Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 2 (13.1.1916)
- Date
- 1916-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495300-3495302--0110-3520711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 HeHer. xvr__*____ a_j_ ••j»__w._x_______„ Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. vm. Ai8e«t™ßeV Redakteur: Jonas Kreppel. Erscheintjeden Donnerstag Nr. 2. Wien, 13. Jänner 1916. 2. Jahrgang. Die Sieges-Woche. „Mein Gehirn kann den Gedanken nicht fassen, daß Rußland in diesem Kriege siegen werde!" — So erklärte ein galizischer Rabbiner in jenen schweren, ernsten Augusttagen 1914, als die Kriegserklärungen aufeinander folgten, als sich außer Frankreich auch Belgien, England und schließlich auch Japan Rußland angeschlossen haben, als der Zar sein Millionenheer gegen Galizien in Bewegung setzte, als die russische Dampfwalze bis Lemberg vordrang. Der Rabbiner, der diese Worte sprach, galt sonst als eine Art Pessimist,der sich über keine Erscheinung des Lebens irgendwelchen Illusionen hingab. Diesmal aber, als die Situation täglich ernster wurde, verfocht er den weitgehendsten Optimismus und war vom Siege der damals noch isoliert und eingekreist dastehenden Zentralmächte überzeugt, mit der Motivierung, daß Rußland nicht siegen darf und infolgedessen nicht siegen wird. In der Tat müßte ein Sieg Rußlands in diesem Weltenringen eine viel größere Bedeutung erlangen, als sie sonst Kriegserfolge haben. Es handelt sich diesmal nicht um irgendeine isolierte Streitfrage, die mit dem Schwerte in der Hand ausgetragen werden sollte, es handelt sich vielmehr um einen Kampf um die Weltherrschaft. Dem Sieger müßte diese in den Schoß fallen. Wer Ate Regierungsmethoden Rußlands, seine Expansiongelüste, seine unersättliche Herrschsucht, sein tyrannisches Staatssystem, seine rücksichtslose Kosakendiplomatie näher kennt, mußte begreifen, was da auf dem Spiele steht und das Gehirn desjenigen, der an die Zukunft der '''"Menschheit glaubt, konnte wahrlich den Gedanken nicht fassen, daß Rußland in diesem Kriege siegen werde, selbst, wenn es sich mit allen Teufeln der Hölle, mit allen bösen Geistern der Unterwelt und anderen Engelländern verbunden hätte. Der bisherige Verlauf des Krieges hat diesen Glauben des hoffnungsvollen Rabbiners bestätigt. Verfolgt man die einzelnen Phasen desselben, so muß auch der größte Atheist an das Walten einer göttlichen Vorsehung, einer göttlichen Gerechtigkeit, glauben. Speziell wir Juden, die wir ein „an Wunder gewöhntes Volk" genannt werden, wir haben die feste Ueberzeugung, im Verlaufe dieses Krieges das Walten der göttlichen Allmacht zu sehen. Deshalb haben wir auch in den schwersten Stunden die Hoffnung auf den endgültigen Sieg der gerechten Sache nicht verloren und deshalb zweifeln wir keinen Augenblick an den endgültigen Sieg der Zentralmächte und ihrer Bundesgenossen. Jeder neue Sieg ihrer tapferen Heere erfüllt uns mit großer Freude, bereitet uns aber nicht die geringste Ueberraschung. Wir haben ja diese Siege erwartet und vorausgesehen. Ein Sieg Rußlands in diesem Kriege müßte den Ausspruch Napoleon's I. zur Wahrheit machen, daß die Welt nach hundert Jahren kosakisch sein werde. Tatsächlich drohte diese Gefahr und wäre es dem Zaren gelungen, seine Kriegsziele zu erreichen, hätte es ihm geglückt, einerseits auf den Karpathen seine Standarte aufzupflanzen, andererseits auf der Hagia Sofia in Konstantinopel das russische Doppelkreuz anzubringen, dann wäre er wirklich der Herr und Gebieter Europas. Was das für die Menschheit, für die Kultur, zu bedeuten hätte, welche Gefahren besonders uns Juden gedroht hätten, darüber ist es überflüssig, auch nur Worte zu verlieren. Es sollte jedoch nicht so sein. Das Gehirn konnte den Gedanken nicht fassen, daß Rußland in diesem Kriege siegen werde, es hat nicht gesiegt und wird auch nicht siegen. Der Karpathen-Traum des Zaren ist bereits seit vielen Monaten verscheucht, nun muß auch die Konstantinopel-Illusion endgültig verschwinden. Der türkische Sieg bei Gallipoli bildet einen Eckstein in dem großen Werke der