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Jüdische Korrespondenz · 1916-01-06 · 1 (6.1.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
1 (6.1.1916)
Date
1916-01-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr 1. _ herzige Einzelverfügungen das wärmste Wohlwollen auch für die palästinensischen Juden bekundet. Die eine Tatsache allein, daß etwa 20.000 russische Untertanen in schwerer Schicksalstunde ohne erhebliche Formalitäten das türkische Staatsbürgerrecht erwerben und in der ihnen lieb gewordenen Heimat ungehindert verbleiben konnten, bildet einen historisch denkwürdigen Akt, dessen politische Tragweite j zurzeit gar nicht abschätzbar ist. Was würden; auch diese 20.000 russische Untertanen gej macht haben, wenn ihnen nach bekanntem! Vorbilde der Befehl erteilt worden wäre, daß : sie innerhalb 24 Stunden in ihre „Heimat" zuj rückkehren müßten! Die ottomanische Regie- J rung hat verfügt, daß die neu aufgenommenen ' russischen Juden auch von der Entrichtung der 1 üblichen Einbürgerungsgebühren dispensiert I sein sollen. j Wie jetzt in Bulgarien, wurden schon frü- : her auch in der Türkei sämtliche französischen und englischen Schulen geschlossen, während die zahlreichen jüdischen Schulen und Wohltätigkeitsanstalten Palästinas und der übrigen Türkei offen gelassen wurden und ungestört ihre Wirksamkeit fortsetzen. Zur Ehre der ottomanischen Regierung sei es aber gesagt, daß nur die Lehranstalten der feindlichen Staaten — französische Orden haben in Kleinasien allein 800 solche Institute, deren Hauptaufgabe es bildet, politische Vorspanndienste für die Aspirationen Frankreichs zu leisten — ihren Betrieb einstellen mußten. Die Krankenhäuser sind, selbstredend unter türkischer Kontrolle, weiter in Wirksamkeit geblieben und die Gotteshäuser wurden überhaupt nicht angetastet. Die türkische Regierung hat ferner in den jüngsten Tagen den Beschluß gefaßt, die Bestrebungen zur Verbesserung des Loses der Juden durch gesetzliche Regelung der Einwanderung von Juden nach der Türkei kräftigst zu fördern. Auch die deutsche und österreichisch-ungarische Regierung stehen der Lösung dieses Problems sehr wohlwollend gegenüber. Der Kommandant der 4. ottomanischen Armee und Admiral der Marine, Djemal Pascha, hat dieser Tage die judäischen Kolonien Rischon le-Zion und Pethach-Tikwah besucht. Zwei Tage verbrachte der Oberbefehlshaber der syrisch-ägyptischen Armee dort und gab unumwunden seiner freudigen Genugtuung Ausdruck über den wirtschaftlichen Aufschwung, der in den jüdischen Ansiedelungen wahrnehmbar ist. Der Oberbefehlshaber, der nicht nur die militärische, sondern auch die bürgerliche Herrschaft mit unumschränkter Machtvollkommenheit ausübt, hat seither auch eine hervorragende Kulturarbeit auf wirtschaftlichem und hygienischem Gebiete geleistet. Das Bahnnetz wurde im Kriegsjahre mit einer staunenswerten Geschicklichkeit bis Gaza erweitert und die Bahnlinie Jaffa—Jerusalem an die Hedschasbahn angeschlossen. Was die Engländer ihren eigenen Bundesgenossen, den Franzosen, nicht gestatteten, die Annäherung Syriens an Aegypten, ist um einen kräftigen Sprung weiter gediehen. Der Zeitpunkt war aber noch nicht gekommen, mit einer militärischen Operation gegen Aegypten zu-beginnen. Zuerst mußte die Linie Berlin—Wien—Budapest—Belgrad— Nisch—Sofia—Konstantinopel frei gemacht werden. Die Herstellung einer ununterbrochenen Front bis zum Suezkanal ist wohl das bedeutendste Ereignis auf dem orientalischen Kriegsschauplatze. Wenn erst die türkischen Truppen den Suezkanal überschritten haben werden, was, nach der allgemeinen Kriegslage zu urteilen, schon in absehbarer Zeit zur Tatsache w erden kann und hoffentlich