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Jüdische Korrespondenz · 1916-01-06 · 1 (6.1.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
1 (6.1.1916)
Date
1916-01-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1. JUdische Korrespondenz Seite 3 unter der jüdischen Arbeiterschaft große Fortschritte. Der Arbeiterverband für jüdische Rechte, der seinen Sitz in London hat. umfaßt bereits 40 Gruppen in der Provinz. Letzthin hielt er im jüdischen Theater in London unter dem Vorsitze seines Ehrenpräsidenten Appleton, des Sekretärs des englischen Gewerkschaftsbundes, eine imposante, von 3000 Teilnehmern besuchte Demonstrationsversammlung ab, in der die Verbrechen der russischen Regierung an der eigenen jüdischen Bevölkerung aufs schärfste gegeisselt wurden. Die Idee eines eintägigen jüdischen Generalstreiks zur Zeit des Friedenskongresses der Mächte zur Unterstützung der jüdischen Forderungen wurde enthusiastisch aufgenommen. Auch in Leeds, Manchester, Glasgow, Edinburgh u. s. w. fanden ähnliche Versammlungen statt. Diese Bewegung, die auch von einflußreichen englischen Arbeiterführern gefördert wird, wird von der großen englischen Presse systematisch totgeschwiegen und nur in einzelnen Arbeiterorganen findet sie hie und da einen Widerhall. Die staatliche Flüchtlingsiür sorge. Wir haben bereits über die Ausstellung „Kriegshilfe", welche vom Ministerium des Innern in Wien eröffnet wurde, sowie über den Bericht des Ministeriums über die staatliche Flüchtlingsfürsorge im Kriege 1914/1915 berichtet. Im Nachstehenden bringen wir einige nähere statistische Daten über diese Flüchtlingsfürsorge, welche erst recht die großartigen Leistungen der staatlichen Organe in dieser Angelegenheit illustrieren. 1,110.000 Menschen waren seit Kriegsausbruch bis zum Oktober 1915 vor dem Feinde auf der Flucht. 610.000 waren unterstützungsbedürftig, 500.000 brachten noch so viel von der Heimat mit, um wenigstens eine Zeitlang weder dem Staate noch der privaten Hilfe zur Last fallen zu müssen. Die 610.000 Unterstützungsbedürftigen, die vom Staate zum Teil in Barackenlagern, zum Teil in Privathäusern in den verschiedenen Kronländern Oesterreichs untergebracht wurden, erforderten bisher zu ihrer Unterbringung und Erhaltung 279,504.090 Kronen. In dieser Summe sind inbegriffen die Kosten.für die Eisenbahnfahrten der Flüchtlinge im Betrage von 50 Millionen Kronen, der provisorischen Unterbringung eines Teiles der Flüchtlinge in Ungarn mit 6,576.233 Kronen, der bisherigen Rückbeförderung in die Heimat in der Höhe von 10,840,000 Kronen, der Überführung ,4er Flüchtlinge in die Unterbringungsländer und der dazu nötigen Uebersiedlungen im Betrage von 64,570.000 Kronen und die vierwöchentlichen Unterstützungen der in die Heimat Zurückgekehrten im Betrage von 6,504.090 Kronen. Die Reichskosten der Unterhaltung und Unterbringung belaufen sich auf 140,916.689 Kronen. Um die Flüchtlinge an ihre jeweiligen Standorte zu bringen, waren 5,158.609 Uebersiedlungen notwendig. An diesen Uebersiedlungen hatten, nach Nationalitäten gegliedert, Anteil: 2,466.571 Juden, 1,541.351 Polen. 651.758 Ruthenen, 366.832 Italiener, 70.468 Slowenen, darm etwa 20.000 Deutsche und noch weniger Rumänen. Der Höchststand des Fluchtlingsstromes wurde im Juni 1915 erreicht durch den Zufluß der aus den südlichen Gebieten geflüchteten Italiener. Im Wirrwarr dieser Völkerwanderung gingen Kinder den Eltern verloren, Väter ihren Familien, und es war ein großes Suchen. 