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Jüdische Korrespondenz · 1916-01-13 · 2 (13.1.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
2 (13.1.1916)
Date
1916-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 2. Selbstbestimmungsrecht nehmen. Dieselben russischen Liberalen haben jedoch nichts zur wirksamen Bekämpfung der Judenverfolgungen in Rußland unternommen. Außer den jüdischen Nationalisten betätigte sich die Gruppe der polonisierten Juden. Sie versuchten, der Verhetzung der beiden Bevölkerungsschichten entgegenzuarbeiten. Ein neues Kapitel der polnisch-jüdischen Beziehungen begann nach dem Rückzug der Russen. Seit dieser Zeit haben sich die Verhältnisse gebessert, die Führer der Allpolen flogen mit den russischen Truppen, die Agitation der russischen Juden wurde unterbrochen, der tätige Antisemitismus wurde erheblicli geschwächt. Die Juden konnten jetzt Vertreter in die bürgerlichen Institutionen senden. Die Versuche, neue Zwistigkeiten hervorzurufen, sind gescheitert. Man könnte denken. daf3 auch der jüdische Separatismus im Abflauen begriffen ist. Vorläufig ist dies nicht der Fall. Erst beim Eintritt normaler Zustände dürften die durch die Verhetzung gezeitigten Erscheinungen langsam verschwinden. Palästina zur Kriegszeil. Jaffa, Ende November 15. Die Nachrichten über den wunderbaren stetigen Fortschritt auf dem Balkan, wo die verbündeten Heere sich immer neue Lorbeeren pflücken und wie ein Sturmwind alles hinwegfegen, was sich dem erstrebten Ziel entgegenstellt, zeigen immer greifbarer, an wessen Fersen sich der endgültige Sieg heftet. Die Aussichten, unsern zähesten Feind an einer seiner empfindlichsten Stellen zu treffen, verdichten sich dadurch immer mehr und lassen die Zukunft in hellem Licht erstrahlen. Es dürfte nicht ohne allgemeines Interesse sein, ein Stimmungsbild zu geben, wie die Bevölkerung in Palästina, als Nachbar Aegyptens, über diesen Krieg denkt und wie sie sich dazu stellt. Wir wissen, welch großen Einfluß unsere üegner hier im Laufe der Zeiten sich errungen haben. Das war auch weiter nicht verwunderlich, war doch das ganze Land überschwemmt mit französischen, italienischen, russischen und englischen Schulen, die alle ihre höchste Aufgabe darin suchten, die politischen Vorarbeiten zu übernehmen. Die türkische Regierung hat schon lange mit wachsender Besorgnis diesem Treiben zugesehen. Wie tief diese fremden Einflüsse sehon Wurzel gefaßt hatten, zeigte sicli vor allem bei Beginn des größten Völkerringens, das je in der Geschichte verzeichnet ist. Gewiß, die türkischen Behörden waren gegen uns immer von wohlwollender Neutralität beseelt, doch konnten sie erst mit Eintritt als Mitkämpfer auf unserer Seite den vielfachen versteckten Gehässigkeiten der Französlinge einen kräftigen Riegel vorschieben. Seither hat sich das Blatt gewendet. Auf dem Lande war zwar von jeher die Stimmung gegen uns friedlich und freund- »Krieg und Liebe«. Lebensbild in 4 Akten von Leon Weissberg. (Jüdische Bühne, Wien.) Wenn vorausgeschickt wird, daß die Handlung in einem russischen Dorfe, um welches mit abwechselndem Erfolge gekämpft wird, sich abspielt, so liegt die Vermutung nahe, daß wir es hier mit dem Produkte einer hastig erhaschten Situation, mit dem Auffangen eines rasch in unserer stürmischen Zeit vorbeihuschenden Bildes, also mit einer sogenannten Momentaufnahme zu tun haben. Und doch ist es mehr, viel mehr. Schon die Wahl des Stoffes, das Ausholen zu einem kräftigen Griff verrät sowohl einen geschärften Blick als auch eine geübte Hand. Und erst die Ausführung des tlmk erhaschten Bildes zeugt an manchen feinen Strichen von einer nicht alltäglichen Begabung, von