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Jüdische Korrespondenz · 1916-01-06 · 1 (6.1.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
1 (6.1.1916)
Date
1916-01-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. i U/AAltAMklAW 1V.A:„~U~ __ Redaktion und Administration: vierte^hriich k 120. Wochenblatt tur jüdische Interessen. wien, vm. AiSerStraße?. HaDtahnck mit voBer Qiuneiiaagabe gestattet, i Redakteur: Jonas Kreppet. i Erscheint jeden Donnerstag Wien, 6. Jlnner 1916. 2. Jahrgang. JVlensclilichjkett, Rechl und Kultur". Die Beweggründe, welche die Urheber des Weltkrieges zu ihrem ruchlosen Beginnen veranlaßt haben, sind so ziemlich klar. Die Vorgeschichte des gewaltigen Ringens ist wohl noch nicht in allen Einzelheiten festgestellt, aber so viel ist gewiß, daß Englands Habsucht, Frankreichs Chauvinismus, Rußlands Eroberungsgelüste, Serbiens Größenwahn und Italiens perfider Verrat das schreckliche Blutvergießen verschuldet haben. Nichtsdestoweniger wurde noch nie mit den Schlagworten „Menschlichkeit, Recht und Kultur" so viel herumoperiert, wie während dieses Krieges, und gerade die Urheber desselben besitzen die eiserne Stirne, ihr verdammenswertes Vorgehen mit diesen höchsten Attributen der Moral bemänteln zu woHen. Es macht fast einen drolligen Eindruck, noch immer all diese Tiraden zu hören und zu vernehmen. Und doch wollen sie nicht verstummen; je niedriger und verabscheuungswürdiger ihre Handlungsweise, desto stärker wirft die Entente mit dieser Phrase nur so um sich, und merkwürdigerweise finden sich noch in den neutralen Ländern hie und da Naive genug, die dieses Versteckenspiel ernst nehmen. Je länger der Krieg dauert, je mannigfaltiger sein Verlauf und seine Ereignisse, desto mehr wird diesen Heuchlern die Maske vom Gesichte gerissen, desto deutlicher stehen sie in ihrer ganzen, nackten Schamlosigkeit da. Ihr letztes Vorgehen gegen Griechenland ist wohl die beste Illustration, was die Qrey, Poincare, Sasonow und Salandra tmt«r-Menschlichkeit, Recht und Kultur verstehen. Monatelang wurde Griechenland zur Teilnahme am Kriege an der Seite der Entente haranguiert. Man scheute vor den niedrigsten Intriguen nicht zurück, ließ sich mit einem Minister in Vereinbarungen ein, trotzdem man genau wußte, daß; -König und Volk ihnen die Billigung aufs Entschiedenste versagen. Als der verräterische Minister fortgejagt wurde-und'die ganze öffentliche Meinung des Landes ihren Willen kundgegeben hatte,, weiterhin die Neutralität zu bewahren und sich nicht in ein aussichtsloses Abenteuer stürzen zu lassen, da setzten sich diese „Verfechter des Rechtes der kleinen Nationen" ganz einfach über die primitivsten Rechte eines freien Volkes hinweg, vergewaltigten seine Unabhängigkeit, mißachteten seine Souveränität und verletzten seine Integrität durch die Landung ganzer Armeen auf seinein Territorium und durch die zwangsweise Verwandlung, eines friedliebenden und friedebedürftigen Landes in ein Kriegsgebiet. Geduldig bis zur äußersten Grenze ließ Griechenland diese Vergewaltigung über sich ergehen; erwies seinen Bedrängern das äußerste Entgegenkommen, duldete alle ihre Ueberhebungen und Brutalitäten, um nur nicht dazu gezwungen zu sein, das Blut seiner Söhne zwecklos zu vergießen. Aber auch das genügte, den „kulturtriefenden" Engländern und Franzosen nicht. Sie forderten fortwährend weitere, Konzessionen, verstiegen sich bis zu dem Verfangen* daß die griechische Armee von Salonikiabziehe und ihnen die Herrschaft über diese Stadt überlasse, für welche die Griechen in zwei Kriege geblutet und deren Eroberung sie als den höchsten Triumph ihres nationalen Strebens gefeiert haben. Um des lieben Friedens willen hat Griechenland auch dieses Opfer gebracht, aber auch damit gaben sich die Usurpatoren nicht zufrieden. Eines schönen Tages gebürdeten sie sich plötzlich wie die unumschränkten Herrscher von Saloniki, überfielen die Konsulate der Vierbundstaaten, verhafteten die Konsuln samt