192.199 Anzeigen über Vermißte wurden bei den staatlichen Behörden erstattet. Zu ihrer Ausiorschung wurden 126.512 Anfragen und Briefe versendet. In 58.360 Fällen, das sind 31.1%, : hatten diese Nachforschungen Erfolg. Viele , von den Gesuchten dürften auf anderen Wet gen zu den Ihrigen zurückgesunden haben, viele werden vielleicht erst nach dem Kriege zurückfinden, wenn sie vom Feinde, der sie verschleppt hat, wieder freigegeben worden sind, viele werden vielleicht nie mehr wieder auftauchen; sie bleiben als Opfer des Krieges für immer verschollen. Die Kosten für die Errichtung der Fluchtlingslager in den verschiedenen Kronlandern und für die Verpflegung der Flüchtlinge in diesen Anlagen beliefen sich bis Oktober d. J. auf 41,652.641 Kronen. Um den Flüchtlingen m den Lagern eine Schlafstätte zu geben, waren im ganzen 305.603 Strohsäcke und 324.133 Decken erforderlich. Ueberdies wurden an die Flüchtlinge verteilt: 587.760 Hemden. 280.000 Anzüge und 188.590 Paar Schuhe. Die Beschaffung dieser Kleider- und Wäschestücke und der Decken kostete 11,116.042 Kronen. In den Barackenlagern wurden auch Schulen errichtet, und zwar: 236 Volksschulkurse mit 510 Lehrern und 12.816 Schülern. 39 Mittelschulkurse mit 499 Lehrern und 6474 Schülern und 97 Fachschulkurse mit 166 Lehrern und 4768 Schülern. Was aus diesen Fachschulen an nützlicher Arbeit hervorging, zeigt die Schule in Gegenstand und Bild, und alle diese Ergebnisse sind Zeugnisse dafür, wie viel Befähigung, wie viel Begabung in diesen Völkern steckt, die, erst einmal gründlich erzogen und herangebildet, ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Monarchie werden könnten. Aus den Flüchtlingsgemeinden wurden überdies 135.500 Arbeitskräfte an das Hinterland abgegeben, wo sie in der Landwirtschaft, Industrie, in handwerksmäßigen Gewerben und bei Lieferungen für die Heeresverwaltung Verwendung fanden. In Wien besteht neben der staatlichen Zentralstelle für Flüchtlingsfürsorge auch noch das sogenannte Wiener Hilfskomitee für Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, das sich die Unterstützung der Intellektuellen unter den Flüchtlingen zur Aufgabe gemacht hat. Dieses Komitee hat in der Zeit vom 12. September 1914 bis 30. November 1915 an 32.572 Personen Unterstützungen im Betrage von rund 10,122.Ü00Kronen abgegeben. Unterden Unterstützten befinden sich Aerzte. Advokaten, Notare, Künstler, Schausspieler, Gutsbesitzer Neben der staatlichen Flüchtlingsfürsorge nehmen unter den privaten Hilfsaktionen die Einrichtungen der Frau Anitta Müller für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina den hervorragendsten Platz ein. Ueber die vielseitige Hilfstätigkeit dieser rührigen Frau ist schon kürzlich an dieser Stelle berichtet worden. Hier seien nur einige Ziffern wiedergegeben, die am klarsten die Tätigkeit von Frau Müller illustrieren können. In ihren Suppen- und Teeanstalten wurden bis zum November 1915 149.684 Portionen Kaffee und Milch, 466.194 Portionen Tee, 88.027 Portionen Suppe und 1,355.887 Portionen Brot ausgegeben; im ganzen 2,071.518 Portionen. In der Wöchnerinnenfürsorge haben 1269 Frauen Rat und Hilfe gefunden; 42.834 Stück Wüsche gelangten hier an die Wöchnerinnen zur Verteilung. Die Säuglingsfürsorge zählte vom Dezember 1914 bis Oktober 1915 832 Schützlinge. Durchschnittlich gelangten 33.000 Flaschen Säuglingsmilch im Monat zur Verteilung. In der Arbeitsschule der Frau Müller fanden zuletzt 949 weibliche Flüchtlinge Beschäftigung und Erwerb. Vom Februar 1915 bis NoVeniber wurden an sie 16.790 Kronen an Arbeitslöhnen ausbezahlt. Was speziell die jüdischen Flüchtlinge betrifft, so ist aus der