Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 1 (6.1.1916)
- Date
- 1916-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 1. lirsdieinen mehrerer üroßrabbis (ializiens, sowie /.ahlreicher Rabbiner. Die Versammlung wurde von Herrn Jsaak 1. Tliumin aus Przemysl eröffnet, wcidier die Bedeutung der „Agudas Isroel" erörtete und mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser schloß, in das alle Anwesenden begeistert einstimmten. Hierauf verrichtete der preist Rabbiner Steinberg aus ßrodv al.i Senior der anwesenden Rabbiner das kaisergebet in hebräischer Sprache und es wurde die nachstehende Huldigungsdepesche an die kaiserliche Kabinettskanzlei abgesendet: „Die heute, Dienstag, den 4. Jänner 1916 in Wien, Malzgasse 16, im Beisein der Ciroßrabbis von liojan, Czortkow, Drohobycz, tirodzisk, Musiatyn, Kopyezynce, Krosno, Neu Sandez, Ottynia, Sadagora, Stanislau und Xabno, stattfindende Versammlung der galizischen orthodoxen Landes-Organisation „Agudas Isroel" zwecks Beratung über aktuelle religiöse Fragen hat am Beginn ihrer Verhandlungen ein inbrünstiges (lebet zum Allmächtigen Vater im Himmel fnr die Gesundheit, das lange Leben, Heil, (iiück und Wohlergehen Sr. Majestät unseres Aligeliebten und Allergnädigsten Kaisers verrichtet und die heißesten Segenswünsche ihr den baldigen endgültigen Sieg der tapferen Heere erfleht. Die Versammlung bittet ehrerbietigst, den Ausdruck ihrer untertänigsten, unwandelbaren Treue und Ergebenheit an die Stuten des Allerhöchsten I hrones verdolmetschen zu wollen." Nach Uebergang zur Tagesordnung erstattete Sekretär M. Schmelkes den Bericht über die von der „Agudas Isroel" in Wien zugunsten der F'iuchtlingskinder errichteten Bibelschulen (Lhadurim), in welchen 1<M5UÜ Kinder religiösen Unterricht genossen haben. Die Zentrale der „Agudas Isroel" in Frankfurt hat hiefiir 14.060 Kronen zur Verfügung gestellt. In Wien wurden etwa 5000 Kronen gesammelt. Hierauf referierte Rabbiner Steinberg (Rzeszow) über die Vorsorge für den religiösen Unterricht nach der Rückkehr der Flüchtlinge in üalizien und regte an, daß die „Agudas isroel" auch die dortigen Talmud Tora-Schulen schützen möge. Ferner referierte Rabbiner Steinberg über die Aktion zur Mazzos-Versorgung für das kommende Osterfest und berichtete über alle diesbezüglich unternommenen Sehritte, die aber bisher zu keinem Resultate geführt haben. In der darauffolgenden Diskussion wurde angeregt, sich mit den orthodoxen Kreisen Ungarns in Verbindung zu setzen, um eventuell mit Zustimmung der Regierung aus Ungarn das notwendige Pessach-Mehl zu beziehen. Nach längerer Diskussion wurde ein Komitee, bestehend aus den Rabbinern Steiuberg-Brody, Arak-Buczacz, tngel-Krakau sowie den Herren 1. 1. Thumiii, B. Steinberg, Abr. Rappaport, Dawid Fest, BernarutHoii>auer. Alexander Landau, Wolf Pappenheim und Isidor Frommer gewählt, welches sich mit der Mazzos-Frage beschäftigen soll. In der Diskussion ergriff auch der üroßrabbi von Czortkow wiederholt das Wort und regte eine Aktion zur Versorgung der jüdischen Soldaten mit ritueller Kost sowie zugunsten der Talmud- Tora-Schule in (ializien an. i:s ist die Pflicht uer galizischen Juden, unter allen Umständen für die religiöse Erziehung der Jugend zu sorgen, eine Unterstützimg von auswärts soll erst in zweiter Linie in Betracht kommen. Eine längere Diskussion entwickelte sich über den Antrag des Uroßrabbi Spira aus Drohobycz betreffend die Gründung einer Rabbiner- Organisation, welche mit der Annahme einer diesbezüglichen Resolution zum Abschlüsse gelangte. Zum Schlüsse beantragte der Vorsitzende eine rege Beteiligung det galizischen Juden