ihrem Personale und überführten sie als Gefangene auf ein französisches Kriegsschiff. Es ist klar, welche Konsequenzen dieses Vorgehen haben muß. Wenn vielleicht bisher noch irgendwelche Rucksichten politischer Natt* vorhanden waren, welche das Hineintragen des Kampfes aaf griechischen Boden verhinderten, so müssen diese angesichts der Handlungsweise der Engländer und Franzosen wegfaMn&uand diß ruhigen, friadiiebeaden Bürger von Saloniki dürften demnächst Augenzeugen und Opfer eines blutigen Kampfes werden, den sie nicht gesucht haben, der sie nichts angeht und in dem ihre eigenen Interessen am wenigsten engagiert sind, höchstens nur insoferne, als sie einen Sieg der Zentralmächte und ihrer Verbündeten herbeisehnen müssen, da nur diese ihnen die ungebetenen Gäste vom Halse schaffen können. Weshalb wir da hier all diese Einzelheiten schildern, die wohl Jedem aus der Tagespresse bekannt sind und die eigentlich mit der Judenfrage in gar keinem Zusammenhange stehen? -- Um endlich einmal denjenigen unserer Glaubensgenossen im Auslände die Augen zu öffnen, die noch immer den „Völker-Bcfeejungs"-Phrasen. der Entente Glauben schenken und von einem Siege derselben Heil und Segen für die Juden erwarten. So gibt es noch unter unseren Zionisten Verblendete - um nicht einen schärferen Ausdruck zu gebrauchen — genug, die an eine Erreichung der zionistischen Aspirationen nach einem Siege der Entente glauben. So gebärdet sich ein gewisser Zabotinsky in einem systematischen Wahnsinne, daß die Juden an der Seite der Entente gegen die Türkei kämpfen müssen, so phantasieren gewisse jüdisch-englische Kreise noch immer davon, mit der Hilfe Englands in dein „zu erobernden" Mesopotamien ein großes jüdisches Kolonisationswerk zu unternehmen, so wollen gewisse jüdische Kreise im Auslande für das Schicksal Frankreichs im Namen der Vöikerireiheit unter den,, Juden eine Lanze "brechen. Hie Zahl dieser Naiven und Verblendeten ist zv ar sehr minimal und sie vermögen es absolut nicht, die jüdische öffentliche Meinung irgendwie zu beeinflussen. Aber das Vorgehen der Entente gegen Griechenland müßte auch diese überzeugen, daß sie sich auf einem falschen Wege befinden. Nichst liegt der Entente so ferne, wie das Heil und Glück der ihr verbündeten kleinen Völker. Sie hat Serbien in den Krieg hineingehetzt und es dann seinem Schicksale überlassen. Sie hat Belgien für sich zu gewinnen gewußt und über dieses Land unsägliches Leid gebracht. Sie hat um das Wohlwollen Griechenlands gebuhlt und bedankt sich dafür mit Brutalität und Vergewaltigung. Wer sich ihr anschließt, geht elend zugrunde. Sollen die Juden sich für diese verlorene Sache engagieren? Die Phrase von Menschlichkeit, Recht und Kultur kann im jüdischen Lager keine Gläubiger finden. Zu deutlich ist zu sehen, was man in London und Paris darunter jetzt versteht. Ist schon die Haltung Englands und Frankreichs gegenüber den Juden-Pogroms in Rußland eine klägliche, so beweist ihre Handlungsweise gegenüber Griechenland, daß sie selbst die primitivsten Rechte der freien Völker nicht achten und nur ihren eigenen heiligen Egoismus verfolgen. Von dieser Seite hat die Gesamtjudehheit sicherlich nichts zu erwarten. Fliichlllngsrepcüriierung und galizisches Moratorium. Vorige Woche sprach eine Delegation des Polenklubs, bestehend aus den Abgeordneten Dr. Leo, Dr. Steslowicz und Dr. v. Loewenstein beim Minister des Innern, Prinzen Hohenlohe, vor. Die Abgeordneten lenkten die Aufmerksamkeit des Ministers auf gewisse Unbequemlichkeiten, die mit der Flüchtlings-Repatriierung nach Galizien während der jetztigen Wintermönate verbunden sind. Gar viele der Flüchtlinge finden zu Hause Heim und Herd zerstört, ausgeplündert und ausgeraubt, ohne in der Lage zu sein, sofort an den Wiederaufbau des Zerstörten sowie an die Ersetzung des Geraubten zu schreiten. Auch die Verkehrs- und Approvisionierungsverhältnisse bieten in der jetzigen Winterzeit gewisse Schwierigkeiten. Der Minister