offiziellen Zusammenstellung zu entnehmen, daß die Zahl derselben sich folgendermassen belief: in Wien 77.090, in Nieder-Oesterreich 4404, davon 3149 im Barackenlager in Bruck a. L. In Ober-Oesterreich 47, in Steiermark 491, in Krain 10, in Böhmen 57.159, in Mähren 18.429, davon in den Barackenlagern Gava 2364, Nikolsburg 3484, Pohrlitz 1445. Irak, die Geburlssläile des babylonischen Talmuds. Das heute so viel genannte Irak, in dem unsere türkischen Bundesgenossen den Englandern so erfolgreich auf den Leib ruckten, die weite Ebene am unteren Euphrat und 1 igns. die Statte, an der im Altertum und Mittelalter Hauptstädte weitherrschender Reiche standen, inmitten üppigster Bodenkultur, ist. wie vielleicht nicht allgemein bekannt, der fcntstehungsort des babylonischen lalmuds. der Hauptquelle des rabbimscheri Judentums, des bandereichen Schriftdenkmals aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, das den gesamten rehgionsgeschichthchen Stoff der jüdischen Ueberheferung enthält, Früh wurden im neupersischen Reiche die tuphratlander die Heimat zahlreicher Juden, die in Ardschir. Apamia. Nahardea. Nares, Ktesiphon, Pumbedita. Sura. Machusa und Firuz-Schabur sich zu (iememden vereinten. Die ..B ne gola-Exulanten standen unter einem von der Regierung abhangigen Exilarchen. ..Resch-geluta". dem die Rechtspflege übertragen war. Mit den Palästinensern wetteuernd. gründeten die babylonischen Juden Lehrhauser in Nahardea, Sura und Pumbedita. die zu hohem Ansehen gelangten und die Hochschulen im Stammland, mit dem man im geistigen Verkehr blieb, überflügelten. Jn Palästina sowohl wie im Irak entstanden zu jener Zeit je ein Talmud, d. 1. ein neben dem im Pentateuch enthaltenen schriftlichen (iesetz. dieses erläuterndes und erklärendes — bis dahin — mündliches Gesetz. Wahrend nun der jerusalemische Talmud durch allerhand Verfolgungen jah abgebrochen werden mußte und für alle Zeiten ein Rohbau blieb, der nicht rechtzeitig unter Dach gebracht wurde, gleicht der babylonische Talmud einem architektonischen Meisterwerke, dessen Riesenmauern während dreier Jahrhunderte aus Granitsteinen aufgeführt wurden, ein Bau, an dem man selbst nach seiner Vollendung noch weitere 150 Jahre gearbeitet hat, ja man kann sagen, an dessen Befestigung man sich noch heute betätigt. Als die eigentlichen und einzigen Urheber des Talmuds kann man die „Geonim", — in der Einzahl Qaon, soviel wie Herrlichkeit, Exzellenz, — bezeichnen; dies war der Amtstitel, den die religiösen Oberhäupter der jüdischen Akademien in Babylon führten, die viele Geschlechter hindurch ihr hohes Amt verwalteten. Unter dem milden Szepter der Kahlen jahrhundertelang m Ruhe und Frieden lebend, konnten die Juden ihren Geist, lhi Gesetz und ihre Wissenschaft zu einer Entfaltung bringen, wie es selbst m ihrem Stammlande, dem viel umstrittenen^ und deshalb^ unruhevollen Putterstaate Die zwei gaonischen Hochschulen, von welchen die bedeutendere m Pumbedita, die zweite kurze Zeit in Firuz-Schabur und dann in Mira ihren Sitz hatte, und 111 welchen von 589—1038 im Ganzen 88 Gaonen ihr Amt ausübten, haben Bab>lou zu der Bedeutung emporgehoben, die Judäa einst iür die gesamte Judenheit besaß. Selbst des berühmten Wortuser Talrnudlehrers Raschi Kommentar zum Talmud ist ohne die gaonischen Leistungen nicht denkbar. Em richtiger Talmudkemier ist noch heute über den gesamten Kulturzustand, der zu jener Zeit in Irak herrschte, auf das genaueste unterrichtet, denn alle Rechtsverhältnisse werden im Talmud im Hinblick am das Umbild zur Zeit seiner Entstellung in scharfsinniger