auch werden wird, sollen auch die syrischen Kriegsbahnen an das ägyptische Bahnnetz den Anschluß erreichen. Das alles wird von den Engländern instinktiv empfunden. Daher auch die Nervosität ihrer Presse, die so häufig gerade das palästinensische Problem zum Gegenstande der politischen Betrachtungen wählt. Das türkische Volk aber ist tief davon durchdrungen, daß nicht nur am BosDorus, sondern auch an der ägyptischen Grenze die Integrität des ottomanischen Reiches auf dem Spiele steht, und es wird weiter wie bisher mit der größten patriotischen Begeisterung Gut und Blut auf dem Altare des Vaterlandes opfern. Londoner Brief. (JAK.) Aus London wird geschrieben: Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Volksmassen in England zeigt seit einiger Zeit wieder eine andauernd niedergehende Tendenz, in den ersten zwei Kriegsmonaten, im August und September 1914 herrschte ein großes Elend unter den jüdischen Arbeitern, da die Arbeitslosigkeit eine fast allgemeine war. Die Aussicht für die Zukunft war eine äußerst düstere. Unerwarteterweise kam dann eine Periode der „Prosperität", die vom Oktober 1914 bis Ende Juni 1915 anhielt. Das Schneidergewerbe, in dem die jüdische Arbeiierschaft zum ■ größten Teil beschäftigt ist, arbeitete mit Volldampf für den Kriegsbedarf, und obgleich keine Erhöhung der Löhne eingetreten war, so konnten doch die jüdischen Arbeiter bei einem nicht zu langen Arbeitstag im Durchschnitt 6 bis 7 Pfund Feuilleton. Wie die Russen in Galizien Kausien. (Aus dem Tagebuch eines Augenzeugen). „Im Namen des Zaren Imperators beireie ich Euch vom österreichischen Joche und vereinige das heute von unseren tapferen Soldaten mit russischem Blute befreite Qebiet mit der heiligen russischen Erde. Hinterlistig ist der Eeind und lange wird der Kampf währen, aber unser ist der Sieg. Mit uns ist Gerechtigkeit und Wahrheit, der Qott Rußlands ist mit uns. Euere Aufgabe ist es, jetzt uns zu helfen, unsere slavischen Länder von den nicht slavischen Völkern zu befreien, denn nur dann könnt Ihr freie Bürger Rußlands werden." So sprach der Kommandant eines russischen Regiments zu einer polnischen Deputation, die ihn nach alter Sitte mit Brot und Salz empfangen hatte. Das „nichtslavische Element", das der Oberst meinte, waren wir Juden. Und der Haß gegen uns, der zurückgedränkt war und geschlummert hatte, wie die Natur im Winter, blühte plötzlich auf. Am nächsten Tage ließ der Kommandant zwanzig angesehene Juden kommen und sagte: „Ich weiß, daß Ihr Feinde Rußlands seid, Ihr habt beschlossen jeden Donnerstag zu lasten, um bei Qott Erfolg für Oesterreichs Waffen zu erflehen. Ihr steht auch in Verbindung mit der österreichischen Armee. Ich warne Euch heute zum letzten Male. Kein Jude wird am Leben bleiben, wenn ihr weiter Spionage treiben werdet. Merkt es Euch, Ihr Hundesöhne. Ohne Strafe für das Verbrochene werdet Ihr aber nicht weggehen. Ich behalte Euch zwanzig als Geiseln, zehn von Euch verhafte ich, die anderen zehn sind momentan frei, aber die müssen mir bis übermorgen 6 Uhr abends Petrograder Zeit 100.000 Kronen Kontribution bringen. Ich habe auch erfahren, daß Ihr in Eueren Magazinen Getreide aufgespeichert habet, und Ihr wollet es für Oesterreich aufbewahren. Wehe Euch, wenn Ihr mir nicht das ganze Getreide sofort ausliefert. Höret, verstellt Ihr oder wollet Ihr nicht begreifen, Was? Ihr verstehet nicht russisch? Jeder russische Untertan muß russisch verstehen und sprechen, merkt es Euch, und den russischen Rubel müßt Ihr für 3 K 33 h annehmen. Merkt es Euch, Ihr Hundesöhne." Umsonst war das Weinen und Klagen der Juden, sie hatten nicht soviel Geld, denn die Reichen waren geflüchtet und die Armen hatten