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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-30 · 20 (30.12.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
20 (30.12.1915)
Date
1915-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. jüdische Korrespondenz Seite 3 9. Den Bädcern ist von der Freien Vereinigung durch Rundschreiben von der getroffenen Regelung Mitteilung zu machen, wobei von vornherein darauf hingewiesen wird, daß lediglich der durch die religiösen Vorschriften bedingte Bedarf für die rituell lebenden Juden gesichert werden soll und daß aus diesem Grunde gewisse Sicherungsmaßnahmen getroffen werden. Der administrative »Abbau« der Wohnrechlserweilerung en in Rußland. (JAK.) Mit dem Rücktritt des früheren Ministers des Innern, Fürsten Stscherbatow, wird stückweise die von ihm eingeleitete Erweiterung des jüdischen Wohngebietes, der „Tscherta", außer Kraft gesetzt. Wohl hat der neuernannte Innenminister, der frühere Leader der extrem Rechten in der Reichsduma, Chwostow, bei seinem Amtsantritt den Vertretern der Presse erklärt, „er sei nie Anhänger der aggressiven Politik gegen die Juden gewesen. Nicht nur schliesse er sich den Maßnahmen seines Vorgängers bezüglich der Erleichterungen des Wohn- und Bewegungsrechtes der Juden an, sondern er glaube sogar, daß sie einer weiteren Entwicklung bedürfen". Die administrative Praxis unter der neuen Leitung beweist jedoch» daß die Erklärungen des neuen Ministers den sonstigen heuchlerischen Enunziationen zuzuzählen sind, die den Zweck haben, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit von der Willkürherrschaft der Gouverneure und ihrer Organe abzulenken; man kann ruhig sagen, daß die Aera Chwostow, wie es bei den bekannten erzreaktionären Gesinnungen dieses Parteigängers der schwarzen Hundert nicht anders zu erwarten war, eine Fortsetzung aller Bedrückungen, Demütigungen, grausamen Verbannungen der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Flüchtlinge brachte, die unmittelbar vor dem Rücktritt des großfürstlichen Generalisimus ihren Höhepunkt erreichten. Man kann die Lage der Juden in Rußland in den Worten zusammenfassen: „Es bleibt alles beim Alten". Der Militärgouverneur von Kiew hat ungeachtet des ministeriellen Erlasses über die Gewährung des Wohnrechts an die Juden in den Städten, allen Juden den Aufenthalt in Kiew strengstens untersagt, auch denjenigen, die auf Grund der bis jetzt bestandenen Rechtsbeschränkungen, das Wohnrecht in Kiew besassen, wie z. B. akademisch Graduierte, Kaufleuten erster Gilde u. s. w. Der Gouverneur von Wladiwostok, dem das Küstengebiet im fernen Osten anvertraut ist, erklärte den ihm unterstellten Organen, daß das bekannte Zirkular die im Küstengebiet wohnenden Juden von den Beschränkungen nicht befreit, denen sie in diesem Generalgouvernement unterliegen. Der Aufenthalt in Wladiwostok selbst bleibe den Juden kategorisch verboten. Es sei bemerkt, daß in dieser Gegend die Juden nicht nur kein Wohnrecht haben, sondern daß auch diejenigen, die dieses Privilegium besitzen, an ihren Wohnort gebunden sind und sich ohne Erlaubnis aus einem Kreis in den andern nicht bewegen dürfen. Daß der neue Statthalter vom Kaukasus, der gestürzte Generalissimus, Nikolai Nikolajewitsch, seine Macht dazu ausnützen wird, um die angebliche Reform unwirksam zu machen, ist angesichts der angeführten Tatsachen nicht mehr verwunderlich. Der Chef der Zivilverwaltung des Statthalters hat im „Zusammenhang mit dem Erlaß des Ministers des Innern, der in der Sammlung der Gesetze und Anordnungen der Regierung veröffentlicht ist, über die Gewährung des Wohnrechts an die Juden in städtischen Siedlungen außerhalb des Ansiedlungsrayons" an die ihm unterstellten Behörden folgende Anweisung gerichtet: „Ich halte es für notwendig zur Kenntnisnahme und zwecks