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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-30 · 20 (30.12.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
20 (30.12.1915)
Date
1915-12-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 20; zum Aufsprudeln gebracht hat, der wird sich in Ehrfurcht neigen vor denen, die Fabriken wie Heere aus dem Boden stampften, vor der Klasse der Kriegsarbeiter, die in Würde und Uhren besteht neben der Klasse der Bluter und Sterber. Die moderne Kriegsmaschine ist eben unerhört vielgestaltig, Schwungräder ohne Zahl, Treibriemen und kleinste Rädchen müssen fort und fort im Kreise hasten, damit die herrlichen Stahlhämmer an unseren Fronten zermalmend niedersausen können auf jene, die unserem kräftigen Aufwärtswollen, der Erfüllung unserer hohen weltgeschichtlichen Aufgabe, die heute schon wie eine Offenbarung uns durch den Blutrauch des Krieges entgegenleuchtet, feind sind. So ist denn dieses Buch die notwendige Ergänzung zum Heldentum „Unserer Offiziere" und „Unserer Soldaten", womit es zur höheren Einheit im Oeiste des Sieges verwachsten ist. Streiflichter. Die russiscshen Juden in den Ländern der Entente. Um die militärpflichtigen russischen Juden in England ist es nicht viel besser bestellt als um ihre Leidensgenossen in Frankreich. Jeder russische Jude wird als „Deserteur" angerufen, bestenfalls von Herren und Damen, die die Werbetätigkeit ausüben, gefragt: „Warum erfüllen Sie nicht Ihre Pflicht gegen Ihr Vaterland?" Die Lage dieser Juden wird um so schwieriger, als russische Juden, die sich zum Militärdienst melden, abgewiesen werden, da nur in England Geborene zum Militärdienst angenommen werden können. Die englischen Militärbehörden empfehlen diesen jungen Leuten, in die Fremdenlegion in Frankreich einzutreten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß kein russischer Jude sich freiwillig in die Fremdenlegion einreihen lassen wird, umsomehr als sie in England selbst mehr als „Strafanstalt" denn als Regiment angesehen wird. Reisepässe nach Amerika bekommen die Leute auch nicht, da die Auswanderungslust allein jetzt in England kein genügender ürund ist, um einen Paß zu bekommen. Ebenso ergeht es den jungen russischen Juden in Italien. Sofort nach Kriegsausbruch mußten sie alle Italien verlassen und begaben sich nach London, wo sie aus dem Regen in die Traufe kamen. Das amerikanisch-jüdische Komitee. Aus dem Jahresberichte des amerikanischjüdischen Komitees, das sich bekanntlich aus den hervorragendsten Notabein der amerikanischen Judenheit zuammensetzt und das unter dem Präsidium von Louis M a r s h a 11 steht, ergibt sich eine bisher nicht oder wenig bekannte Tatsache aus der Geschichte der Entente-Anleihen in Amerika. Im Februar dieses Jahres erschienen Berichte in der Presse, wonach eine Anzahl Banken, die dem staatlichen Reservefond angeschlossen sind, der russischen Regierung eine Anleihe von 25 Millionen Dollar zu gewähren beabsichtigten. Hierauf wandte sich der Voritzende des amerikanisch-jüdischen Komitees telegrafisch an den Präsidenten Wilson mit dem Hinweise, daß eine derartige Aktion die amerikanische Neutralität entschieden verletze und außerdem die Wirkungen der prinzipiellen Erklärungen Amerikas zur Zeit der Aufhebung des Handelsvertrages mit Rußland illusorisch mache. Der Staatssekretär erwiderte, daß er die Angelegenheit in Erwägung ziehen wolle, obgleich er bezweifle, daß die Staatsbehörde