kein Brot fürs nackte Leben. Der Oberst aberrief: „Wollt Ihr vielleicht von mir noch Geld haben, Hundesöhne? Packt Euch! Uebermorgen will ich die 100.000 Kronen haben, sonst werdet Ihr alle gehängt." ' Da zogen die freien Geiseln in die Bothe-Hamidrosch und ordneten an, daß jeder das Kostbarste bringe, das er habe, denn Gött zürne Israel seiner Sünden wegen und sende die Russen zu seiner Bestrafung. Am selben Tage brachten die Juden Geld, silberne Leuchter, drei Stirnbänder aus Perlen. Doch waren es an barem und an Wertgegenständen zusammen nur 50.300 Kronen. Da schickten sie am dritten Tage eine Deputation an den Kommandanten, er möge diese Summe als Kötitribution annehmen, denn mehr aufzubringen sei unmöglich. Denn von den 4682 jüdischen Familien der Stadt hätten nur 328 etwas geben können; sie alle seien arm und die Reichen längst geflüchtet. Da berief der russische Kommandant seine Ver: trauensmänner, um sie zu befragen. Draußen vordem Rathause standen die Juden und warteten auf die Entscheidung derer, in deren Hand ihr Leben stand. Endlich kam die Botschaft des Obersten. Sie lautete: „Hätte ich eine Million Kronen von Euch verlangt, so hättet Ihr diese Summe geben müssen, danket meiner Gnade, daß ich nur 100.000 Kronen verlange, eine Summe, die jeder von euch leicht aufbringen kann. Morgen frühestens muß dieser Betrag abgeliefert sein! Die jüdische Deputation überbrachte die Mitteilung des Obersten der versammelten Judenschaft. Ein jeder gab seinen letzten Heller und doch fehlten noch 31.658 Kronen zu der vom Kommandanten verlangten Summe. Da beantragte der Vorsteher eines Beth-Hamidrasch, man möge die Thorakronen in allen Bethäusern sammeln und der Kontribution beilegen, die werden sicher einen Wert von 31.658 Kronen haben. Nach einer Stunde waren 30 große, 24 kleine Thorakronen und 30 silberne „Hände" da. Ein Mitglied der Deputation beauftragten die Versammelten bei Ueberreichung der Kontribution den Kommandanten zu ersuchen, er möge die jüdische Bevölkerung vor Ueberfällen schützen, denn nicht nur bei Nacht, sondern auch bei Tag werden jüdische Häuser überfallen, ausgeraubt und die ärgsten Schandtaten verübt. Am nächsten Tage warteten die zehn freien Geiseln im Rathause, um dem Kommandanten die Kontribution zu überreichen, die Verhafteten zu befreien und um Schutz für die jüdische Bevölkerung zu bitten, denn bei wöchentlich heimbringen. Seit Juli aber hat wieder eine große Arbeitslosigkeit unter den Juden platzgegriffen. Der Heeresbedarf wird nämlich gegenwärtig durch die großen Fabriken gedeckt, während die kleineren Werkstätten, die in jüdischen Händen liegen, bei der Erneuerung der Militäraufträge übergangen worden sind. Die Arbeitslosigkeit in Ostend Londons wird auf 60 Prozent geschätzt lind auch unter den jüdischen Arbeitern der Provinz sind die Zustände ebenso betrübende. Eine ganze Reihe von kleinen jüdischen Unternehmern, die,' durch die ersten Militäraufträge ermuntert, eine Erweiterung ihrer Betriebe vorgenommen und sich in Unkosten gestürzt haben, sind nunmehr ruiniert, da die erwarteten weiteren Bestellungen ausgeblieben sind. Infolge dieser sowie der politischen Umstände ist die Stimmung unter der eingewanderten jüdischen Bevölkerung eine sehr deprimierte. Der Antisemitismus ist in England infolge der russischen Einflüsterungen zusehends im Wachsen begriffen. Die russischen Agenten suchen die führenden Kreise Englands glauben zu machen, daß die russischen Juden des Grenzgebietes, verkappte deutsche „Spione" und an allem Mißgeschick des russischen Heeres schuld seien, und da die Engländer mit seltenen Ausnahmen von russischen Dingen keine blasse Ahnung haben, so findet diese Mär nicht