einer geschickten Handhabung des Pinsels. Rachcia. ein jüdisches Mädchen, die Tochter des Dorfschänkers. hebt sich von ihrer Umgebung bedeutend empor; sie verbrachte längere Zeit in einer Kreisstadt. Neben einer ausgiebigen modernen Bildung wird sie auch von den in der russischen Jugend vorherrschenden Freiheitsideen durchtränkt. Jedoch bewahrt sie sich ihre angeborene und anerzogene Naivität, wenn man so sagen darf, sogar ihre echt jüdische, nicht ausgeklügelte und nicht erkünstelte Ethik. Sie erbebt unter dem Drucke der Autokratie, fühlt den ganz besonderen Schmerz ihres Volkes, welches unter der zarischen Knute seufzt und ist dabei nicht nur nicht revolutionär, sondern sogar im gewissen Sinne loyal. In einer schweren Stunde, während einer finsteren Nacht, in welcher ringsumher der Krieg in seiner vollsten Wildheit tobt, wobei das Getöse der Kanonen bis in die Dorfschänke dringt, steht Rachela zitternd in ihrer Stube und sieht dem grausamen Schauspiele der von den sich zurückziehenden Russen angezündeten Häuser zu, wobei sie ihr eigentümliches Empfinden für ihr eigenartiges Vaterland in einem vulkanartigen Ausbruche zum Ausdrucke bringt. Sie weidet sich an dem Anblick des in Flammen aufgehenden alten barbarischen Zarenreiches Und sieht zugleich aus der Asche ein sich verjüngendes, lieh gesinnt gewesen. Die Landleute kümmerten sich früher auch nicht viel um die Politik. Heute aber liegt die Sache anders. Der einfachste Fellach auf seiner, Scholle weiß, was auf dem Spiele steht und welchem Geschick noch rechtzeitig das ganze Staatsleben entronnen ist. Auf die anfängliche Gleichgültigkeit folgte das steigende Interesse, das sich zur regen Anteilnahme gesteigert hat. Die glänzenden Siege des deutschen Verbündeten in Europa, die heldenmütige Verteidigung der türkischen Truppen vor den Dardanellen hat die stumpfen Massen aufgerüttelt und sie mit berechtigter Begeisterung erfüllt. Gleich einer Seifenblase ist der bisherige Glaube an Frankreichs und Englands unbesiegbare Heere und ihre meerbeherrschende Flotte zerstoben. Kein größerer, so in die Augen springender Fehler kontlte begangen werden, als die Hochburg des Islams, die Perle des Reiches am Goldenen Horn anzugreifen und dem gehaßten Rußland zu versprechen. Daß die syrischen Truppen sich so wacker an den Dardanellen halten, hat wesentlich dazu beigetragen, das schlummernde Selbstbewußtsein zu heben und mit berechtigtem Stolz zu erfüllen. Zwar glauben unsere Gegner immer noch Einfluß zu haben und im gegebenen Falle darauf bauen zu können. Lassen wir sie ruhig bei ihrem Glauben. — Eine recht erfreuliche Einrichtung ist neuerdings in allen größern Städten Palästinas und Syriens getroffen worden, indem Nachrichtenbureaus eingerichtet wurden, deren Besuch dem Publikum offensteht. Hier werden in Wort und Bild alle Neuigkeiten auf den Kriegsschauplätzen ausgehängt und in den verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Dadurch bekommen alle Schichten der Bevölkerung Gelegenheit, sich ein richtiges Bild über den Stand der Lage zu bilden. Daß diese Einrichtungen ein wirkliches Bedürfnis bilden, zeigt der überaus reiche tägliche Besuch. Verhehlen wollen wir uns aber nicht, daß auch in diesem Kriege unser bester, zuverlässigster Bundesgenosse der Erfolg auf dem Schlachtfelde sein und bleiben wird. Die türkischen Behörden haben den Kolonisten von Rischon le-Zion die Dünen längs ihrer Kolonie abgetreten. Diese Konzession wurde von den Behörden als Zeichen der Anerkennung des Wertes der jüdischen Kolonien für das Land gewährt. Die Abgrenzung der abgetretenen Dünen wird in den nächsten Wochen vorgenommen werden. — Der Frauenverein in