Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 20 (30.12.1915)
- Date
- 1915-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr -20; der habe machen lassen, mit der er die wichtigeren Dokumente unterschreibt. Die Kriegserklärung soll er mit dieser Feder unterzeichnet haben. Die bulgarischen Juden sind ursprünglich Türken, Spaniolen. Es gibt nur wenig, etwa 5000 Aschkenasim unter ihnen, zumeist aus Oesterreich-Ungarn eingewandert. In Sofia haben sie eine eigene Synagoge; sonst sind sie mit den Spaniolen assimiliert. Gemeinden gibt es in allen Städten, größere Gemeinden in Philippopel, Rustschuk, Varna, Burgas, die größte (zirka 16.000—18.000 Mitglieder) in Sofia. Jeder Jude muß an die Gemeinde Steuern zahlen. Man zahlt bis 1000 Fr. jährlich. In der Provinz Tirnowo gibt es keine Juden. Die Juden von Silistria, das nach dem letzten Krieg an Rumänien fiel, gehören jetzt dorthin und haben dadurch ihre Gleichberechtigung verloren. Die meisten leben vom Handel. Es gibt besonders jüdische Engros-Geschäfte, und stark vertreten sind die Juden im Bankwesen. Daneben Rechtsanwälte und Aerzte, Ingenieure, Apotheker. Auch das Handwerk wird von ihnen gepfegt. Es gibt viele wohlhabende Juden, keine ganz armen, keine Bettler. Jede Gemeinde hat ihre Unterstiitzungsvereine, Bickur Chaulim, Chewra Kadischa und Societee für Wohltätigkeit. Jede Gemeinde hat auch ihre eigenen Schulen für den Unterricht der Jugend. Knaben- und Mädchenschulen, mit 6 Klassen. Man schickt die Kinder nicht in die bulgarischen Schulen, sondern in diese. Haben sie diese absolviert, so kommen sie zum Teil zur weiteren Ausbildung nach Europa. Diese Schulen sind ursprünglich von der Alliance gegründet worden; jetzt sind sie Gemeindeinstitute. Die Lehrer werden von der Gemeinde angestellt und besoldet. Auch sonst leben die Juden für sich. Man kommt mit den anderen geschäftlich zusammen, auch bei öffentlichen Anlässen. Aber Familienverkehr gibt es nicht. Das liegt hauptsächlich daran, daß die Juden die bulgarische Sprache nicht sprechen. Wiewohl schon sehr lange im Land, haben sie dennoch als Umgangssprache das Spanische ihrer mittelalterlichen Heimat beibehalten. Erst die junge Generation spricht auch bulgarisch. In Sofia ist es schon etwas anders, schon ein wenig mehr Verkehr unter einander. Aber auch da spricht man in den Häusern nur spanisch. Hier und auch anderswo "besuchen jetzt auch schon jüdische Kinder, wenn sie mit der jüdischen Volksschule fertig sind, bulgarische Schulen. Das religiöse Leben hat unter der Einführung der Sonntagsruhe gelitten. Früher war kein Geschäft am Schabboß geöffnet, jetzt sind nur noch wenige geschlossen. Die Feiertage werden gehalten, besonders Pessach. Es gibt kein jüdiches Haus, in dem nicht während dieses ganzen Festes Mazzoh gegessen würde. In den Häusern ist überall noch rituelle Haushaltung. Mischehen gibt es nicht. Das jüdische Wissen beschränkt sich auf geläufiges Beten. In der Schule lernt man nur lesen und etwas übersetzen. Der Gottesdienst wird am Schabboß nur noch schwach besucht. Jede Gemeinde hat einen Rabbiner. Diese üben keine eigene Gerichtsbarkeit mehr aus, aber sind die Standesbeamten für Familiensachen. Es gibt keine Zivilehen. Das Amt des Großrabbiners ist seit dem Rücktritt von Dr. Ehrenpreis frei. Die Mazzosfrage iür dasnächsle Pesachfesl. Infolge Einführung der Brotkarten, sowie des Verbotes des Mehlhandels für Privatpersonen, ist die Mazzosfrage für das nächste Pesachfest ziemlich brennend