Weise erläutert und verhandelt. Em Talmudtorschei weili daher, wie man damals am Euphrat Feigen trocknete, wie man Hauser baute, Viehzucht und Ackerbau trieb, er kennt alle Geräte, die der Handwerker damals benutzte und er weiß auch, daß vieles von dem, was man als Errungenschaft der Neuzeit betrachtet, schon damals bekannt war und mit Erfolg benutzt wurde. Gscar Lehmann-Mainz. Streiflichter. Zwei Dokumente aus der Russenzeit in Lemberg. Folgende im Original polnisch abgefaßte Dokumente werden uns zur Verfügung gestellt: „Herrn....... Lemberg. Der Warschauer Staatsanwalt Exz. Alexander Nikolajewitsch Hesse (oder üesse?), der von Seiner Hoheit dem Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, dem obersten Befehlshaber, zur Oberaufsicht über Abwickelung der Rechtspflege in Galizien bestimmt ist, teilte dein Pras.dium des Obersten Landesgerichts zu Lemberg durch Rapport vom 23. IV. (6. V.) 1915 sub. 87 mit, daß gemäß der Meldung des Stabschefs des Obersten Befehlshabers vom 18. IV. 1915 sub. 3405 der Oberbefehlshaber befohlen hat, die folgenden Mitglieder des Gerichts ihres Amtes zu entheben: Herrn Oberrat Dr. Dresdner und Herrn Kreisrichter Meste (die beiden Genannten sind Juden. D. Uebers.) Das hiesige Präsidium wird infolgedessen beauftragt, die Beseitigung dieser Herren von der Ausübung ihrer Amtspflichten zu verfügen und sie aus den Listen der Gerichtsbeamten die Anspruch auf Gehalt haben, zu streichen. Indem ich die Ehre habe, dies zur Kenntnis zu bringen, enthebe ich Sie mit dein heutigen Tage der Ausübung Ihrer Amtspflicht. Für das Präsidium des Obersten Landesgericlits (Unterschr. unleserlich.) Lemberg, 10. V. 1915." „Präs. 105 26. R. S. 15. Herrn Jacob N . . . ., Kanzlerämter, Lemberg. Der Delegierte Seiner Hoheit des Obersten Befehlshabers zur Aufsicht über die Rechtspflege in Galizien teilte dem Präsidium des Obersten Landesgerichts zu Lemberg durch Rapport aus I arnopol vom 17. (30.) V. 1915 sub. 145 mit. daß Seine Hoheit befohlen hat. in den örtlichen Gerichtsinstitutionen alle Personen jüdischer Abstammung, ohne Ausnahme, ihrer Aemter zu entheben, im Einzelnen auch diejenigen, die Kanzleiamter bekleiden. Mit Berufung aul den Rapport des Stabschefs des Obersten Befehlshabers vom 8. (21.) V. 1915 sub. 3945 forderte derselbe Delegierte die sofortige Amtsenthebung an allen Gerichtsinstitutionen, die dem Präsidium des Obersten Landesgericlits zu Lemberg unterstehen, ausnahmslos alle Personen judischer Abstammung, nicht ausgenommen Aushilfs-. Kanzleibeamte und Bediente, und befahl, diese Personen aus den Listen des Gerichtspersonals zu streichen. Von diesem Betehl setze ich das Präsidium m Kenntnis mit dem Antrage, ihn zu vollstrecken, darüber Bericht zu erstatten und binnen drei lagen ein Verzeichn.s der beseitigten Personen zuzustellen. Lemberg. 7. VI. 1915. (gez.) Dr. Bienczewski. Infolge des obenangefuhrten Erlasses des Präsidenten des Obersten Landesgericlits zu Lemberg ad L. Präs. 452 26 R. S. 15. enthebe ich Sie mit dem 12. VI. 191o der Ausübung Ihrer Amtspflichten am hiesigen Kreisgericht >. III. Präsid. des Kriminal-Lanuesgenuits (gez.) Kilian. Lemberg. 11. VI. 1915." Die Woche. „Agudas Jisroel"-Versammlung in Wien. Dienstag den 4. d. M. um 6 Uhr abends fand im Lokale der „Talmud Tora", II. Malzgasse, eine große Versammlung der galizischen Landes-Organisation der „Agudas Jisrrel' statt, welche sehr zahlreich besucht war und einen überaus würdigen Verlauf nahm. Einen besonderen Glanz verlieh der Versammlung das

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