wenige Gläubige. Die Zensur ihrerseits, aber mehr noch der „Patriotismus" der kapitalistischen Presse sorgen dafür, daß die Wahrheit über Rußland und die Lage der russischen Juden nicht durchsickere und während die Londoner jiddischen Blätter täglich über die Greueltaten der russischen Soldateska und der russischen Regierung berichten, findet man davon kein Wort in der englischen Presse. Die Versuche von angesehenen Persönlichkeiten wie I Zangwill, in die russischen Zustände hineinzuleuchten, sind am Widerstand der Zensur und — der Redaktionen gescheitert. Dagegen ist es der „Times" die so weit gesunken ist, daß sie sich selbst die „Nowoje Wremia" Londons nennt, und ähnlichen Hetzorganen gestattet, die Verratslegende über die russischen Juden zu verbreiten. ' Das Ergebnis des hartnäckigen Schweigens der liberalen Presse einerseits und der'Verleumdungskampagne der reaktionären Organe andererseits ist ein Zustand der Geister, der für die in. England lebenden Juden verhängnisvoll werden kann. Man ist in den jüdischen Kreisen darüber sehr beunruhigt.' •' Die Bewegung zugunsten der Efnanzipation der Juden der kriegführenden Länder macht Nacht waren wieder einige Vergewaltigungen vorgekommen. Ein Melamed, der seine Tochter; schützen wollte, wurde ermordet und zwei Frauen schwer ,verT wundet. Um halb zehn Uhr ließ der Kommandant die zehn Geis'eln eintreten, und sie übergaben ihm die Kontribution. Kaum hatte der Kommandant. die Thorakronen erblickt, so rief er laut: „Gemeines Gesindel, Hundesöhne, ewige Feinde des russischen Zar.en, weg mit Eueren Thorakronen. Ich verstehe zu gut, was Ihr beabsichtigt, Ihr wollet die Rache Eueres Gottes auf das russische Heer ziehen, um Euch so an. und. für Euere Kontribution zu rächen. Dafür werden Ihr nur büßen, Ihr Hundesöhne. Spätestens bis 6 Uhr müßt , Ihr die 100.000 Kronen bringen, 50.000 Kronen bar, den Rest dürft Ihr in Wertgegenständen geben. Staats- oder Wertpapiere nehme ich nicht an, denn der, jüdische Staat, d. h. Oesterreich, ist zertrümmert, daher repräsentieren diese Papiere keinen Wert. Weil Ihr aber Eueren Gott gegen uns hetzen wollet, verurteile ich jeden von Euch zu zwanzig Nagaikas. Nachher könnt Ihr gehen um den Rest der Kpntribution zu sammeln. Um 6 Uhr abends muß ich das Geld haben, sonst werdet Ihr alle gehängt." Nach einer halben Stunde brachte jnan die zehn verhafteten Geiseln, und alle zwanzig führte man zusammen auf den Ringplatz. Dort stand eine Bank bereit, und vier Kosaken walteten ihres Amtes. Als einer der Geiseln, ein 82jähriger Greis, während der Schläge bewußtlos wurde, ließ ihn der Kommandant, der die Nagaikas zählte, wegführen, und als alle bereits geprügelt waren, erhielt der Greis den Rest Prügel, Alle anwesenden Juden wurden zusammen getrieben und mußten dieser Prügelstrafe zuschauen. Als das Schauspiel zu Ende war, stürzten sich die Kosaken auf die Juden, schlugen sie blutig, weil sie sich angesammelt hätten, obwohl Ansammlungen verboten seien; und sie waren doch auf Befehl des Kommandanten versammelt worden! So wurden sie geschlagen und gejagt und die Russen — und nicht sie allein — hatten eine viehische Freude. Gegen 1 Uhr war das Schauspiel zu Ende; sogar die ärmsten Juden gaben ihren letzten Heller und man brachte mit Wertgegenständen 96.320 Kronen für den Kommandanten zusammen. Die Prügelstrafe wurde seit jenem Tage eine stehende; mindestens wurden am Tage zwei Juden geprügelt. Nur eine kleine Ueberaschung brachte der andere Tag, die Bank verschwand; man prügelte die Leute, die nackt ausgezogen wurden, auf der Straße, während einer Wirtterkälte von oft 20 Grad. Ben Jehoschu*.

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