entsprechender Anordnungen mitzuteilen, daß Seine Kaiserliche Hoheit der kaukasische Statthalter infolge örtlicher Bedingungen es nicht für möglich hält, den oben angeführten Erlaß des Ministers des Innern bezüglich der Ueberlassung des Wohnrechts in Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons auf die Gegenden des kaukasischen Gebiets auszudehnen, Zugleich hat er befohlen, die aus dem Wohngebiet eingetroffenen jüdischen Flüchtlinge aller Kategorien, nicht ausgenommen auch diejenigen, die nach den Gesetz das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons besessen hätten (Kaufleute, Handwerker u. s. w.) aus den GreHzen des Gebietes von Kaukasus auszuweisen nach den innern Gouvernements des Reiches ... und ebenso sorgfältig zu beachten, daß keine neuerlichem Fälle der Ansiedlung den jüdischen Flüchtlingen in dem ihm anvertrauten Bezirk zugelassen werden." Es ist bezeichnend, daß auch innerhalb der bisherigen „Tscherta" die Vertreibungen der Flüchtlinge, die in Städten mit größeren jüdischen Gemeinden Zuflucht suchten, fortdauern. So hat das Jüdische Hilfskomite in Hornel dem Städteverband telegraphisch gemeldet, daß der Vertreter des Hauptbevöllmächtigten in Sachen der Evakuierung der Flüchtlinge der nordwestlichen Front (Senators Subtschaninow) General Telaschewsky, den Abtransport aller jüdischen Flüchtlinge aus Hornel in wenigen Tagen verlangte. Im Telegramm heißt es: „Unter den jüdischen Flüchtlingen befinden sich viele Greise, Schwache und kranke Kinder, der Pflege bedürftige Genesende, sie haben weder Winterkleidung noch Schuhwerk. Dies in kurzer Zeit vorzubereiten ist möglich, die Absendung der Flüchtlinge nach fernen Gouvernements unter den bezeichneten Umständen bringt das Leben Vieler in Gefahr. Wir bitten ergebenst, für die Aufschiebung der Evakuation bis Frühjahr bemüht zu sein. Die Erhaltung der Flüchtlinge ist durch örtliche und Rechtsorganisationen gesichert." Der Erfolg der Intervention ist unbekannt. Am 11./24. Oktober wurde von den Militärbehörden in Berdiszew die Entfernung binnen 24 Stunden aller jüdischen Flüchtlinge angeordnet, die in verschiedenen Anstalten, wie die Fremdenherbergen, Gebäranstalten u. s. w. untergebracht waren. Die meisten waren aus den Gouvernements Kowno und Grodno und waren in ihrer Existenz schon halbwegs gesichert. 179 Flüchtlinge wurden nach dem Gouvernement Oriol abgeschoben und neuen qualvollen Wanderungen preisgegeben. Es ist nach diesen Tatsachen fast selbstverständlich, daß unmittelbar hinter der Front die Evakuierungsmethoden des Generalstabs uneingeschränkt fortgesetzt werden. Der Gouverneur von Pskow hat am 19./10. (1./11.) folgenden Erlaß an seine Beamten gerichtet: „Laut den Befehlen des Oberkommandierenden der Armee der nordwestlichen Front bitte ich Euer Wohlgeboren die Evakuierung in Angriff zu nehmen: 1. Der jüdischen Flüchtlinge, die aus Ortschaften kommen, welche evakuiert wurden, 2. Aller Juden, die aus nicht evakuierten Ortschaften nach dem 4. September eingetroffen sind; Der Transport muß am 25. Oktober zu Ende sein." Also die Säuberung des Gouvernements von neuangekommenen Juden, die auf Grund des ministeriellen Erlasses hier Zuflucht suchten, soll in kaum 6 Tagen erfolgen. . . In dem Bezirk Pinsk wurde die gesamte jüdische Bevölkerung aus 35 Dorfen vertrieben, der Befehl mußte in 2 Stunden ausgeführt werden. Von eine Mitnahme des Vermögens konnte natürlich keine Rede sein, es wurde in der Tat in den meisten Ortschaften völlig ausgeraubt. In manchen Ortschaften, so in Ostrowici und Lemewiczi wurde ohne Grund die gesamte männliche jüdische Bevölkerung verhaftet und nach einem unbestimmten Orte verschleppt. Diese kleine Auswahl der Vorgänge der letzten Zeit bildet eine hinreichende Illustration zu der „nicht aggressiven Politik" des Ministers Chwostow. „Aus