geworden und die jüdischen Kreise der Monarchie widmen derselben eine große Aufmerksamkeit. Es dürfte deswegen von Interesse sein, die Art und Weise kennen zu lernen, in welcher im Deutschen Reiche diese Frage geregelt wurde und wir bringen nachstehend den Wortlaut der diesbezüglichen Verordnungen: Zu Nr. 300 a7332. Berlin, 30. Sept. 1915. Nr. 33 104. Direktorium der Reichsgetreidestelle R. M. 6185. Betrifft Lieferung von Mehl an Beliiebe zur Herstellung des jüdischen Osterbrotes Mazzos. (§ 14 Abf. 1 d der Bundesratsverordnung vom 28. Juni 1915). Das zur Herstellung des jüdischen Osterbrotes erforderliche Mehl wird im ganzen Reiche nur durch Vermittlung der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums (E. V.) in Frankfurt a./M., Schützenstraße 14, an die das Brot herstellenden Betriebe geliefert. Das hierzu erforderliche Mehl wird der freien Vereinigung von der Reichsgetreidestelle überwiesen und von dieser an die verschiedenen Betriebe und Gemeinden nach Maßgabe der in Abschrift ergebenst beigefügten Bedingungen verteilt. Die nach der Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 27. Juli 1915 erforderliche Genehmigung zur Abgabe von Mehl wird von der ReichsgetreidesteHe«hiermii für das Mazzosmehl erteilt. Die in den Kommunalverbänden auf Grund der §§ 47 bis 51 der Verordnung über den Verkehr mit Brotgetreide und Mehl aus dem Erntejahr 1915 vom 28. Juni 19-15 erlassenen Anordnungen sollen auf die Herstellung und den Betrieb der Mazzos keine Anwendung finden. Die Freie Vereinigung hat jeder Ortspofizeibehörde anzuzeigen, wieviel Mehl zur Herstellung der Mazzos den Bäckereibetrieben des Ortes zugewiesen wurden. An die Landeszentralbehörden samtlicher Bundesstaaten — außer Preußen — und an das Königlich Preußische Landesgetreideamt in Berlin. Zu Nr. 33104. Bedingungen über die Lieferung von Mehl zur Herstellung von Osterbrot (Mazzos) d. V. der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in Frankfurt a./M. 1. Die Reichsgetreidestelle erklärt sich bereit, das für die Herstellung von Mazzos im Deutschen Reiche erforderliche Mehl zur Verfügung zu stellen, wobei der Freien Vereinigung das Recht zusteht, die nötigen Mengen vom 15. Oktober an jeweils bei der Geschäftsabteilung der Reichsgetreidestelle abzurufen. 2. Die Kosten der rituell erforderlichen Reinigung und Beaufsichtigung jeder Mühle werden pro Sack berechnet und von jedem Bezieher im Verhältnis zu seinem Bezüge unmittelbar der Mühle bezahlt. 3. Die Freie Vereinigung liefert das Mehl an die Bäcker. Die Lieferung des Mehles an die Freie Vereinigung erfolgt durch möglichst wenige Mühlen. Diese zu bestimmen, bleibt der Gechäftsabteilung im Benehmen mit der Freien Vereinigung vorbehalten. 4. Jeder Bezieher hat sich der Freien Vereinigung gegenüber durch Unterschrift zu verpflichten: a) das Mehl nur zur Herstellung von Mazzos zu verwenden; b) diese nur an Bezieher jüdischer Religion abzugeben und die gleiche Verpflichtung unterschriftlich auch den von ihm beziehenden Wiederverkäufern aufzuerlegen. 5. Jede Bäckerei hat den Namen ihrer Bezieher nebst Menge und Lieferungsdatum in ein besonderes Buch einzutragen, das auf Erfordern der Ortspolizeibehörde vorzulegen ist. 6. Die Freie Vereinigung verständigt die Ortspolizeibehörde jeweils, wieviel Mehl zur Herstellung von Mazzos den Bäckereibetrieben des Ortes von ihr zugewiesen wurde. 7.. D,ie .Freie Bereinigung veranlaßt, die^Mt-, sehen Gemeinden, durch örtliche Maßregelu den Verkauf von Mazzos an Laufkundschaft in Laden nach Möglichkeit zu verhinden. 