Niederringung Rußlands. Es sieht wahrlich wie ein Wunder aus, dieser gewaltige Erfolg der Türken. Seit vielen Jahrzehnten als der „kranke Mann" betrachtet und behandelt, seitens großer und kleiner Mächte fortwährend terrorisiert und schikaniert, vergewaltigt und beraubt, nach zwei blutigen Kriegen geschwächt — konnte es da jemandem auch nur im Traume einfallen, daß dieses Reich die Kraft aufbringen werde, sich gegen drei Großmächte monatelang zu behaupten und sie schließlich von seinem Territorium mit Schimpf und Schande zu verjagen? England und Frankreich haben einen großen Teil ihrer Kriegsflotten gegen die Dardanellen in Bewegung gesetzt, sie haben ganze Armeen gegen die Halbinsel Gallipoli dirigiert, um dem Zaren die Erreichung seiner Jahrhundert alten Aspirationen zu ermöglichen, ihm den Schlüssel zum Bosphorus in die blutige Hand zu drücken. Alle ihre Anstrengungen waren jedoch vergeblich, sie konnten und durften nicht siegen. Der türkische Löwe vermochte sich seiner Feinde zu erwehren und sie mit blutigen Köpfen heimzuschicken. Koustantinopel ist heute vor jedem Feinde sicherer als Petersburg und Moskau, als Paris und London, die Dardanellen sind heute für die Türken gesicherter, als der Suez-Kanal und Gibraltar für die Engländer. Man sieht klar, in diesem Verlaufe der Ereignisse dokumentiert sich das Walten einer göttlichen Allmacht. Denn Rußland durfte nicht siegen und wird nicht siegen. Fast gleichzeitig mit dem großen Siege auf Gallipoli erfolgte die Eroberung des Lovcen- Berges seitens der österreichisch-ungarischen Heere, eine der glänzendsten, ruhmreichsten Taten der Kriegsgeschichte. Der Lovcen war kraft seiner Lage viel schwerer zu nehmen, als die Karpathen, als das Plateau von Doberdo und als der Col di Lana. Was jedoch die Russen im monatelangen, blutigen Ringen nicht vermochten, was den Italienern nach fast achtmonatigem, verlustreieheiö-^ICampfe nicht—gelingeii will, das haben die tapferen Oesterreicher und Ungarn in einem einzigen, kühnen Anstürme zustande gebracht. Auch diese Wundertat zeigt, bei aller Anerkennung der Tapferkeit der österreichisch-ungarischen Heere, die Hand eines großen Gottes, der seinen Segen den wirklichen Kämpfern für eine gerechte Sache spendet und den Heuchlern Niederlage auf Niederlage bereitet. Die Entente und ihre Anhängsel können und dürfen in diesem Kriege nirgends siegen, denn Rußland darf es nicht und wird es nicht. Wiederum läßt der Zar seine Heeresmassen gegen Ostgalizien vorstürmen. Wiederum opfert er Hekatomben beim Prut. beim Dniestr und bei der Strypa, urn noch einmal das Kriegsglück zu versuchen. Auch seine Verbündeten wollen die bisherigen Lehren des Krieges nicht beherzigen und versuchen ihr Glück an anderen Stellen. Was den Engländern und Franzosen auf Gallipoli versagt blieb, wollen sie bei Saloniki erreichen. Was den Italienern bisher am Isonzo nicht gelang, wollen sie in Albanien erringen. Was den Engländern in Mesopotamien unmöglich war, wollen sie in Aegypten versuchen. Ihre Mühe ist jedoch eine vergebliche und vergeblich sind auch all die schweren Opfer, die sie dem Moloch ihres Wahnwitzes darbringen. Sie dürfen, können und werden nicht siegen, denn ihr Sieg würde einen Sieg Rußlands bedeuten, und das menschliche Gehirn kann den Gedanken nicht fassen, daß Rußland, das Reich der Pogrome und der Knute, das Reich der Geiseln und der Nagajka, das Reich der Henker und des Blutes, in diesem Kriege siegen sollte. Dies ist der Sinn der letzten Siege der Zentralmächte und ihrer Verbündeten, der Sinn der Siege der letzten Tage. Sie verkünden es mit flammenden Zungen: Die Entente, die Verbündeten Rußlands, dürfen und können nicht siegen, denn Rußland darf und wird nicht siegen! Spectator. Die Jüdische Frage in Kongreß- Polen. „Wiadomosci Polskie" vom 25. Dezember 1915 veröffentlicht einen Artikel aus der Feder des Warschauer Publizisten Josef Wasserzug, in welchem die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen während des Krieges geschildert wird. Das Verhältnis zwischen Juden und Polen, welches bereits vor dem Kriege