an der Kriegsanleihe durch Bildung von Kriegsanleihe-üruppen, wobei Jeder sich mit einem Betrage von _'ö K, zahlbar in fünf monatlichen Raten, beteiligen kann. Der Antrag fand lebhafte Zustimmung und es wurde ein Komitee gewählt, das eine diesbezügliche Aktion betreiben soll. Damit schloß gegen 10 Uhr abends die überaus interessante Versammlung. Komitee zur Lösung der gegenwärtigen ostjüdischen Fragen. Am 29. Dezember 3 Uhr nachmittags versammelten sich in der Wohnung des Oberrabbiner dzt. Wien aus Husi Herrn lsak B. Thumin (II. Stefaniestraße 8/16) eine große Anzahl Rabbiner und geachtete Bürger aus tializien- Bukowina, zwecks Gründung eines Komitees zur Lösung der gegenwärtigen ostjüdischen Fragen. Bei dieser Versammlung präsidierte Herr Oberrabbiner Thumin. Nach längerer Diskussion und Debatten wurde ein Komitee bestehend aus folgenden Herren bestimmt: Großrabbiner Uscher Horowitz, Krakau (Präsident). Oberrabbiner Pinkas Rinelt, Zolkiew! (1. Vizepräsident), Oberrabbiner Lsak B. Thuj min, Husi (11. Vizepräsident und Kassier), Markus Halpern, Wien (Sekretär), Rabbiner Chaim Nuchim Halberstamm (Mosciska), Samuel Eder (Tarnobrzeg), Rabbiner Kaiman Zuckermann (Jablonow) und Markus Schwarz (Krakau). Auf Beschluß der Versammelten wurde ein Huldigungstelegramm an Seine Majestät gerichtet. Chronik. Hundertjahrfeier des israelitischen Wohltätigskeitsvereins. Am 2. d. vollendete der Israelitische Frauenwohltiitigkeitsvereiii. 1. Bezirk, Scitenstettengasse Nr. 2, das hundertste Jahr seines Bestandes. Die Gründung des Vereins, an dessen Spitze seit einem halben Jahrhundert als Präsidentin Frau Charlotte Freifrau v. Königswarter steht, ertönte gleich zu Beginn des Jahres 1S16 durch eine Vereinigung mehrerer Frauen, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, d'.t infolge der verheerenden Wirkungen der Napoleonischen Kriege verarmten Familien durch Sammlung von Liebesgaben zu unterstützen. Aus Anlaß des Gedenktages fand am 2. d. um halb 12 Uhr vormittags im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse Nr. 4 ein Festgottesdienst statt. Bürgermeister Dr. Weiskirchner hatte Gemeinderat Dr. Oskar Hein mit seiner Vertretung bei der I Feier betraut, l'ohzeibezirksleiter Regierungsrat Polt | war als Vertreter des Polizeipräsidenten Freiherrn v. Gorup erschienen. Eingeleitet wurde die Feier mit dem Vonrage des von Salomon Sulzer vertonten Psalms 111. Daun trat der gre se Obcrrabbiner Dr. Güdemann auf die Kanzel und hielt die Festpredigt. Nach Abshigung des Psalms 1U w urde von allen Festgästen begeistert die Volkshymne gesungen. Ein Schlußgebet beendete die Feier. Die Vorsteherinnen aller israelitischen Fraucnwoliltütigkeilsvereine Wiens hatten vor Beginn des Festgottesdienstes im Zeremoniensaal des Tempels der Präsidentin Charlotte Freitrau v. Königswarter ihre (ilückwünsche überhracht. Höchstpreise für Mazzos in Deutschland. Bekanntlich wird in diesem Jahre in Deutschland I der gesamte Mehlbcdarf tur die Herstellung von Mazzos den Bäckereien durch die ..Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, E. V." gelieiert. Hierbei ist, wie d.e genannte Vereinigung mitteilt, genial.! Verfügung der Reiehsgeireidestelle auch die Preisfrage in einer Weise geregelt worden, die einen billigen Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Bäckereien und denjenigen des konsumierenden Publikums schafft. Die Bäckereien dürfen hiernach auf (iruud des mit der „Freien Vereinigung" abgeschlossenen Lieierungsvertrages die Mazzos an das Publikum nicht teurer als bis zu 12''i% über ihrem vorjährigen durchschnittlichen Verkaufspreis, keinesfalls aber über <>ö Pig. pro