8. Die auf die Pesachwoche entfallenden Brotkarten werden durch Vermittlung der jüdischen Gemeinden von den rituellen Haushaltungen eingefordert und dem Kommunaiverbande zur Verfügung gestellt Der Jude Im Elappenraum. (Erinnerungen eines Kriegsberichterstatters). Qrybow, 21. Jänner 1915. Nachmittags schien die Sonne, und der fürchterliche Kof begann zu trocknen. Mit einem Offizier wandere ich aus dem Städtchen, wo General A r z wohnt. Die Stadt war von den Russen gänzlich ausgeplündert worden. Es war nichts zu bekommen, wir lebten von dem Inhalt unseres Rucksackes. Wir kommen an einem Laden vorbei, von dem auch der Türrahmen aus der Mauer herausgerissen war; drin im Laden sind bloß die vier schmutzigen Wände übrig geblieben, selbst der hölzerne Fußboden war aufgerissen. Auf dem Boden lag Kot, die Ueberbleibsel von Pferden und ein wenig schmutziges Stroh. Sonst nichts, vielleicht nicht einmal ein Nagel in der Wand. Aber auf der Straße, oberhalb der Türe hing ein Firmenschild mit einem jüdischen Namen und den üblichen Gemälden rechts und links vom Namen: ein Zuckerhut, ein herrlicher gelber Emmentaler Käse mit so plastisch gemalten Löchern, daß man gern den Finger hineingesteckt hätte, Weinflaschen, Salami, Kerzen — jenes gewisse schöne, bunte Bild, das eine Spezereihandlung anzeigt. In der Türe steht an die Wand gelehnt ein magerer Jude im Kaftan, mit rotgeränderten Augen, im Munde eine lange, dünne Pfeife, die ihm bis an den Bauch reicht und aufwärts gebogen ist, so daß der Jude, wenn er will, gerade in die Pfeifenglut hineinschauen kann. Ich zeige dem Offizier die appetitlichen Bilder und den zu ihnen im Gegensatz stehenden ganz leeren Laden mit dem kleinen Düngerhaufen in der Mitte. Sagt der Jude: „Was lachen Sie?" Ich hatte gar nicht gelacht, aber so etwas zeigt man oft mit einem mechanischen Lächeln, von dem man gar nichts weiß. Ich erwiderte: „Ich lache nicht ... Im Gegenteil, ich zeige dem Herrn Offizier, was für eine Verwüstung die Russen angerichtet haben . . ." Er wiederholt in verächtlichem Ton: „Was lachen Sie?" Ich sage ihm noch einmal daß ich nicht lache, sondern ihn sogar bedauere. Er sagt: „Mich brauchen Sie nicht zu bedauern." „Gut," sage ich, „also ich bedauere Sie nicht." Ich will weitergehen. Er sagt: „Nur, weil Sie mich ausgelacht haben, wählen Sie, was Sie wollen . . ." Er zieht die Pfeife aus seinem Munde, und ohne hinaufzusehen, zeigt er mit dem Pfeifenstiel auf das Bild über seinem Kopf, wie der Lehrer mit dem Stab auf seine Landkarte zeigt. Der Pfeifenstiel trifft mit der Spitze genau das Bild. Der Jude klopft an das Bild, dazwischen blickt er mich grinsend an: „Wählen Sie, was Sie wollen. In einer Stunde bekommen Sie alles. Nur, weil« Sie gesagt haben, daß die Russen mein Geschäft ausgeplündert haben." Er ist geradezu beleidigt. Ich schaue das Bild an und sage: „Eine Flasche französischen Kognak." „Was noch?" „Ein schönes Stück Emmentaler Käse." „Sonst nichts?" „Kerzen. Ein Packet." „Gut," sagt er und steckt die Pfeife in den Mund zurück, „wohin soll ich das alles bringen und wann?" „Um acht Uhr abends zum Bahnhof. Ich wohne dort in einem Eisenbahncoupe." Um acht Uhr erschien er in meinem Waggon, brachte eine Flasche Czuba-Duvorier-Kognak, ein Stück Emmentaler Käse und ein Packet Kerzen. Ferner eine Flasche Gießhübler. Es war nicht einmal teuer. Für den Kognak verlangte er neun Kronen. Er wollte nicht sagen, woher er die