dem Generalstab verhandelt. Es hat sich herausgestellt, daß es augenblicklich keinen Ausweg gibt, so daß die Frage über die Unfähigkeit der Juden zum Militärdienst und die Notwendigkeit, sie zu lösen, sofort nach dem Kriege behaudeu weiden muß. Sie zwingt uns jetzt schon, Material zu sammeln, wonach testgestellt werden kann, daß die Anwesenheit von Juden in der Armee nicht wünschenswert ist. Der Höchstkommandierende hat daher befohlen, die Kommandeure der einzelnen Armeeabienuiigen wegen dieses Materials jetzt schon anzufragen. Dieses soll für die Untaughchkeit der Juden als Kriegsmaterial zeugen. Es ist notwendig festzustellen, wieviel von den Juden desertiert sind und sich freiwillig in Gefangenschaft begeben haben. Diese Fragen müssen möglichst allseitig beleuchtet werden und sowohl durch einzelne Tatsachen wie durch allgemeine Ausführungen belegt werden. Das ganze Material ist sodann zusammen mit dem Gutachten des Korpskommandeurs dem Stabe der Armee zuzustellen, in Anbetracht der Wichtigkeit dieser Frage hat der Höchstkammandierende befohlen, das oben Erwähnte sofort und genau auszuführen." Dieses Dokument zeigt, daü der Großrürst-Höehstkommandierende sich die von der „Nowoje Wremja' und andern antisemitischen Blättern in Rußland seit Jahren erhobene Forderung nach dem Ausschluß der Juden vom Heeresdienste zu eigen gemacht hat. Wie eine solche Maßnahme auf das künftige Schicksal der russischen Juden zurückwirken würde, läßt sich leicht erkennen. Die Juden würden auf immer zu „vaterlandslosen" und unzuverlässigen Elementen gestempelt, die dann natürlich den Verfolgungen „echter Russen" vogeltrei preisgegeben wären. Die Propaganda, die jetzt schon unter den russischen Soldaten von amtswegen gemacht wird, soll vermutlich im Heere eine so starke judenieindliche Stimmung erzeugen, daß man es wagen dürfte, ein die Juden vom Waffendienst ausschließendes Gesetz als den Willen der Armee auszugeben. Neue Bücher. Ein Volksbuch aus Tirol: „Tirol in Waffen, Kriegsberichte von der Tiroler Front" ist der Titel des Buches von Alice Schalek, der bekannten Kriegsberichterstatterin, das die Kriegsliteratur des Verlages Hugo Schmidt in München um einen weiteren, wertvollen Beitrag bereichert. (Mit 36 Abbildungen, geheftet M. 2.—, gebunden M. 3.—.) Dort im Süden, wo sonst Tausende alljährlich Erholung im Frieden der Alpeneinsamkeit suchten, wo sie wochenlang die Wucht der wunderlichen Felsbilder in blauer Verklärung fesselte und immer wieder hinzog, sind Bilder des krassen Gegensatzes entstanden. All die Tausende, die die Berge in ihrem Frieden kennen und lieben, werden mit besonderem Interesse den erlebten Schilderungen der Verfasserin folgen, die uns das neue Leben Tirols mit echten Farben malt, dieses neue Leben, das ja, wenn wir uns recht erinnern, wie eine unabweisliche Ahnung über dem alten gelegen ist. Mit einer geheiligten Aufmerksamkeit, die durch die vielfachen Erinnerungen und Beziehungen sich notwendig von jedem anderen Kriegsinteresse unterscheidet, wandern wir mit A. Schalek über Bozen, Meran nach Traioi in die „unerlösten Gebiete" an die Front gegen Italien. Mit einer uneinnehmbaren Festung, auf der es „ganz sicher ist", wie ein österreichischer Hauptmann unendlich einfach und tröstlich sagt, wird das Land verglichen. Und weil uns die Erzählungen (es sind fast alles kostbare Dinge von den Kampfmenschen) wie lang entbehrte Grüße von treuen Freunden anmuten, Männer, Orte, deren Namen uns vertraut sind, weil wir wieder mitten unter das "Tiroler Volk geraten, sich echter Volkshumor zur rechten Zeit in den Ernst der dort wie überall das gegenwärtige Leben beseelt, mischt, kann sich dieses Buch ein Volksbuch nennen, das ein begehrtes Dokument der bewegten Zeit aus dem geliebten Tiroler Lande bleiben wird. Eine Reihe guter Abbildungen, 36 eigene Aufnahmen der Verfasserin, verleihen dem Buch einen besonderen Reiz. Die Kriegsgesetze Oesterreichs. Herausgegeben von Dr. Max Breitenstein, Herausg. u. Redakt. d. „Gerichtshalle". Dr. Demeter Koropatnicki, k. k. Ratssekretär beim Oberst. Gerichtshof. Erscheint in zirka 12 bis 16 Heften zum Preise von 1 Krone pro Heft. Für Abonnenten der „Gerichtshalle" und des „Evidenzblattes für öster. Gesetzgebung und Rechtsprechung" ä 50 Heller das Heft. Verlag von M. Breitenstein, Wien, IX./3, Währingerstraße Nr. 5. Die ganz außerordentlichen Ereignisse, welche der gegenwärtige Krieg, der gewaltigste seit Menschengedenken, mit sich bringt, haben natürlich die Staatsgewalt zu besonderen Maßregeln genötigt. Diese Maßregeln betreffen fast alle Gebiete der Rechtspflege sowie der politischen Verwaltung und kommen in den verschiedensten Verordnungen und Erlässen zum Ausdruck; dieselben sind bereits so zahlreich geworden, daß jeder Ueberblick fehlt, zumal deren Publikation an verschiedenen Stellen, wie Reichsgesetzblatt, k k. Wiener Zeitung, Verordnungs- und Landesblättern, erfolgte; diesem Uebelstande soll die vorliegende Sammlung abhelfen, indem die ungeheure Anzahl der Verordnungen systematisch geordnet wird, so daß die Auffindung jeder einzelnen Verordnung sofort möglich ist. Aber nicht bloß die Erleichterung der Anwendung der Kriegsgesetze für die Dauer der gegenwärtigen Kriegsverhältnisse ist der Zweck des vorliegenden Buches; auch für die Zeit des Friedens hat das Werk eine Aufgabe: denn das Kriegsrecht wird auch dann auf den meisten Gebieten seine Wirkung ausüben, da es noch geraume Zeit dauern wird, bis die Verhältnisse vollkommen geordnet sein werden, so daß das Friedensrecht zur vollen Geltung kommen kann. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jon»« Kreppel. - Buchdruckerei „Metantrich", Wien IX., Pramergawe 6. (Verantwortlich S. Grünbut).