ein Recht habe, die Transaktion der Banken zu verhindern. Bemerkenswert ist weniger die Antwort, die ja der Haltung des Präsidenten Wilson in Neutralitätsangelegenheiten entspricht, als das energische Voi gehen des Komitees, das ihm durchaus zur Ehre gereicht. Die Wocrie. Oberrabbiner Dr. J. Caro s. A. Am 24. d. M. ist in Wien, wo er seit Kriegsausbruch als Flüchtling weilte, der Oberrabbiner von Lemberg, Dr. Jecheskiel Caro, im Alter von 71 Jahren infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Dr. Caro entstammt einer berühmten Rabbinerfamilie. Sein Vater war Rabbiner in Wloclawek (Polen) und nahm Anteil an dem polnischen Aufstande vom Jahre 1863. Der Verblichene studierte Philosophie und Theologie in Berlin und Breslau und bekleidete zunächst den Rabbinerposten in Dirschau. Im Kriege 1870/71 meldete er sich freiwillig als Feldrabbiner und erhielt das Eiserne Kreuz. Nachher wirkte Dr. Caro als Rabbiner in Erfurt und Pilsen. Anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts folgte er einem Rufe als Oberrabbiner nach Lemberg, auf welcher Stelle er bis zu seinen Ableben verblieb. Dr. Caro erlangte einen großen Ruf als Kanzelredner, er war auch schriftstellerisch tätig, verfaßte eine „Geschichte der Juden in Lemberg" sowie einige pädagogische Schriften. Er erfreute sich in seiner Gemeinde großen Ansehens und gehörte fast ununterbrochen dem Gemeinderate an, war Inspektor des Religionsunterrichtes und nahm auch am öffentlichen Leben regen Anteil. Sein plötzliches Ableben rief in den weitesten Kreisen die tiefste Teilnahme hervor und das Leichenbegängnis, welches am 27. d. M. in Wien stattgefunden hatte, gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Die Beisetzung in Wien ist bloß eine provisorische, nach dem Kriege wird die irdische Hülle des Verblichenen nach Lemberg überführt werden. Ehre seinem Andenken! Kultus-Vizepräsident und Oberrabbiner in Wien. Wie verlautet, dürfte demnächst in Wien die vakante Stelle des ersten Vizepräsidenten der Kultusgetneinde besetzt werden. Die Wahl dürfte auf den langjährigen Kultusvorsteher und Mitglied des Vertreter-Kollegiums, Herrn Dr. Leopold K 0 h n, fallen. Dr. Leopold Kohn war in seiner Jugend Schüler des berühmten Gelehrten S. L. Rappaport und besitzt ein großes talmudisches und jüdisches Wissen. Als langjähriges Mitglied des Kultusvorstandes kennt er eingehend alle Agenden der Gemeinde und dürfte wohl die Stelle eines Vizepräsidenten auszufüllen verstehen. Auch die Oberrabbiner-Frage in Wien soll demnächst definitiv gelöst werden und zwar mit der Berufung des Rabbiners Dr. Nobel aus Frankfurt a. M. Oesterreichisch-israelitischer Gemeinde-Bund. Für Dienstag, den 28. d. M., wurde nach Wien eine Konferenz in Angelegenheit des „( )esterreiclüsch-israelitischen Gemeinde-Bundes" einberufen. Das Resultat derselben liegt uns vorläufig noch nicht vor, höchstwahrscheinlich dürfte ein ausführlicher Bericht ausgegeben werden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir bloß daran erinnern, daß der Oesterreichisch-israelitische Gemeinde-Bund bereits seit Jahren existiert, bisher aber keine wesentliche Tätigkeit entfaltet hatte. Das Gros der galizischen Gemeinden widerstrebte dem Anschlüsse an diesen Bund, da die orthodoxen Kreise eine Beeinflussung seitens der Westjuden in religiösen Fragen befürchteten. Auch jetzt ist die Opposition gegen einen derartigen Anschluß noch ziemlich stark; es ist aber möglich, daß die