Pfund verkaufen. War also beispielsweise der Durchschnittspreis einer Bäckerei im Vorjahre 48 Pig., so darf in diesem Jahre nicht mehr als höchstens 54 Ptg. genommen werden; war der vorjährige Preis 6(i Pig., diesmal dennoch nicht mehr als 65 Pig. Die Erhöhung von 12':*% entspricht nach gewissenhafter Schätzung der in diesem Jahre naturgemäß eingetretenen Steigerung der Gestehungskosten. Judenverfolgungen in Finnland. Der Kopenhagener „Jüdischen Volksstimme" wird unter dem 15. Dezember über Stockholm berichtet: i.aut zuverlässigen Informationen aus Finnland haben dort letzthin systematische Judenverfolgungen begonnen. Die finnländische Polizei behandelt die Juden mit ausgesuchter Grausamkeit. Tiiglich eriolgen neue Ausweisungen von Frauen und Kindern, auch von solchen, deren Ernährer im Kriege sind. Es sind Gerüchte im Umlauf, denen zufolge die Magistratsbehörden die Aushändigung von Handelspatenten und Hand-! Werksdokumenten an Juden für das Jahr 1916 verboten I haben. Falls dieses Verbot aufrechterhalten wird, bleii ben die Juden in Finnland erwerbslos und sehen ihrer I völligen Ausweisung entgegen. | Eine große Spende. | Der vor kurzem verstorbene jüdische Philantrop j A. L. Reis in New-York hinterließ der jüdischen Gei meinde 1 Million Dollar für die Gründung eines Kran- | kenhauses, das seinen Namen tragen wird.! Ein jüdischer Gesandter. | Aus Amerika kommt die Nachricht, daß die Re- : gierung der Vereinigten Staaten zum Gesandten in j S o f i a einen Juden, Mr. Louis Einstein, ernannt hat. I Juden auf der Flucht. In Wologda haben gegenwärtig an die dreitausend Vertriebene, Kleinrussen, Letten und Juden, zeitweilig einen Wohnsitz gefunden. Die offizösen „Birschewyja W'jedomosti" geben von dem Leben dieser Vertreibend! folgende Schilderung: Die Juden! Sie denken nicht an die Rückkehr zur Heimat, sie fragen nur: „Wird man uns nicht weiter jagen?" Die Aut'enthaltsgesetze — beuchtet der Verfasser — funktionieren automatisch. Hier ein Beispiel: Hammer, ein Schmied aus Nowo-Alexandrowsk im Kownoschen. Die Familie gehört dem Schmiedehandwerk an seit Urzeiten. Schon der Name sagt es. Neun Personen ist seine Familie groß; alle sind im gleichen Beruf tätig. Als man ihn;nach Wologda brachte, lief er die ganze Stadt ab, um eine leere Stube zu finden. Schließlich fand er eine in der Umgegend, im Dorfe Poüoniza, etwa vier Werst von der Stadt. Was fehlte zum Handwerk, baue er selbst mit den Seinigen. Dann beschlug er den Bauern die Pferde. Da, eines Tages erscheint der Urjadnik (Dorfpolizist). Es geschah, wie das Gesetz vorschreibt: „Sache betreffend die Ausweisung des Juden Hammer aus dörflichen Gemeinden." Die Behörden beklagten ihn (?), aber sie konnten ihm nicht helfen. Auf dem flachen Lande darf der Jude kein Handwerk treiben. Jetzt ist Hammer wieder in Wologda. Er lebt und hat zu leben. Wäre vielleicht glücklich, wenn an seinem Ambos nicht die Sorge stände, Tag und Nacht das furchtbare: „Wie lange?" Das sind die Jungen, Kräftigen. Aber die Alten? Ein Vierundachtzigjähriger, ein Patriarch mit Kind und Kindeskindern. In Wologda zählt die jüdische Kolonie jetzt 75 Familien. Und diese kleine Gemeinde bringt jeden Monat tausend Rubel auf, mit denen sie die Mittellosen unterstützt. Einem haben sie eine „Parikmacherskaja", das ist (wie das deutsche Wfort sagt) eine Frisierstube, gekauft. Aber in Wologda bilden die Friseure eine Zunft, die Prüfung -und Zeugnis verlangt. In Polen und Litauen gibt es das nicht. Die Polizei kommt und nimmt das frisch gemalte Schild ' von der Mauer. ..Dank Dir, Gott meiner Väter, daß sie mich nicht weggeschickt haben!" Sie sind ja so