Jerusalem beschloß, einen Zyklus1 'von Wintervorträgen über Geschichte, Naturwissenschaft und K'ürfst in Jerusalem zu veranstalten. Die Organisierung der Vorlesungen soll dieselbe sein, wie die der Vorlesungen, die die Lehrer im vorigen Sommer eingerichtet hatten, aber populärer, um auch den breiten Schichten der Intelligenz Jerusalems zugänglich zu sein. Der Zyklus wird aus 20 Vorlesungen bestehen. Bis jetzt haben die folgenden Vorlesungen stattgefunden: Schriftsteller A. M. Boruchow über Soziologie; Dr. A. Beham über die Entdeckungen des verstorbeneues hervorgehen; sie erglüht im Haß gegen das bestehende und sehnt mit fast kindischer Liebe das werdende, freiheitliche herhe,i. Da dringt plötzlich ein russischer Oberst in die Dorfschänke ein. Er gibt vor, versteckte österreichische Offiziere im Judenhause zu suchen. Rachela wird entrüstet über diese nichtswürdige Zumutung. Der Oberst entflammt beim Anblick ihrer Erscheinung in Begierde. Was ist einem russischen Oberst ein Judenmädel, die Tochter eines Dorfschänkers?! Er versucht, sich an ihr zu vergreifen, findet aber eine wahrhafte Judith, welche sich in ihrem ererbten Judenstolze aufbäumt und in der Verteidigung ihrer und ihres Volkes Ehre telsenstark wird. Während des Ringens gelingt es ihr, sich seines Revolvers zu bemächtigen und in dem Banne ihrer feuersprühenden Blicke schwindet seine ganze Kraft. Er stammelt anstatt zu sprechen und läßt über sich fast ohnmächtig den ganzen Erguß ihrer gerechten moralischen Empörung gegen sein unqualifizierbares Beut hmen ergehen. Inzwischen wird das Dorf von den Oesterreichern besetzt. Ein österreichischer Hauptmann mit seinem Diener nähern sich der Dorfschänke. Dem russischen Oberst droht eine sichere Gefangenschaft, aber das Judenmädel tut das, was bei ihr selbstverständlich ist. „Juden sind keine Verräter!" Ohne einmal die Pose des Großmutübens anzunehmen, rettet sie ihn, indem sie ihn rasch in einer zweiten Stube als Hausbauer verkleidet. Mit dem Einzüge des österreichischen Hauptmanns zieht eine frische Athmosphäre in das Judenhaus ein. Der österreichische Hauptmann ist mehr als freundlich. Er quittiert die Gastfreundschaft des Juden mit fast familiärer Zugetanheit, nennt den alten Schänker in einem vertraulichen Tone „Vater Mordechai" und erkundigt sich bei ihm über das Befinden seiner Familie. Durch sein Benehmen ruft er bei dem russisch geknechteten Juden ungeheures Staumen hervor, das noch dadurch steigt, als er erfährt, daß der Hauptmann ein Jude ist. „Ein Offizier ein Jud!" Bei der nächsten Begegnung des Offiziers mit Rachela entsteht zwischen ihnen eine gegenseitig gefaßte nen Prof. Ehrlich, und Prof. Boris Schatz über Antokolsky. Alle diese Vorträge, die in hebräischer Sprache abgehalten und durch Lichtbilder illustriert wurden, zogen Scharen von Besuchern an, die mit Spannung den Vorträgen folgten. —- Leider hat sich die wirtschaftliche Lage in Palästina erheblich verschlechtert. Die Preise für Lebensmittel steigen von Tag zu Tag und sind selbst für die nicht ganz mittellose Bevölkerung kaum noch zu erschwingen. — Es muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die Ueberweisung von Hilfsgeldern aus allen Ländern dringend erforderlich ist. Das jüdische Hilfswerk in Amerika. N e w-Y ork, 10. Dezember. Das allgemeine Verteilungs-Komitee, das die drei amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees umfaßt, beschloß auf seiner letzten Sitzung für die durch den Krieg betroffenen Juden eine weitere Rate von 229.000 Dollars bereitzustellen. Die Verteilung geschah in folgender Weise: 80.000 Dollars für die Juden Rußlands, 70.000 Dollars für die Juden Polens in den von