Ware gebracht hatte. Er sagte: „So lange ein Jude lebt und sich bewegt, ist sein Geschäft voll. Meinen Laden konnten die Russen plündern, mein Geschäft nicht. Darum bin ich Jude." Fr. Molnär. Eine Synagoge als Pferdestall. Es war im Juli, als unsere Artilleriekolonne auf Schaulen zu vorrückte. Das Wetter war sehr heiß; eine wahre Backofentemperatur, welche Mensch und Tier ausdörrte. Dazu eine ungeheure Staubentwickelung. Nach 96stündigem Vorrücken wurde uns die Gewißheit, in Standquartier zu kommen. Es war in P . . ., einem Dörfchen an der Dubissa, das ehedem zu neun Zehnteln von Juden bewohnt, aber jetzt, ebenso wie fast alle russischen Ansiedelungen, von der Bevölkerung verlassen dalag. Dagegen trafen wir das Dorf gut besetzt von Feldgrauen; wir erhielten Quartier in Privathäusern und machten es uns so gut bequem, wie man es eben im Felde sich „bequem" machen kann. Ich erhielt den Befehl, im Dorfe für unsere Kolonne zu requirieren. So ging es denn los, und da hatte ich ein Erlebnis, das ich nie im Leben vergessen werde. Auf der Wanderung durch die Gassen kam ich an ein Gebäude, in dem eine Kavallerieabteilung ihre Pferde untergebracht hatte. Wie erstaunte ich aber beim Nähertreten! Ich befand mich in der ehemaligen Ortssynagoge. Auch sie hatte dem Kriege ihren Tribut zahlen müssen, und die zahlreich auf dem Boden verstreuten Schriften und Gebetbücher zeugten davon, wie schnell die Bevölkerung geflüchtet war in der uns lächerlich anmutenden Angst vor dem deutschen Krieger. Hier hatte die Gemeinde nichts getan, um ihr Synagogengut in Sicherheit zu bringen., Ein Kavallerist war bemüht, die ehemalige Synagoge zu heizen; als Brennmaterial dienten die zu einem großen Haufen aufgetürmten Schriften. U. a. hatte er gerade eine der Thorarollen in den Ofen gesteckt und die Flammen züngelten bereits am Pergament, als ich es mit einem Ruck herauszog und die Flammen verlöschte. Verwundert blickte der Kamerad mich an; war ihm doch mein Beginnen ganz unerklärlich. Er entschuldigte sich dann, da er nicht gewußt habe, daß es sieb um eine solch heilige Schrift handelte. Er verwies mich an den Quartiersvorsteher, der — uns den Rücken zugekehrt — in einer Fensternische stand. Er hatte eine noch unversehrte Thorarolle in der Hand und suchte sie zu entziffern. Auf meine Bitte um Ueberlassung der Rolle erklärte er, evangelischer Geistlicher zu sein, der gerade noch diese einzige Thorarolle vor ihrem Flammenschicksal bewahrt hatte. Beide Rollen nahm ich nun an mich, und nach Erfüllung meines Requirierungsauftrages holte ich sie, mit der Absicht, sie in Sicherheit zu bringen. Aber ich hatte in diesem Augenblicke nicht an den Krieg gedacht? Wo nun hin mit meinem Fund? Schon beim Morgengrauen hieß es für uns vorwärts. Ich brachte die Rollen in den Protzkasten unter, wo aber auch ihres ständigen Bleibens nicht war. Oefter mußte ich sie herunternehmen, im Straßengraben bergen und was dergleichen Umständlichkeiten mehr waren. Eine Gelegenheit, sie nach der Heimat zu senden, fand ich nicht. Mancherlei Gespött von Kameraden, den Sack doch fortzuwerfen, ließen mich an der Erfüllung meines Wunsches, den eigenartigen Fund zu bergen, fast verzweifeln. So sahen die Thorarollen auf meinem Protzkasten über drei Wochen lang das wechselvolle Geschick des Krieges, bis ich endlich Gelegenheit fand, sie durch einen verwundeten Kameraden mit nach meiner rheinischen Heimat zu sendeil, wo sie nun als Kriegserinnerung aufbewahrt werden. Landsturmmann E. B.