der Werkstatt des Krieges". Ein Kundblick über die organisatorische und soziale Kriegsarbeit 1914/15 in Oesterreich-Ungarn. Unter der Leitung des üeh. Rates, Generals der Inf. Emil von Woinowich, Direktor des k. u. k. Kriegs-Archivs, herausgegeben und redigiert von Oberstleutnant Alois Veltze, Abteilungsvorstand im k. u. k. Kriegsarchiv. Illustriert von C. Pippich. Wien 1915, Verlag Manz. Krieg! Sein Name war oft genug eitel genannt worden, ehe er kam. In den Kirchengebeten aber stand er seit jeher neben der Pest. Und nun hat sich durch ihn unser heutiges Geschlecht einen Platz erstritten unter den ganz großen Geschlechtern der Menschenrasse. Dies ist im Rohen das Ueberraschendste dieses unseres Krieges, der gerade für Oesterreich-Ungarn zum Erzieher und Erlöser aus einer von Unstimmigkeiten gefesselten Vergangenheit, zum Wegbereiter einer Zukunft wurde, die teilhaben muß an der Herrschaft über die Güter der Erde auch jenseits der Meere, die wie Erfüllung winkt ' für die bald tausendjährige Staatsidee des alten heiligen I Reiches. | Krieg! Lang übers Jahr schon rechten die furchtbarsten Geschütze der Kriegsgeschichte um Oesterreich- I Ungarns Bestand. Ohne Ende donnert der Waffenhall I durch die Welt, von der Nordsee bis zum Persischen I Meer, von der deutschen Ostsee bis zur ehrwürdigen ' Heimatscholle des großen Alexander. Von solch zäher Wucht ist der Prankenschlag eines sterbenden Staates nicht! Bitter müssen es unsere Feinde erkennen, die leichte Beute aus der ewig arbeitshemmenden Parteiung im Innern unseres verkannten Vaterlandes erhofften. So war denn der Burgfriede daheim die erste Kriegslehre. Dann kam die Tat, das unerhörte Wehren und Hauen und Siegen unserer Männer in Warfen. Im Anfang stockte der Atem der Welt. Millionen Sinne waren ausschließlich auf die Kampfstätten in Ost und West eingestellt. Das war Staunen, noch unvermögend, die Geschehnisse zu fassen, indes unser Schwertpflug auf dem Blutacker schon die ersten Saatfurchen unserer Zukunft grub, immer tiefer! Wir erlebten es mit und sind seit dem ersten Kriegslärm schon ganz, ganz andere geworden. Auch das hat der Krieg als Erzieher getan. Die Lungen der Volkswirtschaft begannen wieder zu arbeiten, aber die demutvolle Bewunderung für jene, die draußen litten, stritten, bis sie niederbrachen, hat jedem einzelnen Zeitgenossen das soziale Gewissen aufgerüttelt. Nun ist keiner unter uns fünfzig Millionen, der nicht teilnimmt an der Wehrkraft nach bestem Können seines Körpers und seines Hirns, jedweder ringt mit nach seiner Art. Es ist wie ein Triumph der allgemeinen Wehrpflicht, die sich in unserer Zeit erst im höchsten Wortsinn erfüllt. So gilt auch für uns und unsere Gesamtheit, den Staat, die alte Weisheit Senecas: „Wenn die Götter ein würdig Schauspiel sehen wollen, verwickeln sie einen großen Menschen in ein widriges Schicksal." Gewiß, im Augenblick wird nichts solche Zaubergewalt üben als hervorragende Kriegstaten; docli schon Napoleon hatte erkannt, daß Siege, aus der Ferne gesehen, im Eindruck verblassen, gleichwie ein Kunstwerk nur auf den unmittelbaren Beschauer wirkt. Diu Waffentat, gar die des Einzelnen, ist zu sehr dem Augenblick entsprungen, als daß sie dauernd wirken, fortzeugend schaffen könnte. Unvergänglich an ihr kann und muß nur ihre Ehre sein. Heute noch ist sie lebendig und neut sich von Tag zu Tag, dennoch blendet das vielleicht größere Heute nicht mehr die Mitwelt so sehr wie ein Patrouillenstreich zu Kriegsbeginn. Die Zeit hat sich nun einmal dem Krieg angepaßt, dieses Vermögen ist eben eine der wunderbarsten menschlichen Eigenschaften. Wie konnten wir auch sonst über unsere heiligen Toten hinwegkommen? Nur um der Kinder willen! So greifen wir weinend noch nach dem Himmel, bereiten die Zukunft, geläutert durch die energetische Sittenlehre des Krieges