Deutschland okkupierten Gebieten; 50.000 Dollars für die Juden Galiziens; 24.000 Dolars für die Juden Palästinas und 5000 Dollars für die Juden der Türkei. Es sei hinzugefügt, daß von dem verteilten Oelde 40.000 Dollars vom Volks-Hilfskomitee zur Verfügung gestellt worden war, von einer Körperschaft, die erst kürzlich organisiert worden ist, und ihre Sammlungen ausschließlich bei den arbeitenden und gewerbetreibenden Klassen betreibt. Im Ganzen wurden bisher in Amerika aufgebracht: in runden Zahlen Dollars 1,940.000. * Am 22. November fand in New-York eine große Versammlung der New-Yorker Kaufleute und Industriellen statt; dieses Meeting war einberufen worden, um die Schritte zu beraten, die zur Beschaffung eines Millionen-Fonds für die vom Kriege betroffenen Juden in Europa nötig wären. Rev. Dr. I. L. Magnes präsidierte und unter den Rednern des Abends waren: Jakob H. Schiff, Kongreßmann Meyer, London, Hermati Bernstein, Oberst Cutler etc. Jakob H. Schiff führte in seinem Appell folgendes aus: „Was wollen wir nun tun? was können wir tun? Wir haben bereits ein Hilfs-Komitee organisiert, und in den D/2 Kriegsjahren haben wir 1,300.000 Dollars aufgebracht. Doch was ist diese Summe, verglichen mit den 3,000.000 Juden Amerikas.von denen ja mindestens 100.000 reich sind. Wir würden nicht zu viel leisten, wenn wir 30,000.000 Dollars aufbrächten! Wir müßten sogar noch mehr aufbringen, um dem Elend unserer Glaubensgenossen zu steuern. Ich glaube, jeder Jude in Amerika könnte für einen Juden der kriegführenden Länder sorgen. Neigung, die allmählich zu einer ehrlichen, unschuldigen Liebe heranwächst. Das Benehmen des Hausbauers wird oft verdächtig. In gewissen Momenten vergißt er sich. Die Offiziersehre wird bei ihm wach. Er ärgert sich, daß ihn der Hauptmann für seine geleisteten Dienste beschenken will. Sein ganzes Innere empört sich, als er zufällig ein Gespräch saufender Bauern belauscht, welche ihre Zufriedenheit mit den Oesterreichern ausdrücken. Da sucht ihn der Dorfschänker zu schützen, indem er den Bauern geheim ein Zeichen gibt, daß sein Hausbauer nicht ganz bei Sinnen sei. Der Hauptmann läßt aber von seinem Verdachte nicht ab. Er beauftragt seinen Diener, ihn zu beobachten. Der Diener, welcher inzwischen mit der Hausmagd ein Verhältnis anknüpfte, erfährt von derselben das Geheimnis. Sie setzt ihn sogar heimlich in den Besitz der russischen Oberstenmontur, welche er dem Hauptmann überbringt. Aber gerade während dieser Szene besetzen wieder die Russen das Dorf. Der österreichische' Hauptmann erfaßt bald die Situation, verkleidet sich als russischen Obersten und befiehlt den eindringenden russischen Soldaten die Gefangennahme der jüdischen Familie samt seinem eigenen Diener, der Magd und dem Hausbauer. Der Hausbauer protestiert sogar gegen seine Gefangennahme, indem er angibt, selbst ebenfalls russ. Oberst zu sein, aber niemand achtet darauf, da ihn die Dorfsbauern selbst als verrückt erklären. Durch die in der Montur aufgefundenen Papiere gerät der Hauptmann in den Besitz der gegnerischen Pläne, rettet sich und das österreichische Heer. Der wirkliche russ. Oberst, welcher später wieder in seine Würde eingesetzt wird, ist der irrigen Meinung, daß ihn Rachela verraten hat und strebt die Vernichtung der jüdischen Familie samt Hausgesinde an. Inzwischen wird das Dorf wieder von Oester reichern besetzt und der Hauptmann ist der Erlöser der unschuldigen jüdischen Familie. Rachela, der russische Oberst und der österreichische Hauptmann sind die Hauptfiguren des Stückes. Daneben ist das Lebensbild reich an wirkungsvollen Episoden. D. S. Silberbusch.

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