interessierte sich sehr lebhaft für die Ausführungen der Abgeordneten Hinsichtlich der Flüchtlinge aus I den anderen galizischen Gegenden sollen die I einzelnen Falle individuell behandelt und nach I Möglichkeit berücksichtigt werden. Tatsächlich! sind bereits diesbezügliche Anordnungen er-! gangen. In den Kreisen der Flüchtlinge hat das i Entgegenkommen des Ministers des Innern die i höchste Befriedigung hervorgerufen, j Ebenso befriedigt ist man m allen galizi- ] sehen Kreisen über die Form, in welcher die ' Moratoriumsfrage seitens der Regierung einer 1 Erledigung zugetiihrt wurde. Wie bekannt, wurde von gewisser Seite gefordert, schon jetzt mit einem Abbau des Moratoriums für Uali-; zien zu beginnen, wobei sich dieses Verlangen I aui den Unistand stützte, daß gewisse galizii sehe Kreise trotz der Kriegsereignisse oder ge-; rade infolge derselben sehr gute Geschäfte roai clien und in der Lage sind, ihren Verpflichtun- I gen nachzukommen. Dieses Verlangen ist wohl gerechtfertigt, aber es handelt sich hiebei um einen ganz kleinen Perzentsatz von Geschäftsleuten. Die große Majorität der Handels- und Gewerbewelt ist noch immer des Schutzes eines Moratoriums bedürftig und die voreilige Aufhebung desselben könnte nur zu wirtschaftlichen Erschütterungen fuhren. Ganz besonders wäre dies der Fall, wenn man den Abbau des Moratoriums für gewisse Laudesteile angeordnet hätte, da die wirtschaftlichen Interessen des Landes sich nicht nach politischen oder Genchtsbezirken differenzieren lassen. Die maßgebenden Kreise haben nun den einzig richtigen Weg betreten, indem sie die Fortdauer des Moratoriums für das ganze Jahr 1916 dekretierten, jedoch.,einen, individuellen Abbau angeordnet haben, indem diejenigen Schuldner, i die nachweisbar in der Lage sind, ihren Ver- | pilichtungen nachzukommen, zur ZahluHg ihrer Schulden verhalten werden können. Um aber die minderbemittelten Volkskreise vor Belästigungen seitens der Gläubiger zu schützen, wurde bestimmt, daß die Gläubiger für alle Fälle die Kosten des diesbezüglichen Gerichtsverfahrens zu tragen haben. In beiden, einen großen Teil der galizischen Juden betreffenden Fragen, hat demnach die Regierung überaus befriedigende Entscheidungen getroffen. „Die TUrkei im Kriege." Die „Jüdische Presse" schreibt: Die Blätter der Entente und ganz besonders die englischen Zeitungen geben sich seit Ausbruch des Krieges die größte Mühe, um tendenziöse Nachrichten über die Lage der Juden in Palästina zu verbreiten. Der Zweck ist durchsichtig. Einerseits will man bei den amerikanischen und europäischen Juden den Glauben erwecken, als seien die in der Türkei und hauptsächlich in Palästina lebenden Juden allerlei Erpressungen seitens der türkischen Regierung ausgesetzt. Hauptsächlich wird es sieh aber bei den Engländern um ein politisches Manöver handeln, durch welches vorgespiegelt werden soll, daß einem jüdischen Palästina unter dem Schutze der Triple-Entente, deren Programm bekanntlich noch vor dem Eintritt der Türkei in den Krieg die Verteilung Syriens und Palästinas umfaßt hat, eine bessere Zukunft bevorstehe. Die türkische Botschaft in Berlin erachtete es deshalb für zeitgemäß, auf das Entschiedenste diese und auch die in der englischen Presse verbreiteten falschen Nachrichten über die heiligen Stätten des Christentums, wonach Klöster, Schulen und Gebethäuser in Kasernen umgewandelt sein sollen und Schießübungen gegen den Oelberg in Jerusalem abgehalten werden, zu dementieren. An der ganzen Sache ist bloß so viel wahr, daß die Juden Palästinas ebenso wie die übrige muselmanische und christliche Bevölkerung des Reiches mit patriotischem Sinn freiwillig verschiedene SehulgebÄude zu Hospitälern umgewandelt haben. Es ist allgemein bekannt, daß die Juden in der Türkei unter ottomanischem Schutz volle bürgerliche Gleichberechtigung genießen. Aber gerade in diesem Kriege hat die ottomanische Regierung durch wirklich hoch-

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