genügsam, atbeiten und erwerben. Nur „wegschicken" soll man sie nicht. Das ist das einzige, was sie fürchten. Ein Monument für gefallene Krieger. Die Wiederkehr des 700. - Todestages von Rabbi Jehuda ha-chas:d (1217) aus Regensburg am 13. Adaf 5677 wird mit der Herausgabe eines zweiteiligen Werkes gefeiert. Es handelt sich um eine bisher noch unedterte Abhandlung des Gaon nach einem in der Hof- und Staats- Bibliothek zu München vorhandenen Manuskripte. Dazu kommt eine Anzahl noch nicht veröffentlichter Abhandlungen nach ebenda befindlichen Handschriften seines großen Schülers Rabbi Eteazar Rokeach (1238). Dieses Werk ist auch als Denkmal für die aui.dem Felde der Ehre gefallenen Krieger gedacht, und zwar durch eine dem Werke beigegebene Gedenk-Tafel, die die Namen der Helden verewigen soll.. Interessenten, die den Namen ihrer Angehörigen oder Freunde auf diese Weise ehren wolen» wenden sich um Feststellung der ev. Bedingungen an: Rabbiner Ksiel K a m e 1 h a r aus Stanislau, d, Z. in Oberieutersdosi (Böhmen). AUFRUF! Der von Rabbinern und orthodoxen Juden geschaffene „Verband zur Lösung der ostjüdischen Fragen in Wien" fordert hiermit alle jüdischen Grerheinden Galiziens und der Bukowina wie auch der von den Verbündeten okkupierten Gebieten auf, daß diese allen loten jüdisciien Soldaten — da sie aus Liebe 'zum Vaterlande und unserem erhabenen Monarchetr ihr Leben auf dem Felde der Ehre galassen haben — die letzte Ehre nach allen rituellen Vorschriften erweisen um) ihnen einen Ort auf dem jüdischen Friedhofe nach Rang und Stand anweisen sollen. Präs. Uscher Horowitz, Rabbiner (Krakau); Vizepräs. Pinkas Rimelt, Rabbiner (Zolkiew): Vizepräs. lsak B. Thumin, Rabbiner (Husi); Sekretär Markus Halpern. Neue Bücher. „Flugschriften für Oesterreich-Ungarns Erwachen". 3.14. Heft: Dr. Gustav Marchet, k. k. Unterrichtsminister a. D., Wien: „Die Versorgung der Kriegsinvaliden und deren Hinterbliebenen". 5. Heft: Peter Rosegger, Graz. „Heim zur Scholle". (Herausgeber Robert Strache, Warnsdorf. Liter. Leitung: Ferdinand Gruner, Trautenau. Verlegt bei Ed. Strache, Verlagsbuchhandlung, Warnsdorf in Böhmen. Ladenpreis eines Heftes 1 Krone oder 80 Pfennige. Sonderbezug 6 Hefte 5 Kronen oder 4 Mark.) „Aegypten" von Georg Steindorff. Verlag Ullstein & Co., Berlin-Wien. Aus der Bücherfolge: Männer und Völker. Eine ausführliche Beschreibung von Land und Leuten in Vergangenheit und Gegenwart, besonders interessant mit Rücksicht auf die Rolle, welche Aegypten noch im gegenwärtigen Weltkriege spielen dürfte. „Matterhorn". Ein Hochgebirgsroman von Theodor Wundt. Mit 24 Abbidungen. Verlag von Rieh. Bong, Berlin W. „Leutnant Sender". Blätter der Erinnerung für seine Freunde, aus seinen Feldpostbriefen, zusammengestellt von Dr. M. Spanier. Verlag von M. Glogau jr., Hamburg: „Schwert Siegfrieds wider Albions Gold". Vaterländischer Roman von Heinrich Vollrat Schumacher. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. „Frontberichte eines Neutralen". I. „Polen und Karpaten". Vom schweizerischen Major Tanner. Verlag August Scherl G. m. b. H. Berlin. Unter den zahlreichen Schilderungen vom Kriegsschauplatze, die bisher erschienen, gebührt der vorliegenden Schrift eine erste Stelle, nicht nur deswegen, weil es ein Neutraler ist, der diese Schilderungen der Oeffentlichkeit übergibt, was wohl ihre Objektivität verbürgt, sondern auch, weil es in Form und Inhalt eine vollendete Arbeit darstellt. Die überaus zahlreichen Originalaufnahmen erhöhen noch den Wert des Buches. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. - Buchdruckerei „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Goinhut),