schlecht war, hat sich seit dem Ausbruch des Krieges erheblich verschlechtert. Die a 11 p o 1n i s c Ii e Partei hat mit vollem Bewußtsein zur Verschärfung des Konfliktes gedrängt. Als nach dem Ausbruche des Krieges verschiedene bürgerliche Komitees in Warschau und in den Provinzstädten gebildet wurden, hat man keinen einzigen Vertreter der jüdischen Bevölkerung zu diesen Komitees, die eine sehr wichtige wirtschaftliche und humanitäre Rolle spielten, ein geladen. Man kann sich leicht denken, daß dieser Schritt große Mißstimmung bei den Juden hervorgerufen hat. Die Mißstimmung wuchs, als massenhafte Ausweisungen der Juden augeordnet wurden. Tausende jüdischer Familien mußteu aus ihren Heimatsorten fortgehen. Die Organe der alipolnischen Partei haben bereits in den ersten Kriegsmonaten, anfangs vorsichtig, dann ganz offen, auf die jüdische Masse als auf eine Armee von Spionen hingewiesen. Es wurden die unglaublichsten Gerüchte ausgestreut und die Leidenschaften der Bevölkerung aufgepeitscht. Die Agitation der Allpolen wurde mit solcher Energie geführt, daß bei den Juden der Eindruck entstand, daß die ganze polnische Nation die Haltung der Allpolen gutheiße. Die Verknüpfung des Antisemitismus mit der Beschuldigung der Spionage zum Schaden Rußlands war für die politischen Zwecke der Allpolen sehr geeignet. Es gab kein besseres Mittel zur Erweckung des vulgären und blinden Preußenhasses, als die Verknüpfung desselben mit dem Antisemitismus. Man wies auf die Juden als auf die Verbündeten der deutschen Truppen hin. Auf diese Weise wurde ein dreifacher Zweck erreicht: die Steigerung des Antisemitismus, des Preußenhasses und des Russophilisrrrus. Tatsächlich hörte man in Warschau während gewisser Pmodexua^iu über, die liidiSßteÄajK_ als über die polnische. Als die russische Regierung den jämmerlichen Entwurf der städtischen Autonomie veröffentlicht hat, wiesen die polnisch-russophilen Blätter darauf hin, daß der Entwurf die Rechte der Juden beschränke und konfessionelle Kurien festsetze. Auf diese Weise versuchten die Allpolen die Bevölkerung über den Wert der russischen Konzession und über das Fiasko der polnisch-russischen Verbrüderung hinwegzutäuschen. In einer solchen Atmosphäre traten barbarische Erscheinungen zutage. Manche allpolnischen Blätter hatten den traurigen Mut, ihrer Genugtuung wegen der Ausweisung von Tausenden von Juden Ausdruck zu geben und die christliche Bevölkerung zur Besitzergreifung der von den Juden zurückgelassenen Habe aufzufordern. Damals trat der bekannte Publizist Vinzenz Rzymowski mit einem flammenden Protest gegen diese Barbarei auf. Er schrieb, daß ein derartiger Cynismus mit der Beraubung der Leichen auf dem Schlachtfelde gleichbedeutend ist. Die Juden reagierten auf die antisemitische Agitation in der ihnen eigentümlichen, übrigens erklärlichen Weise. Jede Tatsache wurde phantastisch aufgebauscht, jeder Straßenexzeß, in welchem gerade ein Jude verprügelt wurde, wurde zum Pogrom. Die Juden stellten auch die Behauptung auf, daß die russische Armee erst durch die Polen zum Antisemitismus getrieben wurde. Der jüdische Nationalismus hatte dabei ein leichtes Spiel, denn tatsächlich wurde von polnischer Seite keine Gegenagitation der allpolnischen Propaganda entgegengesetzt. Es konnte dies leider nicht geschehen, denn die russischen Behörden haben jede Aktion gegen die Allpolen unterdrückt. Die Juden gingen auch mit ihren Klagen und Beschwerden ins Ausland und nach Rußland. Durch ihre Preßpublikaiionen im Auslande erweckten sie in Europa den Eindruck, daß Kongreß-Polen das klassische Land der Pogrome ist, und daß Ströme jüdischen Blutes dort geflossen sind. Die bekannte Kundgebung Georg Brandes stammt aus dieser Quelle. Die russischen Liberalen, an welche sich die Juden auch gewendet haben, benützen die Gelegenheit, um das Prinzip der russischen Intervention im Königreich Polen zu betonen. Sie bezweckten dadurch das Prinzip durchzusetzen, daß die Einrichtung Kongreß-Polens via Petersburg geschehen muß. Unter dem Vorwande des Schutzes der Juden wollte man den Polen das