und unsere vergötterten Helden. Hätte der Krieg nur wenige Monate gedauert, wir wären vielleicht wirklich in der Meinung befangen geblieben, daß eine gesprengte Mine, ein moderner rasender Roland, die Torpedierung eines feindlichen Riesenpanzers auf hoher See, die Mannheit eines Tiroler Blumenteufels, kurz Wucht und kinetische Kraftwirkung die einzig zeugenden Elemente des Zeitgeschehens, der siegenden Entscheidung seien. Der Krieg aber dauerte, die längst in den Arsenalen gespeicherten Kampfmittel und die ausgebildeten Kerntruppen der Heere waren in Blut und Feuer zusammengeschmolzen. „Ersatz!" gellte der Ruf der Notwendigkeit, des Krieges Forderungen nach Höchstleistung des Volksganzen brandeten ins Hinterland zurück aus den Kampfgebieten, wo die Feldheere aufeinanderprallten. Und nun setzte die Kriegsarbeit des Volkes ein, die in ihrer unübersehbaren, für ein Einzelgehirn unfaßbaren Größe Wurzel und Stamm des Heldenbaumes bildet, dessen köstlichste Blüten freilich die bewundernswerten Waffentaten im Felde bleiben. Wenn also die Vorgänger dieses Buches unter den stolzbewußten Titeln „Unsere Offiziere" und „Unsere Soldaten" höchst persönliche Szenen des Kriegsthealers festzuhalten suchten, wenn sie die innere Tüchtigkeit der Einzelnen im denkbar strengsten Rigorosum, dem Erfordernisse des Augenblickes, der um Leben, Tod und Ehre ringt, bloßlegten, rissen sie damit — pars pro toto — die Mannesseele ganz Oesterreich-Ungarns auf, so daß des Volkes pulsende Kraft an Nerv und Adern sichtbar wurde. Sie sollten und wollten nichts anders se!n als Gebetbücher staunender Erbauung. Die Dogmatik aber solch ehrfürchtiger Kriegsreligion, der Katechismus des bewußten Siegesglaubens läßt sich einzig aus eben jener Kriegsarbeit gewinnen, die Gemeinverdienst der gesamten Bevölkerung ist. Darum soll dieses Buch ein Buch der Arbeit sein, daß über die oft ausgesprochenen und wenig überdachten Schlagworte „Technik" und „Organisation" hinweg zu tieferem Verstehen unseres Kriegserfolges leitet. Erschöpfend kann es freilich ebensowenig sein, wie „Unsere Offiziere" und „Unsere Soldaten" das Waffenwerk der kämpfenden Millionen restlos zu durchhellen vermochten. Aber dies und das aus der Werkstatt des Krieges, scheinbar Kleinstes neben Allergrößtem, fast willkürlich und doch planmäßig Geschautes, läßt die Größe unseres Kriegswerkes ahnend ermessen, obwohl seine einzelnen Dimensionen heute überhaupt noch gar nicht abzusehen sind. Der Geist, der hinter den Kämpfern unsichtbar in bescheidener Emsigkeit schafft, heischt auch seine Ehre. Aus Bergschächten und Schloten der Waffenhämmer steigt er siegerzwingend herauf, in Bahnhöfen und Sitzungssälen der militärischen und politischen Verwaltungsstellen ist er Stratege in seiner Art, er ist tausendfältig, millionenarmig, ist der Organismus des kämpfenden Riesenstaates, von dem die Armee im Felde nur einen Teil bildet. Auch ist es nicht bloß eine Frage der Kultur eines Volkes, sondern seiner augenblicklichen Wehrkraft und weiterhin seiner künftigen sozialen Entstaltung, wie es für seine Verwundeten, Kriegsbeschädigten, für die Witwen und Waisen seiner Gefallenen, für seine entwurzelten Brüder, die Kriegsflüchtigen, sorgt. Unser Krieg ist nicht nur ein Krieg der technischen Wunder und zerschossenen Menschenreihen, er ist die Verallgemeinerung der Kriegsmittel selbst, volkswirtschaftliche Nöte sollen ja ebenso in die Knie zwingen wie Trommelfeuer schwersten Haubitzenkalibers. Mit wirtschaftlichem Weißbluten hat man von jenseits des Kanales gedroht. Wem dieses Wort ins Herz gebrannt hat, der muß mit innerer Erhebung sehen, wie unser urtüchtiges Volk die lange verschütteten Quellen seiner eigenen wirtschaftlichen und sittlichen Kraft auf allen Gebieten menschlichen Schaffens

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