Kriegsereignisse diesbezüglich eine Annäherung zwischen Ost und West herbeigeführt haben. Sollte der Anschluß der galizischen Gemeinden zustande kommen, so dürften sie sich wohl eine gewisse Selbständigkeit in religiösen Angelegenheiten gewahrt haben, da sonst innerhalb des Bundes im Vorhinein Zwistkeime vorhanden sein müssen. Abgeblitzte Franzosen und geschlagene Engländer. Die Engländer und Franzosen haben mit den Juden von Saloniki wenig Glück. Ihre Bemühungen dieselben für die Sache der Entente zu gewinnen, hatten keinen Erfolg und noch bevor die Engländer seitens der Zentralmächte geschlagen wurden, haben sie sich schon — vorläufig im Fußballspiel — von den Salonikier Juden Schläge geholt, was sie wohl als ungünstiges Omen auffassen dürften. Vorige Woche weilte Baron Henri Rothschild in Saloniki, wo er die dortigen Juden für die Entente gewinnen wollte. Er wurde jedoch vollständig abgeblitzt und erhielt seitens des Oberrabbiners die deutliche Antwort, daß die Juden Salonikis solange mit Frankreich nicht gehen können, als dieses im Bunde mit Rußland sei. Die Engländer versuchten sich die Langweile mit einem Fußball-Match zu vertreiben, wobei die jüdischen Footballisten Salonikis als Partner auftraten. Die Engländer wurden mit 3:1 geschlagen und zogen sehr mißmutig ab. Chronik. Hundert Jahre Wohltätigkeit. Mit Ende des Jahres 1916 vollendet der Israelitische Frauenwohltätigkeitsverein in Wien das hundertste Jahr seines Bestandes. Die Konstituierung des Vereines erfolgte im Jahre 1816 durch eine Vereinigung mehrerer Frauen, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, die infolge der verheerenden Wirkungen der napoleonischen Kriege verarmten Familien durch Sammlung von Liebesgaben in würdiger, sie nicht beschämender Form zu unterstützen. Dank der großen allseitigen Unterstützung, die der Verein stets gefunden hat war es möglich, den sich ändernden Zeitverhältnissen Rechnung zu tragen und den Wirkungskreis immer mehr zu erweitern. Der Verein, traditionell im Geiste : der Gründerinnen wirkend, lindert die Armut durch zeitweilige Gaben, sorgt für Kranke. Witwen und Wafcen, unterstützt bedürftige Wöchnerinnen/ gewährt dauernde Unterstützungen an alte und sieche Frauen, spendet Feuerung für die rauhe Winterszeit, trägt zur Ausstattung armer Bräute bei, kurz, der Verein betätigt sich auf jedem Gebiet, wo helfend und wirksam eineggriffen werden kann. Der Verein steht unter dem Präsidium der Baronin Charlotte Königswarter, welche fünfzig Jahre dem Vereinsvorstand angehört. Um das Andenken an das vor hundert Jahren betätigte Beispiel frommer Menschenliebe für die kommenden Geschlechter in ehrendster Weise zu bekunden, hat der Vorstand eine Sammlung zur Schaffung einess Jubiläumsfonds eingeleitet. Das Erträgnis dieses Fonds wird in erster Linie dazu verwendet werden, das durch die Folgen des Krieges entstandene Elend zu lindern, insbesondere für Kriesjswitwen und Kriegswaisen zu sorgen, und zugrunde gegangene Existenzen aufzurichten. Bisher sind für diesen Zweck 35.000 K dem Verein zugegangen. Zur Feier des hundertjährigen Bestandes findet am 2. Jänner 1916, vormittags V»12 Uhr, im Tempel, 1. Bezirk, Seiienrfettengasse Nr. 4, ein Festgottesdienst statt. Rückkehr von Flüchtlingen aus dem Barackenlager in Pohrlltz. Einige hundert Flüchtlinge sind soeben aus dem Barackenlager in Pohrlitz in ihre Heimat nach Krakau zurückgekehrt. . Auf dem Bahnhofe erwarteten sie die Mitglieder des Hilfskomitees für die rückkehrenden Flüchtlinge, die Gemeinderäte Dr. Rudolf Frühling und Dr. Raphael Landau und bemühten sich fürsorglich um sie. Das Damenkomitee bewirtete die Zurückgekehrten mit Tee, Milch und Brot, worauf ein Teil noch am selben Tage seine Wohnungen bezog, ein anderer hingegen in den in liebenswürdiger Weise vom Krakauer Feftungskommando zur Verfügung gestellten Baracken übernachtete. Das Hilfskomitee verteilt an die Zurückgekehrten unentgeltlich Kartoffeln, Kohle, Kleidungsstücke und Geldunterstützungen und ist bemüht, ihnen Arbeit zu verschaften. Eine neu errichtete Arbeitsstätte für Wüsche sorgt für Arbeit und Verdienst für arme Mädchen. Jüdische Tee-Anstalt in Lemberg. Herr und Frau Leon und Betti Parnes in Lemberg haben in ihrem Hause eine Tee-Anstalt für die arme •jüdische Bevölkerung eingerichtet und 10.000 Kronen für deren Erhaltung gespendet. Rückkehr des Dr. Barany. Der jüdische Gelehrte Dr. Barany, der sich in russischer Gefangenschaft befand und vor kurzem mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist aus der Gefangenschaft entlassen worden und kehrt nach Wien zurück. Die Juden im Weltkriege. „Euer Hochwohlgeboren! Mit diesen Zeilen möchte ich die Anregung geben zur Herausgabe eines Werkes, betitelt „Die Juden Oesterreich-Ungarns im jetzigen Weltkriege". Die Juden haben heldenmütig in der Front gekämpft, als Aerzte Außerordentliches geleistet, in Galizien die jüdische Bevölkerung einen nicht genug hochzuschätzenden Patriotismus bewiesen, wofür nur, um einen Beweis desselben hier anzuführen, die Hilfe erwähnt sei, welche sie versprengten Offizieren unserer Armee angedeihen ließen, indem sie denselben in ihren Heimstätten eine Unterkunft gewährten, ihnen Zivilkleider gaben und denselben zur Flucht verhalfen. Schon Montecuccoli sagte, zum Kriegführen brauche man Geld, Geld, und wieder Geld und in welch hohem Ausmaße sich die Juden durch große Zeichnungen an den bisherigen Kriegsanleihen beteiligt, wäre leicht nachweisbar. Durch Anführung der Taten und Leistungen einzelner, welche für ihre Verdienste von Sr. Majestät ausgezeichnet wurden und die im Wege eines Aufrufes zur Bekanntgabe an die Redaktion des Werkes von den in Betracht kommenden Personen selbst einzuholen wären, könnte reiches Material zur Verfügung gestellt werden. Die Beteiligung der Juden an den Kriegsfürsorgezwecken und all den anderen zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten hätte ein weiteres Kapitel des Werkes zu bilden. Das Werk selbst würde nicht nur ein historisches Denkmal und für die kommenden Generationen ein Ansporn se:n, gleiches zu tun, sondern auch für die Stellung und das Ansehen der gesamten Judenschaft der Monarchie von großer Tragweite. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebendster Geza dell' Adami v. Tarczal, k. u. k. Konteradmiral. Rudolfswerth, 18. Dezember 1915." Indem wir diese Zuschrift nach der „Neuen Freien Presse" reproduzieren, erlauben wir uns zu bemerken, daß der Redakteur unseres Blattes das Erscheinen eines derartigen Werkes bereits vor Jahresfrist angekündigt hat (siehe Kreppel, „Der Weltkrieg und die Judenfrage") und an der Sammlung des Matertals arbeitet, Das ziemlich umfangreiche Buch wird nach dem Kriege erscheinen. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdruckeret „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S, Orfinhut).

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